Kahve

Der Geruch nach Kaffee stieg ihr in die Nase. Es kitzelte ein wenig. Sie hatte einmal den Kaffee probiert. Einen einzigen Schluck, obwohl ihre Mutter ihr gesagt hatte, dass er ihr nicht schmecken würde. „Das ist nichts für Kinder. Du wirst sehen, es schmeckt dir nicht.“

„Ist mir doch egal!“, hatte sie gerufen. Es war ihr egal, wenn sie wollte, trank sie Kaffee, auch wenn der Kaffee schmeckte wie bitter-süßer Sand. Sie verzog das Gesicht zu einer Fratze.

„Ich habe es dir doch gesagt, mein Lämmchen.“ Die Mutter drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Da klebte jetzt feuchter Sabber. Es fühlte sich immer irgendwie nass und schmierig an.

Wenn die Onkel und Tanten, großen Schwestern und Brüder zu Besucht kamen, wurde immer Kaffee gebracht. Die erste Frage war, wie sie ihn denn haben wollten. „Mittelsüß!“ riefen sie dann meistens.

Irgendeine Tante schickte sie immer in die Küche. „Mein Mädchen, hilf doch deiner Mutter!“ Sie gab ihr einen Klaps in die Richtung. Sie blies die Backen auf und folgte ihrer Mutter stampfend in die Küche, brachte nach und nach die kleinen Tassen mit den gold-schnörkeligen Mustern, mit den kleinen roten Blümchen und den dazu passenden Untertassen an den Tisch und platzierte sie vor jeden einzelnen Gast auf der weißen Plastiktischdecke.

Wenn die Erwachsenen Kaffee tranken, durfte sie sich daneben setzen und von der Cola trinken. Sie trank und dachte an ihre Freundinnen, deren Eltern ihnen nie erlaubten Cola zu trinken. Lea, Lena, Laura und Lorenz. Doch, Lorenz durfte manchmal, aber nur wenn er ins Kino ging mit seinen Eltern. Wenn sie bei Lorenz war, dann holten seine Eltern die Süßigkeiten raus. Besonders die Kekse mit Körnern. Wenn Lorenz Unsinn machte, wurde er bestraft, indem er dann gar keine Kekse mehr essen durfte.

 

Die Tanten, Onkel, große Schwestern und Brüder begannen zu reden. Lauter und lauter wurde es, bis sie herumschrien, sich sogar gegenseitig anschrien. Man nannte das Diskussion. Zumindest sagten ihre Eltern immer, dass man die sehr mochte; diese Diskussionen. Ihre Eltern sagten auch: Die Erwachsenen waren nicht böse, sie schrien nur herum, weil sie voller Gefühle waren, die alle auf einmal rauskamen. Immer wieder fielen Worte. Große Worte, die so lang sein mussten, dass sie viele komplizierte Buchstaben aneinanderreihten. Sie kamen aus einer anderen Sprache kamen, die sie nicht verstand. Die  Worte verschwammen in ihrem Kopf zu einem großen, wirren Mischmasch, den sie noch weniger verstand.

„Lale.“ Sie sah auf. Niemand sagte nun noch irgendetwas. Auf einmal schauten sie die ganzen Augen in den Gesichtern aufmerksam an. Die gezwirbelten Schnauzbärte zuckten nach oben, die Köpfe nickten eifrig. „Wie läuft es in der Schule? Weißt du schon, was du später einmal machen möchtest?“ Einer der Onkel hatte sie angesprochen. Sie wippte mit den Füßen auf und ab. Ihr Stuhl quietschte leicht. Kurz sah sie zur Mutter, dann zum Vater. Beide nickten und lächelten, als wollten sie sie sagen, dass sie antworten solle.

„Die Schule ist gut. Ich habe Sommerferien bis uhh.“ Sie sah zur Mutter. „August!“, fiel ihr dann ein.

„Gut. Das ist schön. Dann bist du ja lange hier dieses Mal.“ Sie nickte. „Und ich weiß nicht, was ich machen möchte in Zukunft.“, fügte sie leiser hinzu. Die Eltern von Lorenz waren Architekten und lebten in einem riesigen hellen Haus mit hohen Decken, weil sie ja selbst so große Menschen waren. Ihre Eltern waren an der Uni. Vielleicht würde sie beides machen. Das war zumindest eine Idee.

