Meerjungmänner

Elena ist neun Jahre alt und liebt das Meer. Ihre ersten Schritte machte sie im Schlamm zusammen mit ihrer Mutter während einer Wattwanderung auf Sylt.

Ihre Haare sehen sogar aus wie das Meer: Lange Wellen fließen am Rücken entlang bis zum Po. Länger durften sie aber nicht wachsen, das sei zu unpraktisch, erklärte ihre Mutter immer wieder.

Ihre Augen sehen auch aus wie das Meer: hellblau mit türkisen Sprenkeln um die Pupille herum.

Jedes Jahr fährt Elena mit ihren Eltern, ihrem besten Freund Fynn und dessen Eltern ans Meer. Sie alle teilen Elenas große Liebe und Faszination für die See und deren unzählige Geheimnisse und verborgene Schätze.

Dieses Jahr haben sie sich für einen großen Bungalow an einem weißen Sandstrand  auf der so genannten „Schildkröteninsel“ in Thailand entschieden.

Kaum sind die Familien angekommen, packt Elena Fynn an der Hand und zieht ihn in Richtung Meer. Ihren Badeanzug hat sie schon zuhause in Deutschland  angezogen und die ganze Reise bis auf die Insel unter ihrer normalen Kleidung getragen. Nur so konnte sie ohne Umwege sofort im Meer schwimmen gehen.

Elena und Fynn stockt der Atem, als sie auf der Veranda des Bungalows stehen und auf ein sattes, tiefes Blau blicken. Keine einzige Wattewolke ist am Himmel. Einige winzige Holzboote schaukeln auf dem Wasser hin und her. Große Palmen ragen in den Himmel empor und werfen Schatten auf den glühend heißen Sand. Der ist so weiß; da würde sogar Elenas Zahnarzt neidisch werden.

Ihre Mutter nimmt auf der Bank neben ihnen Platz und rückt ihre große Sonnenbrille zurecht.

„Na los, ihr beiden! Darauf habt ihr doch so lange gewartet!“ Sie lächelt die beiden ermunternd an. Fynn und Elena grinsen breit.

„Ich habe dich so vermisst, Meer!“, schreit Elena und hüpft in die Wellen. Sie bildet sich sogar ein, ihre aufgeheizten Füße zischen zu hören, als sie das Wasser berühren. Kaum kann Elena glauben, dass sie es so lange in Süddeutschland ausgehalten hat, wo es zwar viele Berge, Wälder, Seen und Flüsse gibt, aber eben kein Meer.

Sie taucht ab und reißt die Augen auf. Durch das salzige Wasser kann sie die  verschwommenen Umrisse von Steinen, Korallen und kleinen Fischen erkennen.

Doch was ist dieser dunkle Fleck im Hintergrund? Menschengroß ist die Gestalt, aber wo sind die Beine? Verwundert taucht Elena auf und wischt sich über die Augen, doch jetzt sieht sie nur noch die sanften Wellen.

Plötzlich taucht ein Kopf aus dem Wasser auf. Sie dreht sich um. Fynn kommt langsam näher.

„Hast du das gesehen, Fynn?“, japst sie und schwimmt auf ihn zu, bis sie wieder stehen kann.

„Was denn?“, fragt er und wundert sich, warum Elena so aufgeregt ist.

„Da war jemand unter Wasser, aber er … oder sie … ach egal – es hatte keine Beine, war aber wie ein Mensch nur mit Flossen, glaube ich. Das muss eine Meerjungfrau gewesen sein!“

„Meerjungfrauen gibts doch gar nicht“, belehrt sie Fynn und verdreht die Augen.

„Doch! Da war sie doch!“ Aufgedreht rudert Elena mit den Armen und zeigt in das offene Meer hinaus. Doch die Gestalt ist verschwunden.

Die Begegnung mit der geheimnisvollen Gestalt geht ihr nicht aus dem Kopf. Weder beim späteren Spaziergang, noch beim Abendessen und schon gar nicht im Bett. Was hatte sie dort zu suchen und warum hatte sich das Wesen nur ihr gezeigt?

An Schlaf ist nicht zu denken. Elena muss der Sache auf den Grund gehen.

Auf Zehenspitzen schleicht sie zu Fynns Bett und stupst ihn an. Er grummelt leise im Schlaf. Ach, was solls, denkt Elena. Er hat ihr heute sowieso nicht geglaubt. Leise verlässt sie das Zimmer und betritt auf Zehenspitzen die Veranda des Bungalows. Die Sonne ist schon untergegangen und hat den Himmel in ein glutrot-lila Farbspiel verwandelt.

Angestrengt blickt Elena auf das ruhige Meer und sucht es nach der Gestalt ab, als plötzlich der Kopf wieder auftaucht! Elena muss schnell sein. Ihren Badeanzug hat sie schon an. Wie wild reißt sie ihr Schlafshirt vom Körper und läuft über den jetzt kühlen Sand zum Wasser. Sie holt tief Luft und taucht unter. Die Gestalt kommt langsam näher. Ein bunter Fischschwanz ist immer deutlicher zu erkennen und Elena ist sich nun sicher: Das ist eine Meerjungfrau! Die Gestalt streckt ihre Hand nach Elena aus und vorsichtig berühren sich ihre Fingerspitzen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

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