Grauer WhatsApp-Dialog an trüben Dezembertagen

Hinweis:

Im Folgenden lest Ihr eine Konversation zum Thema Meinungsfreiheit, die auf dem Messengerdienst WhatsApp geführt wurde.
Gesprächsanteile, die nicht zum Thema gehörten, wurden durch die drei Punkte in eckigen Klammern ([…]) ausgespart.
Fußnoten wurden nachträglich hinzugefügt, um den Bezug zu den angesprochenen Themen zu erleichtern.
Ansonsten ist der Austausch unverändert.
Unter dem Gespräch findet Ihr eine Besprechung der Autor*innen zum Thema: warum sie das Medium wählten, wie sie auf das besprochene Thema kamen und wie sie das Experiment abschließend einordnen.

Wir möchten gezielt darauf hinweisen, dass es – bedingt durch das Medium – sein kann, dass Äußerungen Dritter falsch zitiert wurden, dass Sachverhalte nicht korrekt dargestellt werden. Es wird keine Haftung übernommen.

[7. Dezember 2017]

[20.41 Uhr] 

ok also maas wollte facebook & co verpflichten „offensichtlich strafbare“ inhalte binnen 24 Stunden zu löschen in anderen Fällen sollte 7 Tage zeit sein[ref]http://www.dw.com/de/maas-k%C3%BCndigt-gesetz-gegen-hetze-auf-twitter-und-facebook-an/a-37926202 [/ref] spannend natürlich dass genau die kritik dann kam die ich dir auch in unserem Gespräch genannt habe a la Umwälzung der rechtsprechung auf privatunternehmen (die ihrerseits keinen bock drauf hatten)

[…]

[12. Dezember 2017]

[14.13 Uhr] 

jo Konversation hier hängt noch voll

[15.41 Uhr]
denke wir sollten schauen was Meinungsfreiheit umfasst also was überhaupt der Bereich ist über den wir reden: ist es nur das gesprochene und geschriebene wort ist es vielleicht noch das performative wort also geht es in einer gewissen Hinsicht in den Bereich der Handlungen/aktionen?

 [15.43 Uhr]

 Klingt logisch

Finde performatives Wort aber zu interpretativ

Und wir sollten uns entweder auf einen Ort der Welt konzentrieren oder vergleiche anstellen, da das ja je nach gesellschaftlicher Konvention anders ist

[15.47 Uhr]

 

ok und beziehen wir uns eher auf gesetze oder gesellschaftliche Normen? oder spielen die beiden ineinander bzw stellen wir gerade den kontrast dar?

[13. Dezember 2017]

[22.51 Uhr] 

ein weiterer punkt den wir einbeziehen sollten und über den ich heute ungewollt gestolpert bin: machtstrukturen die meinungsfreiheit einschränken (denke da an indirekte Zensur) mein Beispiel dazu: habe regelmäßig für die vrm und az mainz geschrieben als freier Mitarbeiter. vor ein paar monaten habe ich online auf einem medium die berichterstattung hart aber fair kritisiert das ist dem chefredakteur nun gesteckt worden und er hat mir heute morgen mitgeteilt dass er (or rather die VRM) die arbeit mit mir beendet „ich könne nicht für eine Zeitung schreiben die ich so hart kritisiere“ effektiv hat er mich damit relativ mundtot gemacht (und gezeigt wie dünnhäutig er und der Konzern sind)

[18. Dezember 2017]

 [12.48 Uhr]

Sorry das ich so lange nicht geantwortet hab, war physisch wie psychisch nicht in Hildesheim.

Das ist natürlich krass. Das muss eine Zeitung ja eigentlich aushalten können und sogar den demokratischen Diskurs stärken. Bewerte ich als peinlich: obwohl du die kritik vermutlich auch persönlich hättest bringen könne.

[13.04 Uhr] 

 ja der gedanke ist mir auch gekommen habe ich ihm gesagt dass das wohl besser gewesen wäre. lässt ihn halt nicht vom haken.

hatte schon überlegt diesen diskurs mit ein paar spritzigen Beleidigungen zu beleben aber du kamst mir da zuvor haha

[13.19 Uhr]
hatte ein Blockseminar am we (es ging um cultural rights) und wir sahen uns ein Bild von demonstrierenden in london an die gegen das „burka“ verbot[ref]http://www.deutschlandfunk.de/frankreich-fuenf-jahre-burka-verbot.1773.de.html?dram:article_id=350906[/ref] in frankreich protestierten ihre Schilder lasen: das werdet ihr bereuen euer 9/11 wird kommen und ähnliches

der dozierende , ein brite, sagte dazu „the free speech enthusiast in mir freut sich darüber“
das fand ich spannend freie Meinungsäußerung solange es halt nur geäußerte *rede* ist