„Das mit der Zukunft scheinen die meisten Leute hier nicht zu wissen.“, rief der Onkel und alle fingen an laut zu lachen. Sie lachte auch und trank einen weiteren Schluck von der Cola.

„Na kommt! Warum lesen wir nicht den Kaffeesatz!“, schlug jemand vor, sie hatte nicht mitgekriegt wer. Das kannte sie schon. Das hatte sie einmal gesehen letztes Jahr.

 

In der Kaffeetasse konnte man eine schwarze klumpige Masse erkennen. Das war der Satz. Das erklärte ihr ihre Tante, die sie zu sich gerufen hatte. Zuerst legte man die Untertasse auf der Tasse ab. Jetzt nahm man die Tasse in die Hand und musste sie ein paar Mal vorsichtig kreisen lassen und dann so schnell wie nur möglich auf den Kopf drehen und hinstellen.

„Jetzt warten wir.“ Sie musste viel zu lange warten und die Erwachsenen fingen wieder an zu reden. Dieses Mal redeten alle durcheinander.

„Ist es jetzt fertig?“, fragte sie die Tante und die nickte lächelnd. Vorsichtig wurde die Tasse angehoben. „Oh ein guter Satz! Schau!“ sie deutete mit dem Fingernagel auf die Linien, die sich wie Adern durch die Tasse zogen. An einigen Stellen liefen sie zu kleinen Klumpen zusammen, an anderen Stellen brachen sie einfach ab. „Schau, ein Baum!” Die Tante deutete auf eine Ansammlung von feinen Ästchen, die sie in der Luft mit dem Finger nachzeichnete. „Das steht für Gesundheit. Das bringt Glück.“ Sie drehte die Tasse einmal langsam, um sich die Bilder von allen Seiten anzusehen.

„Tante, was habe ich?“ eine der großen Schwestern reichte ihr ihre Tasse. Sie bemerkte, dass nun alle zu ihnen sahen. Die Tante drehte die Tasse ein paar Mal, hielt sie schräg. „Hmm. Es ist schwierig etwas zu erkennen. Oh, siehst du das? Ich sehe zwei kleine Herzen.“ Sie kniff die Augen zusammen. Sie konnte nichts sehen. Die Tante machte sie auf die beiden kleinen Punkte am Rande der Tasse aufmerksam. Wenn sie ganz genau hinsah, sahen sie aus wie Herzchen. Solche, die sie manchmal in die Hefter ihrer Freundinnen malte. In Grün, ihrer Lieblingsfarbe. „Du wirst bald heiraten, Schatz!“, rief die Tante laut aus.

 

Am Abend, als die Gäste sich alle verabschiedet hatten und gegangen waren, saßen sie zu dritt auf dem Sofa. Es war so heiß, dass die Klimaanlage leise summend durchs Zimmer blies und ihre Mutter sich mit einer Zeitschrift Luft zufächerte. Hin und wieder fächerte sie auf ihr zu und sie musste loskichern. Ihre Mutter schnitt eine Grimasse.

Im Fernsehen lief eine Serie, in der die Leute immer so lachten nach jedem Satz. Manchmal lachte ihr Vater mit.

„Mama, Papa?“, fragte sie in den Raum. Ihre Eltern drehten sich zu ihr um. „Ja meine kleine Tulpe?“ Der Vater sah sie aufmerksam an. „Worüber redet ihr immer mit den Verwandten?“ Sie fragte sich das schon eine Weile. Was waren diese langen Worte. Diese Politik. Ihr Vater seufzte. Er sah auf einmal ganz müde und traurig aus.

„Du musst wissen mein Schatz, alles verändert sich hier. Es ist nicht mehr so wie früher und wir verstehen es nicht. Wir verstehen nicht, wie sich nichts ändern kann. Wie die Menschen so sein können. Was soll geschehen? Etwas muss geschehen.“

Sie sah ihren Vater verwirrt an, dann fiel ihr aber etwas ein. „Na dann schaut doch in den Kaffeesatz!“, rief sie. Die Tante konnte darin schließlich die Zukunft sehen. Liebe und Gesundheit und noch vieles mehr!

Ihre Eltern begannen zu lachen. Das machte sie wütend. Warum denn? Das war doch völlig logisch.

„Man kann leider nicht alles sehen im Kaffeesatz.“, sagte die Mutter. Wieder war da diese Müdigkeit in ihrer Stimme. „Manchmal bleibt die Zukunft eben ungewiss.“

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

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