Futur II

Die Schließung von Schrödingers Tierheim

Nach dem Ausbruch aller anonymen Tiere: Tierheim-Schließung

Was liegt hinter uns? Was soll vor uns liegen?

Bestellbar ab Ende Juli 2021: 

Schrödingers Tierheim: Die Zukunft liegt hinter uns. Futur 2

Edition Paechterhaus 2021. 1118 Seiten

Frei für euch zum Mitnehmen, tiergerechte Haltung wäre ganz schön, den Karton könnt ihr behalten, Papiermüll oder Feuerteufel

Morgens lagen nur die aufgesägten Metallstreben der Käfige da. 

Durchtrennt mit Krallen und Fangzähnen, mit bösen Blicken, mit steinernen Kiefergelenken, mit vibrierendem Knurren, die Türen aus den Angeln gehoben. In den Wänden Löcher, mit Haifischzähnen hineingesäbelt, Käfiggitter verbogen mit Haaren von rauem Langhaarfell. Polizei, CIA und CSI Miami hefteten sich an die Fersen der Tiere, aber vergeblich. 

Ein besorgter Anwohner schildert dem WDR: 

“Heute Morgen habe ich einen Alligatoren gesehen, der über die Hauptstraße streunte, ein kleiner Nacktmull kroch hinter ihm.”

Tierheimwärter Franz K. kann sich das Phänomen nicht erklären: 

“Es mangelte ihnen an nichts, sie hatten Wasser und Futter, einen unendlichen Schreibraum und auch die Internetverbindung konnte in den letzten Wochen dank mehrtägiger Wartung deutlich verbessert werden.”

Dass die Tiere aufgrund einer unglücklichen Sicherheitslücke entkommen konnten, ist jedoch unwahrscheinlich, so Tierpsychologin Franziska K.: 

“Die Art und Weise der Flucht lässt ganz eindeutig auf ein intelligentes, planvolles Vorgehen schließen. Die sind auf und davon, sehen Sie nie wieder – zumindest nicht unter den selben Namen.”

Dennoch bittet die Polizei um Mithilfe und Hinweise von Anwohner*innen. Nach der Fertigstellung ihres ersten literarischen Werks “Die Zukunft liegt hinter uns” wurden die anonymen Tiere weltweit berühmt und werden nun dringend gesucht, damit der Veröffentlichung ihres nächsten Werks nichts mehr im Weg stehen kann. 

Irgendwie bin ich traurig. Viel trauriger als über Deutschlands Niederlage im Fußballspiel gegen England. Ich mag Fußball nicht mal, hat mich noch nie interessiert. Aber das hier? Das ist was ganz anderes. Die ersten Wochen im Tierheim waren von Unsicherheit und Kühle bestimmt, aber über die Wochen hinweg, da habe ich mich angefreundet mit Hühnern, Ochsen und Kojoten, Axolotln, Hyänen und Einhörnern.

Ich habe andere entdeckt und dadurch neue Teile von mir, ich habe gesehen wie zich Gegenstände im Fleischwolf verwurstet wurden und bin mir sicher, dass ich fürs erste genug vom Vogelmierenpesto habe. Ich bin satt. Aber auf die gute Art und Weise. Die Art und Weise, bei der du trotzdem noch mehr willst. Liebe, Liebe, Liebe geht ja bekanntlichermaßen durch den Magen und vielleicht sind dann ein paar Bauchschmerzen halb so wild.

Wir haben Planeten erforscht, Schlagzeilen gemacht, Klischees erfüllt und gebrochen und am liebsten würde ich für den Rest meines Lebens mit Tiermasken durch die Gegend laufen und über die Welt aus unseren Augen schreiben – zusammen.

Und auch wenn wir jetzt die Türen zum Tierheim schließen müssen, bleibt niemand ohne Zuhause. Wir haben uns ein neues Zuhause gesucht, in unseren Texten und in denen von anderen. Wir sitzen irgendwo zwischen den Zeilen und schlafen unterm Wörterhimmel.

Hallo. Ich habe mich geöffnet. Ich habe mich geschlossen. Das ist in mir passiert. 

wie geschlossen bist du jetzt? ist etwas verhakt oder öffnest du dich wieder, wenn die zeit gekommen ist?

