Im Wintersemester 2022/23 fand im Literaturinstitut Hildesheim das Seminar ›Slow Reading Club‹ bei Annette Pehnt und Guido Graf statt.

Wir lasen gemeinsam Texte und sprachen darüber. Schwierige Texte, die vielleicht gar nicht so schwierig sind, und Texte, die bei weitem komplexer sind als es zunächst scheint.

»Wir werden verwundet durch das, was wir sehen«

Tocotronic

und je näher wir hinschauten, desto fremder schaute es zurück. Wir nahmen uns Zeit für diese Lektüren und Gespräche, so lange, bis wir weiter gehen konnten, zum nächsten Text. Und wir schrieben über das, was wir lasen, kontinuierlich, immer mit dem Finger an der Zeile.

In der Einführungssitzung des Seminars lasen wir ›Lesen und Schreiben‹ von Hans-Jost Frey, ›Poesie und Wiederholung‹ von Urs Engeler und Gedichte von Rainer Maria Rilke.

»Ich lese nicht, um zu verstehen, sondern um zu lesen – wenn ich etwas verstehe, ist das ein Anlass, misstrauisch zu werden, zu hinterfragen.«

Guido Graf

Charlotte Palatzky

Klein Blum (demo cracea)                                          Ode an mögliche Freunde 

Die democracea ist eine Blum,
 die nicht mehr sich entwickeln soll,
 die endlich sich nur zeigen soll. 
 Darin Sehnsucht, Gefahr.                                           (betreten            feuertrunken)
 Es gibt rebellisch-öffnendes,                                    (Eines Freundes Freund zu sein)
 es gibt Radikalisierung,                                               (Untergang der Lügenbrut!)
 es gibt Leute, die suchen                                           (Es gibt Menschen, es gibt Freunde, aber meistens
 das eine, die machen das andere.                          sind es Leute, sagt Nino)
 
 Vielleicht ist alles gerade die Frage                        Was bedeutet das für uns?

Die democracea, der kleine Organismus –
 Was ist gut, was schlecht?
 Die bebt ja.
 Blüht, schlägt Wurzeln, zerfällt, wächst, öffnet, keimt.

Ich in Angst vor dem Blum.                                         (Gefüge hat man mal gebaut, heute hat man      was)
 Am schönsten ist ein Blum, das blüht.                 
 Ich pflücke es dann jedenfalls,
 wenn es so reif ist,
 weil man pflückt,
 Revolten pflücken,                                                        (der Winter, den Frühling)                         
 habe es in meiner Verhandwortung                      (Wir)
 umgebracht.                                                                    (Wir?)

Den kleinen Blum, der nur jetzt schön ist,            (Deine Zauber                   binden wieder)
 wo er gleich zerfällt?                                                    (Was der Mode                Schwert geteilt)
 

Der blüht, schlägt Wurzeln, wächst, öffnet, zerfällt, symbiotisiert sich, auch im Bauch einer Fähe, wird was anderes, war’s schon immer.

Bin ich der Blum jetzt,
 der Blum in meiner Hand,
 oder ein Gegenteil?
 Ertrag‘s nicht,
 wie seine Fingerchen sich krümmen,
 unter meinen Fittichen,
 werd wohl zur Bloom werden müssen.                                Seid umschlungen, Millionen! Freude, Freude.

                                                                                              (Sanft)

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Chiara Bovio

Mein Kopf ist ganz dick. Ich grabe Furchen in ihn hinein, fahre die Stellen nach, die früher oder später von Falten überzogen sein werden, oder es schon sind. Der Druck meiner beiden Daumen imprägniert die Haut, die spannt. Meine Augenbrauenknochen treten heraus, sie sind geschwollen und tropfen herunter. Hinten, im Kopf, da sitzt ein schweres Bügeleisen. Aus Eisen. Es glättet die Falten im Gehirn, die ich zum Denken brauche, es erschwert das Denken. Und hinter meinen Augen beginnt es sich mit Sand zu füllen, sollte ich sie schließen und danach wieder öffnen können, wird etwas Sand heraustreten aus meinen Sandsteinhöhlen und herunter rieseln, vielleicht fühlt sich mein Kopf dann nicht mehr ganz so dick an, dafür wird sich ein kleiner Haufen bilden auf dem Tisch, an dem ich sitze, und man wird sich fragen, wo dieser Sand herkomme, und ich könnte vor lauter Angst, es würde mehr Sand heraus kullern, die Augen nicht mehr öffnen und dann säße ich da mit einem Haufen Sand und zusammengekniffenen Augen und man wüsste nicht wohin mit mir und dem ganzen Sand. Dafür wäre der Kopf dann leer, deshalb auch nicht mehr dick, nur eine Staubschicht würde über allem hängen und ich würde mich mitten in den Haufen legen und einschlafen.

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Dennis Brock

Heute ist die Demokratie gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiß es nicht. Ich habe ein Telegramm von der Heimat bekommen: Demokratie verstorben. Beisetzung morgen. Hochachtungsvoll. Das will nichts heißen. Es war vielleicht gestern. Ich erinnere mich noch, dass ich Hamlet danach gefragt habe, was er davon hielte, und der zuckte nur lässig mit den Schultern und sagte, dann ist das halt so, da könne man wohl nichts mehr machen. Natürlich störte mich dabei vor allem, wie er mit dieser selbstverständlichen Lässigkeit darüber sprach, aber ich wusste selbst jetzt auch nicht so genau, wie man damit umgehen sollte, deshalb sagte ich nichts und zuckte ebenfalls mit den Schultern. Eine Weile starrten wir so ins Leere, ohne auch nur den Hauch von irgendetwas zu erkennen, bis Hamlet beiläufig meinte, vielleicht sollte man mal den Fernseher einschalten und erst da fiel mir auf, dass wir die ganze Zeit auf den schwarzen Bildschirm gestarrt hatten und weil ich keine Reaktion gezeigt habe, hat er den Satz dann nochmal gesagt, genau in der gleichen monotonen Betonung wie zuvor, ohne irgendeine Absicht dahinter und wie er das sagte, merkte ich, dass er meinte, ich solle mal den Fernseher einschalten und das tat ich dann auch, weil man bei Hamlet nie so ganz wusste, wie es ansonsten weitergehen würde. Hamlet heißt eigentlich gar nicht Hamlet, also mit echtem Namen meine ich, aber wenn dich deine Eltern im 21. Jahrhundert noch Helmut nennen, dann bist du gefickt und hast wohl keine andere Wahl, als dir einen neuen Namen zu geben, und das hat er dann auch getan, aber wieso der Name unbedingt aus dem ersten Theaterstück stammen musste, das wir mit der Schulklasse besucht hatten, war mir bis heute schleierhaft geblieben. Jedenfalls habe ich dann den Fernseher eingeschaltet und da lief so irgendeine Sondersendung zu irgendetwas, was genau ließ sich so aus dem Satzzusammenhang nicht erschließen, Hamlet meinte lapidar, also so aus dem Bauch heraus, oder wie man das so sagen würde, vielleicht brennt da wieder irgend so ein Busch, aber ich war mir da nicht so sicher, aber bevor sich das verifizieren ließ,

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Kai Simanski

Ketten mit Steinchen

Im Moment habe ich mir das Schwarz geklaut, aber ich gehe nicht davon aus, es lange behalten zu können, wo es doch so eine grundlegende Farbe ist.

Was Engeler beschreibt, kann man sich bildhaft als Kette vorstellen, an der mehrere Steinchen befestigt sind. Die Kette liegt gerade, zu voller Länge ausgebreitet, alle Steinchen untereinander. Ihre Positionen abhängig vom Ausgangszustand repräsentieren ihre Behandlung im Rahmen eines Verstehensprozesses. Wenn man eine der Spuren verfolgt und dabei die im Text implizierte Methode des Verstehens anwendet, deren Endpunkt eine eindeutige Erkenntnis ist, beginnt man, eines der Steinchen zu verschieben; die jeweils im Fokus liegende Spur zu verfolgen. Zugleich zieht man dabei am Rest der Kette. Je weiter man sein Steinchen vom Ausgangspunkt entfernt, desto stärker wird das ursprüngliche Bild verzerrt. Die Kette verlässt dabei den Zustand des ursprünglich einheitlichen Potenzials zur Verfolgung aller Spuren; der gleichmäßigen Positionierung aller Steinchen. Dabei verschieben sich (1) die bewusst bewegten Steinchen als auch (2) die passiv gezogenen. Das dabei entstehende Bild ist eine der Möglichkeiten des Verstehens. Aber keines der durch diese Methode entstehenden Bilder ist in der Lage, alle Möglichkeiten abzubilden.

Dieses Bild hat Schwächen. 

1. Ist die Zahl der Steinchen, ›Spuren‹, zu beziffern? Nein, entscheidend ist ihre Mehrzahl und nicht ihre Bezifferung bis zur Unendlichkeit (theoretisch sind 2 genug).

2. Was ist damit, alles zu verschieben? Wenn das Ganze in der Ausgangsposition liegt, könnte die Ausgangsposition insgesamt verschoben werden. Auf der Erde definieren wir Richtungen anhand arbiträrer Umstände: ›Oben‹ und ›Unten‹ basieren auf der Schwerkraft, die Himmelsrichtungen auf dem Erdmagnetismus. Im leeren Raum gibt es keine klaren Anhaltspunkte; sie müssen gewählt werden. So gesehen ist bei einer exakten Verschiebung des gesamten Konstrukts eine solche gar nicht nachweisbar. Auch in diesem Fall ist alles relativ.

