Ich dachte, es wäre nur eine Phase…

Ich war 14 als ich mir die ersten Gedanken über Sexualität gemacht habe. Vorher hat mich das alles nicht so interessiert, ich war immer mehr der Spätzünder. Habe auch manchmal mehr Spaß an den Puppen meiner Schwester gehabt, als an der Carrera Bahn von meinem großen Bruder. Ich glaube meine Mutter fand das schon komisch. Aber vielleicht waren andere auch so, hab nie mit wem darüber geredet. Ist mir inzwischen auch egal. Meinen Vater kenne ich nur flüchtig, er hat meine Mutter verlassen als sie schwanger war; meine Geschwister sind von einem anderen Mann. Manchmal glaube ich sogar, Mama ist ihm fremdgegangen. Wir hatten es nie so einfach. Wir kamen halt klar, aber ich wollte meine Mutter nicht noch zusätzlich damit belasten, dass sie einen schwulen Sohn hat. Also behielt ich es für mich. Mal davon abgesehen, dass ich eh dachte es wäre nur eine „Phase”, die wieder vorübergeht. Mit 15 Jahren war diese aber immer noch nicht vorbei, mich interessierten Mädchen noch genauso wenig wie vorher. Jungs dagegen wurden immer interessanter. Als ich mit 16 herausfand, dass ein Mädchen total in mich verschossen war, sah ich dies als Chance meine Tarnung aufrechtzuerhalten. Also kam ich mit ihr zusammen, nur so 2 Monate vielleicht, aber das reichte aus, damit die anderen dachten ich sei hetero. Irgendwann meldete ich mich bei einer Dating-Seite für Homosexuelle an und traf mich heimlich ein paar Mal mit fremden Männern, die häufig auch gut fünf Jahre älter waren als ich. Wohlgemerkt, ich war immer noch 16. Heute würde ich das so nicht mehr machen. Aber ich hatte meinen Spaß. Die Monate vergingen und meine Mutter machte sich inzwischen auch Gedanken. “Lennart, wie sieht’s eigentlich bei dir aus, willst du nicht mal jemanden mit nach Hause bringen?”. Ich meinte nur, ich wolle erst einmal die Schule in Ruhe zu Ende bringen und mich dann auf eine Beziehung konzentrieren. Abends hatte ich wieder ein Date. Aber mit einem, der nicht nur fürs Bett war, sondern einen, den ich wirklich mochte. Wir kamen zusammen. Heimlich natürlich. Doch nachdem schon fast ein Jahr seitdem vergangen war, hielt ich den Druck nicht mehr aus. Die Gesellschaft, die Meinung meiner Mutter, alles war mir egal. Erst sagte ich es meiner besten Freundin. Ihre Antwort, dass sich damit nichts verändert hatte erleichterte mich und gab mir Mut. Also outete ich mich, mit 20. Diese Geheimhaltung hatte mich genervt und ich fühlte mich danach wie befreit. Und zu meinem großen Erstaunen waren meine Befürchtungen übertrieben, es juckte nämlich niemanden, dass ich schwul bin.

Lennart*, 21, Hannover

Wenn da jetzt ein hotter Typ ankommen würde, würde ich nicht nein sagen…

Ich bin hetero. Das weiß ich. Ich steh auf Mädels. Nicht diese Mauerblümchen, sondern wirklich Frauen, die was dran haben. War das jetzt sexistisch? Ist halt meine Vorliebe. Ich akzeptiere alle anderen Menschen, auch wenn sie eine andere Meinung als ich vertreten. Wäre ja auch langweilig, wenn alle den gleichen Geschmack hätten. Und ich kriege so mehr ab *lacht*. Ne, aber mal im Ernst jetzt. Jeder so wie er’s mag, ist mir völlig egal, ob Mann und Mann oder Frau und Frau zusammen sind. Ich verstehe diese Leute nicht, die das nicht einfach ausblenden können, falls es ihnen nicht passt. Nein, man muss ja immer nen dummen Spruch ablassen. Voll nicht chillig. Aber naja, irgendwelche Arschlöcher gibt es immer. Das Ding ist, trotz all der Frauen die ich so kennengelernt habe oder mit denen ich sogar was hatte, kann ich mir vorstellen, wenn da jetzt so ein richtig hotter Typ ankommen würde, würde ich vermutlich nicht nein sagen, obwohl ich hetero bin. Aber bin ich denn gleich schwul, wenn ich einmal was mit einem Typen habe? Einfach so zum Ausprobieren? Probieren geht über Studieren! Also was soll schon dabei sein. Frauen machen auf Partys auch miteinander rum und am nächsten Tag ist es so, als wäre nix passiert. Also scheiß drauf, mach dein Ding und gib nen Fick auf die Meinung anderer.

