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Der Krieg, meine Oma und die Flucht

Marie und Jakob

Wie kann ich über Krieg und Flucht schreiben? Wie kann ich eine Geschichte erzählen, die nicht meine ist und mir trotzdem so nah?

Seit dem Tag, an dem Putin die Ukraine angriff und abertausende Menschen die Flucht ergriffen, fragte ich mich, was diese Situation bei den Menschen auslöste, die selbst eine Fluchtgeschichte hatten, selbst aus der Ukraine stammten, oder dort Angehörige hatten oder haben; was es mit Menschen macht die eine Verbindung mit diesem Ort, oder eine Verbindung zu dieser Erfahrung haben. Wer sind alle diese Menschen?

Eine von ihnen ist meine Oma. Ihre und somit auch meine Geschichte führt sie von Deutschland in die Ukraine, nach Lettland und Polen, bis sie schließlich wieder in Deutschland endet. Ein stetiges Herumreisen und Vertrieben werden macht die ersten Jahre ihres jungen Lebens aus. Aber vor allem war es das Narrativ ihrer Eltern, Marie und Jakob.

Marie ist 1908 in Malowana (Mal’ovane) in der Ukraine geboren. Jakob ist 1907, nicht weit davon in Rudetzka nahe Dubno, ebenfalls in der Ukraine geboren. Maries Vater stammte aus der Ukraine und ihre Mutter aus Österreich. Jakobs Eltern wiederum stammten entweder aus Rheinhessen oder dem Elsass.

Als beide noch Kleinkinder waren, flohen ihre Eltern mit ihnen aus der Ukraine nach Lettland, wo sie sich in Planetzen bei Goldingen (Kuldīga) niedergelassen hatten. Über die Schule lernten sich die beiden bereits im Kindesalter kennen, auch wenn sie nicht dieselbe Klasse besuchten. Später haben die beiden in dem gleichen Ort geheiratet und dort auch ein Haus gebaut, in dem sie bereits sechs Kinder bekamen. Es war das erste Haus, das die beiden für sich gebaut hatten, und für eine lange Zeit sollte es ihr letztes Eigenheim sein.

Polen

Als 1939 russische Truppen in Lettland einmarschierten, hieß es, dass die Deutschen umgehend ihre Häuser verlassen sollten, und so kam es zu einer erneuten Umsiedlung. Sie waren gezwungen, den Schlüssel in der Haustür stecken zu lassen und ihre Heimat, ohne zurückzublicken, zu verlassen. Mit Bussen gelangte die gesamte Familie in den nächst größeren Ort Goldingen. Von dort ging es für sie mit dem Zug bis zu dem nächstgelegenen Hafen, von wo aus sie mit Schiffen vom neunten bis auf den zehnten November nach Gotenhafen (Gdyna), damaliges Deutschland und heutiges Polen, übersetzten. Erneut ging es für die Familie mit dem Zug weiter nach Stettin (Szczecin), wo sie bei Bauern unterkamen, bis das Kriegsgefecht in Polen ungefähr drei Wochen später vorbei war.

Ihre Reise ging weiter nach Posen (Poznań), wo die Deutschen bereits die Polen vertrieben hatten. Marie und Jakob wurden dort als Verwalter*innen auf einem Hof eingesetzt, wo sie mit der ganzen Familie bleiben konnten. Ihnen soll wohl bewusst gewesen sein, dass sie in keiner Weise Anspruch auf Haus und Hof hatten, aber den Luxus einer alternativen Entscheidung hatten sie auch nicht. „Was willst du mit so vielen Kindern machen, da bist du froh, wenn du eine Unterkunft kriegst“, erzählt mir meine Oma und ihre Stimme wirkt fragend. Mich nach Verständnis fragend und natürlich verstehe ich.

1941 kam meine Oma auf dem Hof in Mühlbach im Kreis Mogilno zur Welt und kurz darauf, 1943, ihr kleiner Bruder. Als die Familie 1945 aus Polen vertrieben wurde, war Marie bereits mit dem nächsten Kind schwanger.

Es muss einen Punkt gegeben haben, an dem Jakob vor Verzweiflung völlig „durchgedreht“ sei, er habe gedroht sich und seine Familie zu erschießen. Er konnte nicht mehr, fünf Jahre waren sie nun in Polen gewesen und hatten langsam wieder begonnen, sich einzuleben. Durch gutes Zureden und Besänftigen gelang es Marie, ihn zu beruhigen, ihn zu überzeugen, weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Den vielen Kindern zu Dank, wurde Jakob nicht in den Krieg eingezogen. Bei acht Kindern durfte er bleiben und so konnte die Familie gemeinsam fliehen. Sie beluden die zwei Fuhrwerke: Auf das eine verfrachteten sie all das Essen, was sie hart erarbeitet hatten, auf dem anderen nahm die ganze Familie Platz. Erstes wurde von Jakob gelenkt und zweites vom ältesten Sohn, der zu diesem Zeitpunkt ungefähr fünfzehn war.

