Theoretisch könnten wir hier schreiben, dass Ayelet Gundar-Goshen mit ihrem dritten Roman das Coming of Age-Rad neu erfindet und unter verrückten Umständen die erste Liebe zwei junger Außenseiter inszeniert. Das wäre allerdings gelogen.

Ayelet Gundar-Goshens „Lügnerin“ hat uns nach ihren bisherigen Erfolgen „Eine Nacht, Markowitz“ und „Löwen wecken“ nicht ganz so überzeugen können wie die eben genannten Vorgänger. Und auch das ist nicht wahr. Lügen können so leicht über die Zunge gehen und ehe man sich versieht ist der grelle Lippenstift der Freundin eine tolle Idee und man kommt auf jeden Fall bald mal den ehemaligen Klassenkameraden in Leipzig besuchen. Die kleinen Lügen im Leben werden als Notwendigkeit für ein friedvolles Beisammensein abgetan, aber die großen Lügen, die, die immer weiter ausarten und in unangenehmen Zwickmühlen enden, bringen die besseren Geschichten hervor.

Und wenn wir von einem narzisstischen Arschloch im Hinterhof der Eisdiele, in der wir arbeiten, beleidigt werden, dann kann es passieren, dass wir eben so eine große Lüge säen, die so rasch erblüht, dass sie ihn hinter Gitter bringt und uns in das Rampenlicht rückt, von dem wir doch eigentlich alle träumen. Und genau da befindet sich der Ursprung des wunderschönen Spinnennetzes, das dieser Roman für uns webt, denn dort beginnt Nuphars Geschichte.

Ayelet Gundar-Goshen führt den Leser auf eine Reise durch das menschliche Gewissen und wirft moralische Fragen auf. Sie gibt uns mehr als kitschige Coming of Age-Liebe, statt mit Krebs oder Vampiren, diesmal eben mit Erpressung. Im Vordergrund steht ein grandioser Plot, eine unaufdringliche Suspense und die Frage nach Richtig und Falsch. Die Charaktere, die uns dabei zur Seite gestellt werden, wirken leider fast schablonenhaft auf das reale Leben zugeschnitten. Die unscheinbare Nuphar, mit Hautproblemen und einem Ferienjob in einer Eisdiele, in steter Konkurrenz mit der schöneren, beliebteren und jüngeren Schwester Maya.

Der abgehalfterte Popstar Avischai Milner, mit einem Geltungskomplex, der seinen Frust in einem Hinterhof an einer Unschuldigen auslässt, nur wenige Meter unter dem Fenster von Lavie, dem Stubentiger, dem ruhigen Teenager, der sich die Zeit mit Ballerspielen vertreibt, statt in die Fußstapfen seines Löwenvaters zu treten und in den echten Krieg zu ziehen. Wir kennen diese Nuphars, Lavies und Mayas. Wir sind mit ihnen zur Schule gegangen, kennen sie von nebenan oder entdecken sie in uns selbst. Und beobachten dabei gespannt, was mit ihnen dieses Mal passiert. In Israel, bei einem Eisladen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kein und Aber Verlag