Was aber Teil einer Frage ist, deren Antwort im weiteren Verlauf des Seminars in Sichtweite kommen könnte: Wie klar ist die am Anfang des Textes präsentierte Dualität von (1) Verständnis als Fokus auf einen bestimmten Aspekt, bei welchem allerdings ein Teil des großen Ganzen der Möglichkeiten außer Acht gelassen wird sowie (2) dem großen Ganzen, dem allerdings nicht dieses Verständnis innewohnt? Möglicherweise gibt es eine alternative Form des Verständnisses, das »[…] ihn unentschieden ließe und es verstände, verstehend das Ganze als die Gleichzeitigkeit der Möglichkeiten gegenwärtig zu halten […]« (S. 15, Z. 22 ff.).

Eine nebensächliche Überlegung ist, dass der Text nach seiner eigenen Programmatik geschrieben sein könnte (was immerhin keine Seltenheit ist und einen veranschaulichenden Charakter hätte), er im Großen und Ganzen den Leser in bestimmte, grobe Richtungen schieben möchte und bei der Analyse im Detail in Sackgassen führt, die im weiteren Verlauf dann offensichtlich werden. Entsprechend sollte man sich (also ich) vielleicht auch nicht allzu sehr auf einzelne Bilder fokussieren, wobei das vorliegende immerhin auch nur zur Veranschaulichung der beschriebenen Dualität dient.

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Manuel Hettler

Stille

Ein Hals wie ein Schuh,

ich schnür’ ihn dir zu.

Bis du verstummst;

und gern geschehen.

Deine Augen ganz rund,

auf nimmermehr Wiederseh’n.

Nicht alles muss enden;

aber alles muss geh’n.

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Eine Jahresvorausschau

in schwarz und weiß

Es ist schwierig, das in Worte zu fassen, was ich empfinde wenn ich Thien Trans Gedichte lese. Dabei geht es für mich gar nicht so sehr um ihn als Person, seinen viel zu frühen Tod oder sein viel zu kurzes Leben. Diese Gedichte sprechen auch ohne ihn – das mag hart klingen, aber ist es nicht auch das, was man* als Autor*in erreichen will? Ein Werk, das funktioniert.

Klischeehaft wäre es, zu schreiben: Tran schrieb klassisch poetisch, seine Texte sind so wahr. Aber so ist es! Seine Poesie ist nicht vergleichbar mit anderer Poesie seiner Generation, die meist wahllos unverständlich – sowieso immer irgendwie provozierend – aber auf jeden Fall frei von Konventionen ist. Vergleichen lassen sich seine Gedichte also nicht. Ziemlich einzigartig schrieb er aus seinem Leben – glaub ich jedenfalls; Beobachtungen, Erinnerungen oder Gedanken – wer weiß.

„Ein graues Rauschen // das selbst die Farbe Grau übertönt“

Mal tiefsinnig melancholisch – fast wehmütig – und intim, mal an der Oberfläche kratzend – banal beinahe – schrieb Tran ohne Punkt und Komma. Jedenfalls scheint es mir so, als hätte er einfach geschrieben, ohne viel zu denken. Oder er dachte durchaus sehr viel, machte sich aber keine Gedanken über das, was er dachte?

„Sonnenbrille trage ich // genau dann, wenn es was zu denken gibt // also immer. sowohl tagsüber // als auch nachts und unter der Dusche“

Ergibt das Sinn? Muss es Sinn ergeben? Ergeben Trans Gedichte Sinn? Für mich, naja, nicht alle jedenfalls. Man* liest nur das Beste über ihn und seine Dichtkunst in sämtlichen Nachrufen seiner Freunde. Jedoch wird alles glorifiziert, was gestorben ist – wie er wirklich war, was er wirklich dachte und wie diese Gedichte entstanden sind… tja, das werde ich wohl nie erfahren. Und das ist ok, denn wie gesagt: Sie sprechen eigentlich für sich. Formulierungen wie „ausgesprochen unausgesprochen“, „ich kreise einsam wie jeder andere auch“ oder „die Brust wie der Bug eines Schiffes“ sind jetzt nichts unbedingt Außergewöhnliches, doch setzt Tran seine Worte geschickt ein. Oft gelingt ihm eine charmante Satire, eine ehrliche Draufsicht auf die Dinge.

„wenn ich mich recht erinnere starb die Hoffnung zuerst, und gleich darauf der Glaube“

Ehrlich und direkt, ohne schnörkelige lyrische Ausgüsse. Sympathisch, praktisch.

„mein Haus ist ein Jahrmarkt // wo die Freundschaft ein- und ausgeht // gleich am Eingang befindet sich // eine Drehtür, die vierundzwanzig Stunden // nonstop Kakaobohnen und Bananen // von innen nach außen transportiert // und umgekehrt“

Zum Ende des Semesters trafen sich einige Menschen zum Abschlussgespräch des Online-Seminars “Glätte & Reibung” mit Annette Pehnt und Guido Graf. Wir versuchten, zu zwei Themen gemeinsam Feedback zu geben und das, was dabei raus kam, das seht ihr hier:

Glätte & Reibung: Kollaboratives Schreiben und Arbeiten

Ich glaube, kollaboratives Arbeiten ist in manchen Fällen echt Glückssache: entweder man* kommt mit der Person gut zurecht, mit der man* zusammen arbeitet, oder eben weniger. Mich interessiert die Frage, ob man* Strukturen schaffen kann, die es eben nicht nur Glückssache sein lassen. Ich halte das nicht für möglich. Vieles kommt über eine gemeinsame Wellenlänge und natürlich lassen sich Grundvoraussetzungen dafür schaffen, aber das zu “erzwingen” wirkt meist kontraproduktiv. Klar kann man* das, aber dazu bedarf es mehr Zeit, um an einem Projekt arbeiten zu können, das dann vielleicht auch nicht mehr Projekt nur ist, sondern von Dauer.

Es ist auch wirklich ein Unterschied, über Texte zu reden oder zu schreiben. Auch zeitlich – in so einem Textgespräch kann man* Ausgesagtes nicht mehr revidieren, aber man* kann direkt auf jemand anderes eingehen.

Am Anfang fand ich es sehr gewöhnungsbedürftig, kollaborativ zu schreiben, aber man* gewöhnt sich ja an alles…schlussendlich war es doch sehr bereichernd. War es dir am Anfang etwas zu einengend? Naja ich find halt Schreiben ohne direkte Kommunikation zu der Person, mit der ich schreibe total schwierig. Überhaupt nicht währenddessen kommunizieren zu können fand ich awkward… Das heißt, ihr hattet während des Schreibens wirklich nur Kontakt in/durch den Text? Wir haben das einmal ausprobiert, da ist dann ein ganz spannender Text-interner Dialog entstanden (also unser Text hat sozusagen mit sich selbst gesprochen). Das fand ich eigentlich eine spannende Erfahrung und es war auch für das Ergebnis ganz gut. Sonst haben wir eigentlich immer parallel mündlich drüber kommuniziert. Ja das mein ich, das mündliche Kommunizieren hat mir gefehlt, aber wie gesagt – daran hab ich mich dann irgendwie gewöhnt, also irgendwann fand ich es auch ganz spannend. Auch eine interessante Entwicklung, dass sich dieses Nicht-Sprechen dann irgendwann so normal anfühlt… Ich habe auch das Gefühl, ganz neue Menschen nur über Mails/Chats/kollaborative Projekte kennengelernt zu haben. Same, bzw. Menschen mit denen ich zusammengearbeitet habe, die aber eine kaputte Kamera hatten oder so, die hab ich nie gesehen! Wenn ich denen dann in einem Jahr auf dem Campus über den Weg renne, weiß ich gar nicht, dass wir mal zusammengearbeitet haben. Das hab ich auch schon überlegt, dass ich ganz wenige Gesichter nur noch kenne… dafür aber super intensive (Arbeits-)Gespräche mit diesen Gesichtslosen geführt habe.

Dieses Semester unter besonderen Bedingungen hat es glaube ich erst möglich gemacht, kollaborative Schreibprozesse in dieser Form auszuprobieren. Da wundere ich mich manchmal, dass es das gebraucht hat, um überhaupt auf diese Idee zu kommen! Zum Teil weil es anders ja auch gar nicht möglich war. Es war doch sehr bereichernd, sich mal aus dem gewohnten Schreib-Rhythmus zu begeben und von dem Gedanken an einen Alleinstehenden, nur einem selbst gehörenden Text wegzukommen. Einen Text live in einer Gruppe in einem Dokument zu schreiben, war sehr chaotisch, aber hat auch nochmal eine ganz neue Form des Schreibens bei mir angestoßen. Ich fand es auch super spannend, weil ich mich so intensiver mit ganz anderen Schreibstilen auseinandersetzen konnte, ich finde es immer wieder faszinierend, was eigentlich alles funktioniert. Das öffnet dann auch den eigenen Schreibhorizont sehr.

