Spanische Grippe
by H.A. van Oudgaarden, Nieuwe Binnenweg 221, Rotterdam, courtesy of Mr. Piet van Bentum, sexton at the Restored Reformed Church in Garderen

all my sheep are dead

Glätte und Reibung 16

„Ich vermisse die Anerkennung der wirklichen Not, ich vermisse den Gedanken, dass es egal ist, ob man so etwas machen mag und will oder nicht, dass diese ganze Härte kommen wird und eigentlich schon da ist. Sie ist ja der Hintergrund der wie Utopiefetzen besprochenen inoffiziellen Gemüsestände in den Straßen Detroits, Tausch jenseits von Handel, gegenseitige Hilfe und so weiter. Man muss nicht unbedingt engagiert und lieb sein. Man muss schauen, dass man Rückgrat bewahrt. Anstand, nicht Heroismus ist die alltagstaugliche Haltung, und die Frage danach leuchtet in die Schatten, wo die Medien und die bürgerliche Sprache schlecht hinkommen.“

Ann Cotten, Fast dumm

Dummheit: 10,1–3

10, 1 Sterbende Fliegen – da stinkt und gärt sogar das duftende Öl für die Schönheitspflege; / schwerer als Wissen und Geltung wiegt eine kleine Dummheit.

2 Der Verstand des Gebildeten wählt den rechten Weg, / der Verstand des Ungebildeten den linken;

3 doch der Dumme – welchen Weg er auch einschlägt -, / ihm fehlt der Verstand, / obwohl er von jedem andern gesagt hat: Er ist dumm.

Buch Kohelet

Außenwelt heißt unerwartet sein. Etwas nicht kennen. Etwas kennen und es ganz unerwartet antreffen, so dass es seine Bekanntheit abstreift. Rehe kennen, oft schon Rehe gesehen, Rehe sogar gefüttert, Rehe in Streichelzoos angefasst, über die glatten Hälse gestrichen, die Kinder haben ihnen Gras hingestreckt, das sie gleichgültig von den weichen Händen abweideten, ihre schwarzen leeren Augen auf niemanden gerichtet. Heute Rehe angetroffen, nicht weit von mir bewegten sie sich langsam zwischen hohen, fast weißen Gräsern, hinter ihnen hell durchsonnt Gebüsch, dahinter Buchen.

Zuviel Licht überall, ich legte die Hand über die Augen und blieb stehen. Da bemerkten sie mich, hoben die Köpfe, sie trugen schwere Geweihe, deren Gewicht sie nicht zu spüren schienen. Ich kenne Rehe, dachte ich, sind dies überhaupt Rehe? Woran erkenne ich Rehe? Sie warteten einen Augenblick, dann drehten sie sich weg und verschwanden ohne Eile zwischen den Buchenstämmen.

Meine bürgerliche Sprache macht aus diesen Rehen ein Gemälde, Rehe am Waldrand, denke ich, eine Szene in einem Rahmen, ich verstehe nicht, was ich gesehen habe, ich schreibe es und töte es ab. Ich werde nicht mehr über Rehe schreiben, denke ich, es lohnt sich nicht, es kann nicht gelingen, worüber kann ich mit Anstand schreiben?

Ich kenne das. Ich kenne das alles. Den Tod kenne ich. Ich kenne den Tod und ich kenne die Trauer. Ich kenne das Knirschen und den hellen Flaum, der sich jetzt legt auf der Haut. Das Raue im Rachen kenne ich und unter der Haut, kalt und rau und sich langsam krümmend. Die Kälte kenne ich, die matte Kälte, nicht klamm, eher trocken und hart, wie eine grobe Kordel, die als Schlinge nicht nur die Haut kratzt, sondern die Luftzufuhr stumpf abschnürt.

Ich kenne die Hitze kurz davor. Das Kratzen kenne ich, das Kratzen der gespleißten Feder auf dem rauen Papier, auf den Unebenheiten des gekerbten Tisches, der dem Bild der Schrift seine Schraffur gibt. Ich kenne die Kerben. Ich kenne sie mit den Kuppen meiner Finger. Meine Finger kennen die Kerben schon vor Schrift und Schraffur. Ich kenne die Kerben in meiner Haut.

Wenn die Liebe neu ist und sich die Körper noch nicht kennen, erzählen wir uns die Geschichten unserer Haut. Die Geschichte der Narbe am Knie, die Anekdote vom gebrochenen Zeh, das Drama der fünf Stiche auf der Stirn, den Fortsetzungsroman der Bandscheibe, all die Schnitte, Risse, vernähten Wunden, die helleren Stellen, die Maserungen, die dunkleren Stellen, alles, was kaputt war und nicht wieder heil wurde. Jetzt, so erzählen wir es uns, jetzt, da wir in der Liebe sind, wird alles wieder heil.

Die Ameisen erkennt man nur von oben. Wir gehen ganz weit weg, sind jetzt Könige und können sagen: „Es sind tatsächlich Ameisen.“ Die Perspektive ist eindeutig, das Urteil klar. Einer spricht über das Viele und kann es identifizieren, ihm einen Namen geben. Die Klassifikation ersetzt die Ordnung, die niemand versteht, weil sie Ordnung jenseits jeder Klassifikation ist und in jedem Moment eine neue, eine andere Gestalt einnimmt. Indem das Viele benannt wird, ist die Drift gebannt, die jedes Einzelne seiner Bedeutsamkeit beraubt.

