Gute Reise und Ade, Geschlechterklischee!

„Genauso wie der Künstler ein unstillbares Verlangen zu malen in sich fühlt und der Poet seinen Gedanken freien Lauf lassen muss, fühlte ich mich gedrängt von einem unbezwingbaren Wunsch, die Welt zu sehen.“

Mit diesem Zitat der österreichischen Weltreisenden Ida Pfeiffer (1797-1858), beginnt Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf, das erste Bilderbuch der Leipziger Autorin und Illustratorin Linda Schwalbe. Das 64 Seiten lange Kinderbuch, mit einer Altersempfehlung ab 5 Jahren, erschien im Frühjahr 2020 im NordSüd Verlag.

Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf erzählt, sachlich geschrieben, aus der Ich-Perspektive, die Lebensgeschichte Ida Pfeiffers. Als erste europäische Forscherin und Reiseschriftstellerin erkundete sie allein und ohne finanzielle Mittel die Welt.

Im Buch wird Pfeiffers Leben textlich in drei Teile gegliedert, die jeweils eine Überschrift und einen kleinen Textauszug enthalten. Die Einteilung unterstreicht die verschiedenen Lebensabschnitte der Forscherin und gibt jedem eine ganz eigene Bedeutung. Vor allem wird so aber auch ein Erfahrungsprozess dokumentiert, der zu zeigen scheint, dass man immer etwas dazu lernen kann im Leben.
Die Sprache ist dabei so gestaltet, dass man den Eindruck gewinnt, die Auszüge würden tatsächlich aus einem der literarischen Werke der Schriftstellerin stammen.

Der erste Teil trägt den Titel Ida und gibt auf den nachfolgenden Seiten einen Überblick zu den vierundvierzig Jahren ihres Lebens vor den Reisen. In den ersten neun Lebensjahren glich ihre Erziehung der ihrer Brüder. Die Forschungsexpeditionen und Reisen, von denen die kleine Ida damals träumte, empfand ihre Mutter jedoch nicht als standesgemäß, darum setzte sie fortan eine zeitgenössische Mädchenerziehung durch. Letztendlich fügte sich Ida, heiratete und bekam Kinder. Erst nachdem diese erwachsen waren und ihre eigenen Lebenswege einschlugen, realisierte sie ihre erste Forschungsreise.

Der zweite und dritte Abschnitt aus dem Buch nennen sich Die Reise und Die Insel. Sie berichten von der ersten abenteuerlichen Fahrt quer über den Ozean, sowie von der Ankunft auf einem, ihr völlig unbekannten Stück Erde, wo sie mit den dort lebenden Menschen Bekanntschaft macht.

Am Ende des Buches wird eine Weltkarte gezeigt, auf der die Reisen Ida Pfeiffers verzeichnet sind. Außerdem ist eine kurze informative Zusammenfassung von ihrer Biografie zu lesen. Dieser Anhang scheint sich auf Grund seiner komplexeren Wortwahl wohl eher an ältere, begleitende Leserinnen und Leser zu richten, um die genauen Hintergründe von Idas Lebensgeschichte nochmal detailreicher zusammenzufassen.

Allein schon durch seine knallige, bunte Farbgebung ist das Buch ein echter Hingucker. Mit flächigem Farbauftrag und runden, kindlichen Formen erschafft Linda Schwalbe in ihrem Debüt eine ganz eigene Welt. Dieser ausdrucksstrake, beinahe expressionistisch anmutende Stil lässt die Geschichte fantastisch und die Abenteuer besonders aufregend und lebendig wirken.

Ein Berg ist z.B. rosarot, Idas Haare grün. Ebenso erscheint der Himmel in prächtigen Lila-, Gelb-, Rosa- oder Grüntönen, die man in der realen Welt meist nur bei Sonnen Auf- oder Untergang sieht, die im Buch aber fast alltäglich zu sein scheinen. Der fantastische Aspekt wird auch noch dadurch hervorgehoben, dass die Bilder nicht eine logische und detailgetreue Abbildung der Wirklichkeit darbieten, sondern ihren ganz eigenen Regeln folgen.

Dennoch gibt es eine Ausnahme. Die Darstellungen, die Idas Leben vor der Verwirklichung ihres Traumes zeigen. Diese bilden einen starken Kontrast zu dem bunten Schauspiel im zweiten und dritten Abschnitt des Buches. Vor ihrer ersten Reise wirkt die Atmosphäre dunkler und leerer. So unterstreicht die Illustratorin, allein durch die genutzten Farben, Idas Gefühle. Insbesondere den Kontrast zwischen dem Teil ihres Lebens, in dem sie sich der strengen Erziehung fügte und dem, den sie freibestimmt gestaltete.

Ganz besonders für junge Leserinnen und Leser ist Pfeiffers Leben eine wichtige, inspirierende Erzählung mit Vorbildfunktion. Mit Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf, wurde bewusst eine Geschichte ausgewählt, in der die Grenzen der vorherrschenden Geschlechterordnung gesprengt werden und die Protagonistin schlussendlich ihren eigenen Träumen und Hoffnungen nachstrebt. Schwalbe hat einen guten Ansatz, denn nur weil bisher mehr Männer in die Geschichte eingegangen sind, sollte dennoch heutzutage mehr über weibliche historische Persönlichkeiten gesprochen werden, damit sie nicht in Vergessenheit geraten.

Jedoch spiegelt das Bilderbuch nicht den genauen Werdegang von Ida Pfeiffer wider. Details, wie beispielsweise der Tod ihres Vaters, werden auf den letzten Seiten in der Zusammenfassung zwar erwähnt, doch gerade dies wäre ein wichtiger Punkt gewesen, um Entscheidende und Verknüpfende Zusammenhänge zu begreifen. Im Besonderen, warum sich die Erziehung von Ida plötzlich ändert.

Ferner sollte hinzugefügt werden, dass die einheitliche Darstellung der Inselbewohner, die barfuß und mit bunten Masken auftreten, ein wenig stereotypisch ist. Sicher, die Masken dienen als Indikator für eine fremde Kultur und aufregende Erlebnisse in fernen Ländern. An diesem Punkt stellt sich jedoch die Frage, ob man hier nicht auch ein anderes Bildkonzept hätte wählen können. Eines, das nicht so stark die Andersartigkeit der Inselbewohner hervorhebt.

Alles in allem ist Ida und die Welt hinterm Kaiserzipf, dennoch eine sehr schöne und gelungene Bilderbuchidee. Gerade die bunten, verrückten Illustrationen machen einfach Spaß und wecken wohl in jedem, egal ob jung oder alt, ein wenig Abenteuerlust. Metaphorisch für die Träume der jungen Protagonistin scheint der Kaiserzipf (eine bewaldete Anhöhe in Wien) zu stehen. Er symbolisiert alles Aufregende, was es außerhalb von Idas kleiner Welt in der österreichischen Hauptstadt des 19. Jahrhunderts zu geben scheint.

Ich sah zu den Bergen und fragte mich, wie es wohl hinter dem Kaiserzipf aussieht. Sicher gibt es dort Unglaubliches zu entdecken. Irgendwann würde ich als Forscherin in den Urwald gehen und unbekannte Schmetterlingsarten erforschen. Davon träumte ich.”

Der Gedanke, immer an seinen eigenen Wünschen und Zielen festzuhalten, egal was das Leben mit sich bringt. Ein sehr schöner, wichtiger Ansatz, den dieses Buch weitervermittelt. Schließlich ist man nie zu alt um seine Träume zu verwirklichen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von NordSüd Verlag

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Valentin