Das kollaborative Arbeiten macht es viel leichter ins Nichts hinein zu schreiben, was ja auch gut zu Pfeil und Bogen passt. Denn man* kriegt immer ein bisschen Anerkennung von seinen Mitschreiber*innen. Und mit anderen zu arbeiten gibt einem vielleicht mehr Motivation an etwas dran zu bleiben. Absolut. Vor allem online, wo alles sehr flüchtig und kontextlos herumschwirrt und versickert, gibt es nichts Besseres als ein gutes altes Community-Feeling. Ich mag es auch wirklich gern, direkt Feedback zu bekommen, weil das mir persönlich den Schreibprozess erleichtert.

Opinion: würdet ihr sagen, dass ihr emotionale Distanz zu den anderen braucht, um gemeinsam mit ihnen arbeiten zu können? Oder ist es produktiver, wenn man* sich besser kennt/einen Bezug zueinander hat? Würde ich nicht pauschalisieren. Wir haben dieses Semester als Freundinnen zu dritt  geschrieben und gearbeitet und ich fand es äußerst angenehm, weil wir unsere Grundkommunikation schon geklärt hatten und wussten, wie wir miteinander umzugehen haben. Kommt für mich total auf die Thematik und vielleicht auch das Genre des Textes an… Lyrik könnte ich nicht so gut mit “Fremden” schreiben, so journalistische Sachen gehen meistens ganz gut. Aber bei „persönlicheren“ Genres ist es gerade interessant, weil man* mehr riskiert und es kein „neutrales Gelände“ gibt. Interessant wird‘s vielleicht auch dadurch, dass man* bei fremden Leuten nicht weiß, was persönlich ist und was nur persönlich wirkt. Spannender Punkt… ich wüsste nur nicht, ob persönlicheres Schreiben für mich einfach zu unstrukturiert stattfindet/finden muss. Ich hatte das Gefühl, man* muss zum gemeinsamen Schreiben auch eine gemeinsame Struktur im Denken aufbauen/entwickeln und das stellt da für mich die Schwierigkeit dar.

Wenn man* sich wirklich radikal auf das gemeinsame Schreiben einlässt, ist es eine Herausforderung, die ich unglaublich produktiv finde. Alles, was wir üblicherweise für Autorschaft voraussetzen, ist dann hinterfragt. Es gibt keinen Masterplan mehr, man* muss sein Besitzdenken („mein Text“) aufgeben, ist ständigen Überraschungen ausgesetzt. Eitelkeit bleibt auch auf der Strecke. Das ist schon sehr nah an dem, was – utopisch – im kollaborativen Arbeiten erreicht werden sollte. Da kann das eigene künstlerische Ego schnell angegriffen werden. Aber ich stimme dir absolut zu, es ist ein toller Lernprozess. Ich finde es auch immer inspirierend, Werke von Anderen zu lesen und daraus Ideen für meine eigenen Sachen zu bekommen.

Zum Ende des Semesters trafen sich einige Menschen zum Abschlussgespräch des Online-Seminars „Glätte & Reibung“ mit Annette Pehnt und Guido Graf. Wir versuchten zu zwei Themen gemeinsam Feedback zu geben und das, was dabei raus kam, das seht ihr hier:

Schreiben in der Krise – Schreiben über die Krise

Irgendwie ist der Prozess trotzdem der Gleiche, auch vor der Krise hab ich im Wohnzimmer alleine gesessen und geschrieben… Wahrscheinlich lernt man* über die eigenen Fähigkeiten zum Social Distancing etwas: nämlich, wie ausgeprägt die vielleicht schon immer waren. Wie ausgeprägt man* social distancen konnte, meinst du? Oder: wie viel davon schon vorher da war, immer schon möglicherweise. Ist bei mir auf jeden Fall auch so! Ich habe aber das Gefühl, weniger Zeit für das Schreiben als solches aufgewendet zu haben, weil einfach ALLES von zu Hause passiert ist. Also es war kein “Jetzt bin ich zu Hause, setze mich hin und schreibe”, sondern ein “Ich bin zu Hause und arbeite halt”. Oh ja total! Das habe ich auch gesehen. Mir ist es tatsächlich sehr schwer gefallen, in der “Freizeit” zu schreiben, weil es so etwas wie Freizeit gar nicht gab. Ich bin eine Sturm-und-Drang-Schreiberin: ich brauche das Chaos und den normalen stressigen Alltag (gerade rausgehen, weggehen etc.), um zur Ruhe zu kommen und zu schreiben. Das fiel mir sehr schwer Oh ja total! Das habe ich auch gesehen. Mir ist es tatsächlich sehr schwer gefallen, in der “Freizeit” zu schreiben, weil es so etwas wie Freizeit gar nicht gab. Ich bin eine Sturm-und-Drang-Schreiberin: ich brauche das Chaos und den normalen stressigen Alltag (gerade rausgehen, weggehen etc.), um zur Ruhe zu kommen und zu schreiben. Das fiel mir sehr schwer

Der Schreibprozess während eines ausgangsbeschränkten Alltags hat sich doch sehr anders angefühlt. Viele in meinem Umfeld haben von einem gewissen “Technikverdruss” erzählt, den ich sehr gut nachfühlen konnte. Dadurch, dass alles über den Bildschirm des Laptops stattfindet – Soziale Kontakte, Arbeit, Universität, Freizeitaktivitäten – hat eine Vermischung der verschiedenen Modi stattgefunden und zu einem schnelleren Erschöpfungsgefühl beigetragen. Das ging mir ähnlich, ich fand es schwierig, meine Ressourcen zu verteilen. Ich hatte auch immer wieder das Bedürfnis, mich ein zwei Tage von sämtlichen Bildschirmen zu verabschieden, was aber wegen der Erreichbarkeit wirklich schwierig war. Für meinen Schreibprozess hat das dazu geführt, dass ich wieder mehr mit der Hand auf Papier geschrieben habe. Ich habe mir deswegen eine Schreibmaschine gekauft. Ich glaube, wenn das Semester vorbei ist und ich keine Verpflichtungen mehr habe, mache ich 5 Tage Screenpause. Das nächste Semester schaffe ich das auch nicht noch einmal – so viele Seminare wie sonst zu belegen ist einfach nicht möglich. Auch das mentale Abschalten wird ja um einiges schwieriger, wenn die Uni-Kommunikation viel mehr digital, sprich über das Handy läuft. Man* Bekommt mehr mit und hat ergo auch mehr das Bedürfnis, darauf zu reagieren. Da fehlen trotz eventuellem Zeitgewinn, weil Pendler*innen-Wege wegfallen, die Pausen, das ist schon belastend. Stimmt, ich fühlte mich in diesem Semester auch irgendwie immer verpflichtet, auf das Handy zu gucken, Mails zu checken, etc., da ich sonst Angst hatte, Wichtiges zu verpassen. Das mentale Abschalten wird dadurch wirklich erschwert. Das mit der Screenpause dachte ich mir auch! Wenn dann auch noch das Rezensionsexemplar digital ist, kommt man* ja wirklich gar nicht mehr vom Bildschirm weg „Rezensionsexemplar“ – du meinst das zu rezensierende E-Book, wahrscheinlich? Mir ist am Ende sogar die Lust auf Netflix, meine entspannende Abendunterhaltung in allen Lebenslagen, verloren gegangen, weil mir einfach die Augen weh getan haben. Ich habe inzwischen einfach alles gesehen… und fange teils von vorne an. Oder besser noch: ich lese und schreibe viel mehr als noch vor der “Krise”.

Ich bin gefühlt sehr viel weniger als sonst zum Schreiben gekommen, weil mir äußere Impulse, die man* sonst aus dem normalen Alltag kennt, zum Schreiben nutzen. Natürlich war ich viel am Telefon und auf sozialen Plattformen unterwegs, aber das ist nicht dasselbe. Ich ziehe viel für mein Schreiben aus dem Unterwegs sein, was ja komplett weg gefallen ist. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass mich Uni-Arbeitsprozesse viel mehr einnehmen und meinen Alltag bestimmen, da ja Freizeit und Arbeit nicht mehr trennbar waren und die Grenzen einfach so verschwammen. Ich bin gefühlt sehr viel weniger als sonst zum Schreiben gekommen, weil mir äußere Impulse, die man* sonst aus dem normalen Alltag kennt, zum Schreiben nutzen. Natürlich war ich viel am Telefon und auf sozialen Plattformen unterwegs, aber das ist nicht dasselbe. Ich ziehe viel für mein Schreiben aus dem Unterwegs sein, was ja komplett weg gefallen ist. Ich hatte vielmehr das Gefühl, dass mich Uni-Arbeitsprozesse viel mehr einnehmen und meinen Alltag bestimmen, da ja Freizeit und Arbeit nicht mehr trennbar waren und die Grenzen einfach so verschwammen.

Zu schreiben war der Versuch gegen eine Wand an zu schrei(b)en. Was für eine Wand? Eine neue oder alle alten? Beim individuellen Schreiben und bei den Veröffentlichungen, gab es nach meinem Gefühl einen Wandel, vom Gefühl des Notstands zu einer neuen Normalität. Interessanter Aspekt. Stimmt schon, irgendwie ist es mittlerweile zu einem Normalzustand geworden. Der Arbeitsprozess hat sich aber generell nicht bei mir geändert, außer dass ich tatsächlich mehr Zeit hatte, als vor Corona, da ich nicht pendeln musste. Das war vielleicht das einzig Gute daran. Bei unserem länger angelegten Projekt haben wir gemerkt, dass unsere Grundidee, die sich mehr mit Weltuntergangsgefühlen beschäftigte, irgendwann nicht mehr ganz funktionierte und mussten dann entsprechend reagieren. . Inwiefern? Also wie hat sich das geäußert? Dass die Figuren, die wir entwarfen, entweder immer verrückter wurden, weil sie ihre sinnstiftende Apokalypse nicht loslassen wollten oder dass sie sich in ihrem Verhalten “normalisierten” und zu alltäglicheren Themen zurückkehrten. 

