Sue O'Kieffe
Loom Of Dreams

Welcome Home (Loom Of Dreams)

Illegale Schenkkreise und ihre Funktionsweisen

Wir laufen an den Blumenbeeten im Dorf vorbei, an den Steintreppen, die zu fremden Häusern führen, wir setzen uns in den Schatten. Der Himmel ist blau, wir haben uns seit Wochen nicht mehr gesehen. Es ist das erste Mal seit Corona, dass wir uns treffen. Sie fragt, ob ich schon einmal etwas vom Loom Of Dreams gehört habe. Ich schüttele den Kopf und denke an das Aufschreiben von Nächten, die mir sonst entfallen würden. Sie erklärt mir, dass der Loom Of Dreams eine Frauengruppe ist, in der sich alle gegenseitig helfen, ihre Träume zu erfüllen. Gerade eben fehle ihr Spiritualität im Alltag und im Leben. Diese Gruppe würde sie zu ihrem Fokus zurückbringen. Der Asphalt ist schön körnig, wo wir sitzen. An den Rändern des Bürgersteigs sprießen Gras und Unkraut.

Ich frage sie, wie das aufgebaut ist, sie erzählt von Elementen, vom Kreislauf. Sie ist im Wind. Jedes Element hat eine andere Aufgabe. Die der Feuerfrau ist, sich mit den eigenen Ängsten zu konfrontieren, wenn man dann in den Wind kommt, ist die Aufgabe innere und äußere Kommunikation. In diesem Moment macht es Klick bei mir. Aha, denke ich, ich werde gerade akquiriert. Erdfrauen organisieren die Treffen und die Aufgabe der Wasserfrau ist „to receive“, anzunehmen, was ihr gegeben wird.

Eintreten

Ich weiß nicht, ob sie mich zuerst fragt, ob ich teilnehmen möchte, oder zuerst von dem Geld erzählt, dass im Spiel ist. Vielleicht erzählte sie es mir auch so: „Die Wasserfrau ist alle Stufen durchlaufen und in der letzten Stufe der Entwicklung angekommen. Jetzt schenken ihr alle neuen Feuerfrauen ihre Herzensbriefe, in denen sie teilen, was sie an der Wasserfrau schätzen und warum sie ihren Traum unterstützen wollen. Und geben ihr das Geld, das sie braucht, um ihren Traum zu erfüllen.“

Wie sie es weiter erklärt haben könnte, wie es viele andere in dem Kreis erklären, wie ich es ein paar Tage später erklärt habe, als ich einer Freundin vom Loom erzählte: „Die Feuerfrauen werden, wenn sie den Zyklus durchlaufen haben, selbst zu Wasserfrauen. Das Ganze basiert auf dem gegenseitigen Vertrauen, dass wir einander geben und nicht nehmen. Die Frauen, die das Mandala durchlaufen haben, werden zu großen Schwestern und wachen über das Mandala von außen. Man hört also nie richtig auf, Teil dieser Gruppe zu sein.“

Als ich das erste Mal von den 250 Euro, die im Spiel sind, höre, werde ich stutzig. Wie wir da die Straßen in der Sommerhitze entlanglaufen, merke ich an, dass der Austausch über Träume und der Verbund in der Gruppe doch auch ohne Geld funktionieren könne. Warum Geld Teil des Kreises ist, frage ich. Sie antwortet, dass es um das Starten einer alternativen Ökonomie geht. Darum, nicht immer nur vereinzelt und für sich selbst zu sorgen, sondern auch kollektiv den Traum einer Freundin zu unterstützen. Nicht an Geld festzuhalten, sondern es fließen zu lassen. Das gibt mir zu denken, da ich wirklich wie ein Eichhörnchen mit meinem Geld umgehe, und auf meinem Konto macht es sich auch nicht besser als in meinen Händen.

Ich sage mir, das Geld ist meine Sicherheit, aber am Ende ist es so, wie ich es behandele, gar nicht vorhanden. Wenn ich also in den nächsten Monaten diese 250 Euro selbst nicht in die Hand nehmen würde, und dann jemand anderes damit etwas Großes bauen kann, einen Traum umsetzen kann, und ich danach sogar noch das vierfache bis achtfache meines Geldes zurückbekomme, um selbst auch etwas Großes zu bauen, etwas zu tun, das ich sonst nicht getan hätte, dann ist das vielleicht doch nicht so schlecht. Das Versprechen dieses Kreises ist nämlich, dass man, wenn man 250 Euro gibt, 1000 zurückbekommen wird, wenn sich genügend neue Feuerfrauen finden, die auch teilnehmen wollen. Es ist also so ein wenig wie leihen, nur dass viel mehr zurückkommt als man hineingegeben hat.