Es kommt auf die Orte an. Mein Körper ist zu. Das heißt, mein Kopf muss auch zu sein. In meinem Vertrauen ist etwas verhakt. Doch ich wachse schnell, gieß mir ein bisschen Dünger über und dann öffne ich mich dir – oder jemand anderem, vielleicht. 

ich habe da noch diese düngestäbchen,

bitte geh jetzt nicht, hör mich an:

ich habe da noch diese düngestäbchen, 

und sicher hast du – wie ich – als kleiner igel zu oft

zäpfchen in den po bekommen.

ich stelle mir vor, dass du zusammenzuckst, als du mich düngestäbchen schreiben sahst.

aber so meine ich es nicht, ich will dir kein stäbchen irgendwo reinstecken, wo du es gar nicht haben willst. ich wollte dir nur anbieten, dass ich die stäbchen teilen würde mit dir. ich mag dich und teile gern mit dir. du kannst sie sicher auch in wasser auflösen oder in einer regenpfütze. außerdem wollte ich dich dann fragen, wenn wir stäbchen teilen, was denn noch passiert ist, außer dem öffnen und schließen, ist da noch was passiert?

Ich hab das gehört, ich höre es immer. Ich höre dich, obwohl du das Wort hören gelöscht hast. Ich nehme es dir nicht übel. Vielleicht sind schon so viele Düngestäbchen in mich gesteckt worden, dass ich wirklich ein Igel bin. Gib mir gerne auch deinen, ich habe eine kleine Sucht nach Hoffnung. Und außerdem bin ich gerne pathetisch. Ich mag, dass du mich magst, obwohl du mich nicht kennst. 

ich mag alle igel im tierheim, ich mag sie so gern. ich mag hoffnungssucht und pathos, an den richtigen stellen, wohlgemerkt. 

Zeig mir gerne die richtigen Stellen.
(würden wir uns sehen, wäre das anzüglich)

Ich glaube eigentlich, sie existieren nicht, richtige Stellen. Aber Igel gibt es wirklich, meine Mutter fängt sie nachts mit dem Blitz ein. Dann freut sie sich und schickt mir ein Bild, dass ich auf Whatsapp mit einer kurzen Antwort quittiere. Dabei freue ich mich sehr darüber. Wirklich. Ich freue mich sehr darüber, wie sie sich über die Igel freut. Das macht mich glücklich, sie glücklich zu wissen.
(würden wir uns sehen, dann wäre das Gespräch ganz ähnlich verlaufen)

(nur hier kann es einen einfacheren Abbruch geben – ist das jetzt ein Schreiben in die Leere? Hast du dich zwischen den Zeilen versteckt, bist weggesteppt?)

ich nicke doch, ich nicke mit den ohren, hörst du das nicht?

und sag mir nur eben: bin ich ein tier oder bin ich ich?

und dann weiter, na los, fertig warst du noch nicht,

es ist noch nicht die zeit, abschied zu nehmen, 

ich nicke weiter mit den ohren, 

und dann wirst du noch mehr vernommen haben, 

aber jetzt bin ich still:

Das ist schön. Du bist ein anonymes Schaf. 

(Einwürfe werden nicht sichtbar, das Gespräch steht verschoben im Text)

Magst du mir ein Düngestäbchen geben?

ich habe dir schon drei in deinen laubhaufen gelegt. stecken will ich sie nicht.

ich habe dir auch eine schüssel chili dazugestellt. 

das geheimnis ist, in die sauce auch bitterschokolade zu reiben, reichlich.

ich verrate das allen, weil ich keine geheimnisse mehr gehabt haben werde.

so war es im tierheim, ein großer topf und für alle ist platz darin.

Das mit den Geheimnissen glaube ich dir nicht. Manche Teile von mir haben Geheimnisse vor anderen Teilen von mir.
Ich freue mich, dankeschön, das ist wirklich, wirklich lieb. Das Chili. Das hätte ich nicht erwartet. Ich fühle mich erwärmt. Das Düngestäbchen schmeckt eigentlich auch ganz gut mit der Bitterschokoladennote. 

du sprichst wie in der systemischen therapie, die du machst.

benutzt du dort kleine gummitiere, die du aus einem leinenbeutel nimmst,

mit feuchten handinnenflächen? gleich wirst du max frisch zitieren: 

sich ein bildnis zu machen, das ist der verrat, 

aber weil ich max frisch nicht zitieren kann, kann ich dich nicht richtig zitieren lassen, 

und das ist eine beleidigung, die nicht beabsichtigt war.

es war weder noch, das mit den mikrotieren. 

es war nur ein spiel, ein literarisches, und wenn eins von beiden sein soll, wäre es ein kompliment. warum es eine beleidigung sein könnte, verstehe ich nicht. 

