Nähe und Widerstand
© Guido Graf

Nähe und Widerstand

Glätte und Reibung 9

Die kleinen Buchstaben da auf dem Screen scheinen freundlich zu sein und sagen: zusammen sein, ja, das ist gut. Das ist ein Widerstand. Seid nicht gleich, nicht genauso wie die anderen. Ihr seid in einem Raum, in dem niemand jemals den Schmerz der Einsamkeit erleiden muss, in dem Freundschaft, Sex und Liebe nie mehr als einen Klick entfernt sind und der Unterschied eine Quelle für Glanz ist und nicht für Scham. Das Versprechen heißt: Kontakt. Ein Gegenmittel gegen die Einsamkeit. Uns Fremden ist es möglich, Beziehungen entlang gemeinsamer Interessen aufzubauen, egal wie schüchtern oder isoliert wir sein mögen.

Nähe, nicht Intimität. Der Zugang allein reicht nicht aus, um das Gewicht der inneren Isolation zu zerstreuen. Einsamkeit ist Sehen und Gesehen werden. Hochempfindlich gegenüber Ablehnung, überall Verachtung. Dagegen soll Kontrolle wirken. Wir können nach etwas greifen und uns gleichzeitig verstecken. Wir können lauern und uns zeigen. Das Angesicht ist hinter einer schützenden, aber nie und nichts heilenden Membran. Ein wächserner Spiegel, der in die Seele springt und alles stiehlt, was uns zu nahe gekommen ist, der einen niemals gleichen Knacks hat, wenn alles ruhig ist und nichts frei. Wäre Sprache wie ein Spiegel, sähen wir, wie wir sind und wie wir nicht zu den Dingen zurückkehren, nicht zusammenfallen mit ihnen, zugunsten von etwas Unbeschreiblichem, eine unaussprechliche Qual auszulöschen.

Sobald wir sprechen, werden wir von den Dingen getrennt, und was wir sagen, übertönt ihr leises Murmeln, in dem sie nichts sagen. Dieses Sprechen ist nur eine unerklärliche Schwäche, eine gewisse Stille in Worte zu fassen, eine absurde Anstrengung, die mit jeder Stille neu beginnt. Wir verstehen nur am Ende. Wir sehen Bewegung nur, wo sie endet.

Jeder Satz ist eine Falte und die Dinge sprechen uns nur von der Seite in einem Widerstand an, nicht das Angesicht, sondern wie endogene Komplizen, die mir eine Haltungsinfusion geben, um wie ein Stück dieser Welt erscheinen zu können. Ein Nehmen und ein Nehmen, der Halt wird gehalten, schreibt sich ein in das, was er ergreift. Was mich hält, installiert sich nicht in der Rückseite des Sichtbaren. Alles ist hier.

Es ist, als meinten wir, das vorhandene Universum sei ein
schlimmes Durcheinander. Als hätten wir es viel besser realisieren
können, wenn wir nur von Anfang an mitgemacht hätten.
Aber obwohl wir so spät gekommen sind, werden wir schon zeigen,
daß wir Ordnung in die Sache kriegen können.
Aber wir vergessen, daß die Macht, die wir uns selbst vergeben,
das religiöse Echo des Todes ist.

Wir leben im Todesaufschub1Und müssen das immer wiederholen. Der Vergangenheit können wir nichts hinzufügen und, was kommt, erfüllt uns mit Misstrauen. Also folge ich mit allem, was ich habe, blind der Gegenwart und entwickle, was zunächst verworren scheint, häufe an, entfalte, um in diesen Falten etwas wie Dauer zu entdecken.
Wir sehen davon ab, daß wir sterben müssen. Da wir von
vornherein gesetzt haben, daß die Erde ein unfertiges Durcheinander
ist, können wir auch nicht, wenn wir sterben, in Gemütsruhe
und Ordnung zu ihr zurückkommen.
Durch diese Umbuchungen an der göttlichen Abrechnung haben
wir uns selbst unsere letzte Ruhestätte genommen. Aber
nicht ohne zugleich Rache zu nehmen, gerade an uns selbst.

