fight guys
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© S. Diekmann

Fight Guys

Ein moderner Mythos: Fighten im postheroischen Zeitalter
oder eine dramatische, aber nicht superproblematische Sache

Das Fight Guys-Fanforum lässt, besonders in Krisenzeiten, Tausende von isolierten Seelen näher zusammenrücken. Was unsere Autor*innen von pfeil-undbogen den Fans entlocken konnten, wird kein Auge trocken lassen.

Eine Zeit der Wunder

“18. August 1990: Die Welt im Wandel. In den Straßen wuselt die Pubertät. Sie kriecht aus den Pac-Man Arkaden und den Dungeons and Dragons Kellern ihrer Eltern, Alufoliencapes um die Schultern, Antennenhelme auf dem Kopf. In allen Kinos der Stadt reißt man sich um die letzten Tickets, die Schlangen reichen um den Block, die Popcornmaschinen überhitzen. Alle Reklametafeln zeigen Terry C. Forresters Gesicht, rauchend, den Mund zu seinem ikonischen Halbschmunzeln verzogen. ‚Spiel, Satz und Sieg, Alienabschaum!‘, zitieren die Fans ihre Helden und ihre Sprechchöre hallen durch die Straßen.

Es ist das Ereignis des Jahrtausends, von dem man noch seinen Großeltern erzählen wird: Fight Guys II feiert Premiere. Nach dem unvergleichlichen Erfolg des ersten Teils sind die Erwartungen hoch. An diesem Wochenende sehen allein in Hildesheim ungefähr sieben Millionen Menschen den Film. Und auch ich sitze, an besagtem Tag im August 1990, in meinem selbstgebastelten General Xnorx Kostüm zu Hause, und warte, bis meine Schwester aus dem Kino zurückkommt und mir von Spaceschlachten und galaktischen Intrigen erzählt. Denn meine Eltern, Gott hab sie selig, verbieten mir die Teilhabe an diesem historischen Moment. Ich darf den Film erst gucken, nachdem ich das Buch gelesen habe. Nur kann ich leider noch nicht lesen. Und es gibt auch kein Buch.

In der Schule gibt es danach kaum ein anderes Thema. Fight Guys dominiert die Gespräche über Monate. Und dreimal dürft ihr raten, wer in dieser Zeit nicht mitreden kann. Selbst die Außenseiter verachten mich, da auch sie im Fight Guys Fieber sind. An diese Phase meines Lebens denke ich nicht gerne zurück.

Sobald ich endlich volljährig bin, leihe ich die VHS-Kassetten bei der Videothek an der Ecke und ziehe mir alle drei Filme am Stück rein. Ich bin wie im Rausch. Ein wahres Weihnachtswunder. Doch als ich vom Planeten Xonol IV in die Realität zurückkehre, redet schon niemand mehr über meine neuen Lieblingsfilme. Da ist niemand mehr, mit dem man sich über die Ökonomie intergalaktischer Hotelketten und Streublaster austauschen kann. Fight Guys ist in der kulturellen Versenkung verschwunden, und die Fans ziehen weiter zu den Star Wars und den My Little Ponys der Neuzeit. Nur ich bleibe zurück mit meinen rohen Emotionen zu Navarros Meisterwerk.

Erst 30 Jahre später geschieht etwas, womit ich nicht mehr gerechnet hätte, liebe Freund*innen. Das sogenannte World Wide Web bietet mir die Möglichkeit, diese alten Wunden zu heilen.”

– Früher Forenbeitrag der seit 2012 verschollenen Forenadministration Terry C. Forrester

Netzkulturen

„[So ist] das kulturelle Fundament, gebildet aus freiem Datenfluß bei bestmöglicher Konnektivität, eine durchdie [sic] offene Gestalt so überaus resistente Basis, dass sie sich in jedem, auf diesen historischen Fundamenten errichteten Gebäude abbilden wird“

https://www.digitalwelt.org/hackerkultur/inhalt/fazit-netzkultur#_ftn1

In der Quarantäne beginnt man sich mit sonderbaren Themen zu beschäftigen. Die Recherchen führen häufig ins Internet. Und ehe man sich versieht, verläuft man sich im weiten Feld der Onlineforen und der Netzkultur. Begibt man sich auf die Suche nach dem, was diese Begriffe fernab von Sharing is caring-Facebookgruppenbedeuten könnten, stößt man auf handfeste Ausdrücke wie „Fundament“ und „Historie“. So als wäre das Internet kein schwammiges Gebilde, das nicht einmal die „Trolls“und „Handpuppen“selbstwirklich durchblicken. Zwischen kulturpessimistischer Ohnmacht und den unbeholfenen Umreißungsversuchen der „Generation Upload“, zu der sogar Senior*innen zählen (fast jede*r hat schonmal ein Urlaubsfoto hochgeladen!), erschließt sich mir nicht, wie man ein Communitygefühl im Internet treffend beschreiben könnte.

