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Existenz als Sammelbegriff

I. Vorbereitung

Bevor es los geht, sammeln wir nicht nur unsere Kräfte, sondern gleich uns selbst. Wir versammeln uns, um der Liturgie zu folgen oder der säkularen Lesung. Das Wort wird gesprochen und wir hören zu, konzentrieren uns auf das Spiel zwischen Syntax und Semantik. In diesem Raum des Dazwischen findet Verständnis statt. Das Aufeinandertreffen zweier Systeme verursacht Wechselwirkungen. In der Begegnung versuchen wir das Verstehen. Eine Sammlung existiert nur dort, wo ihr ein Fokus vorausgeht. Es gibt kein wahlloses Sammeln, da bereits der Wille zur Sammlung eine Wahl beinhaltet. Sogar die Bibliothek von Babel1 bleibt auf die Anzahl der Zeichen und den Umfang der Bände begrenzt. Das in seiner Symmetrie labyrinthische Universum der Bibliothek bildet so selbst eine Auswahl, wohingegen der tatsächlich zur Verfügung stehende Geschichtenfundus der Realität unermesslich größer ist. Das Archivieren dieser Geschichten überschreitet schon längst alle vom menschlichen Verstand erfassbaren Dimensionen. Jede Minute werden über 400 Stunden Videomaterial auf YouTube hochgeladen.2 Eine Milliarde Stunden werden angesehen, täglich.3 Hierbei handelt es sich nur um eine Website, die im VLog-Format gefilmte persönliche Geschichten genauso sammelt und kuratiert wie journalistische Beiträge. Längst füllen nicht mehr nur Erzählungen aus menschlicher Feder oder Smartphonekamera die Datenspeicher, sondern auch solche nicht-menschlichen Ursprungs. Künstliche Intelligenz kann mehr als das Nachdichten der Sonette von Shakespeare4 oder Komponieren im Stil von Bach5, sie verfasst eigene Texte, die ihrer Motivation und Denkweise Ausdruck verleihen.6 Diese allgegenwärtige Informationsflut, die auch eine Flut fiktionaler und faktualer Geschichten ist, fragt nicht nach einem Fokus, sie zwingt ihn uns auf. Ob wir sammeln, steht nicht zur Debatte, denn wählen müssen wir und aus jeder Wahl resultiert eine Auswahl. Debattiert werden kann lediglich über die verwendeten Auswahlkriterien und deren Reflektiertheit.

Jeder Sammlung geht ein Fokus voraus.

II. Ergebnis

Auf das Bestellen der Felder folgt die Ernte, auf die Suche folgt das Pflücken der Pilze und Beeren. Der Fokus ermöglicht das Finden, die Hege vergrößert den Ertrag. Wenn die Wagen angespannt und die Körbe gefüllt sind, kehren wir zurück zu den Versammlungsstätten und erzählen uns den Tag. Durch Wiederholung entsteht Tradition. Der Nachhall antwortet auf das Rufen, der Nachhall auf den Nachhall und dazwischen liegen die langen Phasen des Schweigens und Wartens. Selbst in den dunklen Räumen können wir den Lärm menschlichen Lebens hören. Er schallt durch die Zeit, eingebettet in jene Anekdoten am Essenstisch. Wir haben Hunger, mit dem Besteck klopfen wir Kerben in die Tischplatte, Hunger nach mehr. Wir schreiten voran und der Fortschritt folgt dem Rhythmus von Ruf und Nachhall, von Gespräch und Erinnerung, von Arbeit. Erzählend bewältigen wir die Welt und in der Erinnerung vergegenwärtigen wir die Bewältigung. Es lebt sich leichter, wenn wir wissen, wo die Sträucher voller Beeren hängen. Nennen wir es Kanon, nennen wir es kulturelles Gedächtnis, nennen wir es die gesammelten Tischgespräche der Menschheit und vergewissern wir uns des Hungers. Jeder Sammlung geht ein Fokus voraus. Denken wir zurück an die Geschichten unserer Kindheit, nicht die Märchen und nicht die Gutenachtlektüre, sondern die Beschreibung des naiven Zustandes, verklärt durch die Flüsterpost der Tradition. Jene liegen dort mit prall gefüllten Bäuchen unterm Beerenstrauch und lecken sich den dunklen Saft von den Fingern. Diese mahnt das Echo vor dem Gewicht der Körper. Die Ernte ist eingeholt, die Körbe gefüllt, die Tische gedeckt. Schwielig sind die Hände nach der Arbeit. Schwer wiegen die Körper nach dem Essen. Atemberaubend leicht gehen sie in die Knie.7 Wir sind nicht wir. Die Hände gehören nicht zum Körper. Jeder Sammlung geht ein Fokus voraus.

