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Das große finstere Tor

Triggerwarnung: Vergewaltigung, Gewalt gegen Tiere

Eines Sommertages sollte sie wieder die Gänse hüten und so trieb sie die Schoof vor sich her auf eine weite Wiese. „Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold (…)“ Doch da sie sich umblickte, waren die Gänse nicht mehr zu sehen. 

Wenn meine Oma von früher erzählt, dann davon, wie ihr die Gänse in den Fluss geflogen sind und sie alle klitschnass herausfischen musste. Wenn wir Walderdbeeren zwischen den Berliner Gehwegplatten sammeln, erzählt sie, wie sie wilde Erdbeeren am Gaumen zerquetscht hat. Betrachte ich ihre Geschichten heute, fällt mir vor allem die fehlende Ambivalenz in den Erinnerungen auf. Das Erlebte spielt in einer eindimensionalen Welt und wird mit kindlichen Worten erzählt. Die Felder und Beeren sind unerschöpflich, alles sprießt und ist fruchtbar. Es wird nie dunkel in Omas Geschichten; es ist immer helllichter Tag und immer, immer Sommer.

Das, was ernst ist, findet erst in der heutigen Bundesrepublik statt. Meine Oma wuchs in einem Ort zwischen dem ostpreußischen Insterburg und Kuckerneese an der Memel auf, im heute an Litauen angrenzenden Russland. Zwischen ihren Kindheitsorten und Schalksmühle in Nordrhein-Westfalen, wo sie ihre Söhne aufzog, ist eine 1.400 Kilometer große Lücke, etwas mehr als 15 Stunden im Auto, B54, A45, A2, A12 … E22, S28.

Lupinen und Kerbel
Schalksmühle
Birnen aus dem Garten
Schalksmühle
Kastanienalleen, weite Wälder, Pilze sammeln
Schalksmühle
Klöße mit Specksoße
Schalksmühle
Schwimmen in der Pawe
Schalksmühle


Vor ein paar Jahren reiste ich dieser Lücke nach ins ehemalige Ostpreußen, um das Haus zu suchen, aus dem meine Oma als Kind 1945 mit ihrer Pflegemutter geflohen war. Ich fuhr in einer Reisegruppe durch eine Reihe der Länder, die zu Zeiten des Nationalsozialismus zum Deutschen Reich gehört hatten. Aus den Bus-Lautsprechern tönte Land der dunklen Wälder, ein Lied, bei dem meine Oma weinen muss. Während meine Mitreisenden die Lieder mitsangen und ihre ehemalige Heimat an uns vorbei zog, wurde mir bewusst, dass ich eine Geschichte bereiste, in die ich mich als Kind hinein gewünscht hatte.

Mit meiner Kamera nahm ich eine Mitreisende auf, wie sie eine Hand voll ostpreußische Erde von ihrem verlassenen Hof einpackte. Im Verlauf der Reise sprach ich mit acht Menschen, die in der Zeit, als Ostpreußen zu Russland, Litauen und Polen geworden ist, Kinder waren. Sie sind geflohen, wurden vertrieben oder evakuiert. Ich sammelte ihre Fluchtgeschichten, suchte biografische Kreuzungen und Zufälle in den Erinnerungen, die sich mit denen meiner Oma überlappen oder gleichen könnten. „In der Stadt war ein großes finsteres Tor, wo sie abends und morgens mit den Gänsen durch mußte (…)“. 

Lupinen und KerbelVor der Flucht den Hund erschießenSchalksmühle
Birnen aus dem GartenHinter sich den Hof niederbrennenSchalksmühle
Kastanienalleen, weite Wälder, Pilze sammelnSchreie der nicht gemolkenen KüheSchalksmühle
Klöße mit SpecksoßeTyphus im GefangenenlagerSchalksmühle
Schwimmen in der PaweVon Soldaten im Stroh vergewaltigt werdenSchalksmühle

Oma erzählt nicht, was in der 1.400 km großen Lücke passiert ist. Einiges lässt sich schließen oder erahnen, aber ich werde es vielleicht nie wirklich wissen. Denn diesen Teil der Geschichte erzählt sich meine Oma auch selbst nicht. Ihre erinnerten Erinnerungen handeln vom Leben in idyllischer Natur, wiederholen sich wörtlich, erinnern stark an die ostpreußischen Lieder. Es ist, als hätte sie sich irgendwann die Geschichten von sich selbst gemerkt. Als könne sie die inneren Bilder, die alles Dunkle überschrieben haben, nicht mehr bewusst genug erinnern, um sie mit neuen, eigenen Worten zu erzählen. Die Bilder und Ereignisse verbleiben in der Kinderwelt, aus der sie geflohen ist.

Kopfsteinpflaster, ein gelbes Haus wie eine Kulisse, drum herum braches Land. Wind pfeift um die losen Steine an der Rückseite des Marktplatzes 1, einige Meter dahinter der Fluss. Ich werde von den Mitreisenden beglückwünscht, dass das Haus noch steht, nun habe ich es ja gefunden. Ich versuche es so zu fotografieren, dass es zu den Geschichten meiner Oma passt. Obwohl sie das nie beschrieben hat, nie den Marktplatz oder die unbefestigte Straße dorthin. Ich hab mir gar kein Haus vorgestellt, nie das, was in diesem Haus passiert sein könnte, nur das Draußen und die wilden Erdbeeren. Auch wenn hinten das Haus wartet, meine Oma ist am Fluss. Wieder muss sie die Schoof aus dem Wasser holen, „(…) und so hüteten sie die Gänse, bis daß es Abend ward“1.

1 Brüder Grimm: Die Gänsemagd, Kinder- und Hausmärchen (KHM 89)

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Bild mit freundlicher Genehmigung von Milena Maren Röthig | Pfeil und Bogen

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