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Im Schönen wie im Traurigen

„Ein Eiskalter Fisch“ - Ein Kinderbuch von Frauke Angel & Elisabeth Kihßl

„Ein Eiskalter Fisch“ – Ein Kinderbuch von Frauke Angel & Elisabeth Kihßl

Manchmal liegen das Traurige und das Schöne nah beieinander. Das beschreibt Frauke Angel gefühlvoll in ihrem neuen Kinderbuch. Für den jungen Protagonisten in Ein Eiskalter Fisch ist der schönste Tag in seinem Leben auch der, an dem sein geliebter Fisch Onno stirbt. Denn an diesem Tag passiert etwas, was sonst nie passiert: Der Vater weint und nimmt ihn in den Arm, obwohl er sonst „nicht so der Kuscheltyp“ ist und Onno eigentlich gar nicht leiden konnte. Zwischen Vater und Kind öffnet sich dadurch eine emotionale Ebene, auf der sie sich sonst selten begegnen.

In ihrem Kinderbuch, das im März 2020 erschienen ist, erzählt die Autorin von Gefühlen, die da sind, aber oft nicht raus dürfen. Davon, wie schön und heilsam eine Umarmung sein kann. Von der Sehnsucht nach Geborgenheit und Nähe. Und davon, welche überraschenden Ähnlichkeiten der Vater des Jungen zu dem kalten, toten Fisch Onno aufweist. Fast macht es den Anschein, dass sich die Botschaft des Buches ebenso sehr an die mit- oder vorlesenden Erwachsenen richtet wie an die Kinder. Denn anders, als Titel und Anfang der Geschichte vielleicht vermuten lassen, steht nicht die Beziehung der jungen Hauptfigur zu ihrem Fisch Onno im Mittelpunkt.

Wenn der Vater weint

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Obwohl die ganze Geschichte aus der Sicht des Kindes geschildert wird, birgt sich in seiner Erzählung eine Ebene, die uns erwachsene Leser*innen aufhorchen lässt, uns aus der unbedarften Kinderperspektive eine fragile Familiensituation aufzeigt. Der kleine Ich-Erzähler entdeckt eine neue Seite an seinem Vater, als dieser ihm seine Gefühle zeigt und seine Nähe sucht. Dass die Trauer des sonst so gefühlskalten Vaters vielmehr im Vordergrund steht als die Trauer des Kindes, bringt uns als Leser*innen dazu, weitere Auslöser für die Trauer des Vaters zu ergründen als den Tod des Fisches.

Doch das Buch gibt keine eindeutige Antwort darauf, wie diese sehr emotionale Begegnung zwischen dem Kind und seinem Vater zustande kommt.  Die Geschichte versucht nichts zu erklären, sondern zeigt lediglich auf eine sehr berührende Weise, wie der Junge einen Blick hinter die harte Fassade seines Vaters wirft. 

Eine Geschichte mit Kontrasten

Der Ich-Erzähler ermutigt durch seine wertfreie, kindliche Erzählweise dazu, das Beste in schwierigen Situationen zu sehen und dankbar zu sein. Dabei machen besonders die einfachen und kindlich klingenden Formulierungen den Text für seine jungen Leser*innen zugänglich. In nur wenigen Worten schafft es Frauke Angel eine Geschichte der Kontraste erstaunlich komplex zu erzählen. Diese Gegensätze finden sich auch in den Aquarell-Illustrationen von Elisabeth Kihßl wieder.

Neben vielen großen, graublauen Flächen, die mit der Leichtigkeit und gleichzeitigen Tiefgründigkeit des Textes einhergehen, bleiben Großteile der Seiten leer. Einfach gehaltene Zeichnungen bilden die jeweils beschriebenen Situationen ab und bergen darüber hinaus liebevolle Details: ein Kaffeefleck auf dem Esstisch, ein Käfer auf einer Lampe, ein Hochzeitsfoto der Eltern an der Wand. 

Die Erzählweise des Jungen findet dabei wunderbar Anschluss in den kindlichen Zeichnungen, die teils aufgrund ihrer großen Weißflächen den Eindruck erwecken, als wären sie nicht zu Ende gemalt worden. Genau wie die Erzählung, lassen auch die Illustrationen einige Fragen offen und überlassen deren Beantwortung den Leser*innen.

Perspektivwechsel

Um über die erwachsene Perspektive hinaus auf das Kinderbuch zu blicken, haben die Erzieher*innen der Kindertagesstätte „Villa Kunterbunt“ im südbrandenburgischen Drebkau angeboten, den Kindern das Buch vorzulesen und deren Eindrücke zu teilen.

Dabei konnten die Erzieher*innen feststellen, dass den meisten Kindern das steife und unkörperliche Verhalten des Vaters fremd vorkam. Weshalb viele Kinder auch die Frage stellten, warum sich der Vater gegenüber seinem Sohn so seltsam verhält.

Ein weiterer Punkt ist die Vielschichtigkeit der Themen, die in dem Buch verhandelt werden. Was besonders von erwachsenen Leser*innen geschätzt werden dürfte, führte bei den jungen Kindern zu Verständnisschwierigkeiten. Warum weint der Vater um den toten Fisch, aber nicht, wenn er sich mit der Mutter streitet?

Entgegen der vom Verlag angegebenen Altersempfehlung von vier Jahren, würden die Erzieher*innen der “Villa Kunterbunt” das Kinderbuch erst ab sechs Jahren empfehlen. Trotzdem finden sie, dass die Geschichte wichtige Themen anspricht, die aber für jüngere Kinder besser getrennt voneinander erzählt werden sollten. 

Eine Welt der Emotionen 

Wie wichtig es ist seinen Gefühlen – im Schönen wie im Traurigen – Ausdruck zu verleihen, ist wohl die Kernbotschaft dieses Buches. Da es insbesondere die Erwachsenen sind, denen das oft schwerfällt und Kinder das noch nicht verstehen können, sollten Eltern sich unbedingt viel Zeit für das gemeinsame Lesen von Ein eiskalter Fisch nehmen. Die Komplexität und das Paradoxe der Geschichte können bei Kindern einige Fragen aufwerfen, mit denen sie nicht allein gelassen werden sollten. Vielleicht kann das Buch dadurch auch helfen, eine neue Ebene in der Beziehung der jungen und erwachsenen Leser*innen zu öffnen, in der über die vielfältige und wichtige Welt der Emotionen gesprochen werden kann.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Tyrolia Verlag

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