Ich frage mich, ob das Kompliment oder Beleidigung sein soll. Ich wünschte, ich wäre in einer Therapiesession gewesen, in der mir meine Psychotherapeutin Max Frisch zitiert hätte, ich bin allerdings auf der Warteliste hängengeblieben. Es wäre schön, wenn das ein Raum wäre, in denen man mit Gummitieren spielen könnte, zur Ablenkung. Aber ich glaube, vielleicht warte ich dann einfach und erwarte mehr als Gummitiere, und dann gibts nur Gummi und Max Frisch vielleicht noch, und tja – 

Ich mag mikrotiere unter dem Mikroskop. Vielleicht sollte ich mir anstattdessen ein Mikroskop kaufen und einen Blutstropfen analysieren, dann versteh ich mich vielleicht auch ein bisschen besser. 

fällt dir auf, dass das hier unsere setzung von abschied ist?

sich unterhalten und nicht merken, wie die zeit vergeht,

und dann wird alles vorbei gewesen sein.

Stimmt! Und ich weiß eigentlich gar nicht, wer du bist, und dann werde ich Abschied nehmen. Ich habe dich nicht genug gefragt. Wie war dein Tag?

Freust du dich auf etwas in nächster Zeit? Wer willst du gewesen sein? Warst du schon Eis essen – ich kann dir das Maracujaeis von der Eisdiele am HBF Hildesheim empfehlen. 

aber genau das ist es doch: sprechen, sich die zunge verbrennen, weil zu hastig gewesen,

dann vorbei und sich sagen, dass da noch so viele fragen waren, so viel geruch, der nicht eingeatmet, so viele möglichkeiten, die nicht – all das, du weißt schon, und was bleibt, ist das bläschen auf der zunge und die bemühungen, sich zu sagen, dass es genüge, dass das alles war, alles gewesen sein wird. ich werde deine fragen nicht beantwortet haben, mit absicht. du hast genug, hast genug, warst genug, bist genug, so, wie es war.

eins will ich noch sagen: ich kenne die wartelisten, den wunsch, sich selbstverstehen und das selbstentwerfen aus den blutstropfen unters gummimikroskop zu pressen.

ich wollte nur sagen: es gibt diese orte sicherlich, mit gummitieren und nicken, das versteht und irgendwann hilft, und auch du wirst dort gesessen haben, wo es dich weiterbringt, sicherlich. bis dahin düng dich fleißig, mit bitterschoki und maracujaeis und sei sanft, zart, sei dir ein flausch, wann immer du es brauchst. einen gabs, der mochte zuspruch nicht, bist du es? dann deute das um, deute es doch bitte einfach um für mich. 

Ich bin dir dankbar. Ich habe das Gefühl, wir antworten aufeinander. Ich bin dir dankbar für den schönen Abschied – und ich wünsche dir auch Flausch. Ich weiß nicht, ob du mir und dir genauso dankbar sein kannst – ich weiß so wenig über dich, und nehme so viel Platz ein – die Zeilen füllen sich schon wieder. 

ich halte einen spiegel in der hand – ich werde das hier gebraucht haben, ohne zu wissen, dass ich es brauchte.

Deute es – Deute es um – Deute es um für dich – auf eine Weise, die in Tagen, Wochen, Stunden einen anderen Geschmack hat, dieses Gespräch – von Maracujaeis bis Erdbeere und bitter und nach Chilischoten wird es geschmeckt haben, und nach Luft. Das hier kann alle Geschmäcker (gehabt) haben.

Ich habe mich geöffnet und geschlossen. 

Ich bin Membran geworden und habe euch in mich aufgenommen, eure Worte verstoffwechselt, und meine sind eingedrungen in einen leeren Raum, warten darauf, aufgenommen zu werden. 

