Titelbild zu Juri Andruchowytsch Roman "Geheimnis"

Was ist das “Geheimnis”?

Teil 3/3, Montag, 04.07.2022: Egon Alt ist eine Lüge – Blinde Flecken

Dritter und letzter Teil; diesmal sind Stella und Caroline an der gleichen Stelle, etwa bei Seite 150, mitten im Kapitel Drei: “Song von der Unzerstörbarkeit der Materie”. Wir sind wieder an zwei verschiedenen Orten und treffen uns im Google Docs.

S: Wir haben Juri Andruchowytsch beim letzten Mal als Helden seiner Geschichte beschrieben. In diesem Kapitel sagt er selbst, dass mit ihm eine Verwandlung geschieht “wie in einem grausamen Märchen, wenn der Held sich plötzlich in ein Ungeheuer verwandelt.” (auf Seite 135). Was ist passiert? Er ist beim Militär gelandet. Darüber müssen wir sprechen! Wie hast du dieses Kapitel wahrgenommen? 

C: Ich war zunächst irritiert, weil ich von Zuhause so etwas wie eine Pflicht zum Wehrdienst nicht kenne.

Kurze Anmerkung: C. kommt aus Luxemburg, wo die Wehrpflicht seit 1967 abgeschafft ist. In Deutschland bestand die Wehrpflicht bis 2011.

Eine der ersten Schilderungen, die er macht, handelt von der Betäubung der Soldaten, inklusive ihm, mit Brom. Das Ziel, so Andruchowytsch, sei alles eigenes Denken abzutöten, er beschreibt es auf Seite 136 als einen Zustand “totaler Gleichgültigkeit”. Er fährt mit der Beschreibung dieser abscheulichen Malträtierungen fort…

S: Die Stelle mit dem Brom hat mich auch sehr stolpern lassen. Brom ist doch total giftig! Das ist so eine vage Erinnerung aus dem Chemie-Unterricht. Offenbar sind sie ja nicht dran gestorben, aber gesundheitliche Folgen hätte es trotzdem verursachen können. Er beschreibt, dass sie es in die Suppe gemischt bekommen haben und es keine offizielle Sache war. Ich finde das schon ziemlich gruselig, eine chemische Gleichgültigkeit der Soldaten zu erschaffen. 

C: Insgesamt baut Andruchowytsch auf diesen Seiten ein hundserbärmlisches Bild des Militärdienstes, das im krassen Kontrast zu den Schilderungen des Militärs der Vorgänger Generationen steht. Das derzeitige Militärsystem scheint madig zu sein. Seine einzige Hoffnung ist der Austausch mit anderen Intellektuellen.

S: Ohja, das fand ich auch interessant. Selbst sein Vater mit dem “geheimen Hass auf das Regime” habe begeistert von seiner Zeit beim Militär erzählt, aber vielleicht auch nur, weil er dort nicht hungern musste (auf Seite 122). Die Vorgänger hätten es beschrieben als “wunderbare Schule des Lebens. Dort sorgt man für dich.” Während die Jüngeren sagen: “[M]an piesackt dich.” Piesackt ist noch milde ausgedrückt, oder? 

C: Ja, “piesackt” ist milde. Ich finde es schwingen auch seine Privilegien als “Studierter” mit, seine Position im Militär wird durch seinen sozialen Status beeinflusst. Eine Position, die andere Perspektiven auf die Vergangenheit zu blicken unmöglich macht? Ich bin mir bei seinen Schilderungen nicht immer sicher, ob sie ernst gemeint sind. Aber ich denke auch, dass das mit der Form des Buches zu tun hat. Er gegen sein Ego.

S: Ja, total. Er spielt in diesem Kapitel viel mehr als zuvor mit der Glaubwürdigkeit oder Zuverlässigkeit der Erzählstimme. Wir sind uns ziemlich sicher, dass der Interviewer, angeblich ein deutscher Journalist namens “Egon Alt”, eigentlich auch Andruchowytsch ist, oder? Er schreibt sowohl die Fragen, als auch die Antworten.

C: Ja, Egon Alt gibt es ziemlich sicher nicht. 

S: Kurz zu einer Stelle auf Seite 119:  der Traum über das Desertieren. Ist es Teil seines Traums, dass er den Offizier erschießt? Ich hab das beim ersten Mal so gelesen, als habe er wirklich jemanden erschossen. Aber das würde sich mit einer späteren Stelle widersprechen, wo er sagt: “In Kampfhandlungen wurde ich nicht verwickelt” (auf Seite 128). 

C: Ich muss zugeben, dass ich diese Stelle als Teil des Traumes gelesen habe von dem er kurz davor spricht. 

S: Ich glaube, das macht Sinn. 

