Die Schönheit der Erde, Mut und ganz viel Fantasie: „Ausflug zum Mond“

„Ich schaue auf die Erde. Sie ist groß und strahlend und schön.“

Genau diese Worte sagte Neil Armstrong, als er 1969, auf der Mondoberfläche stehend, die Erde betrachtete. Passend zum fünfzigsten Jubiläum der Mondlandung, veröffentlicht der Moritz Verlag im Jahr 2019 ein liebevoll gestaltetes Kinderbuch, welches eine Reise ins Unbekannte ist, die die Faszination für das Weltall auf wunderbare Weise illustriert und eine besondere Perspektive auf die Erde gibt. Der US-amerikanische Grafikdesigner arbeitet hierbei mit Bildern, fast ohne Text, die Raum für Fantasie lassen.


Schon auf dem Umschlag beginnt die unglaubliche Reise, auf die John Hare in seinem ersten Bilderbuch einlädt. Neben einem gelben Raumschiff, welches sich das Design der gelben amerikanischen Schulbusse abgeguckt hat, schwebt ein Satellit mit einem Schild mit der Aufschrift „Achtung Schule“. Zum Eingang des Raumschiffes führt eine gläserne Röhre, ein Gang, durch den eine Schulklasse im Gänsemarsch das Raumschiff betritt. Schüler*innen, sowie die begleitende Lehrperson haben weiße Raumanzüge an. Ganz am Ende der Schlange trottet mit ein wenig Abstand und verträumt nach draußen ins All schauend die Hauptperson dieses Bilderbuches, Malblock und Stiftebox unter den Arm geklemmt.
Auf den nächsten Seiten geht die Bildergeschichte schon weiter und man sieht, wie das Raumschiff von der Raumstation Richtung Mond losfliegt, nebenbei findet man Informationen zum Autor, Verlag und Grußworte.

Nach der Ankunft auf dem Mond beginnt die Lehrperson die Klasse herum zu führen, alle tragen einen weißen Raumanzug. Im Verlauf der Geschichte fällt die Hauptperson immer weiter zurück, während der Rest der Schulklasse die Mondoberfläche erkundet und die Grenzen der Schwerkraft austestet. Als das Kind die Erde über dem Horizont des Mondes entdeckt, lässt es sich an einem geschützten Platz nieder und fängt an, sie zu malen. Drei „Z`s“ über seinem Kopf machen auf dem nächsten Bild deutlich, dass die Hauptfigur beim Malen eingeschlafen ist. Als sie erwacht, ist die Schulklasse nicht mehr da. Das Kind rennt zur Landungsstelle des Raumschiffs – doch es ist zu spät, das Raumschiff hat schon abgelegt und alles, was übrig ist, sind die Fußspuren in der Mondlandschaft. Allein auf dem Mond zurückgelassen, beginnt die Hauptfigur wieder mit dem Malen. Plötzlich schauen einäugige Köpfe neugierig hinter dem Kind aus dem Boden, dann erheben sich fünf etwas unterschiedlich geformte, graue Mondwesen und beobachten es beim Malen. Als sie einander bemerken, erschrecken die Wesen und verstecken sich, doch als das Kind ihnen den bunten Regenbogen zeigt, den es gemalt hat, freuen sich die Mondwesen. Etwas skeptisch nehmen sie sich von den Buntstiften, die das Kind ihnen anbietet, und fangen an, sich und die graue Mondlandschaft bunt zu bemalen.

Da kommt plötzlich das Raumschiff zurück und die Mondwesen verstecken sich. Die Lehrperson steigt aus und beide laufen freudig aufeinander zu. Als die Lehrperson die Malereien entdeckt, muss das Kind alles aufräumen und wegwischen. Zum Abschied strecken alle Mondwesen ihre Köpfe aus dem Boden und winken dem Kind, die Buntstifte in den Händen, hinterher. Zurück im Raumschiff sieht man das erste Mal das Gesicht des Kindes, es sitzt am Fenster und malt mit dem letzten Stift ein graues Mondwesen auf den Malblock.