Ihr habt mein Schließen und Öffnen beobachtet und es ist untergegangen in den Wellen an Menge, die wir produzierten. Ich hab euch im weißen Raum des Docs die Hände gereicht, euren Buchstaben bin ich gefolgt und konnte mir eure Finger auf der Tastatur vorstellen, eure Bewegungen, die Konzentration eurer Augen, den Rest der Mitteilung, die möglich ist auf solchen Umwegen. Wege, etwas mitteilbar zu machen von dem, was mitgeteilt werden soll. Haben euch manchmal die Worte gefehlt?
Mir werden Worte gefehlt haben, wie vor zwei Tagen, als ich mich aufsetzte, und er mir etwas erzählte, das man nicht erzählen kann. Dass wir erzählen, obwohl es unmöglich ist, dass wir vollkommen teilen, ist der Grund, weiterzumachen. 

Eigentlich fängt es ja schon immer mit dem Anfangen an, mit dem ganzen Anfang der Dinge, das klingt vage, ist es auch. Ich versuche mal ein bisschen präziser zu werden: Das ist wie ein gewöhnlich guter Tag, der bleibt blass in der ganzen Chronologie des Lebens, so mit nicht recht wach werden, den Wecker überhören, dann viel zu viel Kaffee ausversehen, den Koffeinrausch überdösen, bis der Nachmittag kommt und ein bisschen Inspiration und dann ist schon wieder Nacht – ein ganz gewöhnlich guter Tag eben. Die bleiben nicht. Nicht die gewöhnlich guten.

Aber die richtig guten Sachen schon. Die mir wichtig sind, die, die nicht gewöhnlich gut sind, sondern vermutlich ein bisschen herausragender (verstörend herausragend, um bei der Realität zu bleiben), die beginnen schon ganz am Anfang, die sind nie blass oder milchig, die sind mir immer völlig undurchschaubar.

Ganz am Anfang solcher guten Dinge also fängt es also an. 

Unter dem Mikroskop, kann ich euch versichern, da hätte man vor Wochen schon verzeichnen können, dass die Werte von Euch in meinem Blut, die Dichte an Dichtung frappierend angestiegen waren, untragbar überhöht. 

In der Akte, jetzt kann ich sie einsehen, steht: Übersättigung eingetreten, Kristallkrusten an allen Rändern, sie können das Objekt jetzt entfernen.

Ich sitze jetzt alleine auf dem Sessel, auf dem ich immer alleine sitze und sinne darüber nach, wie die Tage jetzt wieder normal gut werden können, jetzt, hinterher. Normal gut weiter unten, unter der Kristallkruste, und ich komme zu dem Ergebnis: Das Objekt, das ich bin, kann nicht entfernt werden. Die Übersättigung hat sich gesetzt schon, diese Spuren der Versteinerung sind irreparabel, es tut mir leid, dass diese Kost jetzt so schwer wird.

Es fängt schon immer ganz am Anfang an, mit der kleinen Gewissheit, dass wir das Ende verdrängen wollen, wir wollen das Ende nicht mitspielen lassen, es soll warten, es soll draußen bleiben. Ende, warte noch eben, bis wir uns unter der Kristallkruste irgendwie aufgeräumt haben, ein bisschen zumindest, du kannst noch nicht reinkommen, oder halte dir bitte die Augen noch zu, unter diesem Gestein sind wir nackt und verlaufen.

Für eine Weile also bitte, ich versuche, ein bisschen präzise zu bleiben, noch ein wenig mehr Anfang.

Lass uns ein bisschen noch da bleiben, bis sich auch drinnen Drusen gebildet haben, unter diesem hohen Druck hier.

Wer macht mit?

Da liegt ein ganzer Strandlauf Schrödingers-Tierheim-Fossilien.

Am Strand, der mal Meer war, und davor Wüste und davor Farnwälder. Über so viele Jahrhunderte Farnwälder.

In einigen Jahren dann werden sie wohlig beleuchtet in ein Museum gelegt.

Hinter Vitrinen sieht alles noch wertvoller aus.

Das ist das Ende. Das Tierheim schließt seine Tore, öffnet sie ein allerletztes Mal, um all die Schnabeltiere, Igel, Krokodile und Auerochsen hinaus zu lassen, in die Welt zu lassen. Sie ziehen die Wörter hinter sich her, schleusen sie durch die Tore und legen sie ab, unter den leuchtenden Straßenlaternen in nachtdunklen Straßen, auf denen die einsamen Schritte hallen. Die Worte flüstern dann leise, beruhigend und schützend, um die Stille erträglicher zu machen. Ziehen die Wörter hinter sich her, betten sie auf halb verwunschene Felder, zwischen Mohnblumen und wilder Kamille. Wann immer jemand davor steht und Sommer atmen möchte, atmet jemand auch ihre Worte. Atmet sie ein, verinnerlicht sie, lässt wirken und wachsen und atmet sie dann wieder aus, zurück in die Felder, für einen nächsten Atemzug Sommer und Sprache.

