Finde einem Schwan ein Boot - Anna Weidenholzer
Finde einem Schwan ein Boot - Anna Weidenholzer

Von Schwänen, komischen Käuzen und der Liebe

12:59

Einige Minuten später und ich habe endlich ein Konzept. Es ist der zweite Anlauf meiner Rezension zu Anna Weidenholzers Roman „Finde einem Schwan ein Boot“. Gar nicht so einfach, sich diesem Buch zu nähern, es zu durchdringen und richtig vorzustellen. Wie war die Lektüre, was fiel mir auf, was erstaunte, was verwirrte mich, was gefiel?

Ein Buch mit 212 Seiten, einem aufwendig gestalteten Einband, der Umschlag sticht gleich ins Auge. Fliederfarbener Hintergrund, darauf ranken sich Blumen. Ein stilisierter, grafisch anmutender Kopf mit Büste einer jungen Frau, große Augen, die schwarzen Haare hochgebunden zu einem Dutt auf dem Kopf (Elisabeth?). Irgendwie sieht sie erstaunt aus; auch auf ihrem Gesicht, ihrer Haut ranken sich Blüten. Buchtitel, sowie Autorinnen- und Verlagsname in buttergelber Schrift auffällig platziert auf dem lila Cover. Ich denke: Das ist ein schönes Buch, doch was verbirgt sich zwischen den zwei circa 12 x 20,5 cm großen Pappkarton-Deckeln des Titels? Gespannt und ein bisschen zögerlich fange ich an zu lesen.

Finde einem Schwan ein Boot, flüsterte Magda, sie verschränkte die Arme vor der Brust und starrte auf den Tisch.

13:18

Ein Buch mit einem seltsamen Titel: Finde einem Schwan ein Boot. Einige Tage beschäftigt mich dieser Titel bereits, immer wieder muss ich grübeln, mich darüber ärgern. Der Titel scheint völlig unsinnig, lässt mich aber auch nicht los. Geduldig lese ich bis Seite 66, als plötzlich alles Sinn ergibt. Der Schwan ist in Wirklichkeit eine Schwänin und das Boot ein Tretboot. Viel mehr sollte vielleicht nicht verraten werden.

13:32

Uhrzeiten? Der Roman ist eingeteilt in Kapitel, diese tragen selten gar keine Überschriften, sehr häufig dafür jedoch Ziffern, Zeitangaben oder Uhrzeiten. Hier wird nicht näher definiert, es stehen keine Zeichen wie „h“ oder „Uhr“ hinter den Ziffern. Ich verfolge also die Geschichte der Hauptprotagonisten Elisabeth und Peter, von 1:18 bis 5:58.

Es ist einer dieser Sätze von Peter, die ich nicht mag. Ohne Regen kein Leben. Der frühe Vogel fängt den Wurm. 
Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.

Was dieses Zuhause ist: Es ist die Suche nach Spuren, die Frage, wann wir vom Weg abgekommen sind.

14:29

Elisabeth. Peter. Eine Wohnung in einer Siedlung, weit weg vom Meer. Eine Liebe, die von Gewohnheiten geprägt ist. Da ist Peter König, der Zeitungsjournalist, der über das Wetter schreibt. Er ist Opportunist, der mit jedem gut Freund sein will. Einer, der seiner Partnerin jede Woche Rosen schenkt, auch wenn Elisabeth keine Rosen mag; es gehört sich eben so. Ein unverheiratetes Paar, doch auf dem Klingelschild steht nur König.

Elisabeth, deren Nachnamen wir nicht erfahren, distanziert sich. Sie stellt Fragen, die Peter nicht hören will. Sie reflektiert und entfernt sich dabei immer weiter von ihm. Nicht nur einmal fragt sie sich, wo ihr Zuhause ist – vielmehr: was es ist. Es sind vor allem ihre Gedanken, die ich im Buch lesen kann, doch manchmal auch die von Peter.

