Resist to exist

Ein Versuch das Unfassbare zu erfassen

Hebron ist mit etwas mehr als 200.000 Einwohner*innen eine der größten palästinensischen Städte des Westjordanlands. Vergangenes Jahr wurde die Altstadt Hebrons zum UNSECO Kulturerbe erklärt. Gleichzeitig steht sie auf der Liste gefährdeter Stätten. Mitten in der Altstadt leben rund 800 israelische Siedler*innen in fünf Siedlungen, geregelt und strukturiert durch insgesamt 26 Checkpoints. Auf diese circa 800 Israelis kommen etwa 650 Soldat*innen.

Wir stehen wir in der Schlange vor dem Checkpoint, den wir passieren müssen, um zur Al-Ibrahimi Moschee, die die Gräber der Patriarchen beherbergt, zu gelangen. Ayman erklärt mir, dass hier an manchen Tagen Menschen stundenlang warten müssen, um den Checkpoint passieren zu dürfen. Anschließend müssen sie, um die Patriarchengräber besuchen zu können, noch durch den zweiten Checkpoint, der direkt vor der Moschee platziert ist. Vor uns stehen etwa fünf oder sechs weitere Wartende, ein Junge drängelt sich an uns vorbei nach vorne. Der Checkpoint befindet sich in einem kleinen Gewölbetunnel, links, rechts und über uns ist Stein. Die Schlange der Wartenden steht an einem etwa zwei Meter hohen Gitterdrehkreuz. Dahinter blicken wir auf einen Metalldetektor und abschließend ein weiteres Gitterdrehkreuz. Auf der anderen Seite des Checkpoints, hinter dem zweiten Drehkreuz und außerhalb des Gewölbetunnels, sehen wir eine eingezäunte Kabine, in der ein Soldat sitzt und den Checkpoint kontrolliert. Die Drehkreuze lassen sich nur dann bewegen, wenn er sie frei gibt. Neben der Kabine steht ein weiterer Soldat, beide sind sie in voller Montur und tragen geladene Maschinengewehre. Sie können kaum älter als zwanzig sein. Ayman und ich passieren das erste Drehkreuz zusammen.

Vor mir läuft er durch den Metalldetektor, ich folge. Bei uns beiden piepst er. Ich blicke kurz zurück, dann wieder nach vorne, wo Ayman und einer der Soldaten miteinander diskutieren, weil wir nicht durch das zweite Drehkreuz gelassen werden und somit mitten im Checkpoint feststecken. „What’s going on?“, frage ich als Ayman wieder zu mir zurück kommt. „You can pass“. Ich passiere das zweite Drehkreuz. Hinter mir legt Ayman alle Metallgegenstände, die er bei und an sich trägt, auf einen Tisch, der neben dem Detektor steht. Als er wieder hindurch, Richtung Anfang des Checkpoints geht, piepst es wieder. Dort läuft Ayman erneut durch den Detektor, legt seine Jacke zu seinen restlichen Sachen auf den Tisch. Ein Palästinenser läuft an mir vorbei und durchquert den Checkpoint in entgegengesetzter Richtung. In dieser Richtung muss man nur ein einfaches Drehkreuz, das nicht blockiert ist, passieren. Er ruft Ayman etwas auf Arabisch zu, dieser lacht und erwidert etwas. Noch zwei Mal muss er durch den Metalldetektor gehen bis dieser nicht mehr piepst. Trotzdem wird er von dem Soldaten aufgefordert, ihn noch einmal zu passieren. Erneut ertönt kein Piepsen, doch der Soldat beachtet Ayman überhaupt nicht mehr. Ayman steht am Drehkreuz, es ist nach wie vor blockiert.

Während ich Zeugin Aymans Erniedrigung werde, muss ich an ein Gespräch denken, das ich ein paar Tage zuvor in Nablus mit I. D. und seinen Freunden geführt habe. Sie erzählten mir, dass sie gerne wandern und campen gehen würden, sich dies aber als zu schwierig erweisen würde. „There is no land“, sagte einer von I.D.’s Freunden zu mir und ein anderer: „We can be shot“. Ich erzählte, dass es in Deutschland nur Campingplätze gäbe, für die man zahlen muss und dass es illegal sei, wild zu campen: „We have to pay for it“. „We pay and we go nowhere“, entgegnete ein Freund I.D.’s. Ich dachte daran, dass ich ein paar Tage zuvor in den Carmel Mountains, nahe Haifa, noch genau das gemacht hatte, wovon I.D. und seine Freunde träumten: zu wandern und zu campen, abends ein kleines Feuer, über dem man sein Essen kocht und nachts unter den Sternen schlafen.