Ziehen die Wörter hinter sich her und legen sie in fremde Briefkästen, für die Einsamen, die, die so selten mal Worte geschenkt bekommen. Setzen sie aus, auf Bächen und Flüssen, und Pfützen natürlich, damit sie auch von denen gesehen werden, die den Himmel immer nur gespiegelt betrachten. Pusten sie in die Winde, damit die Worte durch geöffnete Fenster fahren, auf Strandurlaubsgesichter treffen, sich in Windmühlen verfangen. Das Tierheim mag seine Tore geschlossen haben, die Worte aber sind immer noch da und vielleicht treffen sie manchmal ganz zufällig aufeinander, bilden neue Sätze und erinnern sich daran, wie gut es doch ist, füreinander zu schreiben.  

Hinter uns liegt die Hölle. Die Hölle der digitalen Blase, der Digitalisierung der Zwischenmenschlichkeit. Hinter uns liegt das Paradies. Das Paradies der Anonymen Autorenschaft, das Paradies, aus dem Bett heraus an Seminaren teilhaben zu können und nicht in Hildesheim sein zu müssen. Hinter uns liegt das, was wir daraus gemacht haben.
Vor uns liegt das was wir daraus gemacht haben werden. Die Hölle des Verfallens in alte Muster und der schlechten Angewohnheiten und die Hölle des sich ewig drehenden Mühlrads des Alltagstrotts. Vor uns liegt das Paradies des Tatendrangs, das Versprechen auf die Ernte nach der Saat, die Belohnung nach dem Abenteuer.

Vermutlich werden einige andere, die das Buch in den Händen halten, nur Worte sehen, aneinandergereiht, vielleicht sogar nur nichtssagende Worte sehen, weil sie bei über 1000 Seiten nicht die innere Ruhe haben werden, ganz einzutauchen, nicht die Geduld haben werden, sich Buchstabe für Buchstabe auf der Zunge zergehen und vergehen zu lassen; die mal eben, um nach der Arbeit abzuschalten, hektisch hindurch blättern – und so alles verpassen: Das Zögern der ersten Worte, das Hadern von verknoteten Satzteilen, die Poesie in harmlos daher stolpernden Gedanken, die Teilung der Seiten ohne Brüche, die Knicke ohne Brüche sind.

Ich wurde ersetzt, mein Körper im digitalen Raum zerpflückt, mein Standbild zerrissen. Alle Teile digital entnommen, zerschnitten und neu angeordnet. Kein Wort, das jetzt noch mir gehört, kein Gedanke mit Bedeutung. Ich bin verdrängende Masse, habe Raum genommen und Seiten gefüllt, habe mich hingegeben und wenig hinterfragt. Zerstreuung aller Sinne, bloß um Stand zu halten. Bestehen und entstehen lassen und ein Cursor rollt vorbei. 

Ich habe mich ersetzt, habe Worte nur passieren lassen, bin mir selbst dabei entkommen. Einfach den Zaun hinüber, um zu schauen, was geschieht. 

Derweilen bleibt ein Körper liegen, dort im digitalen Raum, zerrissen und zurückgelassen, 

doch die Teile werden sich fügen, ausgetauscht und collagiert. Ich bin ersetzt und nun bereit zur Neuverwertung.

Auf der Flucht, niedergeworfen, niedergelassen, beinahe vergessen und von neuem begonnen. Was auch kommen mag. Aus dieser Zeit kriegt uns niemand mehr raus. Unsere Fäden sind verstrickt und verknotet, wir haben zugeschlagen, das Futur enteignet und geben nichts mehr zurück. Wir sind und wir bleiben, Komplizen. 