Pete*, 23, Hannover

Ich habe schon öfter überlegt, mal einen Test zu machen…

Ich habe mit meiner Mutter und ihrem neuen Freund zusammengelebt. Die wussten, dass ich schwul bin, hab daraus nie wirklich ein Geheimnis gemacht. Meine Mutter kam relativ gut damit klar, früher hat sie mich eigentlich immer unterstützt. Sie hat sich nur von ihrem Freund beeinflussen lassen. Für ihn gab es nur diese straighte Richtung. Mann und Frau gehören zusammen, nichts anderes. Ich würde ihn jetzt nicht als schwulenfeindlich bezeichnen, obwohl er mich die meiste Zeit ignorierte und manchmal auch verbal angriff. Aber ich gab da nen Scheiß drauf. Trotzdem brachte ich nie irgendwelche Typen mit nach Hause. Egal ob ich gerade etwas mit denen hatte oder sie nur Freunde waren. Als auch meine Mutter anfing sich immer mehr von mir zu distanzieren, sah ich keinen anderen Ausweg mehr als auszuziehen. Das ist nun drei Jahre her. Seitdem nehme ich auch Typen aus Bars mit nach Hause und hab einfach meinen Spaß. Manchmal treibe ich es eventuell auch etwas zu weit, wenn ich mir eine Pille reingeschmissen habe, aber diese mir-ist-alles-scheiß-egal-Einstellung ist es wert, zumindest für den Moment. Ich habe schon öfter überlegt, mal einen Test zu machen, hab das aber bisher immer nach hinten geschoben. Zurzeit halte ich mich mit einem Job bei Subway über Wasser, das reicht mir bisher auch, mal schauen was die Zeit noch bringt. Treffe mich heute Abend wieder mit einem. Eigentlich ist der nicht so mein Typ, aber für eine Nacht dürfte er wohl ausreichen. Im Moment kann ich mir nicht vorstellen eine längere Beziehung zu führen, dafür macht mir mein jetziges Leben zu viel Spaß.

Leon*, 21, London

Die Angst verstoßen zu werden, ist viel zu groß…

Meine Eltern wissen nicht, dass ich homosexuell bin, geschweige denn, dass ich gerade hier bin. Die glauben, ich sitze zu Hause an irgendwelchen Uni Aufgaben. Ich komme nicht von hier, also kann mich auch keiner verpetzen, denn keiner aus meinem Bekanntenkreis weiß Bescheid davon. Die Angst verstoßen zu werden ist viel zu groß. Mein Vater ist sehr religiös und will mich und meine Brüder zu “richtigen Männern” aufziehen. Bei meinen Brüdern hat das soweit auch geklappt, nur ich scheine das schwarze Schaf in der Familie zu sein. Ich glaube, ich könnte meinen Eltern das nie sagen, dass ich schwul bin, niemals. Ich habe wirklich Angst, dass ich mein Leben komplett verheimlichen muss. Klar hatte ich schon ab und zu ein paar Dates, aber was bringt das schon, wenn du nichts öffentlich machen kannst. Eigentlich habe ich sogar Angst hier rumzulaufen. Fotos werden veröffentlicht, ich könnte darauf zu sehen sein. Aber was soll’s. Ich denke mir andererseits auch so, schwul zu sein macht mich zu keinem anderen Menschen, ich bleibe der gleiche. Meine Eltern fragen mich aber inzwischen auch immer öfter, ob nicht eine Frau in mein Leben getreten ist. Beziehungsweise sind sie im Moment dabei, eine für mich auszusuchen. Ich traue mich auch nicht, mit meinen Brüdern darüber zu reden. Ich glaube, die würden mich zusammenschlagen. Das meine ich Ernst. In unserer Religion ist Homosexualität nun mal untersagt. Ich kenne aber auch schwule Türken, deren Eltern das komplett akzeptieren. Da spielt die Religion einmal im Leben keine große Rolle. Da frage ich mich, warum sind meine Eltern nicht auch so?

Serhat*, 22, Leipzig

*Die Namen sind geändert worden.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen