Faszinosa

Woher kommen Schreibimpulse? Warum schreibe ich die Texte, die ich schreibe? Meist ist sehr plötzlich eine relativ klare Vorstellung davon da, was für einen Text ich schreiben möchte. Ich warte noch etwas ab, ein paar Stunden, einen Tag, ich lasse etwas Zeit verstreichen, in der sich zusätzliches Gedankenmaterial sammeln kann, auch erste Formulierungen, erste Sätze. Die sprichwörtliche Angst vor dem weißen Blatt baut sich ab. Dann fange ich an. Meistens entstehen in kurzer Zeit einige Seiten Text, und das Bearbeiten beginnt.

Ich bin mir sicher, dass die Schreibimpulse mit Faszination zu tun haben. Es sind kleine Details, die mich faszinieren. Ich kann diese Dinge gezielt suchen, weil ich in etwa weiß, was eher Faszination auf mich ausübt – alles, was mit Wasser und Schwimmen zu tun hat, zum Beispiel. Meistens steckt in der Faszination aber auch der Moment des Ungeplanten, Überraschenden. Wahrscheinlich kommt daher der Drang, es festzuhalten und in eine eigene Form zu bringen, die sich dann weiterspinnen, bearbeiten und kontrollieren lässt.

Manchmal kann ich erst im Nachhinein, wenn der Text so gut wie fertig ist und nur noch das Feinlektorat bevorsteht, sagen, wo sie hergekommen ist, diese konkrete Textidee, diese Vision eines Texts, den ich schreiben will. Ich würde gern verstehen, wo sie herkommt, damit ich sie provozieren und abrufen kann.

Es fängt mit dem Sehen an. Mit Orten, Bildern, Situationen, die sich im Gedächtnis festsetzen und die ich anderen Menschen zeigen möchte. Ein Foto davon zu machen, reicht aber nicht. Es ginge auch zu schnell. Ich will, dass das Bild sich im Kopf des Lesers langsam aufbaut, dass er es mit seinen Assoziationen anreichert.

Es fängt mit dem Sehen an.

Genaues Sehen ist also nicht genug. Das Erzählen muss dazukommen. Sich etwas Erzählbares auszudenken, fällt mir jedoch sehr schwer. Oft fallen mir zuerst nur sehr konventionelle Geschichten ein. Manchmal braucht es auch ein wenig Verarbeitungszeit, bis aus etwas Gesehenem wirklich etwas Inspirierendes für eine Erzählung wird. „Einwirkzeit“ habe ich das früher genannt. Mittlerweile glaube ich verstanden zu haben, dass nicht einfach nur Zeit vergehen, sondern noch etwas Anderes hinzukommen muss.

Ein zweiter Ort oder ein zweites Bild, das in einer Verbindung zum ersten steht (etwa, weil ich zufällig beide hintereinander aufsuche oder sehe) kann dabei helfen, dass eine Geschichte entsteht. Häufig ist es auch so, dass statt eines zweiten Orts aufgeschnappte mündliche Erzählmomente zu einem Bild hinzukommen. Meist sind es Begebenheiten, die mir andere zufällig erzählen. Ich notiere und verfremde sie.

Jedenfalls kann ich behaupten, dass ich aus beinahe jedem Text im Nachhinein jene faszinierenden Elemente herausfiltern könnte, die mich letztlich dazu gebracht haben, ihn zu schreiben. Es sind immer mehrere, mindestens aber zwei, und sie sind in meinem Kopf eine plötzliche, mir vollkommen zwingend erscheinende Verbindung eingegangen: wie ein Zusammenklicken, wie zwei Puzzlestücke, die ineinander passen und um die herum etwas entsteht. Der Leser jedoch erkennt diese Teile nicht mehr.

Sicher ist: Die wenigsten dieser faszinierenden Elemente habe ich in meinem normalen Arbeits- oder Studienalltag gefunden und damit in der Stadt, in der ich hauptsächlich wohne. Das ist nicht verwunderlich: Im Alltag benutze ich ausgetretene Pfade, bin unaufmerksam, in Gedanken versunken, hetze meinem Terminkalender nach, habe das Notizbuch nicht zur Hand oder finde keine Zeit, etwas zu notieren. Vielleicht ist es auch so, dass ich erst aus einer Stadt weggezogen sein muss, um sie aus meiner Erinnerung heraus zu konstruieren. Dann fällt es leichter, zu filtern, was mich in der Stadt eigentlich fasziniert hat und hängen geblieben ist.