Kakao und Fischbrötchen, Valentina Brüning, Tulpian Verlag

Kakao und Fischbrötchen

„Wollt ihr noch mehr? Kakao oder Fischbrötchen?“
„Kakao und Fischbrötchen!“, antwortet Benno.

Der süße, liebliche Kakao und das herzhafte Fischbrötchen, der Geschmack des Meeres – diese etwas ungewöhnliche, skurrile, aber liebenswerte Mischung wirkt wie zusammengewürfelt, wird aber in einer Schlüsselszene des Buches konsumiert und ist gleichzeitig titelgebend für die Geschichte. Als ungewöhnlich, wild zusammengewürfelt, aber liebenswert lässt sich auch die Familiensituation der Protagonistin Rita beschreiben.


In dem Kinderbuch „Kakao und Fischbrötchen“, geschrieben von Valentina Brüning, wird die Geschichte der fast zehnjährigen Rita und ihrer Mutter erzählt, die ein aufregendes und schönes Leben am Pichelssee führen. Ritas größter Wunsch ist es, ihren zehnten Geburtstag ganz groß zu feiern, mit Marzipantorte, Georg, Leonie, ihrer Mutter Julia, Segelregatta und einer Schatzsuche. Es soll ein unvergesslicher Tag werden. Voller Vorfreude passieren Rita Missgeschicke, die jedoch durch den unerwarteten neuen Familienzuwachs übertroffen werden. Ritas lange Liste an Plänen für die Sommerferien scheint bedroht und auch ihre Geburtstagsfeier ist in Gefahr. Große Herausforderungen stehen Rita bevor: mit dem neuen Freund ihrer Mutter zurecht zu kommen, ihren neuen Halbgeschwistern eine Chance zu geben und lernen zu verstehen, dass ihre Mutter neben ihr noch einen anderen Menschen sehr liebt. Wir erfahren und erleben, wie sich Rita mit der neuen Lebenssituation arrangiert.


Zu Beginn des Buches gibt es in Ritas Leben eine Handvoll Bezugspersonen: Einmal ist da ihre Mutter Julia, die ihr sehr nahesteht. Die beiden haben gemeinsame Rituale, wie das Singen mit Fischstäbchen als Mikrofon. Eine weitere Bezugsperson ist Georg, dem Rita in dem Restaurant „Alte Liebe“ beim Belegen der Fischbrötchen hilft. Und natürlich ist auch auf die beste Freundin Leonie immer Verlass! Zur Not ist Ritas Vater auch nur ein Telefonat entfernt und stets bereit Ratschläge zu erteilen. Dies ändert sich, als ganz unerwartet neue Personen in Ritas Leben treten: Auf einmal taucht Stefan auf, der neue Freund ihrer Mutter, mit seinen Söhnen im Gepäck. Die „Nervbolzen“ werden augenblicklich als Bedrohung angesehen und Rita versucht sie so schnell wie möglich loszuwerden. Da ist Chaos vorprogrammiert.


In dem Klappentext wird „Kakao und Fischbrötchen“ mit „Chaos-Patchwork-Familie ahoi!“ angekündigt. Das Thema Familie nimmt in der Geschichte eine zentrale Rolle ein, ohne dass mit einem Zeigefinger auf Protagonist*innen gezeigt und gesagt wird „Schaut her, dies ist etwas Ungewöhnliches: eine Patchworkfamilie“. Ritas Eltern leben getrennt, ihr Vater ist zurück nach Spanien gezogen. Trotz der (geographischen) Trennung ist die Distanz zum Vater für die Protagonistin kein Problem. Sie erzählt, dass sie viel öfter mit ihrem Vater telefoniert und er trotz der Entfernung immer für sie da ist. Dass dieses Modell von einer gesellschaftlichen Norm abweicht, merkt auch Rita.

„Wenn Rita das erzählt, sehen die Leute sie immer mitleidig an. Wieso sie das tun, versteht Rita nicht“

Dabei sind getrennt lebende oder alleinerziehende Eltern in Deutschland schon lange keine Ausnahme mehr. Im Gegensatz dazu stehen die drei Söhne von Stefan, deren Mutter ebenfalls in einem anderen Land lebt. Besonders Matti ist darüber nicht glücklich. Er hat durch die Entfernung weniger Kontakt zu seiner Mutter, ist jedoch gleichzeitig wütend auf sie. Dadurch, dass die Autorin die verschiedenen Lebensweisen der Familien so selbstverständlich und authentisch erzählt, wird es jungen Leser*innen ermöglicht, die in ähnlichen Familienkonstellationen aufwachsen, sich mit der Geschichte zu identifizieren. Andererseits lernen Leser*innen, die anders aufwachsen bzw. gemeinsam mit beiden Elternteilen leben, dass es nicht die eine Art von Familie gibt, sondern Familie vielfältig ist.

