passivität
© Guido Graf

Die Passivität des Disasters

Glätte und Reibung 26

Was wäre wenn
Was wäre wenn 
Was wäre wenn wir heute nicht proben
Wenn wir in der zweiten Potenz schon die zehnte sehen
Wenn die Ameisen recht behielten
wenn das Zimmer aus Schnee taut
wenn in Nixland kein Platz mehr ist
Was wäre wenn wir uns ins Wort fallen
Wenn sich nichts mehr ähnlich sieht
Faustregeln und Winterschlaf

Es gebe eine Übergangsregelung, sagt G., die beantrage sie jetzt. Seit drei Tagen beantrage sie diese Übergangsregelung. So kompliziert sei das alles, dass sie eigentlich eine Schulung brauche, bloß um die Übergangsregelung erstmal zu verstehen. Sie wisse aber nicht, wohin der Übergang führe, also in was der Übergang übergehe, wenn ich verstünde, was sie meine, besser könne sie das nicht ausdrücken. Da sie vorher kaum Einkünfte gehabt habe und danach vermutlich auch keine, könne der Übergang ja eigentlich auch nichts anderes sein als verwaltetes Elend. Ja, sie wisse, dass anderswo auf der Welt das Elend größer sei. Sie wisse auch, dass Elend wohl nicht das richtige Wort sei. Immerhin verhungere ja niemand bei ihnen.

Und ich solle jetzt bitte nicht anfangen mit Moria, das sei ja eine Keule, damit könne man ihr jetzt nicht kommen, jeder habe eben sein eigenes Päckle zu tragen, und Moria, das sei schrecklich, aber man müsse sich auch abgrenzen können, wo doch die Bilder überall herumspukten, man könne doch nicht auf Dauer in einem Albtraum leben. Sie müsse jetzt zurück an den Schreibtisch und sich mit der Bürokratie herumschlagen, ich solle sie nicht so vorwurfsvoll anstarren, ich hätte eben solche Sorgen nicht, mit Übergängen und so weiter, sie wolle ja spenden für Moria, aber das könne sie erst, wenn die Übergangsregelung greife, denn wie es derzeit auf ihrem Konto aussehe, das wolle ich gar nicht wissen.

Das Desaster zu entziffern, führt in die Irre. Es markiert uns als die Irre. Der Bezug zum Desaster, zur Not und zur Notwendigkeit scheint aus unserer Höhe weggebrochen. Was uns das Äußerste ist, bleibt tatsächlich gering und hat doch zugleich kein Maß, in jedem Wortsinn. Wir sehen, wenn wir denn was sehen, was uns bestimmt ist, ohne davon betroffen zu sein.

So ist das Desaster ohne Belang. Mehr wollen wir nicht wissen. Moria, eine der Najaden, vor der sich laut Nonnos sogar Zeus fürchtete, belebt im Berliner Pergamon-Museum Tylos wieder, der von einer Schlange tödlich verwundet wurde, und fleht dafür einen Riesen um Hilfe an. Nichts genügt dieser Zerstörung von Moria, alles Abstandnehmen wird vereitelt und entlässt uns in die Passivität des Desasters.

Jetzt habe es ihr, sagt F., die Sprache verschlagen, es habe ja auch anderen die Sprache verschlagen, oder hätte ich irgendwo etwas gelesen zu Moria, das mehr sei als ‘das musste ja passieren’ oder ‘wir sollten uns schämen’, wobei das, sagt F., ja noch die angemessenste Formulierung sei, oder?

Ich könne ja auch mal was sagen, diese Passivität, die mache sie fertig, sonst sei ich ja auch nicht auf den Mund gefallen, oder habe mir die Scham die Sprache verschlagen, dann müssten wir ja alle verstummen, sagt F., aber das könne ja auch nicht die Lösung sein, vielleicht solle man hinfahren und nichts anderes mehr schreiben als Protokolle, ja schon gut, das sei jetzt nicht touristisch gemeint, oft genug hätten wir doch über eine Poetik der Solidarität diskutiert, und jetzt wolle sie mal sehen, was man damit anfangen könne, also sie könne damit nichts anfangen, und ich anscheinend auch nicht, und es gehe ja auch gar nicht um uns.

Slate Island 1

Störstufen in der oberfläche : halden, trümmerfelder, boden bedeckt mit schieferscherben : unter den schritten unablässiges klacken und knrischen, schlag-, schleif- und reibelaute, metallisch hell die splittersprachige frage nach der größeren versehrung : die splitter selbst oder der boden, den sie decken : jeder splitter ein neues fundstück : bläulich, bräunlich, rostgeädert, zeichentragend : eine verschlüsselte schrift, die sich einst um vergessene laute geschlossen haben mag.

