Rezension Berit Glanz
Berit Glanz: Pixeltänzer

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Berit Glanz: Pixeltänzer

/*Elisabeth, die von allen im Büro nur Beta genannt wird, ist Entwicklerin in einem Berliner Start-Up. Sie ist zuständig für die Qualitätskontrolle von Software, geht auf Spurensuche nach Fehlern in den Codes ihrer Kollegen. Beta verdient gut, hat Freunde, Erfolg auf der Arbeit, doch sie fühlt sich leer. Manchmal stellt sie sich nackt an ihr Fenster, wenn die U-Bahn vorbeifährt, nur um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen:

Doch das Bild der Frau hinter doppeltem Glas bleibt in seinem Kopf hängen und inspiriert ihn zu irgendetwas furchtbar Analogem, das eine greifbare Spur in der Welt hinterlässt. Ich liebe diesen Gedanken.

Ihr Wunsch nach etwas Haptischem ist so groß, dass sie es zu ihrem Hobby gemacht hat, Tiere zu fotografieren und anschließend mit einem 3D-Drucker zu modellieren. Sogar den 8Bit Soundtrack eines alten Videospieles presst sie auf eine selbstgedruckte Vinylplatte.

Erst als sie über die App Dawntastic den Nutzer Toboggan kennenlernt, dessen Profilbild eine merkwürdige, anthropomorphe Maske zeigt, kommt Spannung in Betas leben. Sie versucht Toboggan online wiederzufinden und hinter das Geheimnis der Maske zu kommen.

Eine digitale Schnitzeljagd beginnt: mit GPS-Koordinaten, versteckten Buchkapiteln in Quelltexten, QR Codes und öffentlichen Blogs als Plattform zur Kommunikation. Toboggan erzählt in diesem Zuge Stück für Stück die tragische Geschichte der expressionistischen Künstlerin Lavinia Schulz aus den 20er Jahren, die ihr Leben voll und ganz dem Tanz mit selbstgebauten Ganzkörpermasken widmete und daran schließlich zerbrach.

Die große Leistung in Pixeltänzer, dem Debütroman von Berit Glanz, besteht darin, dass die Autorin das Internet und die Digitalisierung nicht als Hindernis für ihre Geschichte sieht, sondern diese Aspekte stattdessen sehr geschickt in die Handlung einbaut und sogar zu einem integralen Bestandteil ebendieser macht.

Dazu schafft sie in ihrem Roman einen interessanten Hybrid aus erzählender Prosa und Texteinwürfen der Progammier- und Startup-Welt. Kapitelüberschriften sind IT-Begriffe, die das Geschehen einrahmen und strukturieren, hin und wieder bietet vorangestellter Programmiercode sogar Optionen zur Lesart des folgenden Kapitels:

<script>
if
} else if
NOP (6) – No Operation 
(isFlussromantischUeberzeugung)
greeting = “Der Fluss fließt in behäbiger Beständigkeit. Es ist friedlich.“; (isFlussromatischVerwandlung) {
greeting
= “Der Fluss fließt in behäbiger Beständigkeit. 143 Liegestühle.“;
} else {
Greeting = “Der Fluss fließt.“;
}
</script>

Der Roman zeigt das Selbstverständnis einer Unternehmenskultur, die mit Tischkickern und Sushi-Abenden im Büro die hart erkämpften Arbeitsrechte des 20. Jahrhunderts untergräbt und sogar mittels Fischrobotern im hauseigenen Aquarium die Mitarbeiter kontrolliert. Und alle finden das irgendwie cool. Nur Beta nicht, sie nimmt das Ding und schmeißt es kurzerhand in die Spree. Aber darüber hinaus geht sie nicht in die Opposition. In ihrem Leben geht es nicht vor und zurück, sie findet einfach keine Haltung zu sich und der Welt.

Glanz zeichnet diese sinnentleerte Blase der Young Entrepreneurs teils nah am Klischee und sehr lethargisch. Das Weiterlesen fällt auf den ersten hundert Seiten manchmal schwer. Umso so mehr Freude bereiten dann jedoch die Abschnitte, in denen wir in die 20er Jahre mitgenommen werden und von Lavinia Schulz erzählt bekommen, von der Aufbruchsstimmung an der Hamburger Kampfbühne, von den Straßenschlachten zwischen Kommunisten und Nationalisten, von dem Wahnsinn der Weimarer Zeit. Diese Geschichten sind sowohl für die Leser*innen als auch für Beta ein Befreiungsschlag aus ihrer tristen Welt als Junior-Quality-Assurance-Tester.

Der Roman hat einige sprachliche Schwächen. Die Figurensprache und Gedankengänge, insbesondere Betas Blogeinträge, sind recht mechanisch und unverblümt geschrieben. Auch der Roman im Roman, in welchem Toboggan Lavinia Schulz Geschichte schildert, fällt durch teils steife Dialoge und bemühte Vergleiche auf. Doch der Sog der Erzählung wird in der zweiten Hälfte des Romans immer stärker und lässt einen gerne darüber hinwegsehen. Insbesondere die mitreißende Beschreibung des existenziellen Kampfes der Maskentänzerin mit ihrer Kunst und ihren widrigen Lebensumständen ist sehr gelungen.

Es ist ein Leben in Extremen, nach dem sich Beta insgeheim sehnt. Als sie dann jedoch endlich einen kleinen Versuch wagt, aus ihrer Welt auszubrechen, scheitert sie kläglich. Sie bewirbt sich mit zwei Freunden bei einem Hackathon-Wettbewerb und gemeinsam entwickeln sie absichtlich eine maximale nutzlose App; die schließlich den 2. Platz gewinnt. Beta muss feststellen, es gibt in ihrer Welt nichts, was nicht zu vermarkten wäre.

Wir wollten nicht gewinnen, kein Geld bekommen, und trotzdem war die Musca-App erfolgreich. Es ist absurd. Ich weiß immer noch nicht, ob ich traurig sein soll oder wütend.

Und so bleibt man nach der letzten Seite auch ein wenig resigniert und ratlos zurück, wenn Beta zwar an einem etwas spannenderen Projekt arbeitet und nun auch die Geschichte von Lavinia Schulz auserzählt ist, doch die Entwicklung der Protagonistin war eine Horizontale. Kein Aufstieg, kein Fall, nur eine leichte Verschiebung der Parameter. Sie fasst die schmerzliche Ironie ihrer Lebensrealität schließlich zusammen:

Wie vermessen, dass ich etwas Unerwartetes tun will. Was sagt das aus über meine Langeweile? Sollte ich mich schämen, weil andere niemals die Chance bekommen, sich so zu langweilen wie ich? Wahrscheinlich hat sich Lavinia nach all den Dingen gesehnt, die wir gestern, ohne es zu wollen, gewonnen haben: Geld und einen angenehmen Platz zum Arbeiten.

Nicht viel zu beklagen, nicht viel zu verlieren.*/

public static Life () {return null; }
Bild mit freundlicher Genehmigung von Schöffling & Co.
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