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© Guido Graf

Wir sind Glas

Glätte und Reibung 13

Metaphern ohne Syntax darf es eigentlich nicht geben. Würde ich jedenfalls untersagen. Für die Praxis. Das Spiel, das Fersenblut, das Fernsehblut, der Koch, der sich vergeht (wohin sonst): all das kommt ohne Syntax nicht aus. Metaphern sind wie Netze (Kraken vielleicht), die sich selbst fangen, das aber natürlich nie zu Ende führen wollen und sich stattdessen lieber erweitern, fortknüpfen, sich in andere, weitere, neue Metaphern verwandeln, die man auch Texte nennen kann. Das ist so viel.

Alle müssen sterben. Wir sind Glas. Wir sterben nie. Birken jetzt, Faltgras bis zum Knie, Brombeeren, Girsch, Eichen und Kiefern. Meliert der Beton, eine spröde Brücke über den Feldweg. Pferdewagen sind da durchgefahren, um die Heufuder zu holen. Die gefleckten Kühe natürlich konnte man sehen. Genau wie heute. Sie stehen da im Schatten, im Halbkreis um den Trog, verharren in Erwartung des Gewitters, das gerade aufzieht überm Ochsenmoor. Das weiss sie noch. Zweimal war sie dort. Von hier oben kann sie die Baumreihen sehen. Nichts hat sich verändert.

Alle Jahre bricht der Wind sich Bahn. Aus diesem Sand wächst nichts hoch hinaus. Zweimal. Zu Fuss und dann noch einmal mitgefahren auf der Fahrradstange. Das ist wie zuhause. Hier kann man sich verlieren. Kein Horizont, der einen erwartet. Zweimal und jedesmal hat sie von hier hinüber geschaut. Genau von dieser Stelle aus. Durch einen Spalt in der Wagentür. Der Zug fuhr nie schnell. Höllnwald.

Wer stirbt, um jemand gewesen zu sein, aber nicht dazugehören kann, wenn mit uns zu leben Trost genug ist und jemand mit dir singt: Woher willst du das wissen? Wenn zu kommen mein Wunsch wäre, wie könnte ich je wieder gehen?

Das Singen, sagt sie, das hat sie immer gemocht, wenn alle so gesungen haben, eigentlich war doch niemandem nach Singen zumute, sagt sie, und es gab falsche Lieder, die so wirksam waren wie Gift, von dem niemand weiß, weil es keine Farbe hat.

Also mussten sie aufpassen, wenn sie sangen, dass sie nicht aus Versehen in die falschen Lieder rutschten, sonst wären sie am Gift eingegangen, aber das geschah ja dann sowieso, sagt sie und zuckt mit den Schultern, also wäre es doch eigentlich egal gewesen, was wir sangen, aber wir sahen uns vor, wir wählten mit Bedacht, was wir sangen, wir brachen niemals einfach so in Gesang aus, sondern einer fiel zurück, schaute vor sich hin, dann hörten wir es von hinten, während wir weiter vorangingen, denn es war nicht erlaubt, stehenzubleiben, und wir wollten es auch nicht, weil wir sonst nicht hätten weitergehen können.

Jedenfalls hörten wir ein Summen, wir drehten uns nicht um, warteten nur, bis wir die Melodie erkannten, einer erkannte sie immer, manche hielten die Hände um die Ohren wie Trichter, um besser zu hören. Dann fingen wir an zu singen, sagt sie, erst leise, dann etwas lauter, nie allzu laut, aber laut genug, um es während des Gehens zwischen den Rippen, in der Kehle und in der Stirn zu spüren, das eigene Singen und das der anderen, das hat sie gemocht, auch wenn es niemals Rückschlüsse zuließ.

Wie sie das meint? Sie meint damit, sagt sie, dass die, die da so sangen, sich hinterher zwar zunickten, aber dann gleich vergaßen, sie kannten sich in dem Moment nicht mehr, in dem sie ankamen und auseinandergingen, denn ja, sie hatten gesungen, das kann man mögen, aber mehr auch nicht, sagt sie und lächelt.

Im Kern, was will das Ende sagen, Fragen lösen Proben, Schuß und drosseln Stellen, Schrankfische, lappen Reihen von Stocken und Puppen, im Stehturm gern, Buchsäcke irrn, friesen, Augustinventar, Groschen in Mohn, flanken in Ringen im Stirnstecken hier, eine brühende Formel, schalt längs den Wassersand, nur Schichten stempeln, wo der Wickel wartet auf ein Bild, eine Wurmspalte später, was noch?

Na ja, die Winkellampe schiebt und rätselt, was die Wand und gerissen die Bank, eine Ziegenquadratur, rechne mit Platten und das sollte klappen, strampelt den Schlaf und Kugeleimer, Atlastuch vor der Brust, warm ist es da, die Enge in Scheiben, der Schlafmeister kappt die Stangen, die fallen, kübeln, bohren Fingerbäume, einfache Sätze wie Pumpen, verstärken Gelenke, die Enge nun sortiert, ein flüssiger Handlauf, ein ganzer Schlund, im Spiegel, oben und unten, Zwiebelgesicht in Hauben und Fächern, ein Ball im Schlaf.