[19. Dezember 2017]

 [11.22 Uhr]

Das klingt ja nach nem Beispiel

Also sowas würde ich auch nicht Ernstnehmen, es ist ja nicht von unmittelbarer Gewalt an einer Menschengruppe die Rede

Euer 9/11 ist schon ziemlich pathetisch

[11.39 Uhr]

ja wenn man bedenkt dass manche einfach extrem wütend sind und das dann rauslassen. denke halt dass die die schilder basteln und damit drohen/protestieren nicht die Bomben basteln

„europe you will pay – your 9/11 is on it’s way“

da würdest du sagen es ist okay? ab wann ist für dich denn etwas gesagtes nicht mehr zur Meinungsfreiheit zugehörig?

[…]

[27. Dezember 2017] 

 [0.08 Uhr]

Wie bewertest du das denn? Wo ist deine Grenze?

[1.36 Uhr] 

 

[1.41 Uhr]

tl;dl: schwieriges thema persönliches angegriffen-sein/Meinung und Meinungsfreiheit zu trennen vor allem Leute deren überzeugungen man nicht teilt sollte man unterstützen in ihrer Redefreiheit (nicht in der Sache wohlgemerkt!)

[2. Januar 2018]

[…]

 [11.38 Uhr]

Hast du das mit Beatrix von Storch mitbekommen? Das ihr Twitter acc gesperrt wurde auf Grund volksverhetzender aussagen[ref]http://www.zeit.de/politik/2018-01/volksverhetzung-beatrix-von-storch-strafanzeigen-silvester [/ref]?

[11.41 Uhr]

 Finde das interessant. Wüsste gerne ob wir solche rassistischen – aber ja dennoch die Meinung kundtuenden – aussagen raussuchen Bzw zitieren und darauf unsere Überlegungen anwenden. Ich muss auch ehrlich sagen das so viele Überlegungen nicht am Start sind weil ich da ne recht gefestigte Meinung zu habe. Man kann versuchen dort die beleidigenden Absichten herauszustellen

[13.27 Uhr]

selbst bei gefestigter Meinung kann man genau diese ja darstellen denke ich mal und vielleicht ist es echt ne super Idee das dann anhand von Beispielen zu tun

 [13.32 Uhr]

 Ja dann such ich was raus, da gibt’s bestimmt ne Seite auch die sowas dokumentiert

[13.36 Uhr]

ich habe z b auch noch paar Beispiele im Kopf, suche ich einfach nochmal raus

 [13.50 Uhr]

Ja nice!

Geht ja auch easy unter hashtags

[…]

[3. Januar 2018]

[…]

 [15.46 Uhr]

Gut Hagen! Oh ich muss dir auch noch nen Song zeigen in dem es sich um de Diskrepanz zwischen Meinung und Meinungsfreiheit dreht

[4. Januar 2018]

[12.57 Uhr]

vielleicht starten wir mal mit etwas sehr aktuellem beatrix von Storch hat ja getwittert „meinen sie, die barbarischenm, muslimischen, massenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?“ als Reaktion auf einen arabischen tweet der Polizei zur besseren Verständigung

[13.29 Uhr]

Ja das meint ich ja in meiner sprachnachricht

Danke das du das Zitat so schön rausgesucht hast

Wo ist das denn Meinungsfreiheit?

[13.36 Uhr] 

ich habe nicht den blassesten schimmer: es ist diffamierend und hasserfüllt ABER die frage ist ja ob sich damit strafrechtlich befasst werden sollte oder es innergesellschaftlich geregelt werden kann.. habe eben bei der sz gelesen[ref]http://www.sueddeutsche.de/politik/afd-kein-fall-fuer-das-strafrecht-1.3813082 [/ref] dass ein prof für jura sagt dass es noch im Rahmen der meinungsfreiheit ausgelegt werden könne da es eine art historischen Kontext beinhaltet (silvester 2015)

 [13.37 Uhr]

Krass

 Ok ich muss dazu gleich sich nochmal n bisschen was lesen (bin grad in Bremen am Hauptbahnhof und sitze in einer „ barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorde“) und dann kommt auch was fundierteres

*auch

[…]

[5. Januar 2018]

 [12.15 Uhr]

Rechtlich gesehen ist Meinungsfreiheit ja gerade im Bezug auf Verletzung der Ehre (was auch immer das sein soll) Verleumdung oder Beleidigung eingeschränkt

