Taxi

TAXI

Der knallige pink-blaue Umschlag und das Wort TAXI in Großbuchstaben.
Die ersten zwei Seiten in dem selben knalligen pink – und ich denke, dass das Buch gut aussehen wird neben der Reclam Reihe in meinem Regal.
Dann der Satz:

Ji bo dê û bavê min:
bi hezkirin û minetdarieyek bêdawî

Keine Übersetzung, jetzt kein Google.
Verwirrung und Neugier im Stakkato der ersten Seiten.

Später:
wörtliche Rede in kursiven Sätzen
SEITEN VOLLER DRUCKBUCHSTABEN
Listen
Dialoge ohne Umschreibungen
Mal nur ein einsames Wort oder ein Satz auf einer Buchseite.

Der Lesefluss wird unterbrochen.
Das Buch schmückt einige Tage den Nachttisch ohne geöffnet zu werden.

Weiter

Buch oder Serie? Kapitel oder Episode?
Drama
THE END – füllt eine ganze Seite. Aber danach noch 16 mal blättern.
Die Auflösung des Anfangs
und schließlich:
Auf der Rückseite des Buchrückens ein pinkes Anführungszeichen – von denen man im Buch kein einziges findet. Darunter der Satz:

Jeder sagte:
FÜRS VATERLAND
Frau Kaplan sagte nichts.

Spoiler-Anteil: 97%

Prolog

Eines Tages betritt eine ältere Frau das Büro eines Immobilienmaklers und stellt sich vor den Schreibtisch des namenlosen Ich-Erzählers. Nachdem sie ihn über Wochen verfolgt und beobachtet hat, bietet sie ihm die Rolle ihres verlorenen Sohnes in dem von ihr geschriebenen Skript an – und jede Menge Geld. Er willigt ein.

Season I

Starring Rosa Kaplan & Polat Kaplan

Der verschollene Polat Kaplan kehrt nach zehn Jahren aus dem Kaukasuskrieg zurück. Nach seiner Rückkehr wird er der Nachbarin Frau Batic vorgeführt. Das Unterfangen glückt, denn der junge Mann verkörpert die Rolle des Polat nach sechs Monaten Übung mittlerweile bis zur Perfektion. Von seiner äußeren Erscheinung hin zu seinen Eigenheiten – bis ins kleinste Detail gleicht er dem Vermissten und lässt Frau Batic die anfänglichen Zweifel schnell vergessen. Auch die anderen Nachbarn und Verwandten lassen sich täuschen, selbst Polats Verlobte Esra fällt auf ihn rein und beginnt wieder zu sprechen nach Jahren des Schweigens.

Frau Kaplan geht mit Polat zum Friedhof und lässt den Stein von Polats Grab entfernen. Sie gehen zum Fotografen und lassen ein Foto von sich machen, und bald weiß die ganze Stadt von Polats Rückkehr. Ohne Grund wirft Polat während einem Besuch bei seinen alten Freunden einen Stein in Richtung einer Katze, woraufhin ein Streit losbricht und er seine Kriegserlebnisse als Grund für sein Verhalten vorschiebt. Esra beginnt zu ahnen, dass der Zurückgekehrte nicht ihr Verlobter ist. Sie erklärt ihm, dass Polat sie vor seinem Einzug ins Militär verlassen habe und sie wisse, dass er nicht Polat sei.

Season II

Starring Rosa Kaplan & Polat Kaplan

Frau Kaplan plant, aus Rache für den Tod ihres Sohnes den für Polats Einheit verantwortlichen Oberkommandanten umzubringen. Mit der Waffe machen sie sich auf den Weg, und Polat steigt durch ein Fenster in die Wohnung des Kommandanten ein und erschießt ihn.

Tage später befragt die Polizei auf der Suche nach Hinweisen die Nachbarschaft. Es klopft an der Tür, und statt der Polizei steht der echte Polat vor der Tür. Beide bestehen drauf, dass sie Polat seien, und als die Polizei in der Wohnung eintrifft, nehmen sie den Aufgeflogenen gefangen.


DER SOLDAT

DER SOLDAT HAT EINE WAFFE
Die Wirkung einer Feuerwaffe wird durch das Kaliber, aus der Größe der Treibladung und dem Projektil sowie seinem Gewicht im Verhältnis zur Rohrlänge bestimmt.

DER SOLDAT ERGIEBT SICH NICHT KAMPFLOS
2018: 24 Kriege und 4 bewaffnete Konflikte weltweit.