Ich hatte das Gefühl, dass die Kriese sich inhaltlich eher schnell abgenutzt hat, bzw. die Entwicklungen der Krise zu schnell waren für unser Schreibtempo und unsere Auseinandersetzungen schnell überholt oder unaktuell. Was denkt ihr? Sollten wir Romane über die Krise schreiben? In einem Jour Fixe wurde das auch mal diskutiert und da war die Meinung eher: BITTE nutzt diese Themen, aber macht es smart. Es ist ja auch immer die Frage, ob man* sich selbst zum Zentrum der Krise macht und wie viel sich dadurch verändern würde im Gegenwarts-Roman…oder ob die Krise selbst zum Zentrum des Romans werden würde…(kann man* Krisen überhaupt smart-subtil verhandeln?) Allerdings muss man* es nicht übers Knie brechen. Also wenn ich nur bei einer Beschreibung der Lage und nicht zu den Symptomen oder Auswirkungen der Krise komme, dann macht das für mich wenig Sinn. Ich denke es wäre spannend, Abbildungen dieser Zeit – in welcher Form auch immer – zu finden. TikTok, Instagram, Videos etc.…. Für mich persönlich ist es sehr schwierig derartiges explizit in Texten oder anderen Formen zu verarbeiten eben weil ich es (noch) nicht so richtig von diesem privilegierten “ok now look AT ME!!!”-Aspekt entkoppelt bekomme, das sich bei mir komplett falsch anfühlt.

Muss ich anfangen zu twittern, um mehr als die ausgewählte Gruppe, die noch ein Buch kauft, zu erreichen? Total interessante Frage, gerade auch unter solchen Aspekten wie: Es gab ja schon vor der Pandemie Schreibende, die NUR über Social Media bekannt geworden sind und jetzt Welttourneen machen mit ihren Texten, z.B. Atticus. Im Feuilleton gab es ja eine Debatte über die sintflutartig hervorbrechenden Mini-Kolumnen etc., die oft sehr selbstbezogen formuliert waren, nach dem Motto: ICH und die Krise, ich und die Amseln im Garten, ich und mein Mundschutz. Auch Trostliteratur hat ja, so die Kritiker*innen, gerade Hochkonjunktur („wir haben jetzt die Chance zu lernen“). Wie kann sich etwas, wie eine Krise, die uns alle betrifft, schnell abnutzen? Naja, es war ja schon beobachtbar, dass sich ganz schnell gewisse Ästhetiken, Rhethoriken, aber auch Witze, Bilder und Kommentare durchgesetzt haben, die schnell zu so einem Corona-Sprech geworden sind. Dadurch hat sich schon eine gewisse Normierung des Diskurses eingestellt. Ich fand es jedenfalls auch spannend, zu beobachten, wie lange dieses Gefühl der Alarmierung bei den Menschen angehalten hat. Bei mir zum Beispiel war das erstaunlich schnell schon verflogen und Mundschutz und Desinfektionsmittel haben sich einfach so nonchalant in meine Routine eingefügt.

Ist es makaber, eine weltweite Pandemie anhand ihres Wertes für Schreibschulen zu betrachten? Nein, ich glaube, dass es einfach Fakt ist, dass manche in solchen Situationen profitieren. Dass sich die Menschen dann dem Schreiben zu wenden ist glaube ich sehr verständlich. Naja, es gibt keinen Grund, nicht darüber zu sprechen; problematisch wäre nur, wenn der Diskurs Hoheit gegenüber anderen beanspruchen würde, oder? Ich glaube als Künstler*in ist die Quarantänezeit nichts ungewöhnliches, wir sind doch immer alleine in unseren Zimmer. Ich schreibe tatsächlich viel draußen und in Cafés und auf Reisen… Schreiben ist für Schreibende der Aggregatzustand ihrer kognitiven und intellektuellen  Verfasstheit: wie sollten sie nicht über ETWAS sich äußern können? Ja vor allem, weil so viel Content gemacht wird und herausgebracht wird, kann man* schnell das Gefühl bekommen, dass wenn man* etwas macht und teilt, es nicht relevant wäre, obwohl es vielleicht dadurch relevant wird, dass es einem selbst etwas bringt. 

Hallo Ralph, heute machen wir das mit dem Interview mal anders – wir sehen uns nicht und lernen uns auch nicht kennen, sondern machen das nur schriftlich und per Mail – ganz zeitgemäß…

Hallo 

Also erst mal würden wir gern deinen generellen Eindruck vom PROSANOVA erfahren: Wie war es für dich, Teil dieses Online-Festivals zu sein? Hast du so etwas in der Art vorher schon mal mit gemacht? 

Ich war 2017 zum ersten Mal beim PROSANOVA in Hildesheim, weil Norwin meinte, dass es toll ist. Das war es dann auch. Umso mehr hab ich mich gefreut, als ich dann für 2020 angefragt worden bin. Leider konnten wir dann nicht vor Ort sein, der Prozess des Online-Festivals war trotzdem spannend.

Wie einfach oder schwer war es, deine Formate zu realisieren? 

Ich habe mir überlegt, wie ich die Formate für das PROSANOVA Online Festival übersetzen kann, die Grundidee quasi erhalten bleibt und das Ganze visuell, performativ oder inhaltlich spannender wird. Für das Format mit Norwin haben wir dann auch entsprechend Unterstützung  bekommen vom PROSANOVA: Kameras, Mikros und auch eine tolle Regisseurin, Júlia Kühne Escolà.

Wie hast du dich gefühlt, als du dich zum Festival dann selber gesehen und gehört hast?

Foto von Sergen Yener
Foto von Sergen Yener

Ich habe andere Formate geschaut am Festival, meine nicht. Es wäre unbefriedigend gewesen mir selbst zuzuschauen. Das hätte auf eine seltsame Art suggeriert, dass es meine physische Präsenz vor dem Bildschirm dann doch braucht, damit die Formate online funktionieren. 

Zum PROSANOVA gab es ja ein Format, in dem du mit deinem Bruder Norwin gemeinsam schreibst. Habt ihr vor, mal zusammen etwas zu veröffentlichen? 

Wir schreiben zur Zeit gemeinsam an einem Tanzstück, das im Januar 2021 in Basel Premiere feiert. Ansonsten schreiben wir separat, Norwin zum Beispiel an seinem Roman, aber ich denke, dass es auch da möglich wäre,dass wir in Zukunft kollaborativ arbeiten und gemeinsam was rausbringen.

Was sind deine nächsten Schreib-Projekte? Können wir uns bald auf einen Roman freuen?

Ich schreibe gerade ein Schallplatten-Hörstück für das Center for Literature in Münster, dann das Tanzstück mit Norwin und nächstes Jahr voraussichtlich ein Musikstück über die Band Alpha VilleUnd ich arbeite an einem Romanprojekt. 

Du hast ja noch viele andere Talente, bringst zum Beispielauch Sachen auf die Bühne – aber was tust du am liebsten? Was würdest du gerne den ganzen Tag machen?

Schlafen.

Das hier ist ja ein Blog, der hauptsächlich von Student*innen gelesen wird. Hast du einen Tipp für zukünftige Autor*innen, wie sie sich im Berufsalltag behaupten können?

Darauf vertrauen, dass Selbst/Vertrauen kommt. Und geht.

Möchtest du sonst noch etwas los werden?

Danke euch für die Fragen und das Gespräch.

Vielen Dank, für deine Zeit! Hab noch einen schönen Tag 😀 

www.ralphtharayil.com

Insta: @tritratralph

Twitter: @ralphtjames1

Mika steht mit breitem Lächeln erwartungsvoll vor seinem Papa, einen quietschgrünen Enten-Schwimmring um den Bauch geschlungen, mit einem Kescher in der Hand, in dem schon ein roter Ball mit weißen Punkten steckt. Sie hatten geplant, zum Badesee zu fahren. Doch Papa, dem die Locken wie einem verrückten Professor wild vom Kopf abstehen, ist noch nachdenklich über seinen Arbeitstisch gebeugt, umgeben von seinem Computer, Reagenzgläsern und einer geheimnisvoll blubbernden Flüssigkeit. “Wenn du mich in Ruhe arbeiten lässt, bin ich schneller fertig”, sagt er. Doch was macht man*, wenn Papa zu beschäftigt ist und keine Zeit zum Spielen hat?

In dem Bilderbuch “Seepferdchen sind ausverkauft”, welches im Jahr 2020 im Moritz Verlag erschienen ist, berichten die Autorin Constanze Spengler und die Illustratorin Katja Gehrmann in reichen Bildern in hellen Wasserfarben und mit präziser, humorvoller Sprache davon, wie grenzenlos die Welt der Fantasie sein kann.

Denn Mika findet für alles eine Lösung und so hat er, obwohl sein Vater so beschäftigt ist, sofort einen Einfall: Er macht sich selbstverständlich auf den Weg in den Zooladen, um sich als Haustier und Spielkameraden eine Wüstenmaus zu kaufen.