Ich als Kulturwissenschaftler*in betrachte die Dinge natürlich nicht nur von der Theorie aus, sondern stürze mich in die Praxis. Mein privates Interesse an der Fight Guys Saga, initiiert durch ein erstaunliches Erweckungserlebnis, brachte mich der Forenkultur in ihrer praktischen Ausführung näher. In einem Fight Guys Filmforum finde ich erstmals, subtil eingewoben in die Beitragsflut der User*innen, ein Communitygefühl sondergleichen, stellvertretend für die mikrokosmischen Strukturen von Foren generell und gleichzeitig ausgesprochen einzigartig. Denn dass die Saga keine herkömmliche Hollywoodproduktion ist, wurde mir ziemlich schnell klar.

Ein hyperkomplexes Spacedrama

Fight Guys in wenigen Worten zusammenzufassen bleibt wie Atmen im All mit menschlichen Lungenkapazitäten: ein kläglicher Versuch. Was erst wie eine klassische Heldenreise anmutet, wird bald durch die postkomplexe Handlung ad Absurdum geführt. Der Cocktail aus galaxo-kapitalistischer Landnahme, Bürgerkrieg und Virusepidemie schafft eine komplett diffuse Gemengelage. Dazu kommen Motive wie die Suche nach Liebe, Identität und Klassengerechtigkeit sowie der Abgesang auf das Heldentum des 20. Jahrhunderts, die die Zuschauenden in ein Labyrinth der Emotionen lotsen.

Diese Filme werden mit dem atomaren Streublaster verschossen. Dass ihr Plot zusätzlich über mehrere Dimensionen und Paralleluniversen verknüpft ist, macht die Sache nicht leichter. Bei dem ganzen Tohuwabohu geht beinahe unter, wie subtil Allan Navarros Drehbuch seine Themen bearbeitet. Kein Wunder, dass es bis heute eine obsessive, wenn auch überraschend kleine Fangemeinde gibt, die sich über die Lehren des Fight Guys Universums den Kopf zerbricht, darin nach Sinn und Halt sucht und vor allem: nach den Antworten auf die brennenden Fragen unserer Gegenwart.

Die Fight Guys-Fangemeinde

Das einschlägige Onlineforum ist die Fight Guys Fangemeinde, (https://fightguys-fans.forumieren.de/), ihres Zeichens „die größte deutschsprachige Community zur Kulttrilogie Fight Guys!“ Alte Hasen wie Kleeblatt74, TerryTown und Darkbloodfairy2 streiten sich hier seit Jahren über die Exegese dieses ultrakomplexen Stücks Kinohistorie. Diskursanstöße schlummern in ihm wie Xarpfen am Grund eines Methansees auf dem Xonolmond G200. In der Fangemeinde wurde das erkannt. Unter der Rubrik „Alltagsgelaber“ werden unzählige Parallelen zwischen dem Fight Guys Franchise und der Gegenwart offengelegt. So stellt User*in Terrytown in einem Forenpost die Verknüpfung zur aktuellen Corona-Pandemie her:

„Gerade auch in Bezug auf die Isoliertheit, mit der wir in der aktuellen Zeit der Pandemie konfrontiert sind, ist Teil 2 der Saga sehr spannend. Die Kammerspielartige Zwangsisolation der Protagonist_innen im XNORX Hotel weißt so krasse Parallelen zur Jetzigen Situation auf.“

User*in ChubbsiDingle ergänzt:

„Isoliert vom Rest der Außenwelt im Hotel XNORX, das Strukturen aufweist als hätte jemand mal eben das Ding mit dem Kapitalismus durchgespielt und dieses riesige Gebilde als Belohnung fürs letzte Level freigeschaltet“

Doch dies sind gerade mal Sternencluster im diskursiven Kosmos von Fight Guys I-III. Ein Twitterkommentator aus den USA meint in der Trilogie unzählige Prognosen erkannt zu haben und fasst diese in einem Thread zusammen. So habe die Filmreihe nicht nur die Corona-Pandemie, die Rückkehr des Autoritarismus und Cambridge Analytica prophezeit, sondern auch die vierte Welle des Feminismus angestoßen.