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Die Form des Mandalas: Der äußerste blaue Kreis wird durch acht Feuerfrauen besetzt, der Grüne durch vier Windfrauen, der Pinke durch zwei Erdfrauen, das dunkle Blau von einer Wasserfrau.

Als wir bei der ihrer Haustür angekommen sind, meint sie, ich könnte mir die Gruppe auch einfach mal ansehen, ohne gleich zuzusagen. Ich sage, ich überlege es mir. Im Moment ist viel zu tun und ich habe für die täglichen halbstündigen bis zweistündigen Jitsi-Treffen, über die sie geredet hat, eigentlich keine Zeit. Ich finde die Elemente aufgesetzt, ich kann mit Feuer, Wasser, Wind und Erde nicht viel anfangen. Aber ich sehne mich nach dem Gefühl, Teil einer Gruppe zu sein, nach Bestärkung und Lob, nach Sicherheit. Wenn sie von der großen Runde in den Treffen spricht, empfinde ich einen gewissen Neid. Seitdem die Coronapandemie begonnen hat, sehe ich die Leute, die ich kenne, nur noch vereinzelt.

Ankommen

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Ich habe also keine Zeit, bin abgehetzt, erschöpft und wütend, als ich das erste Mal einem Jitsi-Meeting vom Loom Of Dreams beitrete. Mir gefällt es nicht, dass ich als „neues Feuer“ in der Telegramnachricht an die Gruppe angekündigt wurde. Ich beschließe, schon aus Prinzip nicht beizutreten. Dann sehe ich mehr bekannte Gesichter als gedacht. Ich freue mich, Menschen wiederzusehen, die ich sonst nicht sehen würde.

Mir werden Komplimente zu meiner Stärke gemacht, zu der Art, wie ich spreche, wie ich mich gebe, wie ich hier bin. Zu dem, wer ich bin, wen sie in mir erwarten, zu dem, was sie sehen und kennen können. Ich teile auch Komplimente aus. Alles schwelgt wie auf Wolken der kollektiven Positivität und Unterstützung. Welcome home, sagt eine Windfrau. Wie es der Ritus im Webstuhl (das Mandala, das der Loom of Dreams ist, wird am Webstuhl von allen Frauen des Kreises gewebt) vorsieht, stellt die Frau, die meine Wasserfrau sein wird, (wenn ich mich denn entscheide, beizutreten,) ihren Traum vor. Ich kenne sie.

Wir haben uns das letzte Mal auf einer Feier getroffen, als ich mich zwischen KulturwissenschaftlerInnen in das kleine Zimmer drückte, in dem vorne ein provisorischer Dj-Tisch aufgebaut war. Wir teilten uns Zigaretten, als es noch ging, ich konnte keine drehen, ich fragte nach. Sie erzählt mir, was sie sich wünscht, wozu sie das Geld verwenden möchte, wovon sie träumt, wo sie hinwill, was sie sich nie getraut hat, was sie machen wird. Und ich möchte Teil davon sein. Ich möchte ihr helfen. Ich will ihre Feuerfrau sein, und ihr diese Reise ermöglichen. Als ich also gefragt werde, ob ich Teil vom Loom Of Dreams sein will, sage ich ja, und alle schreien und klatschen und pfeifen und jubeln und freuen sich, dass ich dabei bin. Eine Freundin von mir, die inzwischen große Schwester ist, sagt: „Ich wusste, dass das etwas für dich ist.“

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Zweifeln und Versichern

Am nächsten Morgen wache ich mit einem schalen Erschrecken auf. Ich bereue meine Impulsivität. Doch nach einem Treffen in der Triarde, in der Zweifel am Loom und persönliche Probleme außerhalb des großen Kreises besprochen werden können, fühle ich mich sicherer und besser mit meiner Entscheidung. Die Triarde besteht aus der Windfrau, die mich zum Kreis einlud und der anderen Feuerfrau, die mit mir angeheuert wurde. Diese Gruppe bleibt immer beisammen, auch wenn sich das Mandala teilt.

