Lasagne und Luftballons

Mein Papa ist krank. Er liegt seit einer Woche im Bett und kann nicht aufstehen. Er möchte nicht einmal duschen. Aber er hat kein Fieber und hat sich auch nichts gebrochen. Mama sagt, dass er eine Krankheit hat, die man nicht sehen kann und die ihn traurig machen kann oder ihm auch manchmal einfach alle Kraft raubt. Sie sagt auch, dass es nicht ansteckend ist und dass Papa zu krank ist, um uns Gutenachtgeschichten vorzulesen. Dann nimmt sie uns in den Arm und drückt uns ganz fest. Wenn wir ihn fragen, ob er mit uns Ball spielen möchte oder schwimmen gehen will, seufzt er nur und sagt: „Nicht heute, ok?“

Wir alle wollen Papa helfen, dass er ganz schnell wieder gesund wird und wieder lachen kann.

Meine große Schwester Anna will Papa die süßen Babykatzen von den Nachbarn bringen. Sie sind noch ganz klein und haben alle drei unterschiedliche Fellfarben. Ich mag das ganz schwarze mit der weißen Pfote am liebsten. Sie geht am Morgen zu den Nachbarn rüber, aber sie darf die Kätzchen nicht zu uns rüber nehmen, weil wir einen Hund haben.

Unsere Oma Ruth kommt schnell vorbei und will Papa eine wunderschöne Geschichte aus ihrer Kindheit erzählen. Eine spannende Geschichte mit einem lustigen Ende, damit Papa wieder lachen kann. Sie gibt sich besonders viel Mühe, aber sie ist so müde, dass sie einschläft, bevor sie das schöne Ende erzählen kann. Papa deckt sie zu und lässt sie schlafen.

Mama will mittags Papas Lieblingsessen kochen. Sie geht dafür extra noch einmal einkaufen, macht eine große Lasagne, die ganz viel Käse darauf hat und im Ofen blubbert, obwohl normalerweise immer Papa kocht. Aber dann passt sie eine Zeit nicht auf und die Lasagne brennt an. Mama seufzt und macht uns Käsebrote.

Ich will Papa auch etwas bringen, um ihm zu helfen. Nachmittags gehe ich mit meinem besten Freund zum Jahrmarkt und darf ganz viele Achterbahnen fahren, aber es macht nicht so viel Spaß, weil Papa eigentlich mitkommen wollte. Beim Dosenwerfen gewinne ich einen schönen knallroten Luftballon, den ich Papa mitbringen möchte. Aber der Ballon muss wohl ein Loch bekommen haben, weil er auf dem Weg nach Hause immer mehr Luft verliert, bis er nicht mehr fliegen kann und ich ihn nur noch am Boden hinter mir herziehe.

Meine andere Schwester Klara will Papa einen schönen Papierflieger basteln. Sie faltet so lange, bis der Flieger gut und gerade fliegen kann. Als ich zurückkomme, versucht sie den Flieger durch Papas Fenster zu werfen. Aber dann kommt ein Windstoß, der den Papierflieger in den Teich bläst.

Mein Bruder Sasha will Papa einen schönen Mohn bringen, den er am Straßenrand findet. Es ist ein besonders schöner Mohn, der ganz zarte Blätter hat und wunderbar orange leuchtet. Er klemmt die Blume auf seinen Gepäckträger und radelt nach Hause, aber auf dem Weg verliert er den Mohn und findet ihn nicht mehr.

Ich will Papa eine bunte Karte basteln. Ich schreibe in die Karte, wie lieb ich ihn hab und dass ich hoffe, dass er bald wieder gesund wird. Vorne male ich uns alle zusammen mit Papa in der Mitte, der ganz groß lacht. Aber als ich fertig bin, stoße ich mit dem Ellenbogen gegen den Kleber, der meine ganze Karte verklebt.

Meine jüngste Schwester Hannah will zu Papa gehen, um ihm die lustigen Klick-Geräusche zu zeigen, die sie machen kann, aber als sie zu ihm gekrabbelt ist, hat sie vergessen, wie man die Geräusche macht. Sie fängt an zu weinen und Papa braucht lange, bis er sie getröstet hat.

Onkel Thomas will Papa einen Obstkuchen schenken. Er macht besonders viele Erdbeeren darauf, weil mein Papa die so gerne mag, und kommt nachmittags zu uns. Aber auf dem Gehweg stolpert er und der Kuchen fällt auf den Boden. Wir sagen es Papa nicht, damit er nicht noch trauriger wird.

Meine andere Oma Greta kommt vorbei und will Papa ihre Urlaubsfotos zeigen. Sie war im Sommer in Marokko und Papa wollte auch schon immer mal dahin. Greta hat deswegen extra viele Fotos gemacht, in denen sie häufig auf Kamelen sitzt oder in Gewürzmärkten steht, aber ihr Laptop geht kaputt, bevor Papa das erste Bild sehen kann. Papa sagt, dass er es nicht schlimm findet und sie die Fotos nachholen können. Dann hört er Greta zu, der ihm lange von ihrem Abenteuer erzählt.

Sogar unser Hund Igo will Papa nach dem Gassi gehen einen großen Stock bringen, um ihn aufzuheitern. Der Stock hat besonders viele Astlöcher und Igo mag ihn sehr gerne. Aber ein anderer Hund erschreckt ihn und nimmt ihm seinen Stock weg. Igo verkriecht sich unter der Treppe und will nicht mehr rauskommen.

Auch die Sonne will Papa einen warmen Sonnenstrahl ins Zimmer schicken, um ihm zu helfen. Aber als sie gerade anfangen will zu strahlen, schiebt sich eine Wolke vor sie. Papa guckt aus dem Fenster, aber er scheint die Wolke nicht einmal zu bemerken.

Am Abend sitzen wir alle in der Küche. „Ich wollte ihn doch aufmuntern“, schnieft Onkel Thomas und starrt auf den leeren Kuchenteller. Igo legt den Kopf auf seine Pfoten und sagt nichts, weil er ein Hund ist. Ich sage: „Ich wollte ihn zum Lachen bringen.“ Mein Bruder lässt den Kopf hängen. Auch die Sonne ist traurig und ist deswegen besonders schnell untergegangen. Mama sagt ganz leise: „Ich wollte ihn glücklich machen.“ Meine Schwester Hannah brabbelt, dass sie ihn auch zum Lachen bringen wollte, aber das kann nur ich verstehen, weil sie noch in der Babysprache redet. Wir überlegen lange, wie wir Papa noch aufheitern können, aber kein Vorschlag ist uns gut genug.

Dann hören wir das Schlurfen von Pantoffeln im Flur und in der Tür steht Papa. Er sieht gar nicht mehr so traurig aus. „Ihr seid alle da“, sagt er und lächelt ein kleines Lächeln.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

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