Stand: Jetzt #7

Frisch gepresst

Stand: Jetzt
© Kristina Andabak

Frisch gepresst

Seit Jahren geht es mir wie einem Grundschulkind der Sorte „Durch-super-schnelles-Trinken-von-kaltem-Eistee-kann-ich-fremde-Gedanken-hören“: Mein Gehirn vibriert nämlich durchgehend und ich fühle mich überwältigt von Allem. Ich weiß wirklich nicht, wieso, doch kommt es mir so vor, als hätte jemand meinen Verstand an den laufenden Motor eines Kreuzfahrtschiffes angeschlossen. Das soll überhaupt nicht heißen, dass er vor bahnbrechenden Gedanken überquillt. Ich stehe nicht den ganzen Tag mit Kreide an einer Tafel, um manisch zu errechnen, wie man weitere Manifestationen von Elon Musks fragilem Ego in den Weltraum schießen könnte. Es soll heißen, dass ich mich aus welchen Gründen auch immer permanent gestresst fühle und meine Freude und Seelenruhe aus den größten Banalitäten beziehe. Beispielsweise halte ich den Facebook-Kommentar „Do they ever thought about making real life spongebob movie“ für den witzigsten Satz überhaupt, und noch besser bringt lediglich der Wrestler „Orange Cassidy“ derzeit meine gedanklichen Zickzackläufe zum Stillstand. Er ist das größte Gegengift für mein mentales Unbehagen, und ich lade euch alle herzlichst zu seiner Existenz ein.

Vorneweg: Die Wrestling-Welt ist ein Sumpf, der keinen Sinn ergibt. Ich wollte zwischen Modulabschlüssen nur mal Saltos und laute Publikumsreaktionen sehen, und ehe ich mich versah, war ich emotional investiert in Wrestling-Charaktere wie „The Fiend Bray Wyatt“, der gleichzeitig Moderator einer fiktiven Kindersendung und eine Art Reinkarnation des Teufels ist, was gerade mal drei Prozent seines Seins umfasst. Wyatts Persona ist förmlich symptomatisch für eine Welt, die sehr schnell wie zu viel wirken kann. Zu viele Stahlkäfige, zu viel Wiederholung, zu viele Knie, und in jener Welt kommt Orange Cassidy als Pendant gerade richtig, das für zu wenig steht.

Das Gimmick des selbst ernannten „King of Sloth Style“ basiert auf den Grundpfeilern des Minimalismus und der Lässigkeit. Kommt er begleitet von einem einzigen Nebelspritzer und von kurzem Funkensprühen zum Ring, wird sein Gewicht als „whatever“ und seine Herkunft als „whereever“ angekündigt, ehe er mit einem lediglich zu zehn Prozent ausgestreckten Daumen posiert. Wenn er spricht, sind seine Wortbeiträge entweder einsilbig oder stehen in Relation zum Fast-and-Furious-Franchise. Seine Sonnenbrille nimmt er nie aus freien Stücken ab und seine Hände kaum aus seinen Hosentaschen, auch nicht zum Aufstehen. Zwar ist er zu komplexen Angriffen fähig, beschränkt sich meistens jedoch auf das Ausweichen, auf das Sich-auf-den-Gegner-fallen-lassen und auf unfassbar gleichgültige Tritte gegen das Schienbein des Gegenübers, auf die das Publikum reagiert, als würde jemand von einem Dach geschmissen. Es ist das Beste der Welt.

Zugegebenermaßen werden diese Worte dem Spektakel seines Unspektakels in keinster Weise gerecht, doch lehrt Orange Cassidy, dass das völlig in Ordnung ist. Seine Existenz ist eine Ode an die Freude im Gewöhnlichen, eine Demonstration dessen, wie ok es ist, sich in Stillstand zu marinieren und nicht ständig auf Optimierung aus zu sein. Wie ok es ist, sich ruhig mal übersät mit Sonnenbrillen in eine Hängematte über ein Planschbecken zu legen und einfach eine gute Zeit zu haben. Auf mich wirkt dies wie ein weicher Kokon für das Gehirn, und noch nicht wie die Pforte zu ultimativer Resignation. Diese Grenze wird erst whenever überschritten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Kristina Andabak | Pfeil und Bogen

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