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In der Telegramgruppe unserer Triarde teilen wir motivierende Regeln und Listen. Ich bin aufgeregt und frage mich, wie ich die Zeit finden soll, der Wasserfrau einen Herzensbrief zu schreiben, der ihrem Traum würdig ist – immerhin ist nächsten Mittwoch schon ihr Fest und die nächsten Schritte stehen bevor: 

Wie und wann sich das Mandala teilt, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden. Ich nehme also an zwei weiteren Jitsi-treffen teil. Dort lerne ich die “älteren Schwestern“ aus Brazilien kennen. Ich beginne, mir Notizen zu den Besonderheiten des Webstuhls und der Elemente zu machen.

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Ich bin begeistert und erzähle weiteren Freundinnen vom Kreis. Eine ist abgeneigt und besitzt finanziell gar nicht die Möglichkeit, teilzunehmen. Die andere ist interessiert. Einer anderen Freundin gegenüber erwähne ich den Loom nur flüchtig, erzähle davon, dass ich von den drei Onlinemeetings hintereinander übermüdet bin. Sie fragt nach, was für Meetings das waren. Zwei Seminare und der Frauenkreis, bei dem ich jetzt dabei bin. Sie fragt mich über den Kreis aus und wirft mir vor, dass das das kapitalistischste und ausbeuterischste System ist, das es geben kann, da müssten ja immer mehr Leute beitreten, bezeichnet den Loom als Sekte. Ich denke mir zu dem Zeitpunkt, dass ich doch wusste, dass sie das nicht verstehen wird. Ich hätte sie nie zum Kreis eingeladen. Ich hatte auch gezögert, ihr davon zu erzählen. Sie ist ja nicht besonders spirituell, sie meditiert noch nicht einmal. Aber ich wollte ihr das auch nicht verheimlichen.

Austreten

Am nächsten Morgen, zwei Tage nach dem ersten schalen Geschmack im Mund, beginne  ich zu recherchieren. Ich brauche lange, bis ich zum Loom of Dreams Informationen finde. Je mehr Namen ein System hat, desto schwieriger ist es zu finden. Ich spreche mit den Mitgliedern meiner Triarde. Am übernächsten Tag trete ich aus, nachdem ich mich im offiziellen Jitsi-meeting darüber ausgesprochen habe, dass ich an einem System, das anderen Frauen* schadet, nicht teilhaben möchte. Die Mitglieder meiner Triarde, das Feuer, das mit mir angeheuert wurde, und die Windfrau, die mich eingeladen hat, treten auch aus.

Als wir das letzte Mal gemeinsam mit der Frau sprechen, die meine Windfrau akquirierte, sagt sie, sie hat tief in sich hineingefühlt. Es sei okay, dass ich Zweifel habe, vielleicht sollte ich dann nicht mehr am Kreis mit teilnehmen. „Ich habe meine Wahrheit und du hast deine Wahrheit, und die können beide existieren und richtig sein“, sagt sie. Sie könne aber weiterhin guten Gewissens Frauen zum Kreis einladen. Sie wisse, dass der Zusammenhalt sie als Frauen stärke, ob sie nun ihr Geld zurückbekämen oder nicht. Ich schweige.

Gift Economy is NOT a Fraud (for me)

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Wahrheiten sind, wenn man sie so fasst, emotional. Wahrheiten sind aufgeladen.
Also belasse ich es lieber bei Fakten und der Erklärung von Funktionsweisen.

Funktionsweisen des Looms

Der Loom Of Dreams ist ein Loom. Das System des Looms kursiert seit Längerem auf Social Media-Plattformen wie Facebook und Instagram, auch ohne den spirituellen Beiklang und als reiner finanzieller Hack, bei dem einfach alle etwas geben müssen, um später viel mehr zurückzubekommen. Dabei werden Menschen angeheuert, die das Achtfache ihres Einsatzes an Geld zurückbekommen wollen. Der Loom wird als Mittel vermarktet, um schnell sein eigenes Geld zu vermehren. Dabei wird nichts produziert, es wird nichts verdient, es werden keine Produkte verkauft. Es handelt sich lediglich um eine Umverteilung des Geldes. Wenn acht neue Menschen investieren, bekomme ich ihr Geld. Wenn diese InvestorInnen jeweils acht neue InvestorInnen finden, die sie finanzieren, bekommen sie ihr Geld zurück.