Als er den vollen Zooladen mit all den Tieren betritt, bekommt das Ganze einen entdeckungsreichen Wimmelbild-Charakter, und er trifft eine Menge bunter Tiere an: Schlangen, Hasen, Papageien, Flamingos und sogar einen Oktopus!

Und natürlich auch den Verkäufer, der Mika erstmal skeptisch beäugt.

Mika kauft die Maus und bringt sie nach Hause, doch als diese plötzlich verschwindet und Mika ein weiteres Mal den Zooladen aufsucht, um kurz darauf einen Hund mit nach Hause zu bringen und dann auch noch ein Seehund auftaucht, löst dies eine Kette von unerwarteten Ereignissen aus.

In diese taucht man* mit Mika zusammen ein, der alles aus seiner Sicht in der Ich-Perspektive schildert.

Eine regelrechte Auflösung von Zeit und Raum findet statt, einerseits durch die kindgerechte Schilderung von Mika, die eine*n direkt in das Geschehen der Handlung verwickelt und andererseits durch die Selbstverständlichkeit, mit der Mika alle Tiere in seinen Tagesablauf einbaut. Immer ist etwas los und das ohnehin leicht chaotische Zuhause von Mika und seinem Papa wird gänzlich auf den Kopf gestellt.

Von einer Piratenschlacht im Wohnzimmer, einem Tauchausflug in der Badewanne und der geheimnisvollen Parallelgeschichte eines Kängurus, welches sich in besonders detailreichen Bildecken auffinden lässt, ist in dieser Erzählung alles dabei.

Zusammen verwandeln sie Gewöhnliches in eine abenteuerliche Anderswelt.

Mika stößt in dieser Geschichte immer wieder an die Grenzen des Möglichen aber lässt sich von diesen weder aufhalten noch einschüchtern, stattdessen bricht er mit stereotypischen Wahrnehmungsmustern und Erwartungen, mit vermeintlicher Unmöglichkeit und Anderssein und schafft sich eine Welt mit eigenen Regeln und Logik.

Die Sprache ist durch einen großen Teil wörtlicher Rede knapp und punktgenau, auch Mikas Papa redet so, wie Väter eben reden. Als LeserIn kann man die Vorstellungswelt und Wahrnehmung von Mika gut nachvollziehen.

Auch die Bildsprache ist sehr klar und eindeutig, sodass trotz der Altersempfehlung von fünf Jahren auch kleinere LeserInnen etwas mit der Geschichte anfangen können. Aber auch für größere LeserInnen und VorleserInnen ist das Buch amüsant.

Wenn man* also wissen will, wie der freche Sprüche klopfende Papagei auf den Besen und der Pinguin ins Waschbecken gelangen und eine Geschichte hören möchte, in der Vorstellung und Fantasie jeden realistischen Rahmen sprengen oder einfach nur die Frage auf der Zunge liegt, was Papa denn nun zu den ganzen Tieren sagt, ist dies jedenfalls ein Buch, bei dem sich das Lesen lohnt.

Hey ihr Lieben und willkommen, ihr Freunde der Literatur!

Ihr seid beim PROSANOVA 2020 dabei und wollt euch noch mehr austauschen? Oder habt ihr euch dieses Jahr noch nicht getraut und seid aber super neugierig, wie das Festival so wird?

In den nächsten vier Tagen sind wir für euch live als unabhängige Redaktion dabei und erzählen euch hier, was passiert und vor allem, wie wir das Online-Festival erfahren.

Bleibt gespannt und folgt uns auch auf dem Instagram-Account des Literaturinstitut Hildesheim!

Das Online-PROSANOVA 2020 steht schon fast vor der Tür und wir haben uns mit Mirjam aus dem künstlerischen Leitungsteam getroffen – natürlich virtuell – und ihr alle Fragen gestellt, die uns so auf dem Herzen lagen…

Der Ablauf

Wir können uns noch gar nicht vorstellen, wie das PROSANOVA dieses Jahr aussehen soll – wie wird denn so ein Online-Festival? Wie wird das koordiniert?

Seit dem 25. Mai ist unsere extra für dieses Online-Festival eröffnete Seite online. Auf der Seite ist der Timetable enthüllt – darauf wird sichtbar, an welchen Tagen es welche Formate geben wird. Das Festival wird wie gewohnt über das ganze Wochenende laufen – Donnerstag, quasi nach der Arbeit, fängt das Programm an und Sonntagmorgen ist noch eine Abschlussveranstaltung. Freitag und Samstag ist volles Programm, teilweise auch zwei Veranstaltungen gleichzeitig.

Wir haben uns entschieden, trotzdem einen Eintritt zu nehmen. Trotzdem wird das nicht wahnsinnig teuer sein. Wir empfehlen, dass man 15 Euro bezahlt, für den ganzen Festival Pass. Es wird aber mehrere Optionen geben, die man je nach Ermessen auswählen kann. Es wird auch die Möglichkeit geben, sich bei uns zu melden, wenn der Eintritt eine wirklich große Hürde darstellt und wir versuchen dann, eine andere Lösung zu finden.

Wir haben natürlich immense Kosten und wollen unsere Autorinnen gut bezahlen – zumindest an den basalen Honorarempfehlungen von Verdi gemessen. Das ist natürlich im Bezug auf das Internet ein Statement. Ich finde es aber okay, zu sagen, dass Kulturveranstaltungen– auch wenn sie online stattfinden – eine finanzielle Wertschätzung bekommen müssen.

In dem Shop wird man auch tolle Festival-Kits kaufen können und sich ausstatten mit coolem Festival-Feeling, damit irgendwas mit nach Hause kommt.

Wenn man sich dieses Ticket gekauft hat, hat man dann einen Online-Zugang, oder wie?

Genau. Das Ticket, das man bucht, ist super unromantisch. Kein schönes Farbticket, wie dieses, das wir vor tausend Monaten schon gedruckt hatten [hält buntes Festivalticket in die Kamera], als wir noch dachten, es würde ein analoges Festival geben – sondern das ist einfach ein Zugangscode, ein bisschen wie diese Paywalls bei der Süddeutschen, wo man Inhalte nicht sehen kann, wenn man nicht bezahlt.

Alle diese Inhalte gehen ab Donnerstag, den 11. Juni dem Timetable entsprechend online. Die Veranstaltung, die wir 17 Uhr angesetzt haben, ist auch erst um 17 Uhr sichtbar und die nächste fängt dann auch tatsächlich um 18 Uhr an. Sobald alles erst mal online ist, ist es das ganze Wochenende verfügbar. Außer natürlich die Dinge, die live stattfinden und die Workshops.

Während des Wochenendes kann man also Dinge, die man verpasst hat – die man aber gerne sehen oder hören möchte – noch ansehen oder anhören. Das bleibt aber bei diesem Wochenende und auch erst mal exclusive für die Leute, die eben diesen Zugang haben. Erstens, weil es dadurch natürlich am nächsten am Festival als einmaliges Event bleibt. Zweitens aber auch, weil es rechtlich sonst schnell auch schwierig wird, wenn wir da sehr lange Inhalte von Autorinnen einfach vogelfrei im Internet belassen.

Das Programm und die Künstler*innen

Was kann man denn vom PROSANOVA dieses Jahr erwarten? Was sind die Formate?

Die Inhalte auf der Website haben verschiedene Kategorien: Es gibt die klassischen Lesungen, die oft einfach Audios sind – damit man sich tatsächlich auf den Text konzentrieren kann oder auch damit man parallel eine Gurke schneiden kann [lacht]. Das heißt, es gibt auf eine Art in unserer digitalen Version wieder mehr Wasserglas-Lesungen, als es beim analogen Festival gegeben hätte. Wir rahmen aber diese klassischen Lesungen mit “Rezensionsanweisungen” also Ideen, was man machen könnte, bevor man sich diese Texte anhört. Das ist teilweise ganz lustig, teilweise sehr schlicht – je nachdem, was der Text so anbietet.

Wir haben daneben diesen aber auch vorproduzierte Videos: Einige haben zum Beispiel ihre eigene Desktop-Arbeit gefilmt, simultan das Leben literarisiert – da entstehen mehrere Layer von Schreib-Arbeit, die eine eigene neue Geschichte ergeben. Teilweise haben wir Korrespondenzen zwischen Autor*innen hergestellt, die dann über Zoom ins Gespräche kommen.

Es gibt also auch Diskurse. Dieses Jahr aber nicht in Form von Podiumsdiskussionen, sondern im Podcast Format.

Die Künstlerinnen hattet ihr aber schon ausgesucht, bevor Corona explodiert ist?

Ja.

Seid ihr dann nochmal auf alle zugegangen, als es dann hieß, alle Festivals sind abgesagt? Ist da denn jemand abgesprungen?

Ja, das ist auch passiert. Nicht super oft, aber es kam schon vor. Auch mit der Begründung, dass es die falsche Entscheidung ist, auf diese Online-Lösung zu setzen – Lesungen müssten ein Erlebnis sein, das auch körperlich im gleichen Raum stattfindet. Das finde ich auch eine legitime Position. Wir hatten selbst alle auf unterschiedliche Weise sehr großen Struggle mit dieser digitalen Version. Wir haben uns trotzdem dafür entscheiden, weil wir einfach die zugesicherten Gelder hatten. Und das Gefühl da war, für Autorinnen brechen gerade so große Mengen an Honorar-Geldern weg, dass wir diese Verantwortung gesehen haben, dass wir denen dieses Geld denen jetzt auch auszahlen können.

