Zäune
Foto von Serena Koi von Pexels

Hinter den Zäunen

Ein langer grauer Strich zwischen grünumrahmten, karmesinroten Quadraten. Zum Boden hin fällt das Karmesin in dunklen Fäden ab, die den Eindruck vermitteln könnten, dass die Schatten aus dem Boden wachsen. Einzelne graue Quader, Wüsten aus Kies, bilden Knotenpunkte des zentralen Striches, von ihnen aus verästeln schmalere Pfade und Linien, verknüpfen und zerfasern das umliegende Gelände, scheinen das Bild von innen nach außen hin zu gliedern. Im Osten verlaufen nur noch vereinzelte Bündel, die dafür zwischen gelben Planquadraten besonders hervorragen; im Westen hingegen versickert jegliches Grau in den Furchen und Schatten des Grüns. Ein einzelner Block im Süden ragt aus dem Panorama heraus: Kreisrunde metallene Punkte strecken sich aus einer nicht enden wollenden schwarzen Fläche. Hier wahrt das Grün einen gewissen Sicherheitsabstand, als würde es sich scheuen, dem Schwarz zu nahe zu treten, biegt und dreht sich um den Block, streckt scheu seine Glieder aus – dann tritt es in Parabelformen wieder den Rückzug an.

Lukas war zufrieden mit den Aufnahmen. Die Drohne funktionierte tadellos, die Bilder – scharf genug, um das Schwimmbecken im Nachbargarten wiederzugeben – sprachen für sich. Mit kindlichem Gefallen ordnete er die Formen, sortierte die Orte und Straßen nach der Wichtigkeit seines Erlebens: Der Parkplatz vor dem Supermarkt – dort hatten die Jungs und er in den frühen Teenagerjahren immer auf seinen älteren Bruder und den Kasten Bier gewartet. Das Fußballfeld, an dem sich samstagmorgens heute noch die gesamte Ortsbevölkerung versammelte, um den Spielen der beiden ortsansässigen Vereine zuzujubeln. Die Lions und der FCC. Zweiundzwanzig hagere Striche jagten auf einer Spielfläche, die sie zu verschlingen drohte, dem Ball hinterher und begegneten sich erst im Strafraum des gegnerischen Teams. Jeder Spieler glühte von dem Wunsch, ein Tor zu machen, an genau diesem Abend die Person zu sein, die den entscheidenden Treffer erzielt. In Retrospektive lachte er über diese Spiele, meist fielen die Ergebnisse im zweistelligen Bereich für beide Teams aus, Defensive spielte einfach niemand. Da war der Picknicktisch, an dem er das erste Mal herumgemacht hatte, die hunderten Feld- und Spazierwege seiner Kindheit, die Ilbe, in der er früher seine Füße lachend gebadet hatte, der Garten seiner Freundin, immer noch mit demselben Rutschgestell, die Walddorfschule, deren Garten er geliebt und deren Innenräume ihn immer eingeschränkt hatten. Die Details wurden feiner und mit ihnen die Erinnerungen, manchmal sah er sich dabei zu, in irgendeiner Ecke einen Apfel zu naschen, dann wechselte die Szenerie zu halbernsten Raufereien auf dem Schulhof, Gefechte mit Namen und Gesichtern, die er lange nicht mehr ausgesprochen oder gesehen hatte, Treffen, Begegnungen, Anekdoten. Lukas kam seine Jugend plötzlich sehr klein vor, dünn wie die flirrenden Köpfe und Schultern der Aufnahmen. Da lachte er und wusste, dass sich die Drohne gelohnt hatte.

C., sagt Georg, während er mit dem Finger auf die ausgeblichene Ortstafel deutet. Seine Stimme brummt im Gleichklang mit dem laufenden Motor, und einen Moment lang möchte ich mich in sie vergraben, sie wie einen Schal um mich wickeln und schlafen. Seine Schulter ist fest und spitz, pikst etwas im Nacken, aber wenn er spricht, wird sie wohlig wie ein Kissen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Serena Koi
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