Ein Brief über den literarischen Satz

Die Herausforderung des Folgesatzes zwingt weder zu einer logischen noch zu einer grammatischen Konsequenz, sondern folgt einem spezifischen Sprachbegehren. Im literarischen Satz liegt die Überwältigung jeglicher diskursiver Ordnung (und jeder Pragmatik erster Ordnung) durch die Anarchie des in der Dissidenz des ersten Satzes aufscheinenden Begehrens auf den nächsten. Weniges erscheint reizvoller, als diesen plötzlich möglichen Sprung in die Freiheit tatsächlich auszuführen. Es entsteht daraus nichts anderes als der Wille, den nächsten Satz in seiner ganzen sinnlichen Dimension zu erhalten und danach noch einen und so weiter. Aus dem literarischen Satz wird ein Text, der sich durchaus lesen lassen kann, als gehöre er einer pragmatischen Ordnung erster Klasse an, indem er ständig damit spielt, sich reflexiv auf diese erste Ordnung zurückzuführen. Doch gerade darin wird sein eigentlicher innerer Antrieb, die Abweichung von sich selbst als in der ersten Ordnung aufscheinender Satz erkennbar, das heißt die Herausforderung und die gleichzeitig erfolgende Suspendierung von Interpretationen.

Sorge Dich nicht um mich und trink Deinen Whisky in Frieden. Wir haben strikte Order, nicht zu fraternisieren. Bis bald.

Dein kleiner Soldat.“

(Diesen Brief entdeckte Eckart von Witzleben bei Recherchen zu seinem Film „Stillgestanden auf Ruinen“ (unvollendet) in einer Kiste mit der Aufschrift „Uncollected Papers by C. G. Kilroy“. Die Übersetzung stammt von ihm.)

 

Foto von Hidenori Kasagi und Akiko Miyaguchi (https://www.flickr.com/photos/urbaning/4544589119) [GFDL or CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons

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