Mindstate Malibu
Starfruit Publications

Alles geil. Hyperironie und Ultraromantik

Eine Überinterpretation von Schlegel + Gedicht // in viel zu vielen Seiten

Ich konnte nur Verzweiflung lesen, wie ich sie überall lese: Das ist üblich. Hier aber ist sie viel deutlicher. Viel mehr als bei Lorca, bei Dostojevski oder bei Kafka (riskante Wörter). Hier hat sie sich, die Verzweiflung, verirrt, verlaufen, verfahren, nicht aber in substanzexternen Fragen sondern in der Verzweiflung selbst, in sich selbst, nicht woanders sondern in sich selbst, es will nicht Verzweiflung sein und verzweifelt dabei

(das verdammte Unverständnis).

Es gesteht, dass es nicht weiß, dass es sich in Wörtern verfängt während es bewusst die Wörter auslacht und unbewusst weiterhin nach Wörtern kramt und sich später wieder dessen bewusst wird, dass es Wörter benutzt hat und lacht weil es an Seriosität verliert. Das ist (alter!) pure Verzweiflung. Andere würden es nicht so definieren. Diejenigen, die blauäugig die Ironie und die Unfähigkeit bei so einem undefinierbaren Thema ernst zu bleiben nicht erkennen, die das gegen-die-Wand-prallen nicht sehen, die würden anfangen zu sagen: „Es ist vor allem wichtig, dass wir dies hier aus einer historischen Perspektive betrachten und analysieren. Was wollte uns Schlegel hiermit sagen blabla Gesöff!?“. Vor allem wichtig? Sagt was ihr wollt, aber ich lese hier nur Verzweiflung und nichts anderes. Verzweiflung, die Wittgenstein gelöst haben wollte, bzw. glaubte, wobei er kurz danach erneut verzweifelte und seine eigene menschenbedingte Dummheit erneut gestehen musste.

(Wieder ein Mann ohne Dunning-Kruger der nichts weiß.)

Schlegel, und Wittgenstein auch (all mein Respekt an Wittgenstein, und an Schlegel, guter Mann), gesteht seine Dummheit, will ernst bleiben und dabei die Menschen die ihm umgeben, die ja ernsthaft seriös seine Worte mit Detail und ungewollter Wohlfeilheit inspizieren, befriedigen, doch dann entschließt er sich, sie auszulachen! Schlegel: Gegen eine Wand rennen, nichts, nichts finden, nichts als Verzweiflung und ein selbsterrungener Pragmatismus der aus ebendiesem Nichts-Finden und dieser verzweifelten Suche entstanden ist. Nichts anderes als das. Ein Mensch dessen Kopf am liebsten vor lauter Paradoxa explodieren würde. Oder nicht? Er sagt es ja selbst, so in der Art sagt er (kein sic, ich rede aus Erinnerung) so was wie, dass die Wörter sich manchmal untereinander besser verstehen als die Redner, ihre Wörter, oder so. Danach redet er über geheime Ordensverbindungen.

Das ist eine saulustige, in Süßstoff getunkte Art und Weise zu sagen, dass Wörter geheimes, unerreichbares enthalten, und er spricht sehr wahrscheinlich (weil er ja in seiner Zeit lebt und atmet und spricht) aus einem Kantschen Verständnis, ja, er redet indirekt im Zeitgeist Kants Erkenntnistheorie und über das Noumenon (Gedankendinge, Vorstellungen nicht erfahrbarer Gegenstände, etwa wie Gott und die „Wahrheit“). Aber ich will mich nicht auch verheddern. Eine historische Perspektive… Tja, kann man machen, muss man aber nicht, nicht? Es geschieht natürlich, werde ich nicht verneinen, in einem historischen Rahmen, ja, aber es behandelt doch im Wesentlichen eine Konstante des menschlichen Daseins, behandelt, mit den Wörtern seiner Zeit, etwas a-historisches, etwas diachronisches, meta-geschichtliches, übermenschliches

(megalomanes)

eine ewige, riesige und wunderschöne Scheiße. Und wir sind die Misthaufenfliegen, die in diesem Wörterabfall nach Substanzbrei umwühlend etwas suchen und nur “Ich-weiß- nicht-wie” oder “Ich-weiss-nicht-was” finden. Andere finden tatsächlich “Ich-weiß-was”, die wissen nur noch nicht, dass das, was sie vor sich haben und „Wissen“ nennen, nur Süßstoff ist, kein Sauerstoff, und im Endeffekt ist ja die Wahrheit nicht süß, es ist kein menschlich erschaffenes Gold (wie Girtanner, sein grenzenloser, hyperidealistischer, von Vernunft besessener, jedoch suboptimal-manischer Optimismusgeschwätz), es ist sauer, Sauerstoff, lebenswichtig, existenziell, ein Noumenon, wie der Kaffeegrund oder wie ein offenes Ende, ein Kind das nach Mama Mutter Papa Vater Opa Oma ruft, nach Hilfe schreit, ein Satz der unterbrochen wur