Esther Kinsky

We were goin’ nowhere. Just driving around.
You did all the talking and me I didn’t make a sound
If I open my mouth now I’ll fall to the ground
If I could open my mouth. There’s so much I would say.
Like I can never be honest. Like I’m in it for the thrill.
Like I never loved anyone. And I never will.
Eagle bites the weasel. Weasel bites back.
They fly up to nowhere. Weasel keeps hangin’ on.
Together forever.
And me? I’m goin’ in circles. I’m circling around.
And if I open my mouth now I’ll fall to the ground.

Laurie Anderson

“as sleigh bells sound seem in summer or bees at christmas show so fairy – so fictitious – the individuals do repeated from observation” (Emily Dickinson)

“Wie Schlittenglocken im Sommer klingen oder Bienen sich zu Weihnachten so feenhaft – so fiktiv – zeigen, wiederholen sich die Individuen in der Beobachtung”

Die Notwendigkeit und Unmöglichkeit des fremden Blicks in der Balance zu halten. Ich übersetze das teilweise, um es vorzulesen, um dann bei Unübersetztem und Unübersetzbarem einzuhaken, in Schleifen schlingernd. Die Drift der Wörter besitzt Schwerkraft, gewinnt Doppelsicht. Janus in Wut und Depression, aber milde und beiläufig. Dazu reflexhafte Grausamkeiten, entwaffnendes Mitgefühl, lebenslange Häutung. Also distanziere ich mich mit Fugenwörtern, möglichst wenig mit Metaphern, eher mit halb um Verrätselung bemühten Metonymien, in denen das große Ganze fraglos scheint und der Mantel, die Unterschrift, die Umschrift, all das, was dafür einstehen soll, ungläubig und schmerzlich bestaunt werden.

Der Text ist die Infusion („to stay anywhere on the earth’s surface is to bleed“, Michael Hofmann). Mir fehlt es nicht an Widersprüchen. Die Lektüre ist von Störgeräuschen durchsetzt. Ich streune durch die Zeilen und werde von etwas zusammengehalten, wie ein gebrochener Spiegel. Furchtsam und beruhigt werde ich endlich nur irgendwer, “dissatisfied and unproficient“.

No that is not it
nothing that I have done
nothing
I have done

is made up of
nothing
and the dipthong

ae

together with
the first person
singular
indicative

of the auxilliary
verb
to have

everything
I have done
is the same

if to do 

is capable
of an
infinity of
combinations

involving the
moral
physical
and religious

codes

for every thing
and nothing
are synonymous
when

energy in vacuuo
has the power
of confusion

which only to
have done nothing
can make
perfect
Nein das ist es nicht
nichts was ich getan habe
nichts
habe ich getan

wird gemacht aus
nichts
und dem Diphthong

ae

zusammen mit
der ersten Person
Singular
indikativ

des Hilfs-
verb
haben

alles
was ich getan habe
ist dasselbe

wenn zu machen

fähig sein heißt
zu einer
Unendlichkeit an
Kombinationen

einschließlich der
moralischen
physischen
und religiösen

Codes

weil alles
und nichts
synonym sind
solange

Energie im Vakuum
die Kraft zur
Verwirrung hat

was nur durch
nichts getan zu haben
vollkommen
werden kann
aus: William Carlos Williams,
Spring and All, 1923

Das Chamäleon des Apfelbaums, dessen Ast den Boden berührt und den Weg der Kamille führt. Wie sieht das Wort aus. Der Baum, der Ast, der sich selbst los macht vom Rest, aus der Mitte heraus, und andere Früchte wirft als die von oben, die schon faulen, bevor sie den Boden erreichen. Wie Zahlen steigen sie aufrecht oder nach rechts lehnend ans Licht, nicht in Linien, sondern in Ballungen, gebrochene Schwärme. Darunter mageres Gras, viel Moos, Erdwespen. Sie machen ein Bild und die Welt, in der ich mich vergessen kann, einen Schrei ohne Schrei.

Da und nicht da zugleich, wir wir wir, unbeständig in den Farben, doch leise und anwesend, falsch also, also nah. Ich insistiere auf das Unleserliche, auf die Nasenfalz, auf schroffe Ränder, auf die Mischung der Schichten, auf die Verwaisten und die Schreibhand, auf die Bruchkanten, die ich weiterhin kopieren werde, und auf Zunder, auf so viel Aber, auf jeden dichten Zopf und jedes springende Loch, den glimmenden Zucker bevor ich verschwinde, auf die Belange jeder Silbenmilbe, das schwere Alphabet, ich streiche es aus und lasse den Mond angefacht im losen Flor, auf die grauen Löcher und Lücken und Lügen, auf den Sprung.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Guido Graf | Pfeil und Bogen

Theorien der Literatur

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