Tobias O. Meißner: Was braucht man zum Leben?

Gespräch mit Tobias O. Meißner

Was braucht man zum Leben?

Hier in Berlin brauche ich 1300€ im Monat. Das geht noch, in München sähe das schon ganz anders aus. 300€ sind reiner Lebensunterhalt, dann 560€ Miete, 40€ Strom, 40€ Gas, 60€ Monatskarte, weil ich kein Auto habe. 230€ für die Künstlersozialkasse, das ist Renten- Kranken- und Pflegeversicherung. Das muss man als freiberuflicher Künstler machen. Dann 40€ Internet und natürlich 20€ Rundfunkbeitrag, auch wenn man gar keinen Fernseher hat. Eine Zeit lang hatte ich keinen und ich weiß genau, wie ich reagieren würde, wenn ich das jetzt ohne Fernseher zahlen müsste. So nehme ich das in Kauf. Dann noch einmal im Jahr 150€ Haftpflichtversicherung. Und das reicht aus!

Ich brauche rund 15.000€ im Jahr. Verdiene ich weniger, wird Literatur für mich ein Draufzahlgeschäft. Das ist nicht viel, dementsprechend habe ich viele Ideen, die sich finanziell nicht verwirklichen lassen. Im Piperverlag habe ich aber einen guten Vorschuss. So komme ich von Vertrag zu Vertrag alle 10 Monate um die Runden.

Was braucht man zum Leben?

Ein Auto beispielsweise braucht man, meiner Meinung nach, in einer Großstadt wie Berlin nicht. Hauptargument für mich ist, dass die verfahrene Zeit verloren ist. In den öffentlichen Verkehrsmitteln kann ich lesen und wenn ich ankomme, habe ich etwas geschafft. Das ist viel praktischer, als diese Blechkiste selbst von A nach B zu bewegen, nur damit ich sie anschließend zurückbewege. Auf dem Land ist das etwas anderes, wenn der Bus nur alle drei Stunden kommt, aber in Berlin, Hamburg, München geht das auch sehr gut ohne.

Ich besitze auch kein Handy. Ich telefoniere allgemein nicht gerne. Auf meiner Telefonrechnung habe ich den Grundbetrag von 40€ fürs Internet und nie mehr. Ich rufe niemanden an und werde auch nicht gerne angerufen. Ich bin ein E-Mail-Verfechter, wo ich den Zeitpunkt wählen kann und auch, wo ich antworte. Im öffentlichen Raum möchte ich erst recht nicht telefonieren. Zuhause, in Ruhe, kann man sich vielleicht die Zeit nehmen und zurückrufen. Das geht natürlich nur, wenn man kein tagesaktuelles Geschäft hat. Als Journalist oder Börsenbroker ist das anders.

Für mich ist sonst wichtig, dass ich im Monat 50€ für Luxusartikel übrig habe, zum Beispiel für Comics. In einem Fachgeschäft habe ich ein Abo für ein paar amerikanische Serien. Das ist ein Hobby, das ich mir leiste. Kino hab ich mir abgewöhnt, das kostet 10€ und hinter dir kaut jemand Popcorn. Filme kaufe ich mir gleich und sammle sie. So Mediensachen gehören für mich einfach dazu.

Mein Rentenbescheid weist mir 320€ im Monat aus. Das reicht genau für meine Ernährungskosten. Ich werde irgendwie eine Grube im Wald finden müssen, um keine Miete zu zahlen. Dann komme ich über die Runden. Das wird schwer. Aber ich habe ohnehin nicht vor, mit der Arbeit aufzuhören, nur, weil ich ein bestimmtes Alter erreicht habe. Solange ich Verträge kriege, will ich weitermachen, aber ich würde auch so oder so für mich schreiben.

Was braucht man zum Leben?

Ein bis zwei Monate im Jahr stecke ich in Hiobs Spiel. Die Romanreihe ist für mich was ganz besonders. Mit 25 hab ich damit angefangen und wollte das für die nächsten 50 Jahre machen. Das hat mein Leben gerettet. Ich habe das Gefühl ich werde sonst irre, weil ich meine Wut und Abscheu vor der ganzen Welt darin kanalisieren und in eine künstlerische Form pressen und irgendwas Poetisches daraus machen kann. Egal wie schrecklich und abscheulich das dann wird. Ich bin jetzt ja gerade 50 geworden und der vierte Band kommt nächstes Jahr heraus. In den nächsten 25 Jahren werde ich das fertigstellen. Das hat mit Geldverdienen nichts zu tun. Ich würde es gerne für mehr machen, aber ich ziehe es auch durch, ohne einen einzigen Cent dafür zu bekommen. Das tut mir auch gut, wobei ich schon immer stöhne, wenn ich das mache, weil ich mich mit Dingen auseinandersetze, die man normalerweise nicht gerne ansieht. Nach Band Vier, habe ich jetzt acht Jahre Zeit, den nächsten zu schreiben. Die Reihe hat nur ein paar Tausend Leser, aber denen bedeutet es sehr viel. Das gibt mir eine Menge, das Gefühl, dass ich den Menschen damit was geben kann. Dass ich das alles also nicht nur für mich verarbeite, sondern sogar einen Mehrwert schaffe.