Ich denke, ich bin dazu bestimmt über Täuschung zu reden, über das Paradoxon. Mein Name ist ja schließlich seit meiner Geburt Tag für Tag weiter in sich selbst zerfallen. Ernst mein Nachname, Felix (Latein: Glücklich) mein Name. Der ernste Glückliche. Eine Namenruine. Deshalb rede ich jetzt ununterbrochen über dieses, wie Schlegel es ganz gut erfasst hat, GEFÜHL DER UNMÖGLICHKEIT UND NOTWENDIGKEIT EINER VOLLSTÄNDIGEN MITTEILUNG, dass irgendwie immer wieder weh tut, wenn man es sagt, obwohl man es eigentlich weiß oder auf jeden Fall wissen sollte. Vorhin habe ich gemeint er sei ein guter Mann. Ist er. Doch, wirklich, ist er. Genauso wie er, kann ich den Unverstand kaum leiden. Oh ja, aber er, er gehört zu einer Gruppe namens „Unverstand der Unverständigen“ (er lacht ja über Allermenschensdummheit und Allersapiensnaivität). Er erkennt die Unmöglichkeit der vollständigen Mitteilung. Sieh in dir an:

Friedrich Schlegel
Friedrich Schlegel, Porträt von Franz Gareis aus dem Jahr 1801

Ein Guter. Ein Ironiker. In ihm treffen die vollendete Naturphilosophie und vollendete Kunstphilosophie zusammen. Schön gesagt. Alles führt in ein geheimes Ende, egal auf welchem Axiom der Gedanke beruht. Also ist es so: Wir wandern von der Täuschung in die Enttäuschung und von da aus immer wieder zurück in die Täuschung um der Enttäuschung zu entfliehen. Das ist das Bitter der Romantik, das ist die Ironie, das ist die menschliche und vom Menschen untrennbare verzweifelnde und immer wiederkehrende Suche nach etwas, Ideal, ja, oder anders gesagt, die menschliche Unmöglichkeit das Ideal zu erreichen, wie die Schönheit, unerreichbar, wie das Glück, unerreichbar, wie das ewige Reichtum, unerreichbar, aber immer wieder schön die Schönheit, sie ist immer schön, immer da, sie stirbt nie. Die Frage stellt sich von selbst (wie das klassische ob-das-Huhn-oder-das-Ei Dilemma): Was kam zuerst, Täuschung oder Enttäuschung? Ne, ich scherze nur, das wollen wir nicht jetzt behandeln, dumme Sache.

Ich sitze im Seminarraum -1.2002, das ist nun zwei Jahre her, Freie Universität Berlin, Gebäude: Holzlaube. Prof. Bernbeck spricht in seinem Seminar Einführung in die Vorderasiatische Archäologie über Ayanis in Urartu. Er spricht gut, ist wortgewandt, catchy, ein Geschichtenerzähler. Ich stelle mir vor, vorne zu stehen, Bernbeck, also er zu sein, über Ruinen zu sprechen, zu sagen: „Ruine A zeigt die Ruine der Ruinengesellschaft A; in anbetracht der Ruine B wird Ruine Z immer ruinenähnlicher. In den Ruinen gibt es kaum Daten nur Ruinen und von den Einwohnern der Ruinen wissen wir wenig außer das es Ruinen sind und alles ruiniert ist doch nicht immer ruiniert gewesen ist, Sand, Sand, Sand hier, Sand dort, oh eine Keramikschale, Sand, Sand, Hopfenreste, Mikroreste, oh, Ruinen“. Wie kann er gottverdammt dabei ernst bleiben? Wie schafft er es, sich ernst zu nehmen, sich am Backenbart zu kratzen und nicht daran denken, dass er über tote Gesellschaften, tote Menschen, totes Leben spricht.

Meine Gedanken führen mich immer weiter. Ich tot, du tot, Vergangenheit. Alles lächerlich! Lachanfall. Zuhause will ich lernen, qua die Gedanken über Ruine A in Fundort X verfestigen. Ich kann nicht. Muss lachen. Muss krampfen. Muss eine rauchen, Pause. Peinlich, kann nicht lernen. Zu viel Süßstoff, falsches Süßstoff, Sauerstoff wird ignoriert. Ich lerne nicht. Fazit: Nach 2 Jahren Studium abgebrochen. Wohin will ich damit? Schlegel, mit seinem auch lustigen Namen, Mischung zwischen Hegel und Schemel, endet (trotz in Ironie verfangen) pragmatisch. Er atmet tief durch, muss noch lachen aber zitiert: „Eines schickt sich nicht für alle (…), lass sie alle selig spielen, sorge du nur gut zu zielen, und wer steht dass er nicht falle“.

