Touching Infinite Space
Touching Infinite Space

Touching Infinite Space

Über Möglichkeiten des musikalischen (Frei)Raums

Aufbruch. Umbruch. Umdenken. Neuanfang: Touching Infinite Space. 2020 ist für uns alle das Jahr der Herausforderungen. Sei es auf politischer, sozialer, gesellschaftlich, künstlerischer oder persönlicher Ebene: Wir alle mussten uns Erfahrungen von Begrenzung stellen, aus diesen lernen und mit den vorhandenen Möglichkeiten improvisieren. Das Bier beim Schlendern über die Straße, die Urlaubsreise nach Italien oder der Besuch eines Open-Airs war plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Die meisten Geschäfte wurden geschlossen, Konzerte und Festivals abgesagt und ArbeitnehmerInnen freigestellt.

„Frei“ fühlte es sich allerdings nicht an. Gerade KünstlerInnen, vor allem MusikerInnen, die von Auftritten, Konzerten und einem Publikum leben, mussten sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wie sie in Zukunft Bühnen weiterbespielen können. Wie können gemeinsame Spielräume, ohne ein physisches Miteinander entstehen? Wie kann die Erfahrung von Gemeinsamkeit, eine der wichtigsten in und mit der Musik, so gut wie möglich umgesetzt werden? Mehr denn je müssen wir (nicht nur in der Musik) lernen zu improvisieren und zusammenzuspielen.

Improvisation ist eines der wichtigsten Handwerkzeuge eines Musikers und einer Musikerin. Improvisation erweitert nicht nur den musikalischen Horizont oder das Gespür für den musikalischen Ausdruck, sondern erschafft neue Klangwelten, in denen sich MusikerInnen ausdrücken und begegnen können. Bei dem Improvisieren auf der Bühne oder mit mehreren MusikerInnen ist es wichtig, dass die Kommunikation stimmt, damit es ein Zusammenspiel und nicht ein gegeneinander Anspielen ergibt.

Improvisation ist somit eine musikalische Möglichkeit. Das dachten auch die vier MusikerInnen, Andreas Burckhardt, Clara Däubler, Willie Hanne und Eike Wulfmeier, die das Projekt „Touching Infinite Space“ begründeten. Andreas Burckhardts initialer Impuls bekam er durch das Buch „Effortless Mastery“ von Kenny Werner, das sich mit dem Konzept der „musikalischen Meisterschaft“ und der Improvisation auseinandersetzt.

Das Buch erschien 1996 und erlangte Kultstatus. Kenny Werner ist ein mehrfach ausgezeichneter Jazz-Pianist, der ebenfalls seit 2014 Leiter des „Effortless Mastery Institute“ am Berklee College ist.[1] Werners Begriff der Meisterschaft beschreibt viel mehr einen praktischen und intuitiven Zugang zur Musik, als ein außergewöhnliches theoretisches Handwerk oder eine „Virtuosität“.

Er gibt den KünstlerInnen auf der Reise zum Erreichen ihrer Meisterschaft, spirituellen Grundpraktiken (Meditation, Achtsamkeitstraining) mit an die Hand, die sie dabei unterstützen sollen. Am meisten interessierte den Jazzmusiker Andreas Burckhardt das Konzept des „Spaces“, den Werner als einen nichtgreifbaren Ort beschreibt, aus dem heraus MusikerInnen frei und im „flow“ mit anderen spielen, improvisieren und sich musikalisch begegnen können. [2]

 „Space“ ist ein imaginierter, gemeinsam gedanklich angestrebter musikalischer Raum, dessen Möglichkeiten die vier MusikerInnen, Jazzsaxophonist Andreas Burckhardt, Pianist Eike Wulfmeier, Bassistin Clara Däubler und Schlagzeuger Willi Hanne, zusammen bilden sie das Quartett „Spaces“,  durch das Experiment „Touching Infinite Space“ erkunden wollen.

Die Idee war es, die Grenzen und Möglichkeiten eines „Spaces“ nach Kenny Werner in einer Zeit zu ermöglichen, in der Live-Performances nicht möglich sind.

Das Quartett verabredete sich über fünf Wochen jeden Tag um 19 Uhr, um in ihren jeweiligen Wohnungen für maximal 5 Minuten zeitgleich zu improvisieren und diese Improvisation aufzunehmen. Bis auf einen Ton, der als Startsignal für die eigene Improvisation erklingen sollte und einZeitlimit, gab es keine Absprachen. Die MusikerInnen konnten sich weder sehen, hören oder anders verständigen.