Du meintest, ihr habt Geld für Technik ausgeben müssen und ihr verschickt Kameras und Mikros?

Ja, weil wir einfach gerne nicht so eine Reihe von Webcam-Lesungen haben wollten. Wir haben festgestellt, die gibt es jetzt gerade sehr, sehr viel und die wollen wir selber gar nicht sehen. Deswegen ist jetzt die Hauptarbeit diese ganze Vorproduktion. Ich glaube, was sonst auf einem Festival-Gelände das Bauen und Schrauben und Hämmern gewesen wäre, ist jetzt das.

Der Prozess

Um noch einmal auf die Künstler*innen zu kommen – du hast ja schon gesagt, dass da viel Eigeninitiative kam. Aber habt ihr denen irgendwas an Leitfäden gegeben?

Der erste Schritt inhaltlich ging von uns aus. Es war aber immer so, dass es für die Autor*innen auch die Möglichkeit gab, das abzulehnen. Und tatsächlich haben einige Formate dann doch noch Transformationen durchgemacht hat. Die Ergebnisse sind dieses Jahr wirklich zu einem großen Teil geprägt durch die Arbeit der Autor*innen – weil die ja zum Beispiel von Zuhause filmen müssen. Da ist auf eine andere Art nochmal Kreativität gefordert.

Jetzt gerade ist der Punkt, an dem wir die ersten Inhalte bekommen, die ersten Videos fertig geschnitten werden und die ersten riesen Dateien im Schnitt nochmal zu etwas ganz anderem werden. Unsere Arbeit hat sich total verlagert – das alles hätte ja bei einem analogen Festival gar keine Rolle gespielt. Plötzlich ist der Schnitt eben ganz wichtig.

Weil du jetzt gerade so auf den Schnitt eingehst – macht ihr da auch selbst noch was dran?

Das machen wir in der technischen Durchführung nicht alles selbst. Wir haben im März natürlich alle richtig Panik gekriegt, als klar war, dass das PROSANOVA bestimmt nicht so richtig stattfinden kann. Zum Glück konnten wir unser Team dann durch zwei großartige, kompetente Frauen erweitern – für den Bau der neuen Seite und des Shops und für technische Fragen und den Schnitt. Da haben wir einfach wirklich richtig Glück gehabt. Wenn wir von Autor*innen – und das ist vorgekommen – drei Stunden Material bekommen und das Format aber nur eine halbe Stunde lang sein soll, steckt da trotzdem von unserer Seite nochmal viel Arbeit drin. Wir müssen auswählen, welche Elemente wir mit rein nehmen – ich glaube, auch wenn wir nicht selbst schneiden, entwickeln wir da ein neuen Blick.

Wo wir gerade über die Künstlerinnen oder Autorinnen sprechen: Wie habt ihr die denn jetzt ausgewählt?

Wir haben ein Jahr lang einfach sehr, sehr viel gelesen. Wir hatten immense Leselisten und Bücherstapel. Es gab ein Wochenende, an dem wir systematisch über jedes Buch gesprochen haben und da gab es dann schon auch mehrere Schritte des Aussuchens. Ich kann dir aber keinen Kriterienkatalog nennen. Es musste halt irgendwie eine Begeisterung vom Text ausgehen. Aber das hat sich im Team teilweise sehr unterschieden, also wir mussten da teilweise ein bisschen streiten. [lacht]

Es gab aber dann doch auch erstaunlich viele Texte, bei denen wir uns schnell einig waren. Wo die Unstimmigkeiten auch ausdiskutiert werden konnten und wir das Gefühl hatten, da passt dann auch noch das Kriterium, dass die Autor*innen noch nicht so krass im Betrieb stehen.

Das war aber auch etwas, was wir immer wieder aushandeln mussten. Wann ist eigentlich jemand etabliert? Und wann ist es noch cool, jemandem zu sagen: „Du bist nicht etabliert und deswegen geben wir dir jetzt diese Bühne“?

Du bist noch nicht bekannt, deswegen darfst du kommen… [lachen]

Ja, so in etwa. Aber ich glaube, dass wir uns insgesamt schon darauf einigen konnten, dass es gut ist, eine Mischung zu haben. Also aus Menschen, die schon länger literarisch tätig sind und die man deswegen dann schon ein bisschen kennt – die waren dann unsere Zug-Delfine [lacht] – und aus denen, die tatsächlich gerade debütiert haben und deren Text man einfach noch nicht gelesen hat, weil der im Sommer erst rauskommt.

Wir haben uns sehr viel damit beschäftigt, wie ungerecht Aufmerksamkeit in der deutschen Literaturlandschaft verteilt ist. Trotzdem wollten wir keine Person nur einladen, weil sie eine Gruppe repräsentieren kann. Es ging immer auch um die literarische Arbeit. Auch bei den Autor*innen, die auch aktivistisch – also politisch – tätig sind, ging es in der Einladung um ihr literarisches Schaffen. Also die sind in erster Linie als Autor*innen angefragt.

Die Positionierung

In eurer Positionierung geht es auch darum, wie Personen of Color im Literaturbetrieb vertreten sind. Wie habt ihr das thematisiert und gab es in ihrer Vorbereitung dabei größere Hindernisse?

Ich würde sagen, dass es ein Hindernis war – und das haben wir schon an vielen Stellen erwähnt und ich will auch gar nicht immer die gleiche fast schon „Parole“ wiederholen – aber es war für uns tatsächlich eine Schwierigkeit, über die klassischen Wege wie Verlagsprogramme, Agenturen und Lesereihen zum Beispiel Autor*innen of Color überhaupt zu finden. Zeitschriften sind da manchmal gar nicht so schlecht, teilweise sogar richtig gut – aber der Anspruch, ein diverses Programm zusammenzustellen, das ist überhaupt nicht leicht einzulösen.

Das Festival wird begleitet von einem Safer Space und der Möglichkeit, das Awareness-Team zu erreichen. Wir versuchen schon, wie wir es beim analogen Festival auch gemacht hätten, soweit es geht sicherere Räume zu bieten, in denen Menschen sich aufgehoben fühlen können, wenn es schwierige Momente gibt. Und trotzdem ist klar, dass das nur ein Anfang sein kann, und dass auch wir noch immer blinde Flecken haben. Und dass trotzdem solche, schwierige Momente entstehen können.

Ich lese an diesen Stellen immer wieder von unserem eigenen Anspruch und habe das Gefühl, wir konnten den nicht so weit einlösen, wie wir das wollten. Und das Ergebnis, was Repräsentationen angeht – wenn ich mir unser Programm angucke – ist immer noch nicht völlig fair. Ich würde sagen, da sind wir jetzt noch einen Schritt weiter gegangen, als die bisherigen PROSANOVA Generationen – aber auch wir sind da nicht fertig geworden.

Und woran liegt das? Dass man sie nicht findet, die diverse Literaturszene?

PROSANOVA ist eben immer noch Teil des Literaturbetriebs ist. So gerne wir auch die BELLA als unabhängige Literaturzeitschrift haben, natürlich heizen wir den Motor mit an und natürlich schöpfen wir letztlich auch aus den gleichen klassischen Betriebsverhältnissen und -feldern – und das sind Agenturen, Verlage, Lesereihen. Wir haben einfach noch sehr viele nicht diverse Programme gefunden. Dazu kommt natürlich auch, dass wir selbst noch nicht genug Dinge entlernt haben. Wir sind selbst natürlich auch geprägt von einem weißen, in der Regel finanziell abgesicherten und bildungsbürgerlichen Kanon. Das ist ja nicht nur eine Frage von Rassismus, es gibt auch noch Klassismus, Ableismus – diese -ismen kennen, glaube ich, die Hildesheimer Kreise und die kennen auch große Teile der Bubble, die das PROSANOVA rezipiert.

Wenn du daraus eine Grundsatz destillieren möchtest, könnte man sicherlich sagen: Wir haben jetzt diese Bühne und diese Plattform, die uns zur Verfügung steht, möglichst vielen verschiedenen Leuten geben können. Wir wollten ein Programm haben, das sich anfühlt, als wäre es auf dem Weg zu einem fairen Literaturbetrieb. Mehr wäre anmaßend. Ich glaube, dass das schon ein Grundsatz ist.

Wie seid ihr im Team darauf gekommen, dass das eure Hauptintention ist, so divers wie möglich den Leuten eine Bühne zu geben, die sonst keine haben?

Ich finde es gar nicht so gut zu sagen, dass das unser einziges Thema oder die Hauptarbeit ist, die wir machen. Ich glaube, es ist im Moment wichtig zu sagen, dass das vielleicht das Hauptanliegen der aktuellen PROSANOVA Generation ist. Das Ziel sollte aber sein, dass das Thema implementiert ist in den Strukturen!

Als kleine Erläuterung: Das letzte PROSANOVA hatte eine relativ deutliche feministische Agenda beziehungsweise ein Festivalprogramm, in dem schon viel mehr Frauen waren. Nach dem Motto „Das können nicht nur diese ganzen weißen Männer sein“. 2017 gab es wirklich sehr explizite Diskurse darüber, natürlich auch wegen #MeToo.