Es gibt noch andere Grenzen z.B. Jugendschutz oder … das steht hier bei Wikipedia[ref]https://de.wikipedia.org/wiki/Meinungsfreiheit#Rechtliche_Grenzen [/ref] “Sittlichkeit” auch wieder so ein Begriff der mir asbachuralt vorkommt

[18.28 Uhr] 

sittlichkeit wasn scheiß und ab wann zählt etwas als Beleidigung das ist die Frage denke ich

auch was dobrindt jetzt gesagt[ref]https://www.welt.de/debatte/kommentare/article172133774/Warum-wir-nach-den-68ern-eine-buergerlich-konservative-Wende-brauchen.html [/ref] hat ist halt strunzdumm aber was solls. ich denke z b das ist schädlicher als so ne brutal beleidigende Aussage von Storch oder konsortens

bürgerlich-konservative Revolution[ref]http://www.zeit.de/kultur/2018-01/alexander-dobrindt-csu-buergerlich-konservative-revolution [/ref] wasn quatsch

ich frage mich ob unter Sittlichkeit auch die Bekleidung fällt

[18.38 Uhr]

findest du es korrekt wenn in den usa beispielsweise Schimpfwörter im fernsehen gepiept werden? gilt ja auch als jugendschutz

[9. Januar 2018]

 [9.47 Uhr]

Was genau hat dobrindt (einige sagen ja doofrind – sind Politiker als Personen öffentlichen Lebens eigentlich davon ausgenommen?) denn genau gesagt? Bekomm da relativ wenig mit.

Find Wörter piepen irgendwie unsinnig, sie werfen damit ja nichts is den alltäglichen Sprachgebrauch gepiept. Da gehts ja lediglich darum, oder so denke ich mir das, das die Sendungen im z.B. US amerikanischen Fernsehen besser dastehen. Aber es ist auch Gesetz. – aber sagen darf man schon alles in der alltagsgesellschaft also irgendwie ein paradox. Müsste man sich mal die Gesetzeslage ansehen und neu bewerten

[10.18 Uhr] 

“Deutschland ist ein bürgerliches Land” “das hat nicht zuletzt die Bundestagswahl 2017 gezeigt” “und doch dominiert in vielen Debatten eine linke meinungsvorherrschaft eine dieses Schauspiel ertragende bürgerliche mehrheit” “auf die linke Revolution der eliten [er sieht die 68er als elitäre ‘Revolution’] folgt eine konservative Revolution der Bürger” etc pp

[10.20 Uhr]

passend dazu dass dann csu vize weber von der “finalen Lösung der Flüchtlingsfrage”[ref]http://www.spiegel.de/politik/deutschland/manfred-weber-fordert-die-finale-loesung-der-fluechtlingsfrage-a-1186493.html [/ref] sprach im Kontext des Besuchs von orbán

 [11.39 Uhr]

Jaaa auf jeden

 Dahab ich das Interview[ref]

http://bit.ly/2nTPlJ2

[/ref] mit marietta slomka gesehen

 

[11.44 Uhr] 

ja genau “Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg” was auch immer das bedeuten soll

[10. Januar 2018]

[…]

[22.51 Uhr] 

was ging eigentlich bei pussyriot[ref]https://www.ndr.de/kultur/kunst/Riot-Days-Pussy-Riot-Theatre-in-Hannover,pussyriot164.html[/ref]?

[19. Januar 2018]

 [11.25 Uhr]

Ich hab angefangen dir zuschreiben, habs dann aber nicht weitergeführt, Punkt minus für mich. Aber pussy Riot waren seltsam, keine Ahnung wie ich das beschreiben soll, echt komische Performance aber irgendwie auch geil. Da war is ein Typ der die ganze Zeit Oberkörper frei getanzt hat und das hat mich wie Sau irritiert

[11.39 Uhr] 

das ergibt alles keinen Sinn

[23. Januar 2018]

[11.12 Uhr]

Genau so siehts aus

Ergibt alles keinen Sinn

[…]

[25. Januar 2018]

