Von nahezu gefährlicher Liebe zu Büchern

Die Literaturagentin Elisabeth Ruge

An den Wänden lehnen gerahmte Feuilleton-Artikel. Die stammen noch aus Berlin-Verlag-Zeiten. Nicht der Artikel wegen sind sie ausgestellt, sondern wegen der Buchpreisnominierungen, die das untere Fünftel der Seiten schmücken. Elisabeth Ruge hält vor einem Rahmen inne. »Das ist jetzt fast zehn Jahre her, sehe ich gerade«, und geht nachdenklich zum nächsten Bild. Auch hier hält sie inne. »Warum wir das aufgehoben haben, weiß ich nicht mehr. Vielleicht wegen der Autoren-Babys.« Ein Cartoon, in dem Babys in Laptops auf ihren Schößen vertieft sind, Zigarette im Mundwinkel, wie hartgesottene Reporter. Den Berlin Verlag gründete Ruge Ende der Neunziger mit ihrem damaligen Ehemann Arnulf Conradi und Veit Heinichen. Den Berlin Verlag gibt es zwar noch, aber er hat sich verändert.

»Warum wir das aufgehoben haben, weiß ich nicht mehr. Vielleicht wegen der Autoren-Babys.«

Dann Hanser Berlin, die Dependance des Münchner Verlags, gründete Ruge 2011. 2013 nach einem geglückten Start machte sich wieder selbstständig, diesmal nicht mehr verlegerisch, sondern mit einer Literaturagentur. Die Elisabeth Ruge Agentur. In deren Räumen sie auch heute steht: ein kleines Loft in einem Hinterhof am Hackeschen Markt, Hochparterre. Mithilfe einer gläsernen Schiebetür kann sie den Raum in zwei teilen, das macht sie, damit ihre Mitarbeiter°innen ungestört arbeiten können. Nicht sie. In den Regalen stehen Bücher, von Autorinnen und Autoren, die die Agentur vertritt, zum Teil zweireihig. Besonders präsentiert die Erfolge und Neuerscheinungen: Frank Witzel, unübersehbar.

2015 war das Jahr der großen Erfolge, wer da welchen Preis gewann, war überall nachzulesen. Ob das für Elisabeth Ruge ein einschneidendes Jahr gewesen sei? Habe sich da etwas verändert in der Wahrnehmung auf sie? Ruge verschränkt die Arme, das macht sie oft, und lehnt sich auf ihrem Stuhl zurück. Wie eine kleine Zusammenschau seien diese Preise 2015 gewesen, eine Zusammenschau dessen, was sie bis dahin gemacht hatte als Verlegerin, das habe sie gefreut für die Autoren und vor allem für Swetlana Alexijewitsch. Die hatte sie schon lange begleitet und es hatte lange gedauert, bis man im Verlag, aber auch später in den Feuilletons und der Leserschaft verstand, worum es ihr bei dieser vollkommen unbekannten Autorin ging.

Zinkjungen zum Beispiel, ein literarisch-dokumentarischer Text den von der Sowjetunion brutal und erfolglos geführten Afghanistankrieg und dessen Folgen. In zugeschweißten Zinksärgen hatte die Regierung die jungen gefallenen Soldaten ihren Angehörigen zugestellt, der Krieg wurde in der Gesellschaft verschleiert und negiert – ähnlich wie der Umgang mit dem Vietnam-Krieg in den USA. Es hatte Ruge, damals noch Lektorin bei S. Fischer, viel Überzeugungskraft gekostet, eine Veröffentlichung in Deutschland möglich zu machen. Doch diese Interviews mit Soldaten, Sanitätern, Familienmitgliedern zeigt eine allgemeine Erfahrungsebene, dass es Übereinstimmungen auch zum jetzigen Afghanistankrieg gibt, in dem auch Bundeswehrangehörige kämpften. Diese erzählerische Fokussierung bei Alexijewitsch auf die alltäglichen Momentaufnahmen, auf die kleinen Dinge, auf etwas ganz Spezifisches, das uns etwas über uns erzählt, das ist es, sagt Ruge, was sie schon immer interessiert hat, an Literatur.