Wir haben dieses Jahr für uns entschieden, dass wir das nicht noch einmal groß auf der Bühne diskutieren wollen, sondern so weit wie möglich in unseren Team-Strukturen implementiert umsetzen. Und nur so, glaube ich, kann sich der Betrieb verändern, indem wir sagen: Unsere beiden Technikfrauen sind eben Technik-FRAUEN. Und ich finde es als Mittel zum Zweck okay, wenn jetzt im Nachhinein immer klar ist: Wir sind die Generation, die das als Thema hatte. Ich würde mir aber wünschen, dass die nächste das dann nicht mehr als Thema braucht.

Wir sind keine Feier-PROSANOVA-Generation. Es ist super viel wert einfach zu sagen: Diese Texte feiern wir so krass und wir wollen einfach vier Tage eine einzige Worte-Party haben. Ich kann mir vorstellen, dass das Ganze schon – weil wir viel von Missständen ausgegangen sind – vielleicht ein bisschen ernst ist. Trotzdem sind aber einige Formate – wo zum Beispiel einfach die Autor*innen miteinander reden – ganz funny geworden.

Aber nicht, dass das jetzt falsch ankommt: Wir sind trotzdem immer noch von den Texten ausgegangen. Bei uns ist sozusagen alles, was wir ausgewählt haben und alles, was wir feiern etwas, das wir für die Texte und die literarische Arbeit feiern. Aber es gibt trotzdem diesen Ernst dabei, ja.

Das Thema

Was hat es mit Glätte und Reibung auf sich? Wer hat sich das ausgedacht und wieso und was heißt das?

„Glätte und Reibung“ hieß in der allerersten Idee „Glätte und Widerstand“. Aber dann war Widerstand irgendwann nicht mehr so passend, weil sowohl „Glätte“ als auch „Reibung“ ja ganz eindeutig Oberflächen-Phänomene sind. Wir sehen auch eine ganz gute Möglichkeit in dieser Begriffs-Opposition, sich sowohl mit der Textur des Textes – also der Textoberfläche – zu beschäftigen, als auch in die Tiefe zu gehen. Inhaltlich einzusteigen, zu schauen, ob diese Texte eigentlich Position beziehen oder ein ganz anderes Interesse haben. Aber für uns interessant war die Frage: Soll sich Literatur eigentlich einmischen und intervenieren? Was ist mit Intervention und Literatur, geht das irgendwie zusammen oder haben die gar nichts miteinander zu tun? Ist eine Weise von Glätte in der Literatur – gerade jetzt im Bezug auf Digitalität – vielleicht voll der interessante, neue Anhalts- und Gesichtspunkt? Und dann ist es natürlich so, dass das Thema für alle ein bisschen einen anderen Drall hat – das heißt, diese Antwort, die ich dir hier gebe, die ist variabel.

Das Team

Magst du einmal euch sechs vorstellen? Wer seid ihr eigentlich und wie ist die Aufgabenverteilung bei euch?

Wir alle studieren an der Domäne; Zwei machen den Kulturwissenschafts-Bachelor, zwei machen den Kreatives Schreiben-Bachelor und zwei machen den Literarisches Schreiben-Master. Wir alle haben also Literatur im Studium.

Elske war eigentlich zuständig für den Raum, ist zuständig gewesen für die Party und hat jetzt – wo alles anders ist – auch mit dem digitalen Raum zu tun, weil sie die ganze Kommunikation übernimmt für den Aufbau der neuen Website. Außerdem macht sie Social Media und hat da richtig viel zu tun.

Carla macht mit Judith für die BELLA das Finanzressort, das spielt natürlich für das PROSANOVA auch eine große Rolle. Die beiden haben alle Anträge geschrieben, sind in Kontakt mit den Stiftungen und sagen uns, dass wir noch Geld haben oder dass wir keines mehr haben. Carla ist außerdem die Frau für Infrastruktur – sie hätte sich um Essen und Klos [lacht], also Materiallogisti beim analogen Festival gekümmert. Jetzt ist sie zuständig für die digitale Infrastruktur. Sie organisiert zum Beispiel, wann welches Mikro bei welcher Autor*in sein muss oder wann welche Autor*in unser Basic Kamera Set weiter schickt….

Judith ist unsere Finanzbeauftragte und ist außerdem für die Künstler*innen-Betreuung zuständig. Sie hat ansonsten auch den Überblick über unseren Produktionsplan.

Selma ist unsere Teambeauftragte. Das ist auch ein Ressort, das wichtiger gewesen wäre, hätten wir ein tatsächliches Gelände gehabt. Da wäre es nämlich ganz viel darum gegangen, Schichtpläne zu machen, Ansprechperson zu sein und sich um eine gute Stimmung im Team zu kümmern. Das Team-Ressort hat sich auch darum gekümmert, dass wir am Anfang ein schönes Kick-Off hatten – damals, als das noch ging – und alle sich kennengelernt haben. Selma ist daneben noch für die Doku zuständig, die es hoffentlich nach dem Festival geben wird.

Simoné macht Öffentlichkeitsarbeit, Presse, hier betreut sie auch unseren Podcast, und Marketing beziehungsweise das Merchandising. Sie hat auch zum Teil die Website gemacht, weil sie das by the way auch noch kann.

Das Marketing ist auch etwas, das anders gelaufen wäre. Das hätte mit Plakaten in Hildesheim zu tun gehabt und mit einer Idee, wie man Personen aus der Stadt ran holt. Das ist jetzt in dieser Online Version hundertmal schwieriger – weil ja jetzt niemand durch die Innenstadt läuft und plakatiert oder mit einem Megafon rumsteht und ruft: „Hey, kauft euch alle einen Zugang.“ Das ist zu abstrakt, dafür hätte es unbedingt hier vor Ort stattfinden müssen. Da waren wir auch echt motiviert und hatten schon einiges überlegt, wie wir mit dem großen Team da Aktionen machen, das ist jetzt passé.

Jetzt kommen wir noch zu dir. Was machst du?

Ich bin zum Beispiel zuständig für das „Artist in Residence“ Programm und den “Text-streich” Wettbewerb. Dann mache ich noch das Schul-Vermittlungsprogramm. Das hat sich natürlich auch total verändert, weil die Schulen nicht mehr da waren… Und das Ticketing, also den Einlass, mache ich auch.

Wir haben noch jeweils seit Januar Praktikant*innen, die uns da gut unterstützen, uns Arbeit abnehmen und die auch ganz schön darunter leiden, dass jetzt einiges wegfällt. Alle dachten – was ja so cool ist am Festival – dass man zusammen auf dem Gelände viel macht und Ergebnisse sieht und auch viel mitkriegt was insgesamt passiert.

Und ihr habt im Team alle irgendwas mit der BELLA zu tun richtig? Muss man bei der BELLA sein um beim PROSANOVA mitmachen zu können? Und andersrum, bewirbt man sich da einfach oder wie macht man das?

Bisher war es immer so, dass das PROSANOVA Team sich mindestens teilweise auch durch die BELLA-Arbeit gefunden hat. Das liegt einfach auch in der Struktur, weil man alle Fördergelder immer über einen Verein beantragen muss und die BELLA als gemeinnütziger Verein ist in diesem Sinne immer Trägerin des PROSANOVA Festivals. Deshalb ergibt es immer durchaus Sinn, dass es da personelle Überschneidungen gibt.

Es ergibt auf eine Art auch inhaltlich Sinn, weil natürlich die BELLA-Arbeit Einblicke in junge deutsche Gegenwartsliteratur gibt. Es ist aber immer eine krasse Doppelbelastung. Wie gesagt, es gibt wirklich einige problematische Strukturen. Diese ganze Arbeit muss man sich auch leisten können. Einige aus dem Team arbeiten auch noch parallel, aber das ist nicht in dem Maße möglich, wie es ohne diese beiden unbezahlten Jobs wäre.

Die Vermittlung

Kannst du uns mehr zu den Kooperationen und Wettbewerben erzählen, die du mit organisiert hast?

Den „Artist in Residence“-Leuten werden wir eine Textwerkstatt zur Verfügung stellen. Aber zum Beispiel ein Sprech-Workshop, den wir organisiert hatten, wird nicht stattfinden können – weil das über Zoom nun mal nicht funktioniert. Dann habe ich mit einer Initiative aus der Schweiz – also zwei jungen Frauen, die das initiiert haben – den „Text-streich“ Wettbewerb organisiert. Da konnten drei Autor*innen gewinnen, dass sie sowohl in der Schweiz bei dem „Literaare“-Festival als auch bei uns lesen können; in der Schweizer Literaturzeitschrift “das Narr!” und bei uns in der BELLA publizieren können und dann auf eine Tour gehen. Also mit einem Wettbewerb wirklich eine ganz schön große Sache gewinnen. Leider haben wir kein österreichisches Festival gefunden, das passte und das mitmachen wollte. Das heißt aus dem Drei-Länder-Lyrik-Wettbewerb ist ein Zwei-Länder-Lyrik-Wettbewerb geworden.

Könntest du nochmal dieses Schulprogramm erläutern?

Wir haben ein Workshop-Angebot für Schulen entwickelt, welches über einen gewissen Zeitraum gehen sollte. Dafür haben wir super viel Werbung an den Schulen gemacht und waren sehr, sehr aufdringlich [lacht]. Das muss man aber auch sein – das Schulwesen ist schon wirklich erstaunlich träge und das Aufdringlich-Sein war leider erstaunlich wenig ergiebig. Wir hatten dann am Ende fünf Schulen aus Hildesheim, die Interesse hatten. Dann kam Corona und alles ist zusammengebrochen. Also relativ kurz bevor wir mit den Workshops anfangen wollten, hat einfach keine Schule mehr stattgefunden. Dann haben wir alles nochmal umgeplant und haben das als Online-Werkstatt angeboten.

