Tod der Arbeiter*innen

Bin ich tot wenn ich keine Stimme mehr habe und nicht gesehen werde? Sind also die Arbeiter*innen gestorben, die in den 68ern so laut, so lebendig und selbstbewusst waren?

Im politischen Diskurs zumindest scheint der Begriff Arbeiter*innenklasse1 heute nicht mehr aufzutauchen und auch als Selbstbeschreibung wirkt der Satz: „Ich bin Arbeiter*in“ einer vergangenen Ära anzugehören.

Viel häufiger dagegen und insbesondere in den neuen rechten Bewegungen werden Stimmen lauter, die sich mittels kultureller Unterschiede definieren und sich mit Identitätsangeboten wie „Ich bin Deutsche*r“ beschreiben. Die großen Unterschiede zwischen beide Sätzen und den Aussagen dahinter sind auch Thema in Didier Eribons Buch Rückkehr nach Reims, das 2009 auf Französisch und 2016 auf Deutsch erschienen ist.

In einer autobiografischen Analyse versucht der Soziologe und Philosoph hier, den Blick zu schärfen für soziale Ungleichheiten und Normen, die er einerseits als Kind einer Arbeiter*innenfamilie und später in Bezug auf seine Homosexualität selbst erfahren hat. Besonders am Beispiel seiner eigenen Mutter, die früher stolz hinter der Kommunistischen Partei gestanden und sich später dann zur Wahl des Front National bekannt hat, lassen sich nicht nur ein Wandel in der politischen Meinung, der Haltung zu Parteien insgesamt, sondern auch vor allem verschiedene Arten von Selbstkonstituierung als politisches Subjekt erkennen.

Ein wesentlicher Unterschied in den oben genannten „Ich bin …“-Sätzen sind die Personen, von denen sich abgegrenzt wird. Während es für Arbeiter*innen darum ging, sich von der unterdrückenden, herrschenden Klasse abzugrenzen, wenden sich Menschen mit dem Ausdruck „ich bin Deutsche*r“ oder „wir sind Deutsche“ gegen andere Ethnien und insbesondere gegen „Ausländer*innen“ im eigenen Land; eine gesellschaftliche Gruppe, die noch unter den (ehemaligen) Fabrikarbeiter*innen steht. Eribon spricht deshalb in Bezug auf die Zustimmung für Parteien wie den Front National von einer negativen Selbstaffirmation, da die Wähler*innenschaft sich nicht durch Identifikation mit der gewählten Partei, ihren Strukturen und Werten definiert – und sogar überwiegend nicht einmal hinter dem gesamten Wahlprogramm steht.

Warum aber haben sich viele Wähler*innen der Arbeiter*innenklasse, die sich kollektiv der Kommunistischen Partei verbunden fühlten, von dieser ab- und einer Partei zugewandt, die man zuvor als Klassenfeind betrachtet hatte und deren Spitze sich überwiegend aus wirtschaftlich erfolgreichen Intellektuellen bildet?

Gründe hierfür sieht der Autor neben einem gesamtgesellschaftlichen stetigen Abbau des Wohlfahrtsstaats besonders im Wandel der linken Parteien selbst. Er hebt hervor, dass die Kommunistische Partei heute kein Identifikationsangebot mehr liefert, da Begriffe wie „Arbeiter*innen“ oder „Klassenunterschiede“ und damit auch die Abgrenzung von „Regierenden“ und „Regierten“ aufgehoben wurden und aus dem politischen Diskurs verschwunden seien. Ohne eine Ansprache als Arbeiter*innen aber existiere die Gruppe der Arbeiter*innen tatsächlich nicht; sie ist keine politische Größe mehr und auch keine Selbstbeschreibung.

Zurück lässt diese Veränderung Menschen, die sich nicht repräsentiert und dadurch ohnmächtig oder sogar in ihrer Würde verletzt fühlen, weil sie keine Stimme in der politischen Parteienlandschaft haben, die für sie spricht, und wo im besten Fall noch wenige Worte über „sozial Benachteiligte“ oder „Opfer“ der Gesellschaft fallen. Die soziale Frage scheint verschwunden, doch diejenigen, für die sie am wichtigsten ist, sind es nicht: Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung 2 gehen die Unterschiede im Einkommen und den sozialen Chancen nach wie vor auseinander und die Verlierer*innen unseres Wirtschaftssystems werden immer ärmer und zahlreicher, ohne repräsentiert zu sein. Die Wahl rechter oder rechtsextremer Parteien beschreibt Eribon deshalb auch als letzte Chance, sich eine Stimme zu verschaffen, beziehungsweise dem eigenen Dasein einen Sinn zu geben, da zumindest Teile des Wahlprogramms auf ihre Ängste und Probleme eingehen.

