Ewigkeit
By Ji-Elle - Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=18702772

Ein Zwischenfall der Ewigkeit

Im seichten Wasser versanken ihre Füße leicht im Schlamm, während ihre Hände das Frühstücksgeschirr mit Seife wuschen. Es ist zu ihrer morgendlichen Lieblingsroutine geworden, hier konnte sie in Ruhe ihre Gedanken schweifen lassen und die dreckigen Füße vor der heißen Sonne verstecken. Sie summte eine Melodie, welche sie als Kind gelernt hat; leider war nicht mehr alles im Kopf geblieben. Rosa hatte das Kleid, dass ihr Maman Theres vor Zeiten genäht hat an die Hüfte gebunden und sorgte penibel dafür, diesen Stoff nicht schmutzig zu machen.

Zwei letzte Becher waren noch in der silbernen Wanne, der Blaue gehörte Precious und der Pinke dem kleinen Armadi, sie wusch die letzten Reste vom Maniok-Brei ab und legte das saubere Geschirr wieder in die Wanne. Sauber! – sie streckte ihren Rücken in die Höhe und entfernte sich für eine Weile von dieser Welt. Farben spiegelten sich in ihrem Kopf, die heiße, staubige Luft, die ihr inzwischen zur Heimat geworden ist, klebte an ihrer Haut, nur die Füße schienen in einem fremden Ort zu stecken.

Rosa schwang die klangvolle Wanne auf ihren Kopf und lief, die eine Hand an der Wanne, die andere an ihrem sich streckenden Kleid, die erdige Böschung hinauf. Die wenigen Bäume spendeten ihren Schatten eine kurze Ruhe, wollten aber nicht weit weg vom Wasser. Sie hielt kurz inne und stellte sich auf ihren kleinen Marsch ein, der durchs trockene Gras zu den aller liebsten Wesen führte.

Plötzlich standen zwei andere Wesen still! Rosa machte sich zum Stein und schaute vorsichtig auf ihr gegenüber. Ey, wie konnte ich dich nicht kommen sehen, dachte sie sich. In zu wenigen Metern abstand, stand mit mächtigen Beinen, ein glänzendes Flusspferd. Es schaute mit weniger vorsichtigen Augen auf Rosa, hatte aber in seinem Kopf noch keinen Entschluss gefasst, sich in Bewegung zu setzen. Rosa kannte die Geschichten aus dem Dorf, Flusspferde werden gefährlich, wenn man ihren Fluchtweg zum Wasser versperrte, und ohne es zu wollen, versperrten Rosa und das saubere Geschirr, diesem Wasserwesen seinen Weg zur Heimat.

Sie musste sich bewegen, das wusste sie, doch Körper und Füße schienen immer noch nicht am selben Ort zu sein. Von der weißen Sonne getrieben, sprang das Flusspferd los und raste auf Rosa zu. Das Essensgeschirr fiel belanglos zu Boden, Rosas bunter Stoff lief ohne Ziel in irgendeine Richtung, landete mithilfe einer Bodensenke, schließlich in der roten Erde. Sie klebte sich eng an den Boden, das Herz grüßte aufgeregt die ewige Erde; ihre Augen wagten einen mutigen Blick nach oben.

Der Rammbock stand gleichgültig neben der halb leeren Wanne, es schien, als hätte er den ganzen Tumult schon wieder vergessen. Es schaute noch mal zu Rosa herüber. Rosa hätte schwören können ein Lächeln beim Flusspferd zu erkennen und musste selber schmunzeln. „Du brauchtest wohl etwas Aufmerksamkeit“ – sie richtete sich auf, ihre Hände schlugen dabei Erde aus ihrem Stoff und Körper; der Koloss stolzierte derweil genüsslich hinab zum Fluss. Auf dem Boden lagen die einst sauberen Becher und Teller in einem kosmischen Chaos verteilt – Rosa schüttelte ihren Kopf hin und her, was für ein seltenes Ereignis.

