„Dann gehe ich jetzt“, sagte die Zeit, Bettina Obrecht, Juli Völk, Tulipan-Verlag, 2020.

„Dann gehe ich jetzt“, sagte die Zeit

Wir haben das Jahr 2020 und die Welt befindet sich plötzlich in einem Ausnahmezustand. Durch Corona haben wir alle viel mehr Zeit. Manche sogar mehr, als es ihnen lieb ist. In Quarantäne sitzen bedeutet, den Alltag umzustrukturieren und etwas mit der neugewonnenen Zeit anzufangen.

Ein sowieso immer aktuelles Thema, die Zeit, wird noch präsenter als sonst und damit auch die Frage: Wie gehen wir mit ihr um? Wie nehmen wir sie wahr?

40 liebevoll gestaltete Seiten setzten sich genau damit auseinander. Die Zeit ist der Mittelpunkt im Kinderbuch der Autorin Bettina Obrecht und der Illustratorin Julie Völk, das im Februar 2020 beim Tulipan-Verlag veröffentlicht wurde.
An einem Sonntagnachmittag sitzt die Zeit lächelnd bei Lara zu Hause im Sessel. Die beiden kennen sich gut, sie sind miteinander befreundet. Doch die Zeit wird nicht von allen Familienmitglieder so gemocht wie von Lara. Der Opa vertreibt sie sich mit Zahlenrätseln, die Eltern mit Fernsehen und die Geschwister mit ihren Handys. Notgedrungen, denn es ist ja nur ein langweiliger Sonntag und was sollte man denn auch sonst machen?
Die Zeit fühlt sich unerwünscht und mit den Worten: “Dann gehe ich jetzt”, verschwindet sie aus Laras Haus.

Die Zeit darzustellen, etwas, das für niemand greifbar ist und schon seit Beginn der Menschheit von großen Dichter*innen und Denker*innen thematisiert wurde, ist eine besondere Herausforderung. Herausgekommen ist ein weißes Wesen, vermutlich geschlechtsneutral, variabel in Größe, Form und Dichte, mit roten Bäckchen, rot lackierten Fußnägeln und roten Schuhen. Ob nur wir die Zeit weiß sehen? Denn Lara bezeichnet sie als “bunt” und für sie duftet sie sogar nach Blumen. Die Entscheidung die Zeit möglichst neutral zu gestalten lässt kleine und große Leser*innen die Möglichkeit, sich selbst ein ganz persönliches Bild von der Zeit zu machen und sie in der eigenen Vorstellung in allen Farben und Formen leuchten zu lassen.

Auf der Suche nach der Zeit, geht Laras Weg durch die Stadt und in den Park, beide Orte von Julie Völk oftmals auf Doppelseiten illustriert. Auffallend hierbei ist die Liebe zum Detail, wie sie von Julie Völk bereits aus Büchern wie: “Wenn ich in die Schule geh: siehst du was, was ich nicht seh” zu kennen ist. Die sanfte Farbgestaltung in Pastelltönen verleiht dem Buch eine eigene und verträumte Atmosphäre. Die Ästhetik der Bilder besticht durch eine Lebendigkeit, indem mit Perspektiven gespielt wird und die Figuren detailreich und divers dargestellt werden. Die Bilder sind auf jeder Doppelseite neu angeordnet, mal seitenfüllend, mal mit dem Text verschmolzen und dann wieder davon getrennt.

Bettina Obrecht verwendet eine einfache Sprache und regt somit die Fantasie der Leser*innen oder Zuhörer*innen an. Sie überlässt es den Rezipient*innen Emotionen wahrzunehmen und zu interpretieren. Besonders auffallend dabei sind die vielen Wortspiele mit und über die Zeit, welche die Autorin einbringt. Man erwischt sich während des Lesens dabei, über die genannten Redewendungen und die weiteren Verwendungen in unserer Alltagssprache nachzudenken und bemerkt, welches Gewicht solche Sätze manchmal haben können. Die kurzen Sätze machen ein Verstehen auch schon für Kinder ab 5 Jahren möglich und liefern dabei tiefere Botschaften für die etwas Älteren.

zeit

Ein Buch von Erwachsenen für Kinder. Und das merkt man auch. Doch ist der Umgang mit der Zeit jedoch tatsächlich ein Thema, welches Kinder bewegt oder vielmehr bewegen sollte? Könnte das Buch nicht genau die gegenteilige Wirkung haben, sodass Kinder noch stärker bemerken, dass ihre Geschwister, Eltern und andere Erwachsene ständig Stress verspüren oder die Zeit als etwas Lästiges empfinden? Ist es nicht genau der Zauber der Kindheit, eben nicht über die Zeit nachzudenken sondern viel mehr im Moment zu sein und sich treiben zu lassen?

Denn im Gegensatz zu ihren Familienmitglieder weiß Lara: Man muss sich nicht unbedingt die Zeit vertreiben oder sie sogar totschlagen, manchmal kann man auch einfach nur neben ihr am Flussufer sitzen und ihre Gesellschaft genießen.

Schön ist dieses Buch alle mal und schön ist auch die Botschaft dahinter, aus der Erwachsene aber vermutlich mehr lernen können, als Kinder. Vor allem in Zeiten von Corona haben die meisten zum Beispiel für die Familie so viel Zeit, wie jene sie vermutlich nie wieder bekommen. Das Kinderbuch schafft es ein philosophisches Thema einfach und optisch ansprechend zu verpacken.
Eine Empfehlung für alle, die sich im positiven Sinne die Zeit vertreiben wollen und Wert auf Tiefsinnigkeit in Kinderbücher legen!

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Tulpian-Verlag und Guido Graf | Pfeil und Bogen
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