Anfang

Wenn ich groß bin, möchte ich mal Indianer werden. Die kennen sich nämlich ziemlich gut aus. Und wissen so ziemlich alles, was wichtig ist. Zum Beispiel wie man in der Wildnis lebt. Die können deshalb überall zurecht kommen und müssen nicht das machen, was andere sagen. Außerdem haben die Pferde. Und übernachten in Zelten und machen Lagerfeuer. Und sie können mit Pfeil und Bogen schießen. Das ist sehr praktisch, falls man mal von wilden Stieren angegriffen wird. Tante Herta sagt aber, dass Indianer gar kein richtiger Beruf ist. Und schon gar nicht für ein Mädchen. Aber ich glaube das nicht. Ich glaube, das sagt sie nur, weil sie nämlich nicht mit Pfeil und Bogen schießen kann. Und weil sie Pferde nicht mag. „Die machen nur Dreck und stinken“, sagt sie. Vielleicht denkt sie das einfach, weil sie überhaupt gar keine Pferde kennt. Kasimir stinkt jedenfalls nicht. Der riecht ganz warm. Und ein bisschen süß, so wie Honig. Ich glaube, so muss Zuhause riechen. Deshalb will ich auch Indianer werden. Weil es dann immer so gut riecht. Nach Pferden und Wind und Wildnis. Und nach Zuhause. Tante Herta sagt immer: „So etwas schickt sich nicht für ein Mädchen.“ Ich weiß gar nicht genau, was das eigentlich heißt. „Du weißt genau was das heißt!“, sagt Tante Herta dann immer. Ich glaube, sie weiß es eigentlich auch nicht. Oft habe ich den Eindruck, sie weiß sowieso nicht besonders viel. Aber das ist nicht so schlimm, denn ich kann ja auch Balduin fragen. Der weiß jede Menge. Und wenn er mal was nicht weiß, dann erfindet er eine Antwort. Das kann er machen, weil er ja Erfinder ist. Aber was dieses „schickt“ sein soll, frage ich mich wirklich. Ob das was mit Briefen zu tun hat? Schade, dass ich vergessen habe, Balduin das zu fragen.

Balduin sagt, Indianer sein ist eine gute Idee. Er würde sich freuen, wenn ich auf uns aufpassen könnte, falls wir mal von wilden Stieren angegriffen werden. Eigentlich habe ich überhaupt noch nie einen richtigen Stier gesehen. Aber Balduin sagt – sicher ist sicher. Und man sollte lieber vorbereitet sein, wenn man in der Wildnis leben will. Falls doch mal einer kommt. Er meint aber, dass man dann zuerst einmal schauen müsste, ob es nicht vielleicht ein freundlicher Stier ist. Deshalb bringt er Kasimir zur Sicherheit Stiersprache bei. Damit der mit dem reden kann und ihn fragen, falls wir mal einem begegnen. Balduin sagt, dass es viel leichter für Pferde ist Stiersprache zu lernen als für Menschen, weil die nämlich auch vier Beine haben, ist ja klar. Außerdem sagt er, dass Kasimir sonst viel zu langweilig würde, wenn er ihn nicht ständig bei Laune hält. „Der kann sich ruhig auch mal nützlich machen!“, sagt er. „Der steht immer nur faul in der Sonne oder hört Musik, seitdem wir hier leben und er nicht mehr als Kutschenpferd arbeiten muss.“ Musik hört Kasimir wirklich gerne. Deshalb kommt Pitt oft vorbei und spielt ihm was auf seiner Mundharmonika vor. Dann fangen seine Augen immer an zu glitzern und er ist ganz mucksmäuschenstill und lauscht der Musik. So lange bis Balduin findet, dass der “verwöhnte Gaul” jetzt lang genug zugehört hat. Und dann hilft Pitt ihm beim Erfinden. Und Kasimir natürlich auch. Mit dem muss nämlich immer alles ganz genau besprochen werden, damit nichts schief geht beim Erfinden. Das kann sonst nämlich sehr gefährlich werden. Irgendwann möchte ich auch gern Pferdesprache lernen. Das ist nämlich sehr praktisch, wenn man mal Indianer werden will. Und dann könnte ich auch richtig mit Kasimir sprechen. Genauso wie Balduin. Balduin sagt, er bringt sie mir bei Zeiten mal bei. Und manchmal, wenn Kasimir sehr albern ist und viel Blödsinn erzählt, sagt Balduin, dass ich froh sein kann, dass ich mir das jetzt nicht alles anhören muss. Vielleicht lernt Kasimir aber auch bei Zeiten Menschensprache. Immerhin ist er sehr schlau. Nur frage ich mich manchmal, wann diese Zeiten eigentlich sein sollen? Denn meistens ist bei Balduin und Kasimir immer viel los. Da war bisher noch keine Zeit zum Sprachenlernen. Aber so lange Balduin alles wichtige für uns übersetzen kann, ist das ja auch gar nicht schlimm.