Die Erleichterung über das glimpfliche Ausgehen dieser Situation schlug jetzt in Ärger um, ihr Kleid hatte ein Riss bekommen. „Maman Therese, es tut mir so leid“, sprach sie leise in Richtung des Dorfes. Sie ordnete das Chaos wieder in der Wanne an – zum Glück war das Geschirr hauptsächlich im spärlichen Gras gelandet und sie konnte den Staub leicht abpusten. Die Wanne auf dem Kopf, schritt Rosa nun etwas schneller nach Hause, dabei ließ sie noch einige Blicke umherwandern, um unvorteilhafte Überraschungen zu vermeiden. Rosa atmete beim Laufen tief durch und versuchte die ganze Aufregung hinter sich zulassen.

Als sie den Hügel hinaufblickte auf dem ihre kleine Heimat lag, kamen ihr schon die ersten Kinder entgegengelaufen. „C’est Rosa!“ riefen sie ihr mit breitem Lächeln unter der Nase laut entgegen. Rosas nahm die kleinen Gesichter mit einer Hand in den Arm und ließ sich von der guten Laune anstecken. Gemeinsam erklimmen sie die staubige Anhöhe, die das dahinter liegende Dorf überblickte. Oben war die restliche Meute in Fangen und Weglaufen vertieft; lautes Lachen breitete sich zu allen Seiten aus, vereinzelt durchbrachen dem Getöse auch einige Schreie.

Maman Therese saß im Schatten vor dem großen Schlafraum auf einer langen Bank und überblickte das rege Tun. An ihrem Knie stand Jalie, ihr Blick suchte verloren die Welt, während ihre kleinen Finger Maman Thereses Rocksaum bespielten. Rosa fühlte sich weider sofort geborgen und lächelte den kleinen Sonnenschein an.

Maman Therese schüttelte lachend den Kopf, als sie Rosa ansah. „War das Flussbett ausgetrocknet, liebste?“ Rosa senkte leicht beschämt den Kopf, als sie die Wanne neben die Bank stellte. Sie nahm Jalie auf ihren Schoß und küsste sie sanft auf ihren Kopf.
„Ein Flusspferd hat mich auf dem Rückweg überrascht.“ Maman Theres musterte Rosa kurz, um zu sehen, ob sie sich verletzt hatte – ihr schien es gut zu gehen.
Sie musste laut loslachen: „Es war bestimmt männlich und wollte was von dir. Lass mich raten: Du bist fliehend abgedüst?“ Rosa fügte sich ins Lachen ein und rempelte Maman Therese leicht an.

Jalie hatte genug von den laut lachenden Frauen, sie glitt ungeschickt vom Schoß und rannte zu den anderen.
„Sie hat wieder nur die ganze Zeit auf dich gewartet.“
Rosa blickte ihr hinterher:“ Ich liebe dieses kleine Ding.“ Der Tumult auf dem weiten Platz lief unaufgeregt weiter, niemand traute sich, eine Standpauke von Maman Therese abzuholen – wehe sie musste sich erheben!

„Schön, dass es dir gut geht!“
Rosa griff nach der Hand von Maman Therese, „Ich muss dir etwas sagen …“, sie nahm noch einmal tief Luft, „dein Kleid es kaputt gegangen. Du weißt, wie wichtig mir dieses Kleid ist, du hast so viel arbeit hierein gesteckt. Das Kleid ist so wunderschön.“

Maman Therese lächelte sie gütig an und nahm Rosas Wangen in ihre Hände: „Ma petite fille, du bist der Grund, warum dieses Kleid so schön ist. Dieses Kleid ist da, um deine wundervolle Person zu zeigen. Regarde. Dieser Ort ist nicht unsere Heimat, sondern die liebevollen Gestalten die herumrennen. Auch dieser kleine Quälgeist dahinten“, sie zeigte mit ihrem starken Finger auf Tobu, der immer so aussah, als würde er etwas aushecken wollen. Als er Maman Therese erblickte, musste er lächeln und lief schnurstracks in die andere Richtung. Rosa und Maman Therese amüsierten sich prächtig.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Ji-Elle

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