Hinter mir liegt die Anonymität. Liegt die Anonymität hinter mir? Ich habe sie abgelegt wie eine zu alt gewordene Haut. Alles, was davon geblieben ist, sind kaum wahrnehmbare Spuren in den unendlichen Weiten des Digitalen wie Ameisenstraßen in der Wüste. Vor mir liegt vielleicht keine Wüste mehr, sondern ein Meer, dessen Wellen ich nur für eine Sekunde teilen kann, bevor sie hinter mir wieder zusammenschlagen, als wäre nichts passiert. Ich bin kein anonymer Teil einer Kolonie mehr, keine Aufgaben mehr für die Gemeinschaft zu erfüllen, keine Pflichten mehr auf meinem Ameisenrücken zu tragen, sondern kann nur noch mit meinem eigenen Namen unterschreiben.

Aber auch keine Gefangenschaft mehr hinter Wortgittern oder digitalen Kacheln, nicht mehr ausgestellt im Lupenbecher, exemplarisch, die Spezies der anonym Schreibenden. Vor mir liegt eine Leere im Kopf und in den Fingern, aber nicht diese zufriedene Leere, sondern die Art davon, die beängstigend ist, weil sie sich so endgültig anfühlt. Bestimmt geht sie irgendwann vorüber, wenn der Wüstenwind längst neue Wellen in den Sand gezeichnet haben wird, die nur darauf warten, wieder durchwandert, zerpflügt, aufgewühlt worden zu sein, vielleicht werde ich eines Tages eine Burg daraus bauen und darauf warten, dass der Sturm sie wieder fortreißt. 

Ich kam, schrieb und ging hinaus mit einem Gefühl des Zusammenhaltes. Mein Ich wurde aufgelöst in Viele und die Anderen waren Ich. Was ich geschrieben habe, fragt ihr euch? Alles. Und nichts. 

Am Anfang habe ich es geliebt. Was ich liebte, war etwas Menschliches. Nicht Personen; nicht Totalitäten, nicht definierte und benannte Wesen. Aber Zeichen. Ein Aufblitzen der Entitäten, die von mir abblitzten und mich entzündeten. Blitzartige Ausbrüche, die zu mir kamen: Schau! Ich brannte auf. Und das Schild zog sich zurück. Verschwunden. Dabei brannte ich weiter. Was mich erreichte, war Schönheit.

Ich war davor, ich spürte, dass es etwas gab, zu dem ich keinen Zugang hatte, einen unbegrenzten Ort. Der Blick reizte mich und verbot mir auch einzutreten. Ich war draußen, in einem Zustand von Wachsamkeit. Ein Verlangen suchte seine Heimat. Ich war dieser Wunsch. Ich war die Frage. Die Frage bei diesem seltsamen Schicksal: die Antworten suchen, die es besänftigen, die es aufheben. Was es antreibt, animiert, gefragt werden lässt, ist das Gefühl, dass der andere da ist, so nah, existiert, so fern; das Gefühl, dass irgendwo, in irgendeinem Teil der Welt, wenn es einmal durch die Tür ist, das Gesicht ist, das verspricht, die Antwort, für die man weitergeht, wegen der man nie ruhen kann, aus Liebe zu oder von wem hält man sich zurück. Das ist das Ende. 

Ich habe verehrt, was ich sah. Das Lächeln. Das Antlitz des Tages und der Nacht. Das Lächeln beeindruckte mich, erfüllte mich. Mit Schrecken. Die Welt konstruiert, erleuchtet, vernichtet von einem Gesicht. Dieses Gesicht ist keine Metapher. Gesicht, Raum, Struktur. Szene all der Gesichter, die mich gebären, mein Leben enthalten. Ich las das Gesicht, sah und betrachtete es, bis ich mich darin verlor. Wie viele Gesichter zum Gesicht? Mehr als eins. Drei, vier, aber immer das Einzige und das Einzige immer mehr als eines. Ich habe es gelesen: das Gesicht bedeutete. Und jedes Schild wies einen neuen Weg auf. Folgen, um seiner Bedeutung näher zu kommen. Das Gesicht flüsterte mir etwas zu, es sprach und forderte mich auf zu sprechen, alle Namen zu entschlüsseln, hervorzurufen, zu berühren, erscheinen zu lassen.

Es machte die Dinge sichtbar und lesbar, als würde man verstehen, dass, selbst wenn das Licht verblasste, das, was es beleuchtet hatte, nicht verschwinden würde, bleiben würde, nicht aufhören, hier zu sein, zu glühen, sich anzubieten zur Namensgebung. Als ich ins Leben kam (ich erinnere mich mit unvermindertem Schmerz), zitterte ich: vor Trennungsangst, Todesangst.

