Zusammen wachsen

Eigentlich will Elise nur Zähneputzen. Aber als sie die große Schere im Badeschrank sieht, da ist plötzlich all ihr  Ratlossein wie weggepustet. Als würde der Blick schon reichen, um der großen, jeden lustigen Gedanken verschluckenden Traurigkeit, mit der sie heute Morgen aufgewacht ist, den Garaus zu machen.

Bevor sie die Schere nimmt, muss sie kurz an Frau Krausebeet denken. An Frau Krausebeet mit ihrem wallenden Schürzenbauch, die an Ostern und Weihnachten Mamas Tischgestecke macht, und immer müssen sie so lange warten, während Frau Schwarz vor sich hin schnauft und tiefrote Kugeln zwischen die Tannenzweige stopft. „Einen hübschen Engel haben Sie da, was für entzückende Goldlöckchen!“, kräht sie dann jedes Mal und patscht ein paar Mal mit ihren großen nach Blumenwasser stinkenden Pranken auf Elises Kopf. Nie wieder Goldlöckchen, denkt Elise. Aber der Gedanke an Frau Krausebeet huscht nur ganz kurz durch ihren Kopf.

 

Denn vor allem denkt sie an Elmar. Die dürren Beine, mit welchen er nach den Zeugnisferien wieder in die Klasse kam, und wie alle still geworden sind vor lauter Schreck vor seinen dunklen Eulenaugen. Wie sehr sich Elise gefreut hat, weil sie seine knallrote Hose vermisst hat und was er in den Pausen über die blaugrünflügelige Ödlandschrecke und essbare Wildkräuter erzählt hat. Und vor Aufregung sind seine dunklen Locken wie schöne Luftschlangen beim Erzählen immer auf und nieder gehüpft.

Und an seinem ersten Schultag nach langem saß er so zusammengesunken an seinem Tisch, nachdem die Pausenklingel Frau Eberweins Hausarbeitskontrolle unterbrochen hatte. So, als hätte er vergessen, dass statt Mathe und Stillsitzen jetzt wildes Toben und Lachen angesagt war. Vergessen, wie das ging: aufspringen.

„Du bist wieder da“, sagte Elise und lächelte, so breit für zwei.

„Elise“, murmelte Elmar schüchtern und fast hörte sie, wie er dachte: Ja, ich bin wieder da, zumindest vielleicht ein bisschen.

Und Elise dachte an die Luftschlangen, die er jetzt zu Hause gelassen hatte. Oder, wie Mama es gesagt hat, als könnte das Wort zerbrechen, wenn sie es aussprach: im Krankenhaus. Dabei dachten Kilian und Eugen und all die Anderen in der großen Pause nur an ihr blödes Fußballturnier, das sie gestern angefangen hatten und in dem es keinen Platz mehr gab, keinen Platz für Elise und leise Worte und Spezial-Wissen über Wildkräuter.

Elmar blieb mit seinem Stuhl verwachsen an diesem Tag. Hörte nicht, was Elise hörte. „Ist er wieder gesund?“, fragte Karla, und dann: „Ich find seinen Babykopf ein bisschen gruselig. Komische Eierglatze.“ Sie sagte es erschrocken und auch, als hätte sie ein bisschen Mitleid, aber Elise spürte das Wort wie einen Stein in ihrem Bauch hin und her poltern. Später schnappte sie es nochmal auf, immer wieder, mit jedem Mal klang es weniger erschrocken, eher so, als flüsterte Karla etwas Verbotenes, über das man nicht kichern durfte: Elmar Eierglatze.

Elmar strich sich unzählige Male über den Kopf, der nackt aussah und so ungeschützt schien vor kalten Regentropfen und bohrenden Karla-Blicken ohne die wilde Mähne. Immer dann fasste er selbst dorthin, wenn das Geflüsterte bei ihm in der ersten Reihe ankam. Kaum war die letzte Stunde zu Ende, packte er seinen Schulranzen und hechtete auf seinen dürren Beinen aus dem Klassenzimmer, viel schneller als Killian im Fußballturnier, selbst wenn er grade im Toranmarsch war.

An diesem Mittag klang die Klingel böse, fand Elise.

Draußen auf dem Schulhof schüttelte der knorrige Ahorn wütend den Wind aus seinen Ästen.

Auch zu Hause war die Wut und die graue Traurigkeit mit den schweren Steinen in Elises Bauch nicht weg, auch wenn Dienstag war und Elises Schwimmkurs, auf den sie sich eigentlich immer freute. Heute piekste sie nur mutlos die Erbsen einzeln auf die Gabel und konnte sich nicht auf die Hausaufgaben konzentrieren.

„Was ist denn los, Elise?“ fragte Mama.

„Ach, nichts“, murmelte Elise nur, aber dann platzte es doch aus ihr heraus und sie erzählte von hässlichen Wörtern und dem wütenden Ahorn und Elmar mit den dünnen Beinen.

Als sie fertig war, seufzte Mama und redete dann so lange, dass Elise ganz schwindelig wurde im Kopf. Über Elmars Mama, die sie vom Laternenbasteln aus dem Kindergarten kannte, und davon, dass manchmal einfach so Kinder krank wurden, ohne dass man etwas dafür konnte. Sie redete auch viel von Krankenhäusern und Medikamenten und klugen Ärztinnen und Ärzten. Ob Elise sich das wohl vorstellen konnte, in blanken Betten so viele Nächte am Stück woanders zu übernachten. Irgendwann kam es Elise vor, als wäre die graue Traurigkeit jetzt auch zu Mama übergeschwappt. Dann bekam sie eine Ahnung, wie das war. Wenn das Erklären und Entschuldigen und Traurigsein der Erwachsenen so viel Kraft kostete, dass nicht mehr so viel übrig blieb zum Freuen oder Fußballspielen.