Das Viele ist vergänglich, der Eine aber göttlich und erhaben. Aus der Höhe scheint es dann auch bald so, als sei dieses Viele, das Gewimmel die Schöpfung selbst, die größte Beruhigung, die sich denken lässt. Denn die Unruhe des Gewimmels könnte ja daran erinnern, dass das, was wir erhaben nennen, der blinde Fleck ist, in dem wir die prozessuale Konstruktion, die stete Störung unseres Perspektivs verschwinden lassen. Darin geht auch die Möglichkeit der Bescheidenheit gegenüber der Macht des Gewimmels mal eben verloren. Vordergründig geht es um eine Positionsbestimmung und vielleicht auch noch um eine Machtdemonstration: dort die Ameisen und hier wir.

Tatsächlich regiert hier aber – in Intention wie Selbstverblendung – ein begrifflicher Extremismus, wie er schärfer kaum ausfallen kann. Da die Masse der Vielen, die keine Einzelnen sind, sondern anonyme Teile einer Menge, deren einziges herausstechendes Merkmal ihre unabsehbare Zahl sei, und hier der Eine, der allein den Überblick behält und sich als einzigartiges Wesen erlebt. Stand and deliver.

Die Fingerkuppen kennen sich wechselseitig, wenn sie allen kleinen und größeren Einkerbungen nachspüren, indem sie sich reiben, und ich stelle mir vor, was dazwischen passiert. Ich kenne den Schlaf, ich kenne das Ende, ich weiß nichts über den Anfang. Ich kenne die Anfangslosigkeit. Ich kenne das Wort, das Wort Anfang, wie es anfängt und dann weitermacht, wie es immer von neuem anfängt, als wäre vorher nichts da gewesen.

Dieses da kenne ich, doch ich weiß es nicht und ich kann es nicht, was ich kenne. Ich kenne das Wehen und Winken dieses Wortes. Was ich davon verstehe, kenne ich nicht. Was ich kenne, verstehe ich nicht. Was ich schreibe, was ich sage und was ich finde. Was ich verstehe, weiß ich nicht. Was ich verstehe, kenne ich schon. Ich kenne dieses Drehen, diesen Kreis und das Dröseln und Bohren, das Blättern, die Zeilen und Knicke, das Flirren. Ich kenne das alles.

Ich kenne, was ich tue und wiederhole. Ich kenne mich lesend und wie ich zurückschrecke, mehr vom Tod wissen zu wollen, von den Rücken, von den Horizontalen, die sich auf die Vertikalen legen. Ich kenne das Schwingen und Hängen und die Ferne, aus der das, was ich lese, zurückkommt zu mir. Ich kenne die Übungen und die Schwierigkeiten, die ich nicht verbergen kann und die ich versuche als eine Bewegung des Ganzen darzustellen, damit ich weiß, wohin ich gehen will, und mir vielleicht hilft, nicht aufzugeben.

Vermessung einer Landschaft

Jede Landschaft kann vermessen werden. Ich bin gut ausgerüstet mit der Technik, die meine Aufgabe erfordert. Sie wiegt nicht viel, ich trage sie im Rucksack. Diesmal trage ich auch Wasser in großen Mengen, damit ich in der zu vermessenden Landschaft nicht verdurste. Ich habe mich auf Trockenheit und Kargheit eingestellt. Mögliche Verletzungen in diesem Terrain: Zerrungen und Verstauchungen durch die Unebenheit des Bodens, Risse und kleinere Abschürfungen bei der Besteigung größerer Erhebungen, Verdursten, Erblinden.

Ich gehe langsam in die Landschaft hinein. Ich spüre den porösen schrundigen Boden unter den Füßen.

Es gibt, wie erwartet, keine Vegetation.

Es liegt, wie nicht erwartet, ein hoher Ton in der sauerstoffarmen Luft. Ich weiß nicht, woher er kommt, es sind keine anderen Lebewesen zu sehen, der Ton klingt auch nicht wie ein Schrei oder ein Vogelruf. Es ist eher eine Art Warnsignal, ein Sirenenton, so wie kurz vor einer Sprengung.

Auf einmal befürchte ich eine plötzliche Eruption. Ich habe keine Informationen über solch ein Ereignis, also ist es ausgeschlossen, aber der Ton, der sich allmählich, mit jedem Schritt in die Landschaft hinein, in meinen Kopf fräst, wird dringlicher. Der aufgerissene Boden und die heiße Luft umklammern mich, der Ton dringt scharf in mich ein. Ich bleibe stehen und halte mir die Ohren zu, obwohl ich schon weiß, daß dieser kümmerliche Versuch mich nicht schützen kann.

Ich halte an der Vermutung fest, daß mir nichts geschehen kann.

Dann wische ich mir die Stirn und nehme einen ersten Schluck aus der Wasserflasche, viel zu früh, ich bin ja gerade erst losgegangen. Ich werde mich versetzen lassen, das hätte ich schon längst tun sollen – in bewohnte Landschaften, in grünere Gegenden, in bevölkerte, belebte, ja liebliche, warum nicht: liebliche Landstriche, auch Paradiese müssen vermessen werden, und ich weiß nicht, wer dafür eingeteilt ist, ich jedenfalls nicht, ich bin spezialisiert auf Wüsten, Steppe und alpines Gelände, aber das ist gar nicht einzusehen, ich werde das ändern. Wenn ich zurückkomme, werde ich das ändern, ich werde die Veränderung zumindest beantragen und hoffen, dass sie bewilligt wird. Ich will Vogelgesang hören oder wenigstens Vögel am Himmel sehen.

“my face is heavy
my mind is clenched
my eyes are disgusted
my hands are hot
my floors are green
my floors are red
I only cry wolf
when all my sheep are dead”

(Saccharine Trust)
Bild mit freundlicher Genehmigung von H.A. van Oudgaarden
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