Die Geschichte wird von John Hares atmosphärischen Illustrationen erzählt, die auf den 25 x 25 cm großen Seiten besonders eindrucksvoll wirken. Auch wenn die Farbwelt eher einfach gehalten ist, gibt es viel zu entdecken. Seine Bilder haben einen großen Anteil an Schwarz und Grau und wirken wie mit Acryl gemalt. Sie bewegen sich nah an der Realität, die groben Pinselstriche betonen die Schroffheit der Mondlandschaft. Die weichen und runden Zeichnungen lassen die Seiten, trotz geringem Anteil bunter Farben, nicht so kalt und ungemütlich wirken, wie es vielleicht klingen mag.

Das Spiel mit den Farben ist ein Hauptmotiv in der Geschichte. Nur Gegenstände, die von der Erde kommen, sowie die Erde selbst, sind in bunten und leuchtenden Farben dargestellt. Dazu gehören auch das Raumschiff und die Buntstifte. Das malende Kind zeigt den Mondwesen die bunten Farben, die sein Heimatplanet Erde zu bieten hat und bringt diese auf den grauen und tristen Mond.

Der Einsatz der Farben baut gewissermaßen eine Geschichte auf, die den fehlenden Text ersetzt. Hierzu gehört auch, dass ab der Ankunft auf dem Mond keine Gesichter mehr erkennbar sind, da alle Helme tragen. Dadurch sind keine Mimik, Reaktion oder Emotionen in den Gesichtern erkennbar, jedoch schafft Hare es mit ausdrucksstarken Gesten und Körperhaltungen, den Betrachtenden alles zu übermitteln, was für die Geschichte wichtig ist. Dabei bleibt ausreichend Spielraum für Fantasie. Kinder können sich innerhalb der Geschichte Dinge und Gegebenheiten ausdenken und die Geschichte vor allem weiterdenken.

Beispielsweise werfen die unförmigen, lustig gezeichneten Mondwesen Fragen auf. Verwandeln sich die grauen Steine und Felsen der Mondlandschaft in die interessierten Gestalten? Zeigen sie sich nur ganz bestimmten Menschen, vielleicht nur den Kindern oder den Kreativen? Oder entspringen sie gar den fantasievollen Gedanken des malenden Kindes? Eine eindeutige Antwort liefert die Geschichte darauf nicht, sondern lässt den Lesenden den Freiraum, die Fragen für sich selbst zu beantworten.

Was die Geschichte vielleicht auch versucht, ist, Kindern die Angst vor dem Unbekannten zu nehmen. Mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit und scheinbar ohne Angst bewegt sich die Hauptfigur selbstständig auf diesem uns Menschen sonst so fernen Himmelskörper. Die meisten haben mindestens ein mulmiges Gefühl bei dem, was sie nicht kennen und die Geschichte zeigt den Kindern: es ist, was du daraus machst. Wenn man sich den Dingen stellt, können auch zunächst angsteinflößende Situationen Spaß machen und bereichernd sein. Die Neutralität der Raumanzüge und das gender-neutrale Erscheinungsbild der Hauptfigur, stellen hierbei den Versuch für ein hohes Identifikationspotenzial dar. Wäre auch die Hautfarbe unbekannt geblieben, könnten sich noch mehr Kinder identifizieren.

Ferner inspiriert die Geschichte, die Schönheit des Planeten Erde zu erkennen und wertzuschätzen. Die Erde wird in dem Buch als etwas Wertvolles und Faszinierendes dargestellt. Zwar macht die Schulklasse einen Ausflug, um den Mond zu erkunden, aber die Hauptfigur interessiert sich von dort oben, von so weit weg, am meisten für die farbenfrohe, lebendige Erde. Zu Hause ist es, trotz aller Abenteuerlust meistens doch am schönsten und genau das zeigen die Bilder in John Hares Kinderbuch.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Moritz Verlag
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