Doch ist es nicht auch etwas zu einfach im Zuge des Wahlerfolgs rechter Parteien lediglich von Notwehr oder Frustration bei den Wähler*innen zu sprechen? Denn auch wenn nationalistische Identitätsangebote sich besonders aus Ablehnung (bspw. anderer Ethnien oder Kulturen) speisen, so lässt sich trotzdem ein Gefühl der Kollektivität entwickeln, das dann sogar Fabrikarbeiter*innen mit Millionär*innen verbinden kann. Die sozialen Missstände und Ängste werden mit den „Anderen“ verknüpft, die zum Beispiel aus ihrer Heimat flüchten mussten und nun in Deutschland Schutz und soziale Unterstützung bekommen oder eine Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt darstellen.

Die wesentlichen Ursachen für die wachsende soziale Ungleichheit aber – wie die Globalisierung, ein Steuersystem, das sich gegen Geringverdiener*innen wendet und das fortschreitende Schrumpfen der Industrie – werden ausgeblendet und nicht in Frage gestellt. In Bezug auf Eribons Aussage, dass die Arbeiter*innenklasse also vor allem auch deshalb nicht mehr existiere, weil sie nicht mehr als solche angesprochen wird, sollte der tatsächliche Rückgang der Arbeitsplätze in der Industrie durch Modernisierung, Auslagerung und andere Faktoren nicht außer Acht gelassen werden.

Böte der Begriff Arbeiter*innenklasse also heute überhaupt noch ein zeitgemäßes Identifikationsangebot oder gehört er einer vergangenen Generation und somit eher den Geschichtsbüchern an?

Allein der Wandel der Arbeitswelt lässt schließen, dass es nicht möglich ist, die seit den 70ern vergangenen Jahrzehnte zu ignorieren und zu erwarten, dass sich die Unzufriedenen und Unverstandenen wieder repräsentiert fühlen, wenn sie mit Begriffen wie Arbeiter*innenklasse angesprochen werden.

Zu tief liegt auch ein Vertrauensverlust in die linken Parteien, deren Sprache sich von einer der Unterdrückten und Regierten in die der Regierenden und anderer Parteien gewandelt hat. Eine Verdrossenheit, die sich auch in der stetig sinkenden Partizipation der Bevölkerung in Parteien abzeichnet.

Eine einfache Reanimation mittels Begrifflichkeiten und Ansprachen erweckt also die Arbeiter*innen nicht zu neuem Leben. Ich vermute, dass die Arbeiter*innenklasse als politisches Subjekt tatsächlich gestorben ist. Die Ängste und Probleme der Menschen, die sich im politischen Diskurs nicht repräsentiert fühlen aber, sind präsenter denn je und, da es zum Subjektsein dazugehört, sich selbst und die eigene Wirksamkeit zu erfahren, ist es notwendig, dass Themen wie soziale Ungerechtigkeit und die Sorgen und Ängste der Prekarisierten einen Raum im Politischen erhalten und die Frage nach sinnvollen Identifikationsangeboten in einer von Angeboten überfluteten Gesellschaft offen diskutiert wird.


1.Obwohl historisch nur in der männlichen Form gesprochen wurde, verwende ich hier den gegenderten Begriff, da er auch die vielen nicht männlich gelesenen Arbeiter*innen einschließt.

2.Inwiefern sich Eribons Analyse auf Deutschland übertragen lässt, wo die Grenzen und Parallelen sind (beispielsweise zwischen AfD und FN), soll hier nicht verhandelt werden. Allein aber die Rezeption des Buches in Deutschland, die den Fokus sehr stark auf den Rechtsruck als Thematik nimmt, lässt auf ähnliche Entwicklungen schließen, wie sie der Autor beschreibt.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Lena Nerb | Pfeil und Bogen
Total
1
Shares

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*
*