User*in TerryTown untermauert diese These wie General Xnorx seine Hotelkomplexe mit giftgasdurchsetztem Zement und zitiert die außerirdische Rebellin Ray Richardson:

“Believe in these doubts, they will make you strong, Terry! Stronger than them!” (Ray zu Terry auf der Helikopterüberfahrt)”

Die gegenwärtige Krise löste in der Fight Guys Fangemeinde sowohl Unsicherheit als auch Enthusiasmus aus. User*in Detroitselfmadefandom berichtet von einer Situation in seinem/ihrem* örtlichen Lebensmittelgeschäft:

„Meine Freundin hat im Supermarkt neulich eine gesehen, die eine ganze Palette Müsliriegel eingepackt hat und dann hat meine Freundin sie gefragt warum, weil sie sich gewundert hat und wisst ihr was sie geantwortet hat? sie hat zu meiner Freundin gesagt ‚Vielleicht weil ich Dinge weiß, die sie nicht wissen!‘“

Solche Erlebnisse werden von der Community meist offenherzig aufgefangen und verarbeitet. User*in Darkbloodfairy2 wagt einen utopischen Vorstoß und proklamiert:

“(„\(^_^)/“) wir werden die nächsten Jeff Bezos dannach ($)_($) billion dollar babies & Rockstars der Postapokalyptischen Generation! *0* surviving & thriving!”

Surviving and thriving

Der Gehalt dieser Behauptungen lässt sich von außen schwer beurteilen, denn niemand ist besser über diese Filme informiert, als die Crew der Fight Guys Fangemeinde. Ein eingeschworenes Board Team, eine demokratische, sich selbst verwaltende und einem strengen Regelkodex folgende Gemeinschaft, die vor allem in Zeiten der irdischen Corona-Pandemie an Aufmerksamkeit gewinnt und für Zusammenhalt unter ihren Mitgliedern sorgt. Diese soziologischen Aspekte spiegeln sich in der Aussage von User*in Weltenzerstörer69 wider, welche*r sich im exklusiven pfeil-undbogen Interview wie folgt äußert:

„Aber das hier, dieses Forum hier, Kumpel, das ist alles, was uns in dieser Zeit noch bleibt. Die Leute hier wissen, was ich durchmache. Das sind meine Kampfgefährten. Die halten mir den Rücken frei, und wir geben alles füreinander, so schauts aus. Also verpeste mal nicht diese heilige Stätte mit deinem ach so schlauen Strebergerede. Ich komm ja auch nicht in deinen Buchclub und frag dich, was du von Goethe denkst, du Luschi.“

Doch von solchen Aussagen sollten sich Interessierte auf keinen Fall abschrecken lassen. Der Ton in der Fight Guys Fangemeinde ist hart aber herzlich. Schließlich freut sich das Forum über die Aufmerksamkeit von Seiten der Akademien. So freut sich User*in ChubbsiDingle:

“Schön zu hören, dass die Trilogie es tatsächlich auch in die muffigen Hörsäle unserer Hochschulen schafft.”

Denn die Zukunft liegt im Internet, das ist mittlerweile allen klar. Dass in Zeiten sozialer Isolation die Onlinewelten boomen, wird auch niemanden überraschen. Doch dass die Erfindung der neuen Utopien durch einen Actionfilm aus den späten Achtzigerjahren vermittelt wird, hat wohl niemand kommen sehen (Außer vielleicht der Genius Allan Navarro). Wo die meisten mit dem Diskutieren aufhören, da werden im Fight Guys Forum erst die Denkhüte aufgesetzt.

Und noch ist es nicht zu spät einzusteigen! Wer sich heute in den Fight Guys Zug setzt, der kann in 20 Jahren von sich behaupten, dabei gewesen zu sein. Ein erster Schritt, wäre es, der Fight Guys Fangemeinde beizutreten. (Wobei man die Filme nicht unbedingt gesehen haben muss.) Was man dort zu erwarten hat, sind nicht nur progressive Debatten und Denkanstöße, sondern auch das Wichtigste was ein Mensch in dieser Welt überhaupt finden kann: Freundschaft. Und auch User*in Kleeblatt74 kann nachts glücklicher schlafen, wenn er/sie* weiß, dass unser Zirkel zivilisierter Zeitgeister seinen Radius vergrößert, denn er frohlockt schon jetzt:

„Ich schlafe nachts glücklicher, wenn ich weiß, dass unser Zirkel zivilisierter Zeitgeister seinen Radius vergrößert!“

Die Fight Guys Fangemeinde ist ein kollaboratives Schreibprojekt über die SciFi-Action-Kult-Saga Fight Guys I-III. Wenn Du mitschreiben möchtest, dann logg dich einfach ein auf https://fightguys-fans.forumieren.de/ und werde selbst zur/zum Xonolianer*in!

Bild mit freundlicher Genehmigung von Shana Diekmann
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