Tante Herta hat eigentlich auch gar keinen richtigen Beruf. Außer Einkaufen. Das macht sie eigentlich am liebsten. Oft kommen die komischsten Leute zu uns. Die bringen dann immer große Holzkisten mit, wo allerhand feine Dinge drin sind: Kleider und glitzernder Schmuck und jede Menge Geschirr und manchmal auch sehr alte schwere Möbel. Ich weiß gar nicht so recht, wozu Tante Herta eigentlich all die Dinge braucht. Immerhin sind wir ja nur zu zweit hier. Aber ich glaube, dass sie sich sonst vielleicht einsam fühlen würde, in dem riesigen Haus. Und so stellt sie es eben voll, mit allerhand wertvollen Dingen. Bis es irgendwann platzt. Oder sie ein neues Haus einkauft. Sie sagt, es wäre gut all diese Dinge zu haben. Falls man mal Besuch bekäme. Aber eigentlich bekommen wir nie Besuch. Dabei ist das riesige Haus optimal zum Verstecken spielen geeignet.  Aber seitdem die hässliche Vase die Treppe runtergekracht ist, darf ich keine Kinder mehr zum Verstecken spielen hierher bringen. „Und auch nicht deine anderen verlausten Freunde!“, sagt Tante Herta. Ich glaube, damit meint sie Balduin und Kasimir. Dabei hatten die noch nie die Läuse. Aber das will mir Tante Herta einfach nicht glauben. Oder sie hört mir gar nicht erst zu. Ich glaube, das macht sie mit Absicht. Also das nicht Zuhören. Weil ich ja nur ein Kind bin. Und auf Kinder sollte man lieber nicht hören, sagt sie. Ich sage ihr dann immer, dass man auf verrückte Tanten auch lieber nicht hören sollte. Und dann wird ihr Kopf immer ganz rot – wie eine Tomate. Weil sie mir in dem Moment natürlich doch ausnahmsweise zugehört hat. Und wenn man denkt, sie müsste nun gleich platzen, kreischt sie durchs ganze Haus: „Henriette! So etwas schickt sich nicht!“ Dieses Kreischen kann man sich vorstellen wie eine Feuerwehrsirene, die immer lauter und schriller wird. Wenn das passiert, dann suche ich lieber schnell das Weite. Bevor sie sich irgendeine Strafe ausdenkt. Einmal musste ich stundenlang all ihre Porzelanäffchen polieren. Das war so langweilig, dass ich dachte, die Zeit würde rückwärts laufen. Und als die blöde Vase die Treppe runter gepoltert ist, durfte ich zwei Tage nicht draußen spielen, weil mir Tante Herta ganz genau beibringen wollte was brave Kinder so alles machen. Da hat sie mir gezeigt wie man seinen Tee richtig umrührt und wie man Socken bügelt. Seitdem tun mir alle braven Kinder sehr leid. Denn denen muss schrecklich langweilig sein. Tante Herta hat währenddessen versucht die scheußliche Vase wieder zusammen zu kleben. Aber als ich bei der 52. Socke angelangt war, hat sie es dann doch aufgegeben. Ein bisschen schade um die Vase ist es ja schon. Immerhin war das dort ein wirklich prima Versteck. Aber jetzt, wo in diesem Haus sowieso nicht mehr gespielt werden darf, ist das eigentlich auch egal. Ich finde sogar, sie sollte eigentlich dankbar sein, dass die blöde Vase die Treppe runter geflogen ist. Immerhin ist dort jetzt wieder Platz und sie kann etwas einkaufen. Und außerdem hat sie nun auch gebügelte Socken bis ans Ende ihres Lebens.

