Valentin

Als meine Mama gestorben ist, sagte mein Papa zu mir: „Jetzt gibt es nur noch uns beide, Valentin. Wir müssen zusammenhalten.“

Ich erinnere mich kaum an meine Mama, aber ich erinnere mich an diesen Satz.

Als ich später in die Schule gekommen bin, hab ich nichts über meine Mama gesagt. Ich wollte nicht, dass die anderen Kinder denken, mit mir stimmt etwas nicht.

Ich hab mich nie beschwert, dass ich keine Mama habe. Bei wem hätte ich das machen sollen? Es gab immer nur Papa und mich.

Papa sagt immer, er tut sein Bestes und ich soll auch mein Bestes geben. Deswegen hab ich mich nie beschwert, auch wenn ich manchmal ohne Socken in die Schule gehen muss, weil Papa es nicht geschafft hat, die Wäsche zu waschen.

In den Pausen saß ich meistens mit Jakob, Tim und seiner Schwester Olli zusammen. Die waren nett und ärgerten mich nur selten.

„Was hast du auf deinem Brot?“, fragte Tim seine Schwester.

Sie sah in ihrer Box nach und sagte: „Schinken.“

„Oh, man! Ich hab wieder den Stinkekäse! Willst du tauschen?“ Tim hielt ihr das Brot hin, aber Olli lachte nur.

„Nein“, sagte sie und biss in ihr Schinkenbrot.

Tim drehte sich zu mir. „Was hast du auf deinem Brot?“

„Ich hab meins vergessen“, sagte ich schnell. Ich wollte nicht sagen, dass Papa um sechs zur Arbeit muss und vergessen hatte, mir ein Brot zu machen. Ich wollte nicht, dass die anderen denken, bei uns zu Hause stimmt etwas nicht.

„Willst du was von mir abhaben?“, fragte Tim.

„Nein“, sagte ich. „Mein Papa hat mir extra eins gemacht. Das liegt bestimmt noch auf dem Küchentisch. Das ess ich einfach, wenn ich nach Hause komme.“ Das war natürlich gelogen. Und ich hatte schon ganz schön Hunger.

„Macht dein Papa dein Pausenbrot?“, fragte Olli und sie klang verwirrt.

„Ja“, sagte ich und wusste nicht, was daran seltsam sein sollte.

„Macht das nicht normalerweise die Mama?“, fragte Jakob.

„Ja, bei uns macht die Mama das Essen“, erklärte Tim.

„Bei uns auch“, sagte Jakob.

Ich guckte zwischen den drei hin und her und dann zuckte ich unsicher die Achseln. „Bei mir macht das Papa.“

„Komisch“, sagte Tim. „Auch das restliche Essen?“

„Ja.“

„Wer geht einkaufen?“

„Mein Papa.“

„Wer putzt?“

„Mein Papa.“

„Wer wäscht deine Kleidung?“

„Auch mein Papa.“

„Ist dein Papa schwul?“, fragte Jakob.

Ich wusste nicht genau, was er damit meinte, deswegen sagte ich nichts und guckte nur auf den Boden. Zum ersten Mal dachte ich selber, dass vielleicht bei uns zu Hause etwas nicht stimmt, bei mir und bei meinem Papa.

„Wer küsst deinen Papa?“, fragte Tim.

„Ich“, sagte ich. Die anderen lachten.

Bild mit freundlicher Genehmigung von © Jelena Kern

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*