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Wie sich der Loom teilt (aus der Telegramgruppe des Looms)

Irgendwann bricht dieses System zusammen und die zuletzt akquirierten InvestorInnen verlieren ihr Geld. Dabei ist es nur natürlich, dass das passieren muss. Bis ich als „Feuerfrau“ die achtfache Menge des Geldes bekomme, müssen 112 Frauen in das Mandala eingetreten sein, damit die sieben Feuerfrauen, die mit mir in den Loom of Dreams eintreten, auch ihr Geld zurückbekommen. Es ist nicht möglich, dass alle Frauen Wasserfrauen werden und das „Mandala“ (den Loom) ganz durchlaufen. Nur ein Neuntel, also 0,11 Prozent können davon profitieren. 0,88 Prozent werden leer ausgehen. Diese Art des Betrugs ist auch als Schneeballsystem bekannt. Es ist ein Pyramidensystem, das allerdings etwas dezentralisierter verläuft – nicht alles Geld geht an die Spitze – aber Wasserfrauen können, wenn sie das Geschenk receiven, ihren damaligen Wasserfrauen, denen sie als Feuer gespendet haben, erneut 250 Euro spenden. Dieser Prozess nennt sich dann „Recycling“.

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Ein Mandala besteht doch nur aus 15 Personen – einer Wasserfrau, zwei Erdfrauen, vier Windfrauen, und acht Feuerfrauen. Wie sind also diese zusätzlichen 112 Personen untergebracht, wenn der Kreis immer gleich groß bleibt? Ganz einfach – der Kreis teilt sich: Das Teilen des Mandalas findet immer nach der Feier der Wasserfrau, bei der sie das Geld bekommt, statt – dann gibt es zwei Erdfrauen, die Anspruch auf einen Platz als Wasserfrau haben. Es gibt auch 4 Windfrauen, die Anspruch auf die zwei Plätze der Erdenfrauen erheben, und 8 Feuerfrauen, die Anspruch auf einen Platz als Windfrau erheben, da sie ja jetzt eine Stufe im Kreis aufsteigen.

Ein Beispiel, um diesen Vorgang zu verdeutlichen: Mia ist Wasserfrau, bekommt ihr Geschenk und verlässt den Kreis. Andrea und Tita, ihre Erdenfrauen, werden jetzt selbst Wasserfrauen. Damit teilt sich der Kreis und die beiden Frauen, die Andrea anheuerte, als sie noch Windfrau war, werden ihre neuen Erdfrauen: Annika und Julia. Annika und Julia waren Windfrauen, als Mia Wasserfrau war. Das Gleiche passiert mit Nora und Charlotte, die Tita angeheuert hat. Nora und Charlotte haben wiederrum jeweils 2 Frauen eingeladen: Lisa, Jenny, Leonie und Nuria, die zuletzt als Feuerfrauen dazukamen.

Diese Frauen werden die Windfrauen im neuen Kreis von Tita, und werden jeweils 2 neue Frauen anheuern, die Tita ihr Geschenk geben werden. Wenn Tita ihr Geschenk bekommen hat, werden Nora und Charlotte Wasserfrauen werden, und das Mandala teilt sich erneut. Wenn jede Stufe des Kreises (Feuer, Wind, Erde, Wasser) von den zwei geteilten Mandalas innerhalb der gleichen Zeit abgeschlossen wird, zb. innerhalb einer Woche, werden Annika und Julia zur gleichen Zeit Wasserfrauen werden wie Charlotte und Nora. Der Zyklus dauert in diesem Fall 4 Wochen. Andrea und Tita werden zu großen Schwestern, die das Mandala „von Außen bewachen“ und an Loom-Meetings nur noch ab und an teilnehmen, um ihre Weisheit zu teilen. Sie haben den Prozess nun vollständig durchlaufen.

In der unterliegenden Tabelle ist dieses System aufgelistet – nur dass die Frauen Zahlen als Namen tragen.

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Manche argumentieren, dass der Loom Of Dreams dem Susu-Systemen gleicht, bei denen auch ein Teilen des Geldes innerhalb eines Kreises im Mittelpunkt steht. Dieses System wird mit dem Loom oft gleichgestellt–allerdings gibt es zwischen den beiden Systemen einen großen Unterschied: Bei einem Susu gibt es eine feste Anzahl von TeilnehmerInnen und alle kriegen das ausgezahlt, was sie in den Kreis eingezahlt haben. Keine neuen TeilnehmerInnen werden angeworben, keine Vervielfachung des Geldes erzielt.

