Was können wir wagen zu träumen?

Ein Interview mit Mithu M. Sanyal über Strukturen und Verhältnisse im Literaturbetrieb und wie wir sie verändern können.

Der Literaturbetrieb ist ein männerdominierter Bereich. Frauen sind dort unterrepräsentiert, das wird vor allem in Führungspositionen sehr sichtbar. Zudem gibt es einen sehr hohen Gender-Pay-Gap, der aktuell zwischen 26 und 28 % liegt. Ein Chefredakteur eines großen Magazins oder einer großen Zeitung bekommt mehr Geld als eine Chefredakteurin in derselben Position, für dieselbe Arbeit. Das sind nach aktuellen Schätzungen fast 30.000 € mehr im Jahr. Als Autorin und Journalistin bewegst du dich thematisch im feministischen Spektrum. Wie nimmst du den Literaturbetrieb wahr?

Das würde sich ungefähr mit den Zahlen decken, die ich kenne und ich finde das wirklich sehr ärgerlich, aber diese Positionen sind nicht die, an denen ich persönlich als erstes ansetzen würde. Gerade wenn ich an diese ganz hochbezahlten Jobs denke, dann ist dabei nicht mein erstes Ziel, dass dort Frauen genauso viel verdienen wie Männer, obwohl das natürlich fair wäre, sondern mein Ziel ist erstmal eine faire Bezahlung für Arbeit insgesamt. Ich hätte gerne nicht nur ein Minimaleinkommen, sondern auch ein Maximaleinkommen. Trotzdem komme ich aus einer klassischen feministischen Tradition und ich finde die Quote ist ein extrem wirkungsvolles und wichtiges Instrument. Nicht weil ich denke Frauen sind die besseren Menschen, sondern weil wir damit Strukturen automatisch verändern können.

Mir geht es dabei auch gar nicht darum, dass es eine Quote gibt, die ausschließlich dafür sorgt, dass allgemein mehr Frauen eingestellt werden, ich fände zum Beispiel auch eine Quote für Kindergärtner gut, mit dem Ziel dass im erzieherischen Bereich genauso viele Männer eingestellt werden wie Frauen. Die Quote soll für mehr Diversität sorgen und Diversität kann nur nützen, sogar wenn wir von der Wirtschaft her denken. Aber wie gesagt, die Chefredakteurinnen, die jetzt ein bisschen weniger verdienen als Chefredakteure, auch wenn das dann im Verhältnis tausende von Euros sind, das ist nicht die erste Gruppe, für die ich mich einsetzen würde. Trotzdem zeigt dieser Zustand aber natürlich auf, dass strukturell wirklich etwas nicht stimmt.

Bei jeder Buchmesse nehme ich mir immer die Feuilletons und zähle durch wie viele Bücher, die von Frauen geschrieben wurden besprochen wurden und wie viele Besprechungen von Frauen verfasst worden sind. Es werden mehr Bücher von Frauen veröffentlicht und Frauen lesen auch mehr, aber das spiegelt sich im Feuilleton umgekehrt proportional wieder. Das ist erschreckend. Gleichzeitig, gibt es aber auch ganz viele Agentinnen, die gezielt auf Autorinnen achten.

Welche Erfahrungen hast du gemacht, als du angefangen hast mit dem Schreiben?

Also die ersten Lesungen habe ich 1990 gemacht und zu der Zeit war es so, dass du als Frau und gerade als junge Frau nicht ernst genommen wurdest. Oft sind nach den Lesungen Leute zu mir gekommen, die meinten meine Literatur wäre nicht hart genug. Ich habe daraufhin dann irgendwann angefangen so Blut-, Sperma- und Eitertexte zu schreiben. Aber egal was ich geschrieben habe, mir wurde immer noch gesagt meine Texte wären nicht hart genug. Irgendwann habe ich dann mal einen Kollegen von mir gebeten unsere Texte auszutauschen und ich habe dann seinen Text vorgelesen und er meinen. Ich wollte einfach wissen, ob ich dann als Autorin immer noch genauso wahrgenommen werde. Und tatsächlich bekam ich trotzdem noch dieselben Rückmeldungen – und das bei seinem Text!

Das waren die 90er Jahre und seitdem hat sich aber ganz viel geändert. Der Kapitalismus ist irgendwie brutaler geworden, aber es ist nicht mehr so, dass du als Autorin automatisch nicht ernst genommen wirst.

Ich gehöre noch zu der Generation Mädchen, für die war Schriftstellerin zu sein ein Traum, so wie zum Mondfliegen, während es für Jungs oder Männer ein Berufswunsch war, ein kühner Berufswunsch aber ein Berufswunsch, etwas das man anstreben konnte und erreichen wollte. In Westdeutschland gab es ja damals auch keine wirkliche Ausbildung um Schriftsteller*in zu werden. Es gab nur diese Idee des Schreibenden als ‚Genie‘ und dass das Schreiben ganz von selbst kommen muss. Aber auch wenn es eine Ausbildung zur Schriftstellerin gegeben hätte, hätte ich es mir nie angemaßt mich um so ein Studium zu bewerben. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und da war allgemein ein Studium schon etwas Großes.

So wie ich aufgewachsen bin, als Mädchen in den 70er und 80er Jahren, das war schon anders als meine Mutter großgeworden ist, für die war Sekretärin schon ein absoluter Karrieresprung. Wow, sie war nicht mehr Arbeiterin, sondern Angestellte. Und die Hoffnung meiner Eltern für mich war, ein Beruf mit einem festen Einkommen. Deshalb war Schriftstellerin zu werden für mich jenseits von allem Vorstellbaren. Diskriminierung findet auf der Ebene von Geld und Gesetzten und so weiter statt, aber eben auch auf der Ebene der Phantasien. Was können wir träumen? Was können wir uns überhaupt wagen zu träumen?

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stephan Roehl, Heinrich Böll Stiftung
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