spielzeug
Bild von rosaschaf auf Pixabay

Nachts sind die Tiere taub

Von der Brücke blicken wir auf Bahnhof und Schienen im schwindenden Licht. Du lehnst neben mir am Geländer. Jedes Mal, wenn eine von uns ihr Bier auf die obere Strebe stellt, dröhnt es dumpf. Ich stelle mir vor, am anderen Ende der Brücke noch die Vibration zu spüren, würde ich mein Ohr auf das Metall legen.

Du erzählst von einer Doku, die du neulich sahst. Darin ging es um sogenannten curative rape, “eine nichtstraighte Person wird einfach vergewaltigt, um nicht mehr gay zu sein.”

Hinter dem Bahnhof breitet sich die Stadt aus wie Spielzeug eines Modelleisenbahnerbauers. Zwischen den Giebeln ragen Überbleibsel aus dem Mittelalter auf, Kirchtürme mit spitzem Dach, nur in der Ferne rauchen ein paar Schornsteine.

Ich verstehe das nicht. Das müsse man doch merken, dass die heilende Handlung nicht enjoyed werde. Und dann erzähle ich dir von Spiegelneuronen, die resonieren, wenn man Handlungen und Emotionen anderer wiedererkennt, “wenn du jetzt sehen würdest, wie ich barfuß in einen rostigen Nagel trete.”

Du verziehst das Gesicht und ich sage: “Genau das machen die.”

“Cool”, sagst du. Auf dem Bahnsteig steht eine letzte Gestalt. Ich betrachte deinen Hemdkragen, den offenen Reißverschluss und die feinen Furchen deiner Lachfalten. Du wendest den Blick ab und schlägst dein Bier gegen die Metallstrebe.

Bild mit freundlicher Genehmigung von rosaschaf

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