Wie starten? Wie Enden?

Die Idee, dass diese Art von Kreis allen Frauen auf dieser Welt helfen könnte, ist hinfällig, da nur ein Neuntel aller Frauen*, würden sie denn alle erreicht, davon profitieren könnten. Das System muss auch schnell zusammenbrechen, denn nach neun Teilungen des Mandalas sind mehr als die Bevölkerung Deutschlands involviert, nach elf Teilungen müsste mehr als die ganze Weltbevölkerung involviert sein, damit der Loom Of Dreams weiterlaufen könnte. Solange wir keine außerirdischen Lebensformen, deren Güter sich in Dollar oder Euro umwandeln lassen, kennenlernen, die auch noch eine Ader für Spiritualität haben, wird der Loom also keine langfristig funktionierende „alternative Ökonomie“ darstellen.

Wenn man Glück hat, ist man in einer der ersten Runden dabei und kriegt sein Geld zurück und zieht andere ab, ohne es zu merken. Wenn man kein Glück hat, verliert man sein Geld. Es gibt aber auch die, die sich keine Sorgen darum machen müssen, ob sie Glück haben oder nicht: Wer einen Loom startet, kann sich selbst als Wasserfrau in der Mitte positionieren, zwei FreundInnen als Erdfrauen und vier FreundInnen als Windfrauen einteilen, um eine neue Lineage zu starten. Die vier Windfrauen müssen dann nur noch jeweils zwei Frauen anheuern, und schon bekommt die Person, die den Loom startet, 2000 Euro, ohne einen Cent investiert zu haben.

Die befreundeteten Erd- und Windfrauen, die die Lineage starten, müssen auch nichts investieren. In den ersten ein bis drei Runden des Loom Of Dreams profitieren also eh nur die, die selbst nichts investiert haben, und die sich sehr wahrscheinlich des Betrugs, den dieses Schneeballsystem darstellt, bewusst sind. Es gibt die Möglichkeit, davon zu profitieren, ohne wissentlich zu betrügen. Wer sich an den Gedanken der alternativen Ökonomie festhält und durch die positiven Erfahrungen in der großen Gruppe oder das Durchlaufen der Elemente einen Mehrwert erfährt, wird das System nicht einfach hinterfragen.

KomplizInnenschaft, HelferInnentum und Druck

Dabei sind die meisten Teilnehmenden davon überzeugt, dass sie einander helfen. Solche Kreise laufen deswegen auch unter Namen wie „Frauen helfen Frauen“ oder nennen sich „gifting circles“. Es wird gegenseitiges Helfen propagiert. Wer teilnehmen will, muss allerdings erst mal genügend Geld haben, um investieren zu können. Das schließt eine Menge Frauen, die „vom movement profitieren sollen“, aus. Insbesondere, da es als ein alternatives Hilfssystem für Frauen überall auf der Erde propagiert wird, sollte man hier stutzig werden. Denn niemand sollte zahlen müssen, um Hilfe zu bekommen.

Von Innen sieht allerdings alles anders aus, als von Außen. So können die Mitglieder des Loom Of Dreams wirklich an ihr Handeln glauben und vertreten die Sicht, dass sie vollkommen solidarisch handeln. So erzählte die Erdfrau, die meine Windfrau anheuerte, von einer Feuerfrau, die sie trotz des fehlenden Geldes in den Kreis aufnahmen. „Wir haben einfach alle zusammengelegt“, sagte sie. Das System kommerzialisierter Spiritualität, das an Osho und sein Dorf mitten in der Wildnis erinnert, wird so weiterhin nicht hinterfragt. Anstatt dessen wird hier der Gruppenzusammenhalt hochgehalten.