14:42

Kauzige Persönlichkeiten treffe ich im Roman viele. Die absurde Normalität, die Weidenholzer beschreibt, fördert eine Vielzahl seltsamer Charaktere in Form von voyeuristischen, neurotischen, aufdringlichen, naiven, inkontinenten und teilweise schlicht idiotischen Nachbarn zu Tage. Das gesellschaftliche Leben der Siedlungsbewohner spielt sich größtenteils im Café Maria ab und Maria kennt sie alle, bei Maria hat jeder seine feste Zeit. Karla und Heinz Novak (im Café immer ohne Chinchilla), beide sprechen sich gegenseitig gerne mit ihrem Nachnamen an, der Pensionär Eduard Fleck, dessen merkwürdiges Hobby mit Stars in Heften zu tun hat, die geheimnisvolle Professorin, Peter und Elisabeth.

Doch auch die herrische Nachbarin Frau Richter, die ihre Briefe täglich persönlich vom Postboten Herrn Franz einfordert, Peters Eltern und seine unter einer Trennung leidende Schwester (und Vogelfreundin) Magda mit ‚dem Kind‘ bewegen sich in der sozialen Umlaufbahn des Paares.

Die Playlist zur Beruhigung von nervösen Chinchillas, Heinz hatte sie uns schon einmal vorgespielt.

15:06

Ein ungewöhnlich ruhiger Roman, der auf sehr persönliche Weise die Geschichte eines Paares erzählt, das sich im Alltag verliert, sich immer weniger zu sagen hat, das schon bald nicht mehr viel Gemeinsames verbindet. Es kommt mir beim Lesen beinahe vor, als würde ich der Geschichte einer guten Freundin lauschen, es gibt eingeschobene Gedankengänge und scheinbar aus dem Kontext gerissene Kommentare und Anekdoten. Je weiter ich in der Lektüre komme, desto besser lerne ich die Protagonisten Elisabeth und Peter kennen, ihre Welt, wie sie empfinden.

Die Schilderung der großen Banalitäten des Lebens aus der unscheinbaren ‚Mitte der Gesellschaft‘ zeugen von einer meisterhaften Beobachtungsgabe. Die Sprache bleibt bei Weidenholzer immer nüchtern und klar, beinahe minimalistisch werden Situationen und Umstände geschildert. Menschliche Beziehungen beschreibt sie aus distanzierter und sachlicher Perspektive. (Beispielsweise wird das einzige Kind im Buch, Julia, grundsätzlich nur als ‚das Kind’ bezeichnet, auch von der Mutter selbst.) Dennoch fehlt der Sprache nie das Gefühl, vielmehr wird hier auf jegliche Sentimentalität verzichtet.

15:41

Nicht selten kommt es vor, dass ich mich selbst ertappt fühle, ich kann mich wiederfinden in der Geschichte, in der Fehlbarkeit und der Schrulligkeit der einzelnen Siedlungsbewohner. In Elisabeth, in Maria, in Magda, auch in den Novaks und in Peter, der Dinge häufig lieber schönredet, als sie zu hinterfragen.

Weidenholzer erzählt ihren Roman so authentisch und trocken, dass ich mich mehr als einmal beim Lesen nicht entscheiden kann, ob ich lieber schmunzeln oder den Kopf schütteln soll. Was bei der Lektüre zunächst für leichte Orientierungslosigkeit sorgt – ein beinahe vollständiges Fehlen jeglicher Orts-, Zeit- und Altersangaben – bringt mich den Charakteren des Romans letztlich näher, lenkt doch nichts ab, wird nichts erklärt oder definiert, wo weder Erklärung, noch Definition erforderlich wären.

Als Leserin bin ich also Elisabeth und Peter im Laufe der Erzählung gefolgt und in die Welt des Paares eingetaucht, habe Erinnerungsstücke aufgelesen wie ein Puzzle. Eben ein stiller Roman über Schwäne, komische Käuze und die Liebe; und ein Dialog zwischen zwei Menschen, die über ihre gemeinsame Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft diskutieren.

Nachts, zwischen 1:18 Uhr und 5:58 Uhr. ///

Bild mit freundlicher Genehmigung von Matthes & Seitz Berlin

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