Ganz mal halb. Dividiert durch Gummi und Masse. Wer ist die Klügste? Immer die, die fragt. Mais minus Melone. Gift ist gleich Katze. Dreimal in den Wassersand gerechnet. Und wer nicht aufpasst, kommt in den Fingerling.

Können wir noch spielen?

Nur, was sich ohnehin nie erraten läßt, hält, was es verspricht. Das ist ein Spiel, das hoffentlich nie aufhört, dessen Ziel allein ist, einen Faden zu spinnen, der sich windet und wendet und wickelt, ohne je an ein Ende zu kommen. Ein leichtes, kindermurmellautes Sprachspiel, in dem wir spazieren durch eine Riesenwelt, zwar einst von den großen Leuten gemacht, doch hier spielen sie gerade mal keine Rolle.

Wir staunen uns mit aller Selbstverständlichkeit durch eine Welt, in der alles einzigartig ist und wie gleichzeitig da. Der Faden führt uns durch Tag und Nacht, umwickelt Dinge, von denen aber nur interessant ist, was sich alles darunter findet, alles wie zum ersten Mal. Diese Träume sind hell und voller Zutrauen, in eine Bühne, auf der alles möglich ist: telephonierende Frösche, Pinguine und Schnecken auf Leitern, eine kleine dunkelnasse Wolke, mit dem Lasso gefangen, als Gießkannenersatz, beflügelte Zahnbürsten, warum nicht.

„Meins ist groß und Deins ist grün / Meins kann ich am Faden ziehn // Deins lässt sich nicht gerne finden / Meins kann ich zusammenbinden // Deins ist jeden Abend still / Meins kommt wieder, wenn ich’s will. / Deins kann seinen Namen schreiben / Meins soll mein Geheimnis bleiben.“

(Peter Geißler)

Es war kaum etwas, der unwahrscheinlichste Weg. Kaum, kaum. Mir kam der Gedanke, dass dieser Weg wegen des Kindes, dieses einen Kindes kaum ein Weg war. Das Kind war hungrig, bis wir es fütterten. Wir haben es bestäubt. Kaum jedenfalls. Ein Dünger, Kraft, um Dinge zu bauen.

Am Ende war es der unwahrscheinlichste Weg, wie aus Gummi, das wir dem Kind zeigen mussten, wie man es kaut. Wie man sich wohlfühlt. Wie unwohl. Das Kind will keine ewige Nächstenliebe und wir geben sie ihm nicht. Wir helfen ihm nur, bis es auf eigenen Beinen stehen kann. Eine neuartige Idee. Deshalb kam mir der Gedanke, dass dieser besondere Weg kaum ein Weg war, der unwahrscheinlichste aller Wege.

Mein Vater war während des Weges kaum er selbst, dann wurde ich in einer Zeit geboren, die es kaum gab, und deshalb existierte ich kaum ohne den Staub. Schönheit ist Vergnügen, das als Qualität einer Sache angesehen wird. Ich habe einen Schrank aus Papier mit echten Papierkleidern. Kaum geboren zu werden, kaum nach dem unwahrscheinlichsten Weg. Ich gehe immer noch vorwärts. Das sind wir. Das ist das Bild. Das ist der Weg.

Reality had always been something of an unknown quantity to me. At times this could be disturbing. Now, for instance, I had visited the girl and her husband before, and kept a vivid recollection of the peaceful, prosperous-looking countryside round their home. But this memory was rapidly fading, losing its reality, becoming increasingly unconvincing and indistinct, as I passed no one on the road, never came to a village, saw no lights anywhere. The sky was black, blacker untended hedges towering against it; and when the headlights occasionally showed roadside buildings, these too were always black, apparently uninhabited and more or less in ruins. It was just as if the entire district had been laid waste during my absence.

(Anne Kavan, Ice)
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© Guido Graf

Wenn mein Vater noch lebte, so zöge ich jetzt die Papierkleider an. Es ist Morgen. Wir wurden abgestaubt, während Schönheit als die Qualität einer Sache angesehen wurde. Erinnerst du dich, wie du diesen Tag begonnen hast? Wie hast du diesen Morgen verbracht? Wehe bist du. Tannenzapfen fallen jeden Tag. Warum scheitern wir also?

Mein Vater hörte, lebte er noch, das Geräusch. Aber würde ihm nicht folgen. Immerhin war es kaum ein Weg. Mein Vater verpasste die Gelegenheit, das mit seiner Kamera festzuhalten. Immerhin war es kaum ein Weg, der unwahrscheinlichste Weg. Und es stellt sich heraus, dass eins besser ist als das andere. Daher immer noch vorwärts.

Schönheit ist Vergnügen, das unter dem Gesichtspunkt von allem, was groß und schön ist, auf die höchstmögliche Weise als die Qualität einer Sache angesehen wird, und warum dies so ist, hat nichts mit Wegen und Flüssen und noch mehr Flüssen zu tun. Und Wegen. Wie kalt wird es? Ich bin der kalte Messingaffe.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen
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