Noch besser als in einem viel zu großen Haus kann man aber im Wald spielen. Deshalb kommt Pitt oft vorbei und wir gehen gemeinsam Balduin besuchen. Der wohnt nämlich im Wald. Aber alleine soll ich da nicht hingehen, weil Tante Herta das zu gefährlich findet. Ich finde jedenfalls Socken bügeln viel gefährlicher als in den Wald gehen. Schließlich kann man auch aus Langeweile sterben. Und wer weiß – noch drei Socken mehr und ich wäre womöglich tot umgefallen. Aber mit Pitt darf ich zum Glück in den Wald gehen. Mit Pitt darf ich sowieso fast alles. Den mag Tante Herta nämlich. Und ich auch. „Das ist wirklich ein feiner Junge.“ Sagt Tante Herta immer. Und ich glaube, dass ist er wirklich. Er weiß nämlich ziemlich gut, was man sagen muss, wenn man zum Beispiel in den Wald gehen will und wann man lieber nichts sagen sollte, um keinen Ärger zu kriegen. Außerdem ist er ziemlich groß und hat das breiteste und schönste Lächeln, das man sich nur vorstellen kann. Wenn er so lächelt, kann ihm nicht einmal Tante Herta einen Wunsch ausschlagen. Manchmal flunkert Pitt sogar ein bisschen, damit ich früher weg kann und nicht stundenlang irgendwelche Teller aus Kisten räumen muss. Pitt behauptet dann immer, er bräuchte absolut gerade meine Hilfe und dass es sich sehr schicken würde, wenn ich ihm jetzt helfen würde. Da kann Tante Herta dann natürlich nicht nein sagen. Obwohl das ja meistens gar nicht stimmt. Ich sage Pitt dann immer, dass man nicht lügen soll. Und Pitt sagt dann, dass er findet, dass man auch keine Socken bügeln soll und dass man in solchen Notfallsituationen eben manchmal doch ein bisschen flunkern darf. Und weil Pitt sich ziemlich gut auskennt und ich auch finde, dass man Socken nicht bügeln soll, finde ich flunkern in solchen Notfällen doch ganz in Ordnung.

Balduins Haus ist viel kleiner als das von Tante Herta. Aber ich finde, es ist das schönste Haus auf der ganzen Welt. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass es irgendwo ein schöneres geben könnte. Balduin hat es ganz alleine gebaut, als er mit Kasimir hierher kam. Das ist schon ziemlich lange her und ich kann mich überhaupt nicht mehr daran erinnern. Aber ich glaube, das liegt auch daran, dass ich da bestimmt noch gar nicht auf der Welt war. Oder zumindest noch ein winziges Baby und daran kann ich mich ja auch nicht mehr erinnern. Das Haus steht wie gesagt mitten im Wald. Und wäre ich nicht schon so oft dorthin gelaufen, würde ich es bestimmt gar nicht erst finden. Man muss nämlich sehr lange dem Waldweg folgen. Über den großen Berg und dann eine halbe Ewigkeit an den hohen Tannen vorbei. Dann noch einmal links abbiegen, dann an dem Busch mit den roten Beeren und den schiefen Ästen vorbei, dann nochmal rechts und ein kleines Stück querfeldein über den Geheimpfad. Und wenn man dann denkt, man hätte sich jetzt so richtig verlaufen – dann ist man genau richtig. Und plötzlich taucht das Haus einfach so auf. Wie aus dem Nichts. Einmal habe ich Balduin gefragt, wie er gerade so einen versteckten Ort zum Wohnen gefunden hat. „Ich habe den Ort nicht gefunden.