Stand: Jetzt #3

Stand Jetzt: Ich stalke jetzt all meine Dozierenden online, dabei interessiere ich mich sonst nicht so für ihr Privatleben…

Ich stalke jetzt all meine Dozierende online, dabei interessiere ich mich sonst nicht so für ihr Privatleben….
Das ging ganz schnell, dass da was gekippt ist, in unserem sachlich distanzierten Verhältnis. Ich meine, ich habe jetzt ihr Arbeitszimmer gesehen, und wenn dort das Internet schlecht war sogar ihre Küchen und Wohnzimmer.

Ich habe die Geräusche ihrer Häuslichkeit gehört, ihre Familien, die im Hintergrund klappernd Geschirrspüler ausräumen oder ihre Haustiere die durch das Bild laufen ungewiss darüber, dass hinter dem Bildschirm 70 Augenpaare ihren Bewegungen folgen.
Einige Dozierende denken wohl auch, ein Bücherregal wäre ein neutral-intellektueller Hintergrund. Das bezweifle ich irgendwie, wenn ich mich erinnere, wie es für mich ist, Fremden mein Bücherregal zu zeigen. Dann bin ich nervös und habe Angst davor, dass sie von meiner Lektüre auf meinen Seelen- meinen Geisteszustand schließen.
Ich glaube ein Bücherregal ist so ziemlich das Intimste.

Kein Wunder also, dass mein Unterbewusstsein davon ausgeht, wir wären jetzt irgendwie vertraut miteinander. Wir wären jetzt irgendwie Freunde. Ich sitze mit ihnen am Schreibtisch, oder sie sitzen mit mir in meinem kleinen WG Zimmer und wir reden über Literatur und manchmal trinken wir sogar Kaffee dabei – von wie vielen Menschen kann ich das in meinem Leben sonst so behaupten?
Das Ganze fühlt sich unangemessen an, wie eine immense Grenzüberschreitung. Zumindest für mich. Und gleichzeitig wurde irgendwie der Punkt erreicht an dem man nicht mehr zurückrudern kann: Jetzt will ich noch mehr wissen.

Jetzt stalke ich meine Dozierenden online.

Jetzt will ich wissen, wer die Geschirrspülmaschine im Hintergrund ausräumt, wer die Bücher falschherum einsortiert hat und von wem die Bilder an der Wand stammen. Ich versuche auf den Inhalt der Vorlesung zu hören, aber eigentlich frage ich mich, ob die Dozierenden außerhalb des Bildausschnittes wohl auch noch ihre Schlafanzughosen tragen?
Die Grenzen verschwimmen, sie verzerren sich. Ich bin nicht mehr Gast an der Uni, die Uni ist Gast bei mir. Ich traue mich nicht mehr zu schwänzen, dabei würde es jetzt noch nicht einmal jemand merken. In allem was ich tue, fühle ich mich irgendwie ertappt.

Ich frage mich, ob nur ich ein Problem habe oder ob es allen so geht. Ob es überhaupt zu vermeiden ist. Ich meine, ist es im Grunde nicht ein wahrgewordener Alptraum, sich im Seminar zu Wort melden zu müssen um dann festzustellen, dass man ungewaschen ist und seinen Schlafanzug noch trägt?
Am Ende fühlt es sich eher so an, als wären wir jetzt viel näher, viel unprofessioneller, als wären wir zusammen in Urlaub gefahren- und weniger wie soziale Distanzierung.
Ich weiß nicht so recht, wie wir das rückgängig machen können, oder ob.


Bild mit freundlicher Genehmigung von Kristina Andabak | Pfeil und Bogen

Empfohlen

Weitere Beiträge
STEHEN BLEIBEN. UND SICH UMSCHAUEN.