Mama sagte, dass sie trotzdem zum Schwimmkurs gehen sollten und wie wichtig es war, dass Elise keiner Grau- und Traurigkeit klein beigab. Tatsächlich musste Elise später auch kräftig lachen, als Ida kleine Quatschsprünge vom Beckenrand machte. Aber auch auf dem Nachhauseweg und beim Abendessen blieb die Traurigkeit wie ein ekliges, klebriges ausgespucktes Lakritzbonbon an Elise kleben. Vor dem Schlafengehen musste Papa sogar die kleine Lampe anmachen, obwohl Elise längst alt genug war, um ohne Licht zu schlafen. Doch an diesem Tag drang die Dunkelheit auch durch die Bettdecke in jede kleine Ritze und flüsterte „Elmar Eierglatze“ in Endlosschleife.

 

All dies geht Elise am nächsten Morgen im Badezimmer durch den Kopf. Als sie die Schere zwischen Zahnbürsten und Mamas Millionen kleiner Döschen herauspfriemelt und sie ein paar Mal kräftig auf und zu schnappen lässt. Mama klopft schon ungeduldig an die Tür und ruft „in fünf Minuten geht es los in die Schule!“, aber jetzt braucht Elise noch ein Weilchen und Mama muss warten.

„Ratsch, ratsch, ratsch, ratzepatze …“, murmelt Elise vor sich hin – „ratzepatze Eierglatze!“, und ein Kichern kitzelt sie in der Kehle und muss einfach hervorstrudeln. Die erste Locke fällt und sieht tatsächlich fast aus wie der Engelshaarschmuck, den Frau Krausebeet auch für die Winterdeko benutzt. Es geht ganz schnell, Strähne für Strähne schneidet Elise ohne eine Sekunde des Zögerns. Nur an den Hinterkopf kommt Elise nicht so gut heran und muss erstmal ungelenk um die Ecke schneiden. Als sie das erste Mal durch ist und um sie herum ein blonder Teppich den Boden, das Waschbecken und den Schemel davor bedeckt, pustet sie einmal kräftig gegen den Spiegel, sodass die goldenen Strähnen nur so davonfliegen. Fast ganz kahl blinzelt Elise ihr Spiegelbild entgegen. Ungewohnt sieht das aus. Nur rechts über dem Ohr ist noch ein goldblondes Büschel, und Elise lässt die Schere noch eine zweite Runde auf und zu schnappen, diesmal ganz nah am Kopf, sodass überall nur wenige Millimeter Mini-Härchen übrig bleiben. Und weil ihre Haare so hell sind, sieht man sie fast gar nicht mehr und die nackte Haut leuchtet blass darunter durch.

„Eliiiiiiise!“, schreit Mama und pocht zum zweiten Mal ungeduldig an die Badezimmertür.

„Elise, Elise“, flötet Elise in den Spiegel: „Eliiiise Goldlöckchen!“, und dann, laut durch die geschlossene Tür posaunend: „Ja, gleich!“

Sie pustet noch einmal kräftig und klopft sich ab (ein bisschen stachelt und piekst es unter ihrem Pullover), dreht sich einmal vorsichtig auf dem Schemelchen und nickt der neuen Elise und ihrem nackten Nacken zufrieden zu.

Später hat sie das Gefühl, dass gigantisch viele Blicke sie im Klassenzimmer genau dort  kitzeln. Sie hört Karla auch tuscheln, aber es fühlt sich so an, als würde es in ihrem Inneren unbeirrt hell summen und das ist allemal lauter als alles Geflüsterte. Na klar hat auch Elises Mama erstmal ein ganz schön erschrockenes Gesicht zu der neuen Frisur gemacht. Aber die kann ja auch nicht ahnen, wie wunderbar das ist, sich im Stillen zu zweit zu fühlen. Anders als Elise sieht sie ja nicht Elmars Zögern, als er auf seinen Wackelbeinen in die Klasse stakst und sie im ersten Moment gar nicht erkennt. Da hält Elise kurz die Luft an vor lauter ungewisser Erwartung, bis Elmars Augen groß werden und sie sachte mit dem Kopf wackelt. Keine Goldlöckchen, die mithüpfen. Und nach einem Augenblick wackelt Elmar genauso mit dem Kopf. Keine haarigen Luftschlangen, die auf und ab hopsen. Aber ganz viel Luft über dem Kopf und Raum für all die tollen Wildblumen und besonderen Tiere und vielleicht irgendwann auch Platz für Erzählen und Zuhören, Aufspringen und Toben.  Ein kleines Bisschen Kraft zum Freuen ist vielleicht jetzt schon da. Jetzt dürfen unsre Haare gemeinsam wachsen, denkt Elise. Und sie mag den Gedanken. Nicht nur, weil sie im Schwimmkurs jetzt viel schneller mit Föhnen ist.

Denn jetzt lächelt Elmar, und Elise lächelt zurück, bis das Lächeln wie ein warmer Sonnenstrahl nach innen strahlt und die Ahornblätter fröhlich vor dem Fenster rascheln.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

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