[14.01 Uhr] 

muss mal hier noch abschließend sagen: ich denke wir als Gesellschaft müssen den Begriff der Meinungsfreiheit weit fassen und gerade Meinungsfreiheit für Leute einfordern deren Überzeugungen wir verabscheuen (als Einzelpersonen) bereits chomsky sagte so etwas in der Richtung. wir sollten also nicht gewisse Aussagen unter Strafen stellen (was einfach nur bedeutet dass sie im verborgenen geäußert werden) sondern mit ihnen politisch und sozial und diskursiv umgehen. wir dürfen auch kein “othering” betreiben: das passiert in Deutschland zurzeit in zwei hauptrichtungen habe ich das Gefühl. einerseits in Richtung von geflüchteten als den anderen was natürlich toxisch ist andererseits in Richtung AfD und Gesinnungsgenossen damit meine ich nicht dass wir ihre Meinungen ausschließen (das tun wir leider viel zu wenig) sondern sehr häufig so tun als würde das Problem woanders passieren als seien afd Anhänger nur die anderen als hätte nur Sachsen ein großes nazi Problem etc pp. wir müssen beginnen zu akzeptieren dass die afd aus unserer Gesellschaft erwachsen ist und nicht aus einer parallelwelt damit wir hoffentlich endlich den rechtsruck stoppen können den sie gestartet haben.

nun: wo ist imo die Grenze der Meinungsfreiheit? darüber haben wir Stunden gebrütet und sind immer noch nicht weitergekommen. ich glaube es können nur aussagen juristisch belangt werden die über einzelne Entitäten getroffen werden (Beleidigung defamation). vor Gerichten wir ja nur die Gültigkeit von Äußerungen nicht deren Inhalt besprochen. bei weiteren Einschränkungen läuft man Gefahr Arbeit die innergesellschaftlich stattfinden müsste (!!!) auf auf die Justiz abzuwälzen.

das war mein Wort zum Donnerstag.

 [14.13 Uhr]

Schau dir Aufbruchssstimmung[ref]https://youtu.be/KJnfQLQVcV4 [/ref] von Pöbel MC und Mili Dance an, das thematisiert ganz gut was du am Anfang sagtest

[…]

[14.16 Uhr]

hahaha okay schaue ich mir an
ich möchte an meinen text noch anfügen:

anstatt also vor die Gerichte zu ziehen muss man beginnen keine Plattform mehr zu geben. es muss nicht in jeder Talkshow wie es eine zeitlang getan wurde über das (angebliche) “Flüchtlingsproblem” gesprochen werden das allein ist schon afd Rhetorik und dann sitzen die affen da auch noch prominent gefeatured und können ihren Müll zur besten Sendezeit raushauen.

[14.25 Uhr]
das lied geht sehr gut rein und ich kann dem song zu 100 % zustimmen

ich weiß aber auch nicht ob ich richtig liege mit meiner Meinung.

[14.41 Uhr]
hier mal zwei Beiträge von Chomsky die deutlich machen wie sehr er freedom of speech verteidigt: https://chomsky.info/19801011/

https://chomsky.info/198509__/

[29. Januar 2018]

[13.17 Uhr]

Hast Fünfer Debatte um dieses Gedicht[ref]https://www.berliner-zeitung.de/kultur/sexismusdebatte-diskussion-ueber-umstrittenes-gedicht–avenidas–in-hellersdorf-28812192 [/ref] ab dem Haus mitbekommen? Das auf spanisch?

[13.23 Uhr]
ja habe ich “avenidas”

zum Glück denn deine frage ergab nicht so viel Sinn

[13.31 Uhr]
da wird jetzt alle 5 jahre ein neues Gedicht an die wand gepackt

 [13.30 Uhr]

Jaman 😀

 Autokorrektur ist echt uncool

Finde das irgendwie lustig das die Debatte da begonnen hat Bzw so in den bürgerlichen Diskurs kommt
Das zu low

Also zu selten. Aber egal

[13.44 Uhr] 

ja man darf ja wohl nicht einfach Gedichte von Wänden streichen ! !!!!! [zornroter Emoji]

wobei ich das Gefühl schon nachvollziehen kann dass halt Kunst “gelöscht” oder “vernichtet” wird. da spielen halt viele Dinge eine rolle. Aktualität? andere Debatten um das thema? Sexismusdebatte? pivilege und so? dann natürlich kunstfreiheit etc. ist es überhaupt ein gutes Gedicht? wer instrumentalisiert es dann wie (bsp Jens Spahn[ref]https://twitter.com/jensspahn/status/956270079984926720 [/ref])? denke das ganze wurde von den asta leuten die das weg haben wollten schlecht an die Öffentlichkeit gebracht. und dann ist es in einem bürgerlichen Kontext gelangt in dem der Niedergang der Kultur und der “genderwahn” bejammert wurde

 [13.46 Uhr]

Wirft viele Fragen auf

[…]

 

Nachbesprechung:

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Mary / Hagen Gersie

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