Die Menschen im Kreis, die nicht an der Spitze des Betrugs stehen und denen es ernst ist mit der Solidarität, spendeten den Betrag, um auch ihr den Eintritt zu ermöglichen.
Wenn weniger Frauen sich finden, die dem Loom beitreten wollen, löst sich der Kreis nicht auf, sondern wird einfach anders aufgeteilt. Anstatt 4 Windfrauen gibt es in einem Kreis dann zum Beispiel nur noch zwei. Das ist der Fall, wenn die beiden Frauen, die jetzt Erdfrauen sind, jeweils nur eine Person in den Kreis einluden. Die beiden Windfrauen werden, selbst wenn sie jeweils 2 Frauen akquirieren, nur noch vier zahlende Feuerfrauen für die Wasserfrau im Loom Of Dreams bereitstellen können. Wenn der Einsatz zur Teilnahme am Kreis 250 Euro beträgt, dann bedeutet das für die Wasserfrau, dass sie anstatt mit 2000 Euro mit 1000 Euro beschenkt wird. Das System schleicht sich in der Praxis also aus.

Der Fairness halber muss ich sagen, dass mir beim Eintritt das auch klar gemacht wurde. Niemand sagte zu mir, dass ich mit mindestens 1000 Euro den Kreis verlassen würde. So viele, wie sich halt finden, war da eher die Devise. Das kann allerdings auch Druck erzeugen. Denn ist man in den Kreis involviert und zum Beispiel die einzige Windfrau einer Erdenfrau, die damals nur eine Person akquirieren konnte, dann wird es schwer, aus dem Kreis auszutreten, ohne diese Person im Stich zu lassen. Es wird mit jeder Stufe, die man im System avanciert, schwerer, auszutreten, und auch schwerer, dabei keine FreundInnen zu verlieren. Ich hätte Menschen kontaktiert, mit denen ich schon seit Monaten nicht mehr geredet habe, um sie in den Kreis einzuladen. Für die, die teilnehmen, gibt es die, die es nachvollziehen können und die dabei sind, und die, die es nicht sind. Das Bleiben kann einen ebenso wie das Austreten nahe Bezugspersonen kosten.

Anderen helfen, um sich selbst zu helfen

Der Zusammenhalt in der Gruppe ist auch ein begrenzter. Das System funktioniert durch Exklusion, derer, die nicht die finanziellen Mittel haben, sowie derer, die nicht der vertretenen spirituell-naturalisierten Form von Weiblichkeit entsprechen. Nicht alle Frauen können also, wie propagiert, daran teilhaben. Die Inklusion aller Frauen in einen Kreis, der sich am Mondzyklus und dem Menstruationszyklus orientiert, ist nicht möglich. So wird in dieser Spiritualität ein biologistisches System vertreten, das die Existenz verschiedener Weiblichkeiten negiert. Teil des Kreises können, wenn man es genau nimmt, sind nur cis-Frauen sein, die in dieser Definition von Weiblichkeit mit eingeschlossen sind.

Die Verbreitung des Systems (unter cis-Frauen), wie es bei einem Schneeballsystem nötig ist, damit es funktioniert, wird nicht hinterfragt. Es geht ja darum, mehr Menschen ins „Movement“ zu holen, in die große Familie, um die „Lineage“ des eigenen Kreises zu stärken, immer mehr Frauen davon profitieren zu lassen, immer mehr Frauen in dem Verfolgen ihrer eigenen Träume zu unterstützen. Als ich am Kreis zweifelte und das Gespräch mit einer älteren Schwester suchte, ihr erklärte, dass es mir so vorkäme, als ob dieses System Menschen ausnutzen könnte, schmunzelte sie. Sie sagte, das sei nicht das erste Mal, dass sie von solchen Zweifeln höre. Ich solle in mich hineinfühlen, ob ich einfach nur an meinen Träumen zweifele, oder ob das Zweifeln bedeute, dass es einfach nicht der richtige Zeitpunkt in meinem Leben sei. Ich fragte mich, wie sie sich so sicher ihrer Sache sein könnte.

Dann sagte sie: „Es gibt ein riesiges Netzwerk von großen Schwestern. Es gibt Millionen von uns.“ Das Movement sei alt. Es gäbe es seit den 1970ern. Sie kenne viele Menschen, die gerade andere Kreise durchlaufen. Für die, die nicht so viel investieren können, gäbe es Kreise mit einem 10 Euro Einsatz, es gäbe aber auch wesentlich länger dauernde, bei denen bis zu 4000 Euro im Spiel sind. Die Grenze wird durch den höchsten Wert, der schenkbar ist, ohne versteuert zu werden, bestimmt.