Dabei ist das eigentlich so ein cooles Angebot.

Ja, die Workshops und die Werkstatt die wir gegeben haben, waren wahnsinnig toll – das waren motivierte Schüler*innen, die auch tolle Sachen geschrieben haben. Die werden wir auch auf der Website zeigen – das heißt, man kann sich dann auch ein bisschen angucken, was da entstanden ist.

Zweieinhalb private Fragen

Ich hab jetzt noch so zweieinhalb privatere Fragen. Mich würde einmal noch interessieren, was du persönlich vielleicht nach der Uni machen willst und was dir die Arbeit am PROSANOVA und in der BELLA dabei vielleicht bringt?

Ich hab in dem Jahr festgestellt, dass mir diese Art – also kuratorisch zu denken – Spaß macht. In kürzester Zeit Inhalte zu setzen oder einen Rahmen zu geben für einen intellektuellen Diskurs – wie ein Festival Thema – das finde ich toll. Oder ein Thema zu setzen für die Sonderausgabe und dann gezielt Leute dafür anzufragen. Ich glaube, dass geschickte Kuration es durchaus schaffen kann, Dinge, die erst mal nicht unbedingt so viel miteinander zu tun haben, in so einen super fruchtbaren Austausch miteinander zu bringen – da einen Raum zu schaffen und danach andere weitere künstlerische Werke, Positionen oder Leute, deren Arbeit man einfach so erst mal interessant findet, anzufragen und auszuwählen.

Ich glaube, das würde ich gerne machen. Ich weiß aber leider nicht, wo das wirklich geht, ohne dass es immer diese unbezahlte Projektarbeit ist.

Und ich weiß auch nicht, wie das ohne die Orga geht, die man* aber wahrscheinlich immer mitkaufen muss. Ich fände es dann schon interessanter, ein Editorial schreiben zu dürfen, als den Versand zu machen. Dafür hab ich natürlich ultra viel gelernt. Wenn ich jetzt weiß, am Samstag müssen wir unsere Eröffnungsrede fertig haben, habe ich inzwischen ein gewisses Vertrauen entwickelt: Das kriege ich bis dahin schon irgendwie hin – da kann ich aber immer auch auf die anderen im Team setzen.

Du hast gesagt, du bist schon fast fertig mit dem Studium, machst du jetzt nur noch deine Masterarbeit?

Genau dann im fünften, dran gehängten Semester. Und ich bin natürlich auch weiter an meinem Projekt dran – im Master haben wir ja alle ein Schreibprojekt, also einen Roman – der jetzt natürlich auch schon seit drei Wochen pausiert, weil ich gar nicht mehr dazu komme. Aber das ist so diesen Sommer und Herbst das Nächste: Zu dem Projekt zurück zu kommen und das vielleicht sogar fertig zu schreiben. Und dann die Masterarbeit.

Ein geheimnisvoller Dunst treibt im Literaturinstitut umher und drückt sich in den sonst so eng besetzten Ecken herum, flüstert in die leeren Räume – eine traurige Vorstellung, die einsamen Porträts im Blauen Salon… … Wo waren wir? Ah! Es flüstert also an der menschenverlassenen Domäne: „Prooosa… PROSANOVA “ und obwohl weder die Studierenden noch die breitere Öffentlichkeit tatsächlich etwas hören können, von dem was da vor sich geht, spüren wir doch alle dieses leise Echo: Proosa… PROSANOVA

Corona hit hard in der Literaturszene. Der Betrieb der BELLA triste und auch die Organisation des PROSANOVA 2020 bilden da keine Ausnahme. Inzwischen ist klar: das Festival für junge Gegenwartsliteratur soll trotz der aktuellen Situation stattfinden – online.

Seit ein paar Wochen erhalten wir bereits erste Einblicke in das diesjährige Line-Up. Auf den Social Media Kanälen dominieren bunte Farbschlieren, irgendwie nette und naturverbundene Fotos und Kurzviten der eingeladenen Künstler*innen und im festivaleigenen Podcast können wir ersten Buch- und Themenbesprechungen lauschen. Schön, dass einige der Künstler*innen eigene Verbindungen nach Hildesheim und an die Domäne haben – das gibt doch Hoffnung, vielleicht selbst irgendwann künstlerisch etwas zu erreichen und in ein paar Jahren für das PROSANOVA zurückkommen zu dürfen (was sollte uns sonst je wieder her treiben?). 

Natürlich positioniert sich das PROSANOVA auch dieses Jahr politisch zu den relevanten gesellschaftlichen Themen: schon in der Planung finden BIPoC- und Awareness-Gruppen Platz und mit den eingeladenen Künstler*innen dürfen wir uns auf ein diverses und offenes Bild der Literaturszene freuen – wenn auch in einem abgespeckten Programm im Vergleich zu den Vorjahren (Stichwort: faire Bezahlung für alle). Das Thema, unter dem das Festival dieses Jahr steht, ganz kryptisch und frei den Assoziationen überlassen: „Glätte und Reibung“. Im Kontext mit der digitalen Durchführung wohl in „Connection found und lost“ zu übersetzen. 

Jetzt schon ist klar: das PROSANOVA möchte sich auch dieses Jahr abseits vom Lesungs-Mainstream bewegen und außergewöhnliche Formate präsentieren (die Gerüchte berichten von einem Festivalpaket fürs eigene Wohnzimmer…).

Doch was genau wir von einem Online-PROSANOVA wirklich erwarten dürfen, was tatsächlich geplant ist; wie die Diskussionen, Workshops und Lesungen uns auch über Bildschirme erreichen sollen – ja, darüber wird noch geschwiegen, daraus wird noch ein Geheimnis gemacht – oder haben wir nur nicht an den richtigen Stellen gefragt, gelesen, nachgehakt? 

Das wollen wir nachholen und unsere Nasen in den nächsten Wochen ganz tief (und natürlich gut maskiert und geschützt) in die Vorbereitungen, Organisation und Planung des PROSANOVA 2020 stecken!

Bis es soweit ist, bleibt uns wohl für heute nichts anderes übrig, als die Augen zu schließen und die viele freie Lockdown-Zeit zu nutzen, um schon mal ein bisschen vor uns hin zu träumen… 

Ich stelle mir das manchmal wie einen Big-Blue-Button-Konferenz-Raum vor, statt Festivalbändern bekommt man einen Zugangscode und dann ist man dabei…die Künstler*innen sitzen dann alle vorm PC zu Hause und haben eine Powerpoint vorbereitet.

Natürlich hakt das Internet, denn ganz ehrlich, welcher Server kann schon so viel Literatur-Begeisterung verkraften? Und nachdem sich alle dreimal ein- und wieder ausgeloggt haben (“da bist du ja wieder”, “wir haben XY verloren”, “du hakst bei mir”) geht es endlich los – Lesung, Kapitel 1. Publikum und Künster*innen sitzen gut verbunden miteinander im WWW und quatschen über Literatur, übers Schreiben, über die eigene Produktivität und sicherlich über die Existenzängste, die in der Kulturlandschaft gerade so allgegenwärtig sind.

Das Risiko eines bitteren Beigeschmacks kann wohl nicht so einfach ausgeräumt werden… überhaupt müssen wir dieses Jahr vielleicht die Frage stellen, ob – nach dann drei Monaten Social Distancing und den 18.000 Buchseiten, die wir uns in dieser Zeit einverleibt haben – noch genauso viel Interesse daran besteht, noch mehr übers Schreiben zu reden und übers Lesen zu hören?

Trotzdem, ich freue mich auf den Austausch und meine Nerven sind aufgerieben, vor Spannung, so viele Fragen, die in meinem Kopf herum spuken… Gibt es Nachgespräche? Schicke ich danach Mails mit Kommentaren an die Künstler*innen? Wie kann ich Stellung zu den Texten beziehen? Sind die Lesungen trotzdem live? Wie werden Redeanteile verteilt und zugewiesen, wie wird moderiert? Möchte ich jeden Tag so viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen?

Kann ich mich trotzdem auf die gemeinsame Festivalstimmung freuen, auf leidenschaftliche Diskussionen, auch wenn wir uns nicht sehen, uns nicht ohne aufgebracht ins Wort fallen können? Müssen wir auf die Wortgefechte zwischen den Literat*innen verzichten, die sie sonst mit spitzen Zungen und hornhautigen Fingerspitzen von der PC-Tastatur – selbstverständlich tintenbefleckt bis an die Ellenbögen – ausgetragenwerden?

Ach, ich schweife ab… lasse mich vielleicht zu sehr mitreißen von dem Wunsch, endlich wieder in Kontakt zu kommen…

Aber enough melancholy: wie cool ist es eigentlich, dass das PROSANOVA dieses Jahr eben nicht abgesagt wird, wie so viele andere große Festivals!?

Hut ab also, an das PROSANOVA-Team, dafür, sich nicht unterkriegen zu lassen. Wir bleiben gespannt und warten sehnsüchtig auf mehr Kontakt, mehr aktuelle Literatur, mehr glatte Ober- und spannende Reibungsflächen.