Ich habe ja auch einen normalen Werdegang gehabt. Abitur gemacht, studiert, als Journalist gejobbt und mich dann gefragt, ob ich ein Häuschen im Grünen haben will mit zweieinhalb Kindern, Hund und Pool. Das war für mich vollkommen unattraktiv. Da hat mir die Existenz der Freiberufler viel mehr zugesagt, die sich für ihre Kunst aufrauchen und in einem feuchten Kämmerchen vor sich hin röcheln und immer Not leiden, dabei aber fantastische Gedichte fabrizieren. Ich habe relativ früh gemerkt, dass mein Weg nicht in Richtung Geld verdienen führt, sondern dahin, frei und kreativ sein zu können.

Ich kenne das noch, wenn man durch die aller härteste Schule geht und mit dem Traum von Literatur durch harte Arbeit um 6 Uhr in der Fabrik anfängt. Da musste ich um 4 Uhr los. Im Winter habe ich nie die Sonne gesehen. Zwar habe ich mehr verdient, aber das brauche ich nicht so dringend, wie die Freiheit, die ich jetzt besitze.
Ausschlafen zu können, finde ich wahnsinnig großartig, weil ich in meiner Kindheit sehr unter dem frühen Aufstehen gelitten habe. In der Schule war ich immer unausgeschlafen. Ich kenne diese knallharte Existenz und genieße es total, dass ich schlafen kann, so lange ich will und wann ich will. Freiheit ist für mich Luxus. Lieber weniger Geld und dafür mehr Selbstbestimmung. Man muss halt darauf achten, dass man Deadlines nicht überschreitet, damit man einen guten Ruf beim Verlag hat und die sich nicht die Haare raufen.
Bis zu meinem 47. Lebensjahr war ich immer ein bisschen unruhig und panisch, weil ich so viele Projekte hatte, die nicht geklappt haben. Ich wollte einen Film realisieren, aber das war unmöglich, weil man dazu 800 Millionen Kompromisse eingehen muss. Romane schreiben ist besser.

Es gibt nicht viele Leute, die vom Schreiben leben können. Und noch weniger, die ohne Bestseller zu schreiben, klar kommen. Jemand wie ich, der immer neue Sachen ausprobiert, der riskiert sehr viel. Ich habe da auch ein bisschen Glück gehabt, weil mich der Verlag so unterstützt, dass ich seit 15 Jahren vom Schreiben leben kann.
So mit 50 dachte ich mir: „Hey, du hast jetzt 23 Romane veröffentlicht. Hättest du das geglaubt, dass du das schaffst, ohne dass einer davon eine miese Auftragsarbeit ist?“ Ich habe am Anfang gedacht, wie schwierig das sein wird nach meinem Debütroman. Da war ich erst einmal arbeitslos, weil der Verlag meine weiteren Bücher nicht machen wollte. Mir ist nichts in die Wiege gelegt worden. Ich wollte auf zehn Romane im Leben kommen. Ich habe schon das Gefühl, meine Pflicht erfüllt zu haben – mal von Hiobs Spiel abgesehen. Mit 75 wird das fertig sein, vorher darf ich nicht abkratzen. Das macht großen Spaß, dass ich an diesen Punkt gekommen bin und weiter in den Untiefen meiner Fantasie schürfen kann.

Tobias O. Meißner ist Roman- und Comicautor. Im nächsten Jahr wird der vierte Band seiner Berlin-Horror-Reihe “Hiobs Spiel” erscheinen. Das Projekt ist auf fünfzig Jahre Produktionszeit und voraussichtlich sieben Bände angelegt. Wie bei den meisten seiner Werke besteht er darauf, dass sie nur korrigiert, und nur „so minimalinvasiv wie möglich“ lektoriert werden.

Bild mit freundlicher Genehmigung von By Christian Laux (Own work) [CC BY-SA 2.5], via Wikimedia Commons
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