Danke guter Mann, das hilft, komischerweise. Du und ich, wir verstehen uns. Tatsächlich verständige ich mich kaum, wenn nicht schriftlich (soziale Ängste seien hier erwähnenswert, dass ich Spanier bin auch, was auch immer das heißen soll). Vermutlich hätten wir nie geredet, ich bin zu still dafür, schüchtern nennt man das, auch wenn es nicht so aussieht. Aber wir beide sehen die Absurdität. Ich erzähle sie in den Wörtern meiner Zeit, du erwähnst sie nicht, weil Absurdität nur im lukrezischem Sinne als ad Absurdum existiert, Gott ist noch nicht tot, Sartre hat noch nicht geschielt, aber du sagst etwas mit anderen Wörtern, in denen ich womöglich zu viel interpretiere, aber die sagen was alle mal sagen wollten: Bläblobliblu. Ich pseudo-zitiere T. Bernhard in Alte Meister: Je mehr man etwas betrachtet, desto mehr wird es zur Karikatur. Es sind ja alles Karikaturen, alles ist eine Karikatur von sich selbst: Der fette, stinkende Bach an der Thomasorgel! (wieder mal kein sic).

Ich sprach: Unsere Bühne ist diese, in der wir leben und epileptische Anfälle bekommen. Im Hintergrund dieser Bühne befindet sich eine offen liegende Absurdität und alles menschliche interhumane Regelwerk beruht auf ein Paradoxon. Wir sind die Lebewesen, diese winzigen, vom Zufall geformten Lebewesen aus zusammengesetzter Masse die auf dieser sphärischen Bühne erquicken und verderben. Weil wir so sind, und alles analysieren, wird die Welt die uns umgibt zu Namen und Nummern und alles zu Karikatur und Gegenstand. Diese verstehen wir aber nicht, vieles erreichen wir nicht. Wir versuchen uns zu täuschen, wir täuschen uns unbewusst, was kurz danach zu Enttäuschung führt, eine Enttäuschung die zu einem erneuten Täuschungsversuch führt usw. usf. Das sind wir, so sind wir, dumm, fett, stinkend, Bach!

Ich brauche es nicht zu sagen. Es gibt natürlich viele Parallelen zwischen dem, was Schlegel sagt und jetzt. Das liegt aber daran, dass es keine Zeit kennt. In gewisser Weise ist der Mensch von diesem Gedanken unzertrennlich. Wenn Schlegel „Anstoss geben“ will, fallen einem Myriaden Anstoßgeber ein. Und immer gibt es diese Goten, die Goethe nicht erkennen (was ein Lachanfall ich bei diesem Satz bekommen habe). Und im Endeffekt sind wir alle Karikaturen. Wie bei Falstaff, Verdi, Oper, fantastisch:

Tutto nel mondo è burla!

Wer „Lebenskunstsinn“ besitzt versteht Ironie, weiß, was Noumenon heißt und erlebt sich selbst nicht wie ein Autor der sein Werk schreibt, sondern wie ein chaotisches Werk ohne Autor.

Segel

_Be-_ _Segel_ _So blau_ _Die Bäume._ _Sie sind blau_ _Blau sind sie_ _blaublaue Bäume._ _Blaubäume sind sie_ _sie bläuen Bäume, blau-_ _beugige Bäume weil: Bläue._ _Sind sie blauäugig die blauen_ _Bäume? Sind sie baumbräutig auch?_ _Zerbäumen sie, die Blauen? Sie bebauen_ _Bäume blau, brauchen Pflaumenbaum: HALT!_ _Hört: Bald ist der Wald eine Windgestaltneu!_ _Die Welt sie zerfällt brennt in Blaugewalt HALT!_ _NEU: Welt sie brennt verträumt waldig, Bäume taumeln!_ _In der Bläue kaut sie mau Fieberkraut und jault: kein Held!_ _Kein Held kein Schlau nur Baumblaukraut und PKW-Maut färbt blau._ _Die Bäume sind blau sie verbläumen im Traum sie betäuben die Blumen_ _Die Blauetüden sie belügen blind mit blauem Bitumen sie schreien auf: Neu!_ _Betrügerschaum brüht, an, aus, sie machen wie Tagesblau Buxtehudes Busen wild__Die Bluse auf. Runenbau: Sie schufen Blüten, brühten Mythen färbten unsere Augen_ _Blau alles Blau Schränke Mütter Wälder Güter Werbung Messer Sandmann Fetzen alles bl:_ _______________________________________________________________________AU!

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Starfruit Publications und Guido Graf | Pfeil und Bogen
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