Ich sah den Tod am Werk und ahnte seine Beständigkeit, die Eifersucht, die ihm nichts lebend entgehen ließ. Von dem Moment an, in dem sich meine Augen zum Sehen öffneten, sah ich zu, wie es verwundete, entstellte, lähmte und massakrierte. Ich entdeckte, dass das Gesicht sterblich war und dass ich es jeden Moment dem Nichts entreißen musste. Ich liebte das-was-verschwinden-geht nicht; Liebe ist für mich nicht an den Zustand der Sterblichkeit gebunden. Nein, ich liebte. Ich hatte Angst. Ich habe Angst. Lieben: am Leben erhalten: Namen geben.

Hinter uns liegen leere Seiten, leer, weiß, gähnend. Vor uns liegen gefüllte, viele mit unzähligen Buchstabenkombinationen gefüllte, gedruckte, auch digitale Seiten. Hinter den gedruckten Seiten (und hinter den digitalen) – das heißt, eigentlich vor diesen, weil „hinter“ in diesem Fall eben „vor“ bedeutet und das, was „nachkommt“, was nach der Gegenwart (genau wie nach der Vergangenheit) kommt, was also in Zukunft kommt – etwa in Form unserer Nachkommen kommt, in Form großer, kleiner, flaushaariger, bald bärtiger, bald gebückt gehender, bald gewesener -, sich noch verbirgt, eben hinter dem bereits Geschriebenen.

Hinter diesem Geschriebenen, also – du ahnst es schon – befinden sich abermals leere Seiten, Seiten, die wir noch füllen werden, nicht hier, nicht jetzt, irgendwann einmal, in Zukunft. Doch eigentlich sind es nicht einmal leere Seiten, es sind hypothetische Seiten, Seiten, die wir geschrieben haben könnten, unendlich viele, mit unendlich vielen hypothetischen Buchstabenkombinationen versehen, Seiten, um Seiten, um Seiten, sich stapelnd, sich türmend, darauf wartend, geschrieben zu werden, auf den Haufen jener von uns Beschriebenen zu wandern, den vorgelagerten, hinter dem im Prinzip ja nicht wirklich was liegt, Möglichkeiten, schimmernde, flirrende, (noch) ungreifbare Möglichkeiten, halb tot und halb lebendig.

Vieles liegt hinter uns. Alles und nichts. In-Worte-zu-Fassendes und Unbeschreibliches. Vieles liegt hinter uns: die Vergangenheit, die Gegenwart und Zukunft. Die Vergegenkunft. Alles ist in einem schier unendlichen Strudel aus Sein und Nichtsein kollidiert. Es wird sich verbunden und wieder voneinander gelöst haben. Das Sein schwimmt auf dem Nichtsein wie Öl auf Wasser. Die Zeit schüttelt das Glas wie einen Martinibecher und die Flüssigkeiten vermengen sich dabei. Sie werden kurzzeitig aufemulgiert, bis das Glas zum Stillstand kommt und sich die Öltröpfchen perlenartig ihren Weg nach oben bahnen und dann ist da wieder nur noch dieses Sein und Nichtsein und etwas dazwischen gibt es nicht mehr. Dann gibt es wieder ein Ich, dann gibt es wieder ein Du. Aber das Wir. Was ist mit dem Wir? Wird es in all dem Schütteln und Rütteln verloren gegangen sein? 

Ich und Du und Du und Du und Du … Wir werden uns zurück metamorphosiert haben. Unsere großen Ohren, die Krallen und Hufe, das seidige Fell. All das wird sich zurückbilden und verschwinden. Wir werden ein letztes Mal ein Wir gewesen sein, um unsere Masken abgelegt zu haben. 

Bild mit freundlicher Genehmigung von Schrödingers Tierheim | Pfeil und Bogen

PFEIL UND BOGEN ist die neue literarische Revue des Literaturinstituts Hildesheim: Ein lebendiges Jetztzeitarchiv der Gegenwartsliteratur. Hier kann man sich informieren über die neuen Bücher und Autor°innen, über die zentralen Debatten und Diskurse um die jüngere Literatur herum, über wesentliche poetologische und produktionsästhetische Positionen, über die neusten (gegenwarts-) literaturwissenschaftlichen Konzepte, über den Wandel des Betriebs, über die medialen Novitäten, Innovationen und Trends im literarischen Feld der Jetztzeit