Elisabeth Ruge spricht nicht gerne über ihren Erfolg. Nicht sie hat diese Bücher geschrieben, sondern die Autorinnen und Autoren. Sie hat nur gemacht, was sie schon immer getan hat, sich für komplexe Texte interessiert und diese Leserinnen und Leser zugänglich gemacht. Nur wird das immer schwieriger, sagt sie. »Die Leute wollen herausgefordert werden«, aber die Verlage trauen den Lesern wenig zu. Das fange schon bei den Lesungen an, länger als vierzig, fünfzig Minuten, solle das nicht dauern, denn mehr könne man den Leuten nicht zumuten, »das ist Blödsinn. Aber wenn
man die Leute immer weniger herausfordert, nehmen sie selbst auch immer weniger Herausforderungen an«.

Wenn Ruge über etwas im Literaturbetrieb beunruhigt ist, dann ist es die wachsende Bedeutung der Marketingabteilungen in den Verlagen. Oft stehe das Potential einer Homestory zu sehr im Vordergrund, weniger der Text, Lektorinnen und Lektoren haben immer weniger Zeit für ihre „Kerntätigkeiten“, verfassen stattdessen Content für die Homepage. Aber die Verkäuflichkeit eines Textes könne nicht das ausschließliche Argument sein. Auch aufgrund dieser Tendenzen ist sie schließlich von den Verlagen weggegangen, »ich wollte wieder mehr Freiheit haben«, sagt sie, »ich wollte mich um Projekte kümmern, die mich interessieren. Wieder mehr auf Risiko setzen. Wir alle hier in der Agentur sind – fast gefährlich – dazu bereit uns Manuskripte vorzunehmen, die schwer unterzubringen sind«.

Dass sie und ihre Kolleg°innen dann oft doch den richtigen Riecher haben – dieses Jahr sind wieder zwei ihrer Autor°innen auf der Longlist des deutschen Buchpreises vertreten, Julia Wolf und Jakob Nolte – betont sie an keiner Stelle. Überhaupt, wenn sie über die Arbeit in der Agentur spricht, dann sind es meistens »wir«, die etwas machen oder entscheiden.

In der Agentur setzt man auf Selbständigkeit und Teilhabe. Auch Gleichberechtigung ist natürlich ein Thema. Einen Fragenkatalog, den Ruge anlässlich eines Runden Tisches von Kulturministerin Monika Grütters erhielt, diente sofort als Vorlage für eine umfassende Erkundung bei allen Autorinnen der Agentur. Die Antworten zeigen – und so sagt auch Ruge – bis zur Gleichberechtigung ist es noch ein langer Weg. Auch Mara Delius hatte sie um einen Kommentar zur aktuellen Sexismusdebatte im Literaturbetrieb für die Literarische Welt gebeten. Da schreibt sie, das eigentliche Problem sei das Ausharren der alten Männer:

»Gesellschaft ist u.a. eine Absprache zwischen Generationen«.

Im Literaturbetrieb werden nicht nur die Frauen benachteiligt, auch wenn es wichtig sei, das immer wieder zu betonen, Kultur im allgemeinen sei ein Bereich, auf den immer weniger geachtet wird, wo schnell gespart wird, wo viele Menschen, mit sehr wenig Geld auskommen müssen, das betrifft Kulturschaffende im Allgemeinen. »Man soll keine Schmalspur-Feministin sein«, sagt Ruge. „Man soll die Gesellschaft als Ganzes im Blick behalten, die Ungerechtigkeit, die Missachtung, die sie als Ganzes durchziehen und viele Menschen betreffen, Männer wie Frauen.“ Und dann fängt sie wieder an von den Büchern, Autorinnen und Autoren zu sprechen, die sie begeistern und es wird klar, am allermeisten geht es ihr um die Texte.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stefan Nimmesgern
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