Wenn man sich überlegt, wie viel Geld auf diese Art und Weise im Umlauf sein muss, ist das immens. Wenn man sich nochmal überlegt, wie viele Frauen in solche Kreise involviert sein müssen, auf der ganzen Welt, und dass das nur die sind, die am Loom of Dreams teilnehmen und nicht an anderen Schenkkreisen, ist es einschüchternd. Ich würde sogar sagen, beängstigend. Besonders, wenn man bedenkt, dass diese Kreise, obwohl sie sich selbst als legal bezeichnen, in den meisten Ländern als illegal und sittenwidrig gelten.

Die Teilnahme an so einem Kreis kann also kosten, nicht nur das Eintrittsgeld, sondern auch Strafe, wenn man erwischt wird. Zum Beispiel wird die Teilnahme an einem Schenkkreis in der Schweiz mit einer Strafe bis zu 10.000 Franken oder mit Gefängnis bestraft. Ob man vom Loom schon profitiert hat oder nicht, ist dabei nicht relevant. Das „Schenken“ gilt auch nicht als Schenken, weil ja im Gegenzug ein Geschenk von anderen erwartet wird. In Deutschland gelten solche Kreise, die unter dem Begriff Schenkkreise gefasst werden, im Sinne des § 138 Abs. 1 BGB als illegal und sittenwidrig. Bis zum Entscheid des Bundesgerichtshofes am 10. November 2005 war es schwer, in Fällen von Betrug das Geld von der Beschenkten zurückzuverlangen, denn es wurde damit argumentiert, dass ja alle wissentlich sittenwidrig gehandelt haben.

Nach § 817 Satz 2 BGB ist die Rückforderung trotz Sittenwidrigkeit des zugrunde liegenden Rechtsgeschäftes ausgeschlossen, wenn der zahlenden Person die Sittenwidrigkeit bekannt ist und sie sich wissentlich auf das sittenwidrige Rechtsgeschäft einlässt. Dies nennt sich Kondiktionssperre. Der Schutzzweck des § 138 Abs. 1 BGB steht diesem Entscheid jedoch entgegen, da durch ein fehlendes Recht der Betroffenen, das Geld zurückzuverlangen die Initiatoren der Kreise zu einer Fortsetzung des sittenwidrigen Verhaltens veranlasst würden. Seit 2005 ist durch eine teleologische Reduktion des § 817 Satz 2 BGB vor dem Hintergrund des § 242 BGB eine Rückforderung des Geldes möglich.

Dieses System erinnert an die Sannyasin-Bewegung in Oregon. Ma Anand Sheela, die Sekretärin des Bhagwan Shree Rajneesh (auch bekannt als Osho), eines indischen Gurus, der seine eigene Kommune in Oregon errichtete, erklärte ihrer Zeit in einem Interview: „Our religion is probably the only religion which has synthesized capitalism and religion together […] It’s wonderful. It works.“

Was dieses System so genial erfolgreich macht, ist, dass es in einem kapitalistischen System als Spiritualität funktioniert. Genauer gesagt ist es wahrscheinlich die Art von Spiritualität und Gemeinschaft, die die natürliche Konsequenz eines neoliberalen Subjektverständnisses sein muss. Es wird hier Gemeinschaft propagiert, indem nicht an gemeinsamen Träumen gearbeitet wird, sondern jeweils die individuellen Träume der TeilnehmerInnen und ihr Erfolg im Leben fokussiert werden. Es handelt sich um ein System unternehmerischer Philanthropie. Ich gebe in Liebe und bekomme dafür in Liebe ein Vielfaches (an Geld) zurück. Diese Art von Vermehrung, die propagiert wird, ist nicht haltbar – das ist sie allerdings auch in unserem restlichen neoliberalen Wirtschaftssystem nicht.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Sue O'Kieffe und Nicole Collignon | Pfeil und Bogen

PFEIL UND BOGEN ist die neue literarische Revue des Literaturinstituts Hildesheim: Ein lebendiges Jetztzeitarchiv der Gegenwartsliteratur. Hier kann man sich informieren über die neuen Bücher und Autor°innen, über die zentralen Debatten und Diskurse um die jüngere Literatur herum, über wesentliche poetologische und produktionsästhetische Positionen, über die neusten (gegenwarts-) literaturwissenschaftlichen Konzepte, über den Wandel des Betriebs, über die medialen Novitäten, Innovationen und Trends im literarischen Feld der Jetztzeit