(Inger Christensen)

Es gibt das Plötzliche und die Geister und zusammen setzen sie uns als Leser dieser Dichtung in Aufruhr. Denn es sind nicht die Geister, die wir gerufen haben und die wir nicht übersetzen können, sondern die Geister, die wir vernehmen, die uns als Resonanz vibrieren lassen und die uns diskursivieren. Das Wir und das Ich dieser Dichtung sind Geräusch, ein Rauschen, ein Widerstand. Wir finden es nur mit einem Oszillographen. Ob es je Text werden kann, ist fraglich.

Nicht mal sicher ist, ob es gesprochen wurde oder gesungen. Wenn wir dann etwas lesen können, wird es vermutlich das Ergebnis der Spracherkennungssoftware sein, die, basierend auf einem unendlich großen Speicher, die freie Rede transformiert, das große Labern, das Gewirr der Stimmen, der eigenen wie der fremden, aus der Nachbarwohnung, über Youtube oder Smartphone, das Wispern am Himmel, das wir uns immer nur vorgestellt haben.

Das Große Gemurmel

Ich gehe abends mit den Hunden eine Runde. Es dämmert, ein präziser Halbmond steht schon am Himmel. Hinter einer Hecke höre ich Stimmen und bleibe stehen. Ich will niemanden stören. Flaschenklirren, Lachen. Dann reden sie weiter. 

  • Was hast du noch nie gemacht?
  • Noch nie? Ich hab alles schon mal gemacht.
  • Also, ich hab noch nie etwas aus einem Laden geklaut.

Gelächter.

  • Und mich hat noch nie jemand gefragt, ob ich Drogen verkaufe.
  • Ich war noch nie über Nacht in der Klinik.
  • Ich habe noch nie soviel gegessen, dass ich kotzen musste.
  • Ich habe noch nie dreckige Kleider angezogen.
  • Und ich habe noch nie einen rassistischen Witz gemacht.
  • Du hast überhaupt noch nie einen guten Witz gemacht.

Gelächter.

  • Ich war noch nie auf einer Beerdigung.

Schweigen.

  • Kommt, wir müssen noch zum Rewe, der hat noch auf.

Was hat es eigentlich mit diesem “und” auf sich? Was ist in einem “und”? Was war da noch nie enthalten? Nichts, was glatt vorbei geht, nichts, woran ich mich reibe. Ist das “und” ein Name? Was ist in in diesem Namen? Was folgt? Wie kann man einen solchen Satz aussetzen? Wir sind mit diesem “und” so vielen gefährlichen Verbindungen ausgesetzt, in denen es klirrt und lacht und immer weiter redet und und sagt und  alle Arten von Entbindungen zulässt. Und nichts ist allein und getrennt, als etwas, das weniger wäre, denkbar.

Aber erst in der Verbindung erkenne ich doch das einzelne Ding. Ich allein ist alles.  Ich und du – das sind zwei einzelne, verbunden, aber getrennt.

Es kommt immer ein und, ein und so weiter, usw. Das Und wird immer dazu gehören, zusammen mit etwas anderem und dem, was folgt.

Und? kann auch allein. Und – sagt jemand, die ich kenne, in die Stille hinein. Stille und. Nichts und. ‘Und’ verspricht uns, dass es weitergeht.

