Titelbild zu Juri Andruchowytsch Roman "Geheimnis"

Was ist das “Geheimnis”?

Teil 2/3, Dienstag, 28.06.22: Der Pelikan

Stella hat zu diesem Zeitpunkt ca. 120 Seiten gelesen, Caroline etwa 80 Seiten. Diesmal befinden wir uns in einem Raum im Hohen Haus auf der Domäne Marienburg. Wir kommunizieren nur über das Google Docs, können aber die Reaktion der jeweils anderen sehen.

C: Wollen wir über die Zitate sprechen am Anfang?

S: Meinst du das Vorwort? Oder den Anfang vom Interview?

C: Noch vor demmöglichen Vorwort”, wie Andruchowytsch es nennt.

S: Achso. (lacht) Da steht:

“Ich hoffe nur, daß sich die Türen nicht schließen, denn eine offene Tür – das ist eine unfaßbare Freude” Robert Duncan

C: Ich habe ein wenig zu Duncan recherchiert und herausgefunden, dass er ein amerikanischer Schriftsteller war. Auf der Seite der Poetry Foundation steht “Duncan was a syncretist possessing  ‘a bridge-building, time-binding and space-binding imagination’ […]” 

S: Ui! Wie findest du das Zitat denn – auch in Zusammenhang mit dem Buch?

C: Er könnte ein starkes Vorbild für Andruchowytsch gewesen sein. Ich glaube auf Seite 95 eine Verbindung entdeckt zu haben, als Andruchowytsch beschreibt, wie sein Vater zusammenbrach.

Vor allem gab er den Wald und die Försterei auf, was für ihn gleichbedeutend war mit der Aufgabe des einzig möglichen Lebens.

“Einzig möglichen” habe ich hervorgehoben. Eine Stelle, die uns wieder zu dem “möglichen Vorwort” bringt.

S: Generell eine interessante Stelle. Die Verbindung verstehe ich aber noch nicht so ganz…

C: Duncan beschreibt in seinem Zitat die Möglichkeit einer offenen Tür und diese Öffnung als etwas Positives, eine Freude. Ich denke, als sich diese Tür für seinen Vater schloss, muss sich auch für Andruchowytsch einiges am Bild seines Vater verändert haben. 

S: Ahja, auf jeden Fall! Wollen wir noch mehr über diese Szene sprechen? Meinst du auch, dass man es so lesen kann, als habe das Krankenhauspersonal versucht seinen Vater zu töten? Ich schreibe mal kurz die Stelle auf…auf Seite 95.

Mein Vater wäre im Krankenhaus fast gestorben. Es war ein Blitzschlag – nein, nicht aus heiterem Himmel, ich hätte auf dessen Zorn gefaßt sein müssen. Aber trotzdem. Meine Mutter hatte ihn selbst in Behandlung gegeben. Sie war der Meinung, daß er Alkoholiker war und setzte sich schließlich durch. Aber das, was sie im Krankenhaus mit ihm machten, brachte ihn fast um. Eine Spritze oder so, ich weiß es bis heute nicht.

S: Ist das eher als Fehler des Personals oder als Intention zu lesen?

C: Ich denke, es hat mit der Haltung von Andruchowytsch zu tun, die er gegenüber seinem Vater hat. Zu Anfang des Buches bekommen wir als Leserinnen ein Bild von ihm als loyalen Vater, der seinem Sohn selbst Diebstahl nicht übel nimmt. Es gibt einen bemerkenswerten Satz auf Seite 27:

Wenn es damals für mich etwas gab, das Anfang und Ende zugleich war, dann mein Vater.


Wieder zurück zu deinem Ausschnitt: Etwas später findet Andruchowytsch diese Notiz mit den Selbstmordgedanken seines Vaters und ist bestürzt davon. Ob dahinter eine Intention des Personals oder des Vaters steht, bleibt ambivalent.

S: Oh, dass es eine Intention des Vaters gewesen sein könnte, hatte ich gar nicht im Sinn. Der Absturz seines Vaters ist wirklich sehr traurig zu lesen und nicht ganz klar. Auch die Stelle auf Seite 96, an der er seinen Vater im Krankenhaus mit den anderen essen sieht, hat mich ziemlich betrübt zurück gelassen.

Er saß mit anderen Männern im Pyjama an einem Tisch, und es war entsetzlich zu sehen, wie er mit fremden Leuten ißt, als ob er für immer von zu Hause weggegangen wäre, um einer anderen Gemeinschaft anzugehören.

S: Diese Endgültigkeit finde ich bestürzend. 

C: Ich muss dem zustimmen. Und dennoch finde ich, dass es aufrichtig ist auch von diesem Prozess zu erzählen.
Das zweite Zitat ist von dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan: “Davon laßt uns reden” und genau das macht Andruchowytsch hier. Das Buch ist nicht einfach zu lesen, vieles musste ich nachschauen, um es im Ansatz verstehen zu können. Aber er spricht über diese Themen und das ist keine leichte Aufgabe. Zu Zhadan habe ich auch noch ein kleines Zitat. Die Journalistin Anna Prizkau soll 2015 mit ihm auf dem Freiheitsplatz in Charkiw gestanden haben. Prizkau schreibt am 06.05.2022 in der faz, Zhadan soll schlicht gesagt haben: “Ich liebe mein Land.”
Glaubst du, dieser kurze Ausruf ist das einzig Mögliche in solch einer Situation?

S: Vielleicht…die Situation finde ich schwer nachzuvollziehen. Aber natürlich wächst der Patriotismus, wenn das eigene Land von außen bedroht wird, denke ich. Was meinst du, wie ist Andruchowytschs Verbindung zur Ukraine? Oder zum Ukrainischen? Er spricht zum Beispiel an einer Stelle auf Seite 93 davon, dass “in der Ukraine die Zensur wütete”, die ihn auf anderssprachige Bücher ausweichen lässt. 

