Perspektivwechsel

Das Eigenheim

Man erzählt folgende Legende, die sehr den Anschein der Wahrheit hat: Eine Hexe, eine alte, stille Frau, lebte allein im Wald und war so immer ganz unberührt von den Vorgängen der Welt gewesen.

Nun trug es sich aber zu, dass die Frau Gegenstand einer Verwaltungsangelegenheit wurde. Der Wagen der Hexe stand auf einer Waldlichtung und wenn in der kälteren Jahreszeit den ganzen Tag der Regen auf das Wagendach trommelte und in der frischen Regenluft der Wind kräftig durch die undichten Fenster pfiff, dann war es ihr in dem dämmrigen Raum sogar behaglich.

An solch einem Regentag bekam die Hexe Besuch. Die Offiziere klopften respektvoll an der offenen Türe und forderten, als sie „herein“ rief, die Hexe mit einer Geste auf, ohne Furcht aus ihrem Wagen auf die Lichtung herauszutreten. Sie folgte ihrer Anweisung, zögerte dann aber an der Türschwelle; ohne Hut würde sie sich erkälten.

„Wollen Sie sich nicht setzen?“ fragte der Offizier schließlich, zog aus einem Haufen von Holzscheiten einen hervor und bot ihn der Hexe an; diese konnte nicht ablehnen. Sie saß nun am Rand einer Grube. Diese war nicht sehr tief, dort lagerte sie ihr Brennholz für den Winter.

„Hat Sie das Schreiben des Oberverwaltungsgerichts erreicht?“ Die Hexe machte eine unbestimmte Handbewegung. Der Mann verlangte nichts Weiteres, denn so konnte er das Vergehen selbst erklären.

„Sie haben Ihren ständigen Wohnsitz an dieser Adresse gemeldet. Allerdings – das mussten mein Kollege und ich zu unserem Leidwesen feststellen – erfüllt Ihr Wagen nicht die gültigen EG-Richtlinien zur Zulassung eines Fahrzeugs als Wohnmobil. Ist Ihnen nicht bekannt, dass Ausrüstungs-gegenstände wie das eingebaute Mobiliar dauerhaft und fest mit dem Wagen verbunden sein müssen?“

Die Hexe saß ruhig, die Hände auf ihren Schenkeln. Eben meinte sie noch, die Männer erlaubten sich einen Scherz mit ihr. So war sie sich sicher gewesen, kein Schreiben erhalten zu haben, das ihr diesen Sachverhalt erläutert hätte. Doch nun, da ihr der Beamte das Vergehen in solch einer Ernsthaftigkeit vorgetragen hatte, zweifelte sie an ihrer eigenen Zurechnungsfähigkeit. Hatte sie nicht vor wenigen Wochen einen wichtig aussehenden Brief erhalten – auf gelblichem Papier, ganz in schwarzer Tinte geschrieben? Mit Gewissheit konnte sie das aber nicht sagen, war ihr doch im Alter die Fähigkeit zu lesen abhandengekommen.

Sie wollte nun in ganzer Aufrichtigkeit zu den Offizieren sprechen, ordnete mit fahrigen Händen ihre nassen Röcke, räusperte sich – und verstummte doch wieder. Denn voller Scham stellte sie fest, dass ihr keine passende Anrede für die Männer in den dunklen Anzügen einfiel und ihr wurde bewusst, dass sie sich ihr gar nicht vorgestellt hatten; oder sie hatte es vergessen.

Die Männer tauschten einen Blick miteinander, den die Hexe nicht deuten konnte. Dann richtete der Größere der beiden wieder das Wort an sie: „Aus oberster Instanz wurde uns der Auftrag erteilt, in Ihrer Angelegenheit rechtliche Schritte in die Wege zu leiten. Sie müssen verstehen, dass sich unser Handeln in keinster Weise gegen Sie persönlich richtet. Da Sie keine Waldbesitzerin im Sinne des Paragraf 4 BWaldG sind und keine Nutzungsberechtigung haben, sind uns leider die Hände gebunden.“

Sein Kollege nickte zustimmend. Waren die beiden Brüder? Eine gewisse Ähnlichkeit ließ sich nicht leugnen, allerdings ähnelten sich Männer in Anzügen häufig. Besonders, wenn ihren Mund der gleiche ernste Zug umspielte, die Brauen streng zusammengezogen. So dachte die Hexe bei sich, während sie plötzlich eine unbändige Wut erfasste. Sie fühlte sich zu Unrecht verurteilt.

„Mir gehört doch aber dieses Grundstück“, schrie die Hexe aufgebracht und wurde rot vor Wut und Scham, als sich ihre Stimme überschlug.

Wieder sahen sich die Männer an und zuckten mitleidsvoll mit den Schultern. „Widerspruch einlegen könnte die Verurteilte beim Amt für Vererbungsangelegenheiten. Doch“, und hier schaute der Offizier bedeutungsvoll auf seine Armbanduhr, „der Kollege ist Freitagnachmittag schon im Feierabend. Und auch wir haben nur eine begrenzte Zeit, die wir für diesen Fall verwenden dürfen. Uns sind die Hände gebunden.“ Sein Kollege – oder Bruder – nickte bestätigend und beide schritten zur Tat. Sie hoben die kleine, alte Frau von ihrem Holzblock und trugen das nasse Bündel an den Rand der Grube. Die Ruhe, die die Männer in ihren Anzügen ausstrahlten, hielt die Hexe von jedem Fluchtversuch ab. Man warf sie zum Feuerholz und da es aufgehört hatte zu regnen, fing das Holz in der Grube schnell Feuer.

Man legt diese Legende, die sehr den Anschein der Wahrheit hat, zu den Akten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Milena Maren Röthig | Pfeil und Bogen

PFEIL UND BOGEN ist die neue literarische Revue des Literaturinstituts Hildesheim: Ein lebendiges Jetztzeitarchiv der Gegenwartsliteratur. Hier kann man sich informieren über die neuen Bücher und Autor°innen, über die zentralen Debatten und Diskurse um die jüngere Literatur herum, über wesentliche poetologische und produktionsästhetische Positionen, über die neusten (gegenwarts-) literaturwissenschaftlichen Konzepte, über den Wandel des Betriebs, über die medialen Novitäten, Innovationen und Trends im literarischen Feld der Jetztzeit