Am Anfang waren wir verwundert – mit Liebe geschrieben und doch ein wenig skurril und verworren. Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht? Anselm jagt uns mit wechselnden Erzählperspektiven in 16 Kurzgeschichten durch das Gefühlschaos verschiedenster Akteure. Einiges bleibt offen, keine Rücksicht auf Verwirrung.

Was die Geschichten verbindet, ist die besondere Bedeutung der Objekte.

So unscheinbar sie auch aussehen mögen, so leicht man sie auch übersieht: ein Armband, ein Lötkolben, ein Salzstreuer – für Anselms Figuren sind sie die bedeutungsschweren Denkmäler ihres Lebens. So wird ein alter Kronleuchter, der zufällig beim Tauchen im See gefunden wird, ein Symbol für unterdrückte Gefühle, die plötzlich an die Oberfläche kommen. Ein fremdartiges Getränk wird widerwillig geschluckt wie der eigene Stolz bei einem Eingeständnis. Eine Tasse, aus der nun kein Kaffee mehr, sondern nur noch Tee getrunken wird, steht für den Verlauf einer Krankheit. Geschickt verbildlicht Anselm Erlebtes und öffnet den Blick für die Wichtigkeit der kleinen Dinge.

Ihr Schreibstil beeindruckt uns durch seine Bildhaftigkeit, durch seine von ungewöhnlichen Metaphern und Vergleichen durchwobene Sprache. Sei es das Leuchten im Moos, der Leib der Metropole, feuchter Waldboden, der sich wie ein feuchter Brustkorb hebt, Licht, das Schlüsselbeine mit Aluminium überzieht oder Rauchschwaden, die wie Bodennebel in einer Senke hängen.

Anselm, die in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert hat und 2014 die Hauptpreisträgerin des Open Mike war, schreibt eindrücklich über Lektionen und Veränderungen im Leben und knüpft an unsere eigenen Erfahrungen an. Die Erkenntnis, dass man sich genauso gut in einen Korb Kirschen verlieben könnte wie in einen anderen Menschen, der Ärger über die Unfähigkeit, das Vorbild aus der Jugend loszulassen oder über den unbesiegbaren Wunsch, Rache an dem gemeinen Jungen aus der Kindheit zu nehmen.

Wir werden durch Geschichten geführt, die uns emphatisch werden lassen, so etwa die Geschichte eines kleinen Kindes, das am Waldrand vergiftet wird. Unterschwellig wird die Frage nach der eigenen Rolle in der Gesellschaft gestellt.

,,Die beiden Ringfinger waren gut zu sehen. Und darauf, nein, darin: jeweils ein dunkler Streifen. Der gemeinsame Bruch, die gemeinsame Heilung. Nur für uns. Für immer.”

Doris Anselm macht uns stutzig, tritt uns nahe, lässt uns über unsere eigene Realität schmunzeln, und in dem Moment holt unsere Liebe zum Gegenschlag aus.

Doris Anselm: Und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus. Luchterhand Literaturverlag 2017. 192 Seiten.

 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Luchterhand