DER SOLDAT TRIFFT IMMER SEIN ZIEL
„Es ist nicht so wie im Film, wo du deinen Gegner siehst.“ – hat 2017 ein Soldat in der Ukraine zu mir gesagt.

DER SOLDAT KENNT KEINE GNADE
§ 5 Gnadenrecht
Dem Bundespräsidenten steht hinsichtlich des Verlustes der Soldatenrechte und der Rechte aus einem früheren Soldatenverhältnis das Gnadenrecht zu.

DER SOLDAT SPIELT KEINE SPIELE
www.soldatenspiel.de
„Heer, Marine, Luftwaffe? Deine Kameraden warten schon auf Dich. Jetzt zum Dienst antreten!“

DER SOLDAT HÄLT SICH AN DIE REGELN
In Myanmar spricht man nicht über die brutale Unterdrückung der Rohingya. Nicht mit deutschen Touristen. In Yangon ist es, als würde es den Konflikt nicht geben.

DER SOLDAT IST GESUND
Die PTBS tritt in der Regel innerhalb eines halben Jahres nach dem traumatischen Ereignis auf und geht mit unterschiedlichen psychischen und psychosomatischen Symptomen einher.
„PTBS? – so hilft die Bundeswehr.“

DER SOLDAT VERLIERT SEINE STELLUNG NICHT
§ 9 Eid und feierliches Gelöbnis
Berufssoldaten und Soldaten auf Zeit haben folgenden Diensteid zu leisten: “Ich schwöre, der Bundesrepublik Deutschland treu zu dienen und das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen, so wahr mir Gott helfe.”

Polat = Stahl

Rosa = Rose

Kaplan = Tiger

Veta = Leben oder intelligent

Batic = keine eindeutige Herkunft oder Namensbedeutung

Kagan = Herrscher, türk. Kaisertitel

Esra = die Schnellste

Esma = im höchsten Maße

Orloff = Adler

Zana = Schön

Zoran = Stattlich

Polat Kaplan war nach einer Bombenexplosion, die sich gegen 5:30 Uhr am Morgen des 1.1.2007 ereignete, nicht wieder aufzufinden. Er war in der 3. Armee mit Stab an der Grenze zum Kaukasus. Seine Einheit bestand aus fünfzig Männern: vierzig Soldaten, fünf Ärzten, drei Kommandanten und zwei Unterkommandanten. Vierundzwanzig Särge, die nach Hause geschickt wurden, versteckten keine Leiche, weder ein Bein, noch einen Arm von ihm.

Als er nach sechs Monaten immer noch unauffindbar blieb, weder in Schutt, noch unter Trümmern lag und auch sonst nicht zu finden war, einigte man sich darauf, ihn als »vermisst«, aber »wahrscheinlich tot« abzustempeln.

Es gab Tut-Tut-Blasorchester. Hinterher kamen die Soldaten, die Märsche stampften. Die Särge der Gefallenen, man nannte sie Märtyrer, wurden auf vier Schultern getragen. Die Soldaten liefen im Takt ihrer Schritte. Zwischen dem Takt weinten die Mütter mit den Bildern ihrer Söhne im Arm.

Frau Kaplan hat bei der Beerdigung ihres Sohnes nicht geweint.

Frau Kaplan wusste, dass man nicht vor Hunger stirbt, aber vor Durst und dieser Durst war ein Brennen für sie, weil ihr Kind in keinem Sarg lag.

Frau Kaplan lief zum Kommandanten und fragte: Wo ist mein Kind?

Zelle und Kindheit

Das Buch beginnt und schließt mit einem Ich-Erzähler und seinen Folterern.

Der Raum in dem er sich befindet ist kalt, verschlossen, vier x vier Meter. Das einzige Licht fällt anfangs durch ein kleines Fenster. Das reicht um Umrisse zu erkennen. Es gibt einen metallenen Stuhl und einen Tisch. Der Raum füllt sich mit dem Hass gegen den Stuhl und der Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Schicksal. Der Erzähler gibt in diesem Raum, der nach Vergangenheit riecht, alle seine Leben, das Erste und das Erschaffene auf.

Der Raum wird im letzten Kapitel wiederkehren und der Ich-Erzähler wird sich eine neue Identität außerhalb der Zelle wünschen. Das Licht an der Decke wird angeschaltet und er erkennt, dass der Krieg, dem er entfliehen wollte, fünfundzwanzig Jahre lang auf ihn gewartet hat. 

Sein Folterer, der Junge, dem er als Kind das Auge ausstach. 