Die Protagonistin Rita wird in der Geschichte unvorbereitet in eine neue Familienkonstellation geschmissen. Rita weiß noch keine zwei Tage, dass ihre Mutter einen neuen Freund hat, schon zieht dieser mit seinen Kindern probeweise über den Sommer bei Rita und ihrer Mutter ein. Die Thematik Patchwork wird in der Geschichte sehr subtil dargestellt. Das Thema wird nicht explizit angesprochen, sondern drückt sich mehr durch die Handlung der Figuren aus. Die Gefühle und der Umgang der Protagonistin mit der neuen Situation sind dabei sehr realistisch erzählt. Rita hat Angst, dass sich etwas in ihrem Leben ändert, dass ihre Mutter weniger Zeit für sie hat, wo sie doch bisher das perfekte Team waren. Dass Rita der Veränderung nicht fröhlich und besonnen entgegenblickt, sondern alles versucht, dass die neuen Gäste wieder verschwinden, ist sehr nachvollziehbar und kann für Kinder, die in einer ähnlichen Situation stecken, hilfreich sein. Junge Leser*innen können erkennen, dass sie mit ihren Gefühlen nicht allein sind.

Kakao und Fischbrötchen, Valentina Brüning, Tulpian Verlag


Das Cover ist sehr ansprechend gestaltet und zeigt die Protagonistin Rita sowie ihre neuen Geschwister bei einem Streich auf einem Boot. Zwei der Jungs sind gefangen, einer versteckt sich und Rita grinst süffisant. Über die dargestellte Szene werden Leser*innen im Laufe des Buches Näheres erfahren. In dem Buch sind vereinzelt mehrere kleine Illustrationen, meist zu Beginn eines neuen Kapitels, zu finden. So werden beispielsweise Muscheln, Möwen, Gummistiefel und Fischernetze dargestellt – ganz im maritimen Flair. Auch drei größere Schwarz-Weiß-Illustrationen sind im Buch versteckt, welche vor allem die Protagonist*innen, Landschaften und bestimmte Handlungsmomente wie das erste Aufeinandertreffen mit den “Nervbolzen” oder eine Unterhaltung mit Georg, wiedergeben.

Die vorhandenen Illustrationen tragen zu der Seefahrts-Atmosphäre des Buches bei. Weiterhin untermalen sie das Geschehene und helfen den Kindern, sich die Charaktere sowie deren Situationen und Gefühlslagen besser zu verbildlichen. Da die Illustrationen aber auf ein Minimum reduziert sind, haben Leser*innen auch genügend Freiraum, sich die Geschehnisse selbst auszumalen.

In sprachlicher Hinsicht hat „Kakao und Fischbrötchen“ viel zu bieten: Die Protagonistin verwendet beim Erzählen bildhafte Metaphern über das Meer. So wird sie metaphorisch zum Sturm, beschwört Tornados herauf oder wendet sich anstatt zu Gott an die höhere Macht des Poseidons.

„Doch bevor sie die Augen schließt, betet Rita zu Poseidon, dass das Baby in Mamas Bauch bitte, bitte ein Mädchen wird“

Weiterhin reden die Protagonist*innen mit einer Kindhaftigkeit, mit der sich jüngere Leser*innen sicherlich gut identifizieren können. Die Sätze sind kurz und parataktisch, was ein leichtes und flüssiges Leseerlebnis für Kinder mit sich bringt. Der Tulipan Verlag empfiehlt das Buch für Kinder ab neun Jahren. Dies ist einerseits sehr passend, da die Leser*innen so im selben Alter wie die Protagonistin sind und somit ein großes Identifikationspotential besteht. Vielleicht können die Leser*innen so gemeinsam mit Rita dem 10. Geburtstag entgegenfiebern und sich in ihren Handlungen und Streichen wiedererkennen. Zugleich waren wir uns aber unsicher, ob Kinder in diesem Alter nicht aufgrund des großen Text- und geringeren Bildanteiles überfordert sein könnten. Wir können uns vorstellen, dass das Buch daher besonders zum Vorlesen geeignet ist. Auch als Erwachsene*r macht es Spaß, in die Geschichte einzutauchen und nostalgisch an die eigene Kindheit zurückdenken.


Es wäre wünschenswert, dass auf veraltete Geschlechterklischees verzichtet worden wäre. Der Begriff „Mädchen“ wird des Öfteren eher negativ konnotiert dargestellt, z.B. „sie ist ziemlich oft ein ziemliches Mädchen“ (S.34) oder „Matti heult schlimmer als jedes Mädchen“ (S.113). Diese abwertende Reproduktion von Geschlecht und Eigenschaft haben wir als zweifelhaft wahrgenommen. Trotzdem hat uns das Buch aber sehr gut gefallen. Die maritime Atmosphäre des Buches ist sehr mitreißend und man wird förmlich von dieser eingesogen. Des Weiteren ist die Geschichte sehr leicht zu lesen und unterhaltend geschrieben, spricht aber auch die sehr wichtige Thematik Scheidung der Eltern/Patchwork-Familien an und schenkt Kindern in diesen Situationen hoffentlich Mut. Wir glauben, dass Kinder mit dieser lustigen Sommergeschichte sehr viel Spaß haben werden und in die Welt des Poseidons, gefüllt mit Nervbolzen, Böhnchen … und natürlich Kakao und Fischbrötchen abtauchen können!


„Kakao und Fischbrötchen“ wurde im Januar 2020 durch den Tulipan Verlag veröffentlicht. Das Buch wurde von Valentina Brüning geschrieben und von Maja Bohn illustriert.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Tulpian Verlag und Thalia Schmitt | Pfeil und Bogen
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