„We pay and we go nowhere“

Die beiden Soldaten, die Ayman kontrolliert haben, stehen nun beide neben der Kontrollkabine, durch Zaun und Stacheldraht von ihm getrennt, und unterhalten sich mit einer Kollegin und einem Kollegen. Keiner beachtet mehr den im Checkpoint gefangenen Ayman. Es scheint gerade Schichtübergabe zu sein, denn nach ein paar weiteren Minuten verabschieden sich die zwei, die Ayman zuvor kontrolliert haben und laufen zu einem kleinen Häuschen beim nächsten Checkpoint vor der Moschee, an dem weitere Soldaten stehen. Statt ihnen steht nun die Soldatin neben der Kontrollkabine hinter dem Zaun und der neu angekommene Soldat, der aussieht als sei er noch nicht einmal volljährig, sitzt am Kontrollplatz. Ayman, wieder vollständig angezogen, wartet nach wie vor am Drehkreuz, das weiter blockiert bleibt. Der junge Soldat befielt ihm durch die Scheibe der Kabine, erneut durch den Metalldetektor zu gehen, doch Ayman weigert sich. Er protestiert und versucht dem Soldaten zu verstehen zu geben, dass sein Kollege ihn bereits überprüft hat. Der Soldat bleibt eisern. Ich merke, dass Ayman immer genervter wird. Er gestikuliert erneuet und deutet auf den Ort, an dem der vorherige Soldat stand. Diesen sehe ich von meinem Standpunkt aus, er steht noch vor dem Häuschen.

Der junge Soldat und die Soldatin, auf die Ayman eingeredet hat, versuchen ihn nun, eher halbherzig, herzurufen. Vermutlich um ihn zu fragen, ob stimmt, was Ayman ihnen versucht zu erklären. Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Soldat die Rufe seiner Kolleg*innen hört, das Häuschen ist nur wenige Meter vom Checkpoint entfernt, doch er ignoriert sie und verschwindet darin. Ayman muss sich also erneut seiner Metallgegenstände entledigen und durch den Detektor gehen, diesmal piepst er auf Anhieb nicht. Er legt sich seine Uhr wieder an, steckt sein Handy in die Hosentasche, zieht den Gürtel durch die Schlaufen seiner Jeans und gleitet in seine Jacke. Endlich darf er sein Gefängnis verlassen. Als er auf mich zukommt, ein trauriges, leichtes Lächeln auf den Lippen, sagt er: „Now you see how they treat us“ – „Do they know you?“ – „Of course they do“. Er erklärt mir, dass nur die Palästinenser*innen, die hier in der Altstadt leben durch diesen Checkpoint, und somit auch zur berühmten Moschee, gehen dürfen. Ich wurde beim passieren nicht einmal nach meinem Pass gefragt.

Wieder denke ich an den Abend mit I.D. und seinen Freunden zurück. Wir haben uns gegenseitig unsere Ausweisdokumente gezeigt, ein Freund I.D.’s hat ein Foto von sich mit meinem deutschen Pass gemacht und mir erklärt, dass dieser Pass sein größter Wunsch sei. Sie zeigten mir auch ihre Ausweise, einer sagte dabei: „These are not palestinian passports. Israel gave them to us. Palestinian pass is illegal.“ Es gibt grüne und blaue Pässe, erklärten sie mir. Mit dem grünen Pass käme man in der Regel nicht nach Israel. Hussein* hatte einen blauen Pass dabei, er kann damit überall hinreisen. Einige Palästinenser, so erklärten sie weiter, haben einen zusätzlich Pass, zum Beispiel einen jordanischen. Damit können sie wenigstens aus der West Bank nach Jordanien und zurück reisen. I.D., der zwischenzeitlich in Italien studieren konnte, musste von Jordanien aus nach Italien fliegen, da es ihm nicht erlaubt ist, nach Israel einzureisen.