Ich setze ein “und” der Assoziation und Dissoziation ins Herz von Glätte und Reibung, in die Teilung eines Selbst in jedem dieser Konzepte. Ich interessiere mich nur für diese Trennung: für das Schreiben und das Schreiben, die Freundschaft und die Freundschaft, Vergebung und Vergebung, Glätte und Glätte, Reibung und Reibung. Jedes Mal gibt es eine Hyperbel, um sich an diese Unentschlossenheit und diese Doppelbindung zwischen Glätte und Reibung zu erinnern und darüber zu entscheiden: Es gibt das und das, was darauf hinausläuft, das eine ohne das andere zu denken,

…ja, nur so ist es denkbar…

wir werden auf dieses Gesetz zurückkommen; außerdem bedeutet binden eine Bindung, eine Konjunktion wie “und”. Eine Doppelbindung hat immer die Form einer Doppelverpflichtung: und … und. Das ist keine Ordnung, nichts, womit wir uns zufrieden geben könnten. Das ist ein Widerstand, ein Syncategorem, das sich in die Konjunktion einpflanzt. Neben dem und des Titels unterscheiden sich Wörter und Dinge von allem, was zwischen ihnen nur Wörter oder zwischen ihnen nur Dinge assoziieren würde. Zwischen Wörtern und Dingen kann es keine homogene Verbindung geben, keine einfache Aufzählung oder Hinzufügung.

Es könnte Wörter geben 
die aus sich heraustreten
als Realitäten

(Inger Christensen)

Die Kälte der Glätte, die Wärme der Reibung nehmen wir an, sie geben uns nichts. Das “und” schützt sie, voreinander, füreinander. Die Glätte anzunehmen, außer sie entstanden durch Reibung, oder die Reibung anzunehmen ohne die Glätte berücksichtigt konjunktive Präpositionen, die uns nicht zulässig erschienen, es sei denn, jede ihrer diskreten Einheiten könnte berücksichtigt werden.

Dann sind sie wie Bäume und ein Gefühl und eine Qualität von Rot und Mond und dir und mir, von jedem Atemzug, der unterdrückt wird, wenn das “und” genau dieser Druck ist, minutenlang, endlos und quälend, und niemand kann helfen, weil die eigene Angst vor diesem Druck, der nicht mehr atmen lässt, immer noch größer ist. Die Grenze dieses “und” ist für uns die nackte Unmöglichkeit, das zu denken, der Abgrund im Herzen der Dinge, und zugleich ein “et cetera” für Nähe und Widerstand, das alles in seinem Abgrund verschluckt, das jede Identität zu verschlingen droht.

Das eine und oder das andere ist nicht unmöglich zu entscheiden. Das “und” messen wir an diesem doppelten Alleinsein der Atemlosigkeit, an der Einsamkeit und der Singularität, an der Isolation, in die wir Hollow Men uns graben, entbunden von allen Berichten, die nichts mehr voraussetzen, als gäbe es keinen Kontext, als sei so ein Knie opak.

Wir denken sowieso mit dem Knie.

(Joseph Beuys)

Und was kann ich dazu mehr noch sagen, was ich nicht voraussetzen müsste? Wie kann man ohne “und” sprechen und schreiben? Eine Dichte ohne und. Alles und nichts. Was sind die Grenzen solcher Grammatik aus Glätte und Reibung

Glättereibunglätter
Eine radikale Verdichtung verkantet sich in sich selbst. Wir brauchen Scharniere, 
Gelenke, Pausen, in denen wir zögern, atmen, zaudern.

mit einem “und” als negativer Form?

Ich tue so, als wäre es möglich, als Person ein wenig zurückzutreten und die Sprache sozusagen von außen zu überwachen, so als hätte ich sie selber nie benutzt.

Ich tue also so, als hätten die Sprache und die Welt ihre eigenen Verbindungen. Als hätten die Wörter, unabhängig von mir, direkte Berührung mit den Phänomenen, auf die sie verweisen. So daß es der Welt möglich wird, Sinn in sich selbst zu finden.

(Inger Christensen)

Wir werden uns wiedersehen in Nähe und Widerstand und die Schuld aufbringen. Wir werden uns einen fremden Schmerz zuschreiben. Wir werden alles übersetzen. Wir werden uns fragen, wer spricht. Wir werden passive Identitäten bilden. Wir werden uns wenden und wenden.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen
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