Wir setzen uns selbst immer wieder neu zusammen.

III. Entropie

Thermodynamisch betrachtet nimmt die Unordnung innerhalb der Grenzen unseres Universums zu.8 Um nicht selbst zum Spielball dieser kosmischen Tendenz zu werden, investieren wir Energie in den Erhalt unserer organischen Ordnung. Wir nennen diesen Vorgang Leben. Die Komplexität diese Lebens im nichtorganischen Sinne nimmt ebenfalls zu und auf den ersten Blick ließe sich behaupten, es sei chaotischer als zu früheren Zeiten. Jedenfalls implizieren die zuhauf geäußerten Forderungen, das Leben oder zumindest einen Teil davon wieder simpel, großartig oder übersichtlich zu machen, diese Behauptung. Ein zweiter Blick aber zeigt Überschneidungen und Einschnitte. Wer gerne mit dem Finger auf andere zeigt, hält sich an Ein-deutigkeit fest und blendet die Reibungsflächen aus. Was weitererzählt wird, muss neu verstanden werden. In diesem Raum des Dazwischen, dem Ort der Begegnung und des Austausches, findet die auf den zweiten Blick sichtbare Durchdringung der beiden in Kontakt Stehenden statt, die verklärt, wer berührt und wer berührend ist. Die Wechselwirkungen zwischen Auflösung und Konturierung ermöglichen ein Wiederverstehen und Neuerzählen des Lebens. Der zweite Blick enthüllt den dritten. In dieser Multiperspektivität offenbart sich die Zunahme an Ordnungsmöglichkeiten, die auf je individuelle Weise in dem als Leben bezeichneten Vorgang konkretisiert werden können. Wir setzen uns selbst immer wieder neu zusammen. Die Eliminierung der gegen unendlich strebenden potenziellen Ordnungsmöglichkeiten zugunsten einer tatsächlich gelebten und somit faktischen erscheint gleichermaßen tragische und hoffnungsvoll. Tragisch, da jenes Leben zugunsten von diesem aufgegeben wurde. Hoffnungsvoll, da allein die Eliminierung der Potenziale dem Zerreißen in ungeordnete Einzelteile entgegenwirkt. Nur die erfahrene Geschichte ist wirkliche Geschichte, egal ob faktual oder fiktional. Erst im Kontext einer Sammlung bilden wir uns heraus.

1Siehe: Borges, Jorge Luis: The Library of Babel. In: Labyrinths. London: Penguin Book 1964, S. 78 – 86.

2https://www.tubefilter.com/2015/07/26/youtube-400-hours-content-every-minute/

3https://blog.youtube/news-and-events/you-know-whats-cool-billion-hours

4https://www.engadget.com/2018-08-10-ai-sonnets-shakespeare.html

5https://www.openculture.com/2018/01/artificial-intelligence-writes-a-piece-in-the-style-of-bach.html

6https://www.theguardian.com/commentisfree/2020/sep/08/robot-wrote-this-article-gpt-3

7https://www.vox.com/first-person/2020/6/8/21283764/black-children-protests-george-floyd-teach

8https://www.zeit.de/zeit-wissen/2010/02/Dossier-Kosmos?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F

Bild mit freundlicher Genehmigung von Milena Maren Röthig | Pfeil und Bogen

PFEIL UND BOGEN ist die neue literarische Revue des Literaturinstituts Hildesheim: Ein lebendiges Jetztzeitarchiv der Gegenwartsliteratur. Hier kann man sich informieren über die neuen Bücher und Autor°innen, über die zentralen Debatten und Diskurse um die jüngere Literatur herum, über wesentliche poetologische und produktionsästhetische Positionen, über die neusten (gegenwarts-) literaturwissenschaftlichen Konzepte, über den Wandel des Betriebs, über die medialen Novitäten, Innovationen und Trends im literarischen Feld der Jetztzeit