Deutschland

Für die hochschwangere Marie war die Reise eine zu große Belastung und irgendwann konnte sie die Reise auf dem Fuhrwerk einfach nicht weiterführen. Es war schlichtweg zu anstrengend, weshalb die Familie beschloss, zu versuchen, mit dem Zug weiterzukommen. Den einen Wagen ließen sie stehen und mit dem anderen wollte Jakob weiterfahren, sie konnten schließlich nicht das ganze Essen zurücklassen. Wie ein „Gejagter“ muss er gefahren sein. Der Rest der Familie probierte, in einen der völlig überfüllten Züge zu kommen. Es müssen sich tausende von Menschen an diesem Bahnhof getummelt haben. Marie flehte den Lokführer an, sie mitzunehmen, sei sie doch unter anderen Umständen. Wo wolle sie mit all diesen Kindern hin, soll er sie gefragt haben. Nach Frankfurt Oder. So bekam die Familie einen Platz im Gepäckwagen des Zuges.

Am Ziel angekommen, kamen sie für kurze Zeit bei Verwandten unter, doch auch diese waren bereits in Aufbruchsstimmung. Immer wieder wandte sich die Familie an das Rote Kreuz und bat um Unterstützung, auch als bei Marie die Wehen einsetzten. Die Kinder wurden in Obhut genommen und Marie ins Krankenhaus eingeliefert. Kurz nachdem sie ihre Tochter bekommen hatte, ließ sie sich selbst ausweisen und konnte das Kind ohne Widerspruch mitnehmen. Das Rote Kreuz brachte sie wieder zu ihren Kindern und gemeinsam ging es weiter nach Berlin. Dort kamen sie in einem winzigen Gartenhaus unter. Es war zu diesem Zeitpunkt noch Januar, alles bitterkalt und Berlin stand unter heftigem Beschuss. Das Rote Kreuz versorgte sie weiterhin mit Essen, jedoch viel zu wenig für so viele Menschen. Marie stillte fleißig und aß wenig. „Sie habe sich zu dieser Zeit von ihrem eigenen Fett ernährt.“

Auf der Suche nach seiner Familie fuhr Jakob nach Frankfurt Oder, wo diese schon längst nicht mehr auf ihn wartete. Ein Lokführer, der lediglich noch seine Lok fuhr, nahm ihn mit nach Berlin, wo er es schaffte, wieder zu seiner Familie zu stoßen.

Neue Heimat

In dem kleinen Gartenhaus erkrankten kurz darauf Marie und ihr ältester Sohn an Typhus. Nachdem sie die Krankheit endlich überstanden hatten, befiel sie meine, zu diesem Zeitpunkt ungefähr vier Jahre alte, Oma. Sie kam ins Krankenhaus und in Quarantäne. Allein.

Nachdem sie wieder genesen aus der Quarantäne entlassen wurde, machte sich die Familie erneut auf den Weg. Zu dem Zeitpunkt habe meine Oma kein einziges Haar mehr auf ihrem kleinen Kopf besessen.

Jakob schrieb Briefe an alle Verwandten in Deutschland, um eine Bleibe für sich und seine Familie zu finden, und so kamen sie mit einem kurzen Stopp in Lemgo in Westfalen nach Darmstadt, wo der dortige Landgraf nach Arbeiter*innen suchte und so landeten sie auf dem Hof Hayna bei Riedstadt, wo meine Oma aufwachsen sollte.

Als ich meine Oma gefragt habe, an was sie sich noch erinnern kann, lautete ihre Antwort, nicht besonders viel, sie war noch so klein gewesen. Sie wisse fast alles nur aus Erzählungen ihrer älteren Geschwister und doch erinnere sie sich an diese permanente Angst, die der Krieg und die ständige Flucht in ihr und ihrer Familie ausgelöst hatte.

Über Marie und Jakob sagt sie, dass sie artig und brav erzogen wurden, sie hatten bereits als Kinder in den Sommern auf den Höfen ihrer Eltern arbeiten müssen und konnten nur im Winter die Schule besuchen.

„Unsere Eltern hatten kein schönes Leben. Sie kannten praktisch nur Arbeit.“

Bild mit freundlicher Genehmigung von

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