Die Zelle erinnert den Erzähler, der sich die Identität „des verlorenen Sohns“ angeeignet, an seine Kindheit, den Stall, die Einöde. Sie erinnert ihn an den Baum, das Feuer und die Überreste des Baumes nach dem Brand. Sie erinnert ihn an den Prügelring und seine eigene Überlegenheit gegenüber den anderen Kindern und besonders dem Einäugigen gegenüber. Das Dorf, sein Dorf, liegt zwischen Bergen und „wer sich nicht auskennt geht verloren“. Für ihn gab es dort kein Glaube an Gott, nur den Glauben an die Lügen, die halfen zu überleben.

Es erinnerte ihn an das Haus, das neu gebaut werden musste, an seinen Vater, seine Mutter und seinen Bruder, die dort wohnten. Seine Mutter, die er vergessen hat.

Beide Räume, seine Kindheit und die Zelle verschmelzen zu einer für ihn unmissverständlichen Gewissheit, dass er dort sterben wird. 

Der Einäugige wird während des Romans immer wieder auftauchen wie eine sanfte Ermahnung, er soll nicht vergessen werden. Mit ihm die Erinnerung an die Kindheit, die dem Lesenden zu verstehen gibt, dass es Gründe gab die Heimat zu verlassen, dass es sie heute nicht mehr gibt, die Stadt, die Menschen.

Ein verblassendes Leben und ein Plastikstuhl

Die Wohnung, des Ich-Erzählers ist sporadisch eingerichtet, er verweigert sich jeglichen Komfort. Er versucht unauffällig zu leben. Auffällig ist, dass er sein Appartement haarklein beschreibt, seine Gründe warum er aus seiner Heimat fliehen musste zu diesem Zeitpunkt verschweigt. Wann, welche Information die Lesenden erreicht ist nicht arbiträr. Der Würfel wurde von der Autorin nicht einfach nur geworfen, sondern platziert. 

Der Arbeitsplatz des Ich-Erzählers wird durch den Filter seiner fortwährenden Gleichgültigkeit ebenfalls ausgemalt. Dieses Leben ist ihm nicht wichtig genug um es schön auszuschmücken, sein einziges Bestreben ist die Ruhe und das leise Überleben. 

Nur werden seine Gewohnheiten herausgefordert werden: In Form eines Kunststoffstuhls auf dem eine Frau sitzt. 

Frau Kaplans Orte

Es gibt ihre Wohnung und Polats Zimmer, eingerichtet von ihr. Das Wohnzimmer in dem immer der Fernseher läuft. Es gibt das Arbeitszimmer, das dem Warteraum einer Arztpraxis entspricht und einen Beamer. Es gibt den Friedhof in ihrer Erinnerung und den Friedhof an dem Frau Kaplan den Grabstein entfernen lässt. Es gibt das Skript Taxi in dem ihr Sohn zurückkehrt. In dem sie auf den leeren Sarg ihres Sohnes spuckt, in dem sie mit einer Waffe in die Luft schiesst, in dem ihr Sohn beim Euphrat aufwacht und einen Bären zähmt oder auch nicht. 

Es gibt zehn Jahre verlorene Zeit. Und Durst, der sie am Leben hält. 

Diese Überlappung von Wahrheiten gibt dem Roman eine Vielschichtigkeit und initiiert gleichermaßen Misstrauen bei den Lesenden, die sich entscheiden müssen, welcher Seite sie Glauben schenken.

Frau Batic’s Wohnung

Die Wohnung befindet sich im gleichen Wohnhaus, wie die von Frau Kaplan. Es gibt einen Flur an dem „Polat“ zurückkehren wird und an der Wand entlang zu Boden sinkt, neben seiner Mutter und Frau Batic. Eine Couch in der, der Sitzende einsinkt. Eine Küche, die nur gehört wird, weil Frau Batic, Tee zubereitet. Es ist der Ort an dem der Vergleich zur Familie Orloff, die ebenfalls ihren Sohn im Krieg verloren, hergestellt wird. Wo die Sinnlosigkeit und Zufälligkeit des Krieges, der den einen Sohn zurückkehren und einen anderen sterben lässt, deutlich wird.

  • Ji bo dê û bavê min; bi hezkirin û minetdariyek bêdawî
    Kurdisch: Für meine Eltern; Mit ewiger Liebe und Mitgefühl
  • getrocknete Feigen und der Feigenbaum am Grab (S.121)
  • Orangen (als Zeichen eines bevorstehenden Todes) (S.296)
Bild mit freundlicher Genehmigung von Liv Thastum

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