Die entstandenen Aufnahmen wurden im Nachhinein von Eike Wulfmeier übereinander gelegt. Das Entstehen eines „Spaces“ passierte somit auf zwei Arten: Erstens durch das Kreieren einer einzigen Datei aus vier improvisierten Aufnahmen und zweitens, durch das gedankliche Fokussieren der MusikerInnen auf das Gemeinsame, während sie spielen.

Tatsächlich machte die physische Abwesenheit keinen Unterschied: Die entstandenen Aufnahmen hören sich für den Hörer, die Hörerin, so an, als hätten die vier MusikerInnen gemeinsam in einem Raum gespielt, improvisiert und miteinander kommunizieren können. Teilweise kam es vor, dass gleiche Pattern, Akkorde und Tonarten aufgegriffen wurden, ohne dass eine Absprache oder eine Andeutung möglich gewesen wäre.

Da die vier MusikerInnen sich schon lange kennen und des Öfteren miteinander gespielt haben, wollten die vier MusikerInnen die Theorie des musikalischen „Space“ mit anderen MusikerInnen austesten, mit denen sie noch nie gespielt hatten, um zu überprüfen, ob das Gemeinsame auf den Glauben an den musikalischen Raum oder auf die Bekanntschaft zurückzuführen ist.

Gastspieler waren unteranderem Posaunist Jannig Trumann, New Yokerer Bassklarinettist Christof Knoche, Trompeter Markus Stockhausen, Gitarrist Kalle Kalima, Tubist Carl-Ludwig Hübsch und aus Frankreich Klarinettistin und Sängerin Isabelle Dutoit. Auch dort ereignete sich die Magie (oder der Zufall): Ohne Kommunikation oder weitere Absprachen, entstanden Aufnahmen, die sich so anhören, als wäre sie im Vorfeld komponiert oder dirigiert gewesen.

Die Überlegung, dass ein musikalischer „Space“ unter Musikern nicht darauf begrenzt ist, miteinander auf einer Bühne zu stehen, scheint das Experiment ebenfalls zu bestätigen. Alleine der Gedanke an das gemeinsame Spielen miteinander, führte dazu, dass die MusikerInnen sich in einem geteilten „Space“ befanden, der ein im wahrsten Sinne des Wortes achtsames Zusammenspiel ermöglicht.

Das Besondere an diesem Experiment, sind die verschiedenen Ebenen, auf denen es stattfindet: Es zeigt, dass Verbindung oder Verbundenheit wenig mit physischer Nähe zu tun hat und dadurch nicht begrenzt sein muss. Ebenso bestätigt es, dass die Idee Werners des kreativen „Spaces“ ein wichtiger Faktor ist, wenn es um musikalische Improvisation geht.

Das Experiment zeigt sich vor allem als Schnittpunkt zwischen einer gedanklichen und musikalischen Praxis: Die Vorstellung und der Glaube, an ein gemeinsames Zusammenspiel ist entscheidend für MusikerInnen und HörerInnen. Es entscheidet über Kohärenz oder nicht, Zufall oder Magie: Je nachdem ob man an einen gemeinsamen „Space“ glaubt oder nicht, entsteht ein zusammenhängender Höreindruck oder vier Stimmen, die aneinander vorbei spielen.

Damit ist die Ausrichtung für HörerIn und MusikerIn entscheidend. Eine Aufnahme und ein Experiment mit „self-fulfilling prophecy“ Charakter sozusagen. Das Experiment „Touching Infinite Space“, zeigt dass (kreative) Freiräume nicht in Abgrenzung von oder zu etwas entstehen, sondern in Gedanken an ein musikalisches Miteinander überall entstehen können.


SPACES

Andreas Burckhardt – Saxophone

Eike Wulfmeier – Piano

Clara Däubler – Bass

Willi Hanne – Drums


1 Locked Times Open Spaces     01.04.2020    19:00 Uhr


2 ohne Titel                                      03.04.20        19:00 Uhr


3 ohne Titel                                     03.04.20        19:03 Uhr


4 Bergbau Einsamkeit                    31.03.20        19:00 Uhr


5 ohne Titel                                      28.04.20        19:04 Uhr        

mit Christof Knoche – Bassklarinette


[1] https://www.berklee.edu/focused/effortless-mastery-institute

[2] Vgl. Kenny Werner, „Effortless Mastery: Liberating the Master Musician Within”. Aufgerufen am 24.07.2020 unter https://kennywerner.com/effortless-mastery.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Wille Hanne
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