C: Andruchowytsch ist Ukrainer und ich kann mir vorstellen, dass er in diesem Buch versucht eine mögliche Lebensgeschichte abzubilden. Dass er auf andere Sprachen ausweichen muss, empfinde ich einerseits als Zwang, andererseits ist Mehrsprachigkeit eine kraftgebende Fähigkeit. Dazu fällt mir ein Zitat von Richard Rorty aus seinem Buch Kontingenz, Ironie und Solidarität auf Seite 127 ein: “Alle Menschen tragen ein Sortiment von Wörtern mit sich herum, das sie zur Rechtfertigung ihrer Handlungen, Überlegungen und ihres Lebens einsetzen. […] Mit diesen Wörtern erzählen wir, manchmal vorausgreifend und manchmal zurückgewandt, unsere Lebensgeschichte.”

S: Jeder Mensch hat sein eigenes Vokabular… finde ich schön. Mehrsprachigkeit war ja letzte Woche auch schon Thema bei uns (als wir über das Radio gesprochen haben). Weißt du wie viele Sprachen Andruchowytsch spricht? Russisch, Ukrainisch, Polnisch…Deutsch?

C: Beim Deutschen bin ich mir auch nicht ganz sicher, weil die Übersetzung ja von Sabine Stöhr stammt, zumindest für dieses Buch. 

S: Ja, das stimmt. Ich hab es irgendwo gelesen und gerade mal gegoogelt. Hier ein Auszug aus einem Interview mit der Deutschen Welle im Jahr 2013: 

“Wie ist ihr Verhältnis zur deutschen Sprache, schließlich ist es ja nicht Ihre Muttersprache?
Jurij Andruchowytsch: Das ist die Sprache, die ich als Fremdsprache in der Schule gelernt habe. Ich besuchte eine spezialisierte Schule mit erweitertem Deutschunterricht. Ich war sieben Jahre alt, als ich angefangen habe, Deutsch zu lernen. Ich lernte zehn Jahre in der Schule Deutsch. […] Ich habe drei Monate in Deutschland gewohnt. Das war eine ziemlich dramatische Situation. Ich war sicher, dass ich Deutsch sprechen kann, gut verstehen würde. Doch die Realität war anders. Das war psychologisch sehr schwierig. Ich musste mich umstellen, um diese Sprache, die ich nur in der Schule gelernt hatte, nun auch praktisch zu verwenden. […]  Wenn meine eigenen Texte ins Deutsche übersetzt werden, dann nehme ich an der Arbeit der Übersetzer teil, autorisiere die deutschen Texte.”

Deutsche Welle, 2013

S: Finde ich sehr spannend, dass er sich an den Übersetzungen beteiligt…

Jetzt haben wir schon viel über seinen Vater und Mehrsprachigkeit gesprochen. Ich würde als neues Thema seine Studienzeit und die Atmosphäre dieser Orte vorschlagen… Er wohnt für zwei Rubel pro Monat in einem Wohnheim und als er seinen Platz nach drei Monaten räumen muss, legt er sich einfach eine Matratze auf den Boden und bleibt (auf Seite 73). So hätten es alle gemacht “die provisorisch waren”.

C: Ja, ich erinnere mich gut an diese Stelle… und dazu noch diese Ernennung zum “Gruppenältesten”, als “Teil des Establishments, andererseits mit illegalen Status.” (Ebd.) 

S: Ohja, das erfreut ihn gar nicht… Ich finde, er beschreibt seine Studienjahre sehr ambivalent. Es hat eine gewisse Romantik, wie eine Zeit der Rebellion und Gemeinschaft. Er hat wenig Geld und erlebt, wie der Staat in sein Leben eingreift, z.B. durch die Zensur. Dennoch gibt es Sätze wie: “Abends tranken wir Lindenblütentee und lasen uns gegenseitig Edgar Allan Poe vor.” (auf Seite 93). Dann diese Beschreibung auf Seite 99 von dem Sommerjob auf dem Feld…

Es war dunkel, feucht und lustig – wir tranken Apfelpunsch und hielten am Himmel Ausschau nach UFOs, von denen damals immer viel die Rede war. Wir gründeten eine Rockband ‘Engelshaar’ und wollten mit nächtlichen Konzerten die UFOs anlocken.

S: Zwei Seiten später schreibt Andruchowytsch, er sei 19 und obdachlos in einer fremden Stadt. Was für eine verrückte Zeit in seinem Leben! 

C: Dieser romantisierende  Blick in die Vergangenheit ist mir auch aufgefallen. Ich finde dennoch, dass er die Balance hält, die ihn vor Kitsch bewahrt. Er spricht an einer Stelle von sich in seiner Rolle als Gruppenältester und drückt dies mit dem Bild eines Pelikans aus (auf Seite 74). Da habe ich gestutzt! Ich musste sofort an den Physiologus denken. Er, der Pelikan, der sich die Brust öffnet, um sein Blut auf seine toten Jungen fließen zu lassen und ihnen damit wieder Leben einzuhauchen? Ich weiß, dass er das im dem Kontext eher scherzhaft meint und dennoch ist diese Wirklichkeit, die er beschreibt, so absurd, dass ich mit dieser Bild irritiert zurück bleibe. 

S: Da erinnere ich mich gerade gar nicht dran… Achso, also er nur sagt, dass er den Pelikan geben muss und du hast es mit christlicher Ikonografie verbunden. Mh…tatsächlich sehr irritierend… Er als Märtyrer? 

C: Er als Märtyrer. Als Held dieser Geschichte.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Stella Essmann | Pfeil und Bogen