Ein Brief über den literarischen Satz

Der Gefreite C. G. Kilroy an seine Mutter in Lexington, Kentucky.
Würzburg, 24. Mai 1945:

„Dear Mom, folgendes möchte ich in der Trümmerwüste, durch sie wir hier marschieren, festhalten: Der literarische Satz wird durch zwei Reflexionsprozesse gekennzeichnet: Er reflektiert immer seinen Ort im literarischen System und zugleich mögliche rezeptive Kontexte in einem voraus projizierten Bedeutungsprozess durch seine jeweilige Leerstellenökonomie. Das sind die beiden Balken seines Koordinatensystems und das hatten wir auch schon miteinander besprochen. Auf unserem Marsch durch eine seltsam archaische Landschaft namens Spessart ist mir aber noch ein dritter Aspekt aufgefallen, über den wir noch nicht gesprochen hatten.

Der literarische Satz ist gegenüber der allgemeinen Stellung von Sätzen in Sprechakten von der pragmatischen Funktion suspendiert. Man kann den Satz Ich ging zum Kühlschrank und holte die Butter heraus als einen im Alltag gesprochenen Satz so auffassen, dass er aus dem Kontext heraus verständlich wird. Dieselbe Aussage als literarischer Satz, zum Beispiel am Anfang einer Erzählung, impliziert, dass Hörer oder Leser überhaupt erst einen Kontext herzustellen hätten, den sie nur aus der literarischen Umgebung des Satzes, aber nicht aus seinem primären pragmatischen Gehalt in einer lebensweltlichen Umgebung ableiten können. Wer sagt diesen Satz in welchem Rahmen und in welcher Absicht? Was, wenn es der erste Satz eines Romans  ist? Was müssten Leser hinzuzufügen, wenn sie den Satz in einem Roman lesen würden, um ihn in eine Welt einzubetten?

Die Rekonstruktion leerstellenabhängiger Kontexte vollzieht sich nur, wenn der Satz so markiert ist, dass er prinzipiell als jeder primären pragmatischen Kontextualisierung enthoben erscheint. Anders ausgedrückt: ein Satz, den wir als fiktiv erkennen, wird von uns nicht als Sprechakt in der direkten sozialen Interaktion identifiziert. Die Markierung wird durch das literarische System erzeugt, indem man den Satz etwa als Bestandteil einer fiktionalen Erzählform oder als Verszeile in einem Gedicht oder als Teil eines dramatischen Dialogs begreift. Diese Markierung durch Rahmung kennzeichnet wiederum seinen literarischen Status.

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