Noch bevor ich in Nablus war, hatte ich Ramallah besucht, wo ich einen älteren Mann kennen  gelernt habe, für den Jordanien ebenfalls eine Rolle spielte. Er hatte dort sein Ingenieurstudium beendet und war 1984 nach Ramallah gekommen. In der offiziellen Hauptstadt des Westjordanlands lebt er seitdem im Qadorah Camp, einem kleinen Regugee Camp von 1948, das mitten in der Stadt liegt. Das Camp besteht aus zwei kleinen Parallelstraßen, äußerlich für meine Augen nicht von anderen Straßen der Stadt zu unterscheiden, in denen insgesamt laut Abdul* etwa 3000 Menschen leben. Er lud mich ein, auf einen Kaffee mit zu ihm zu kommen und führte mich durch die Abdel Quader Al Hussaini Straße, in der er lebt. Währenddessen erzählte er mir, dass er seit langer Zeit keine Arbeit finde und alle vier Monate 750 Shekel (etwa 175 Euro) bekomme, von denen er leben muss. Vor dem Haus, in dem Abdul wohnt, treffen wir auf seinen Bruder und einen seiner Freunde. Nachdem wir uns ein wenig mit ihnen unterhalten haben, gingen wir gemeinsam zu Abduls Freund nach Hause, wo wir auf Tee und Erdbeeren eingeladen wurden. Nach einer kurzen Weile kommen wir auf Hitler zu sprechen.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Helena Köster | Pfeil und Bogen
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2 Kommentare

  1. Schon uncool, jemanden, der Hitler super fand, weil er alle Juden ermorden wollte, als “unglaublich nett und freundlich” darzustellen und so zu tun, als seien Juden das Hauptproblem der Palästinenser°innen. Dort lebende (siedelnde) Juden sind mit Sicherheit kein größeres Friedenshindernis als Terroranschläge, Messerangriffe auf Zivilisten, Raketenangriffe auf zivile Ziele, der Bau von Terror-Tunneln und Sprengstoff- und Schusswaffen-Anschläge auf Zivilisten. Außerdem wurden den Palästinenser°innen schon drei mal 97% des von der Autonomiebehörde offiziell beanspruchten Territoriums angeboten. In dem Fall wären Siedlungen geräumt worden, wie das auch im Gaza-Streifen der Fall war. Die Palästinenser°innen haben diese Angebote abgelehnt. Ich finde es natürlich auch nicht schön, wie die Menschen dort leben müssen, aber ich halte es bei einem solch politischen Text für extrem gefährlich, Zitate nicht einzuordnen und antisemitische Ressentiments, die sich natürlich auch in Deutschland und vor allem auch in der deutschen Linken en masse finden lassen, einfach unkommentiert wiederzugeben.

  2. Lieber Nils,
    danke für deinen Kommentar. Der Nahost-Konflikt ist ein sehr wichtiges und gleichzeitig auch sehr schwieriges Thema. Dass dieses Thema von einigen Seiten für (versteckten) Antisemitismus instrumentalisiert wird, ist nicht zu bestreiten. In meinem Artikel kann ich allerdings keinen Antisemitismus finden. Ich ordne niemandem eine Religion zu, spreche nicht von Juden, sondern von Israelis oder Siedler*innen. Die Szene bzw. das Zitat aus meinem Artikel, auf das du dich in deinem Kommentar beziehst, wird von mir direkt in der Situation kommentiert, ich distanziere mich sowohl in meinem Artikel als auch in der Situation ganz klar von seiner Aussage.
    Terroranschläge und andere Gewalt sind eine mir sehr bewusste Gefahr. Jedoch soll es darum in meinem Artikel nicht gehen. Ich versuche hier, einen Lebensalltag zu beschreiben, der für sehr viele Menschen im Westjordanland so oder ähnlich aussieht, und außerdem möchte ich damit den Menschen, die ich dort kennen gelernt und die mich darum geben haben, Gehör verschaffen.
    Wie ich schon sagte, ist der Nahostkonflikt ein überaus wichtiges Thema und deshalb würde ich vorschlagen, alle weiterführenden Diskussionen persönlich und nicht in Kommentarspalten zu führen. Ich denke, damit können wir diesem Thema sonst nicht gerecht werden.
    Liebe Grüße, Helena

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