C: Es ist ist eine Art Nachdenken, das er hier betreibt. Andruchowytsch hat es geschafft mit dieser Form in einen reflexiven Dialog mit sich selbst zu gehen und über seine Vergangenheit zu schreiben, eine Art Ordnung in die Geschehnisse zu bringen. Ich stelle mir das als schwieriges Unterfangen vor. Im Vorwort zu seinem Buch schreibt er:

Nur ich als Betroffener könnte aus Versehen denken, daß sie [die handelnden Personen] nicht zufällig und nicht frei erfunden sind, sondern schrecklich nah und echt, wie dieses einzig mögliche Leben selbst.

Damit schafft er einen Platz für seine Geschichte, seine Worte, die ich mühsam versuche nachzuvollziehen.

S: Der Satz ist verwirrend, finde ich. Sagt er quasi, die Personen sind ausgedacht, nur ihm könnten sie “aus versehen” echt vorkommen? Dabei müsste er doch als Autor und “Betroffener” am besten wissen, was echt ist und was nicht und es sind eher die Leser:innen, die getäuscht werden könnten. Da wir seine Autobiografie lesen, gehen wir als Leserschaft erstmal davon aus, dass es zumindest zum Großteil auf “echten” Erfahrungen beruht  manch eine Fiktionalisierung natürlich nicht ausgeschlossen. 

C: Ist es schlimm, wenn ich genau dieses Nichtwissen mag?

S: Ich mag es auch. Ich glaube Autor:innen neigen dazu, die Frage nach “Echtheit” von sich wegzuschieben… Was ist schon echt? Jede:r hat ja eine andere Perspektive und besonders Erinnerungen sind schwer in ihrer “Echtheit” zu erfassen. Er erzählt eine Geschichte… Findest du das schwierig, wenn es um historische Berichte geht? Also welchen Blick er uns z.B. auf das Militär vermittelt? Ich glaube, ich widerspreche mir gerade selber?

C: Ich finde jedes Wort, das Andruchowytsch schreibt, ist für dieses Buch absolut notwendig. Seine Worte haben eine Nezessität, egal ob sie einem Echtheits-Anspruch genügen wollen oder nicht. Wie gesagt, ich finde sein Buch sehr anstrengend zu lesen, aber es ist für mich genau deswegen umso wichtiger mich mit dem Anderen zu beschäftigen. 

S: Was meinst du mit “dem Anderen”? 

C: Damit meine ich das, was ich nicht kenne. Das mit dem ich nicht groß geworden bin. Das was ich nie erlebt habe, das was mir eventuell fremd, seltsam oder grausam vorkommt. 

S: Verstehe. Ein grundsätzlicher guter Nutzen von Literatur? (Ich klinge irgendwie wie Egon Alt)

C: (lacht) Hmm, hoffentlich Nutzen…

S: Wie kann man Literatur in unserer Zeit nutzen?

C: Aktuell bekommen literarische Werke  aus der Ukraine eine höhere Aufmerksamkeit. Ich vermute, dass durch das Vertrautmachen mit dieser Literatur nie gelebte Erinnerungen tangibel gemacht werden können. Eine Art den Krieg verständlicher werden zu lassen?

S: Ich glaube nicht, dass es den Krieg verständlicher macht, aber es ist eine Chance die Ukraine besser kennen zu lernen. Es gehört zur Realität dieses Textes, dass wir dieses Buch nie gelesen hätten, wenn Russland nicht in die Ukraine einmarschiert wäre. Ich glaube, dass die Ukraine für viele Europäer:innen immer noch eine Art “Blinder Fleck” in der Geschichte ist. Vielleicht ändert sich da langsam etwas daran…

C: Ich habe die falschen Worte gewählt, ich versuche mich besser auszudrücken. Vielleicht kann dies eine Art sein eine Kultur besser zu verstehen. Durch die Literatur wird ein Teil dieser Kultur bewahrt und wir bekommen die Chance uns damit vertraut zu machen. 

S: Wir könnten zum Abschluss noch klären, was es mit dem Titel “Geheimnis” auf sich hat. Er erwähnt den Titel ja selbst an einer Stelle in Großbuchstaben, erinnerst du dich? 

C: Oh, ich denke ein sachtes Stop an dieser Stelle wäre passend, um die Leser:innen selbst aktiv werden zu lassen. Was meinst du?

S: Meinst du man soll das Buch selber lesen, um das “Geheimnis” zu finden? 

C: Ja, ich denke, Andruchowytsch hat bereits eine Spur gelegt.

S: Okay, dann verraten wir es nicht…

Ich hoffe nur, daß sich die Türen nicht schließen, denn eine offene Tür – das ist eine unfaßbare Freude

Robert Duncan
Bild mit freundlicher Genehmigung von Stella Essmann | Pfeil und Bogen