Pfeilchen und Bogen. Editorial

Schreiben für Kinder: Das ist weder Literatur im Zwergenformat noch mit erhobenem Zeigefinger. Das heißt, die Welt aus einer anderen Perspektive zu erkunden; etwas in die Knie zu gehen, ohne die Tante zu spielen; sich auch mal auf den Boden zu legen, aus einem Versteck oder aus einer Baumkrone zu spähen. Die Wirklichkeit anders zu buchstabieren. Vielleicht so wie jemand, die die Buchstaben gerade erst kennengelernt hat. Oder wie jemand, der die Ironie noch nicht aus jeder Pore seines Körpers dünstet. Oder wie jemand, die sich wundert, wenn Leute morgens eine Krawatte umbinden. Fragen zu stellen, die wir gerne verlernen: Warum gibt es Geld? Wie kommt das Gelb in die Zitrone? Wo bürsten sich Penner die Zähne? Kann ich in den Schrank hineingehen und was kommt dahinter?

Schreiben für Jugendliche: ein ungesichertes Terrain. Leben zwischen Nicht-mehr und Noch-Nicht. Zwischen Ich-doch-nicht und Wann-Endlich. Sich nichts erzählen lassen. Den Erwachsenen ihre Träume nicht abnehmen. Warten und genau das Gegenteil. Wer traut sich, für die zu schreiben, die wir (vielleicht) gerade erst waren?

Hier sind Texte zu lesen, die dieses Terrain erkunden. Reflexionen über ein literarisches Feld, das didaktisch gut vermessen ist, aber ästhetisch kaum erkundet wird. Geschichten, die Studierende für Kinder und Jugendliche schreiben. Mit eigenen Fragen im Kopf. Jenseits von klassischen Formaten oder vielleicht auch am Geländer des Kanonischen entlang, was auch immer das sein soll. Eine Frage, die wir diskutieren. Auch literarisch.

Wir spannen den Pfeil auf unserem kleinen Bogen mit großer Konzentration. Denn er soll weit fliegen.
Und genau treffen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Monika Rinck
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