“ Hat er mir dann erklärt. „Der Ort hat mich gefunden. Ich war mit Kasimir unterwegs und plötzlich waren wir da. Und weil wir dem Ort so gut gefallen haben, sind wir einfach dort geblieben. Und wenn ein Ort einen erst einmal ausgesucht hat, dann ist es nur ratsam dort ein Häuschen hin zu bauen. Darin lebt es sich oft besser. Zum Beispiel wenn es mal regnet oder irgendwann sehr kalt ist.“ Außerdem – sagt er, hat man dort immer seine Ruhe. Da würden sich nicht so viele verrückte Tanten hin verirren. Und er kann den ganzen Tag und die ganze Nacht so viel erfinden, wie er lustig ist. Beim Erfinden muss man nämlich auch anständig laut sein, sagt Balduin. Sonst macht es keinen Spaß. Und das macht es ja auch nicht, wenn die Nachbarn immer schimpfen, weil sie nicht schlafen können, wenn man die ganze Nacht anständig laut erfinden will. Außerdem baut und bastelt Balduin auch ständig an seinem Häuschen rum. Das macht auch oft eine Menge Krach. Aber es fallen ihm eben immer neue gute Ideen ein, wie man das Häuschen noch schöner machen kann. Manchmal ist es ihm auch einfach zu langweilig und wenn er findet, er habe jetzt lang genug auf ein und dieselbe Wand geguckt, dann macht er sie eben weg und baut irgendwo eine Neue hin. Oder gar keine. Denn manchmal ist es auch gut ein großes Zimmer zu haben, sagt er. Dann muss man sich nämlich nicht entscheiden, in welchem Raum man gerade am liebsten sein möchte und man muss auch viel weniger aufräumen. Und es gibt viel Platz zum Tanzen, falls einen mal die Tanzlust packt. Das kann man nie wissen. Weil Balduin so oft umbaut sieht sein Häuschen wirklich komisch aus. Es ist ganz schief und krumm. Und man kann nicht genau sagen, wie viele Etagen es eigentlich hat. Denn ab und wann kommt eben mal eine Treppe hinzu oder eine andere weg. Es ist ganz aus Holz gebaut. Nur das Dach, oder besser gesagt: Die Dächer sind aus verschiedenen Sachen. Es gibt nämlich drei, die ein bisschen ineinander verschachtelt in die Bäume ragen. Dadurch sieht es eigentlich ein bisschen so aus, als wären drei sehr kleine Häuser zu einem einzigen zusammengewachsen. Kasimir hat natürlich auch ein eigenes kleines Häuschen, neben dem Haus. Der darf nämlich nur zu ganz besonderen Anlässen ins Haus kommen. Und auch nur dann, wenn gerade ein Zimmer vorhanden ist, dass groß genug für drei Menschen und ein Pferd ist. Und es muss ein Zimmer im Erdgeschoss sein. Einmal ist Kasimir nämlich die schmale Treppe nach oben gegangen. Aber weil die so hoch und steil war, hat er sich dann einfach nicht mehr hinunter getraut. Deshalb musste Balduin von dort aus eine Rutsche in den Garten bauen und dafür eine Wand weg machen. Seitdem schläft Balduin lieber unten auf der Küchenbank. Weil es in seinem Schlafzimmer scheußlich zieht, seitdem die eine Wand fehlt. Das stört ihn aber gar nicht. Denn jetzt hat er ja oben einen prima Ausguck und kann von dort auch viel schneller in den Garten gelangen, weil er nur die Rutsche hinuntersausen muss. Im Garten steht ein großer Haufen mit allem möglichen Gerümpel, den Balduin zum Erfinden benutzt. Und weil es im Garten den meisten Platz gibt und man nie genau wissen kann, wie viel Platz man zum Erfinden so braucht, verbringen wir sowieso die meiste Zeit im Garten.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

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