Ohne Publikum
Leere Plätze

Wenn die Würze fehlt — Fernsehshows ohne Publikum in Zeiten von Corona

Es sorgt für Einnahmen, lenkt die Atmosphäre sowohl vor Ort als auch bei den Zuschauerinnen vor ihren Fernsehern zuhause, ist Feedbackgeber, Motivator und Interaktionspartner — das Publikum. In vielen Unterhaltungssendungen ist das LivePublikum im Studio das Herzstück der Show. Durch den Corona-Virus muss die TVIndustrie nun ohne echten Beifall auskommen.

„Der Applaus ist das Brot des Künstlers!“

Johannes Gross

Trotz der verrückten Zeiten und der verschärften Sicherheitsregeln, die die Pandemie mit sich bringt, wird weiter übertragen und ausgestrahlt, nur eben momentan mit so gut wie menschenleeren Besucherrängen. Das Publikum kann somit seiner Aufgabe als Stimmungsbarometer und Kommunikationsmedium nicht nachkommen. Ursprünglich fest etablierte Teile einer Show können dadurch (vorübergehend) verloren gehen.

Ausnahmen gibt es zum Beispiel bei Veranstaltungen, die einen oder mehrere (Spiel-)Kandidaten voraussetzen. Hier dürfen vereinzelt Begleitpersonen im Zuschauerbereich Platz nehmen. Eine weitere Methode, die sich unter Anderem Fußballvereine zu Nutze machen, um der optischen Leere auf den Tribünen vorzubeugen, ist das Verkaufen von Tickets für Pappaufsteller. Das heißt, die Fans suchen sich wie gewohnt ihre Plätze aus und bezahlen sie. Doch statt ihrer selbst sind ihre Abbilder aus Pappe bei dem Spiel „anwesend“.

Neben dem visuellen Aspekt werden die Produzenten vor weitere Herausforderungen gestellt: So müssen zum Teil über Jahre hinweg integrierte Elemente einer Sendung, so wie der „Publikumsjoker“ in diversen Quiz-Shows entfallen oder durch eine Alternative ersetzt werden. Auch jegliches Wechselspiel zwischen den aktiven Teilnehmerinnen der Show und den vereinzelt physisch anwesenden Zuschauenden ist so gut wie ausgeschlossen. Aber nun zum wichtigsten Aspekt der Unterhaltung im Fernsehen an sich; nämlich dem ausbleibenden Live-Applaus. Aktuell wird dieser bei etlichen Entertainment-Formaten vom Band eingespielt. Andere verzichten wiederum gar komplett auf den Publikumsaspekt und statt dem aufgenommenen Klatschen herrscht Stille vor der Kamera und in den Wohnzimmern.

Doch welche Alternative ist die Sinnvollste? Gibt es sie überhaupt, die perfekte Lösung für die derzeitige Situation? Obwohl durch die oben genannten Möglichkeiten versucht wird, zumindest teilweise die fehlenden Einflüsse des Publikums zu ersetzen, kann keine der gewählten Maßnahmen die körperliche Anwesenheit des Menschen ausgleichen. Ob nun ein vollkommen unbesetzter Zuschauerraum, einzeln besetzte Plätze oder ein Heer von Pappfiguren auf den Sitzen; die Wirkung bleibt gleich, es scheint alles unvollständig.

Der Faktor mit dem inhaltlichen Umgestalten der Show lässt sich dagegen relativ simpel lösen. Mehr noch, es ermöglicht unter Umständen sogar eine kreative Weiterentwicklung, da die Einbindung neuer Abläufe, zum Aufbrechen alt eingesessener Vorgehensweisen führt uns somit für Abwechslung sorgen kann. Auch die fehlende Akustik wird durch technische Einspielungen „gelöst“. Allerdings hat das Jubeln auf Knopfdruck eine Art von Sitcom-Charakter inne und stellt keinen Ersatz zu einer natürlichen Reaktion eines tatsächlich anwesenden Publikums dar. Bleibt der Applaus ganz aus, entsteht ein fast schon unangenehmer Stille-Moment, weil einfach die bekannte Erwartungshaltung nicht erfüllt wird.

Die einzige Alternativmöglichkeit zur Umgehung dieser Herausforderungen wäre jedoch, die Übertragung von Unterhaltungsshows gänzlich einzustellen. Dies würde die Sender allerdings vor weitaus größere Probleme stellen und könnte eine verheerende Kette von wirtschaftlichen Folgen nach sich ziehen.

Insofern bleibt nur die Freude auf die Zeit nach der Pandemie, in der wieder wie gewohnt im Fernsehen von den Rängen Gelächter, Gejohle, Pfiffe und Geklatsche zu hören sind.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Tuur Tisseghem

Empfohlen

Weitere Beiträge
Geigemüller Elvis
Tobias Geigenmüller: Das ziemlich lebendige Leben des vermeintlich toten Elvis