Editorial: Radar

Wir studieren. Im ersten, fünften oder zwölften Semester. Kreatives Schreiben, Kulturwissenschaften, Szenische Künste. PKM, IKÜ, IIM vielleicht. Wir lesen. Schon immer. Lustvoll und querfeldein. Zur Zeit lesen wir vor allem eins: das aktuelle Frühjahrsprogramm. Jede°n, der oder die Belletristik schreibt. Unter 40 ist. Und im Original auf deutsch erscheint. Junge Gegenwartsliteratur von A wie Anselm bis W wie Würger, von Als die Omma den Huren noch Taubensuppe kochte bis und in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus. Wir lesen, noch ehe die medialen Bedeutungsproduzenten zwei, drei Titel ins Rampenlicht rücken und der Rest im Schatten der Hypes verglimmt. Wir lesen – und wir schreiben darüber: emphatisch, pointiert und subjektiv.

Weshalb wir die Bücher großartig, schräg oder belanglos finden. Wieso sie uns zum Staunen, Lachen oder Weinen rühren. Was sie uns über unsere Welt erzählen. Warum wir das alles machen? Weil wir Credit Points bekommen? Rezensionsexemplare? Weil es noch einen Online-Literaturblog braucht? Ja, klar, auch. Vor allem aber, weil wir an Fiktionen glauben. An die Schönheit und die Erkenntniskraft literarischer Texte. An ihre vielfältigen, fein nuancierten Stimmen. Weil wir der Meinung sind, dass ein lebendiges Archiv für junge, deutsche Gegenwartsliteratur fehlt.

Bild mit freundlicher Genehmigung von By Alexander Blecher, blecher.info, CC BY-SA 4.0